Dienstag, 18. Februar 2014

Organspende

Heute möchte ich von einem Gespräch bei einer Geburtstagsfeier am vergangenen Samstag erzählen. Die Themen Olympiade, Wetter und Krankheit waren abgehandelt J - als ein weiblicher Gast fragte:
Sagt mal, hat einer von euch einen Organspenderausweis? Ich trage mich nämlich schon länger mit dem Gedanken, mir einen ausstellen zu lassen.“
Das war der Auslöser für eine heftige Diskussion.
Ihr ‚Nachbar’ holte sogleich sein Portemonnaie heraus und zeigte seinen Ausweis mit den Worten: 
„Jeder denkt darüber nach, aber keiner macht es.“
Ein weiterer Gast erzählte auch, dass er schon seit vielen Jahren diesen Ausweis ständig bei sich trage.
Wieder ein anderer wusste zu erzählen: „Ich kenne eine Frau, die alles spendet, nur nicht ihre Augen.“ Mir zog dabei ein kalter Schauer über den Rücken.
Der Gast mit dem Ausweis sagte daraufhin: „Von mir aus können ‚sie’ alles haben. Ich bin dann doch tot. Mir ist das egal.“
Ich fragte ihn dann, ob er auch wirklich gut darüber nachgedacht habe.
„Was soll man da groß überlegen. Man kann anderen Menschen helfen und man ist ja tot und merkt davon nichts mehr.“
Der Gastgeber wurde sehr ernst. „Denkt ihr echt, dass die Organe erst entnommen werden, wenn man schon tot ist und wirklich nichts mehr merkt? Ich glaube das nämlich nicht. Die wollen doch ein noch funktionstüchtiges Organ. Oder entnehmen sie das Herz erst, wenn es nicht mehr schlägt? Außerdem steht in meiner Patientenverfügung, dass ich nicht möchte, dass ich unnötig am Leben erhalten werde. Aber genau das wird gemacht, wenn du einen Organspenderausweis hast. Die halten dich so lange am Leben, bis ein passender Empfänger gefunden und für eine OP vorbereitet wurde. Dieser Patient bekommt dann eine Narkose  - aber du bekommst keine, weil ein Arzt dich ja für ‚hirntot’ erklärt hat. Wer garantiert denn eigentlich, dass man dann keinen Schmerz mehr empfindet? Um es abzukürzen: Für mich kommt das nicht in Frage. Ich möchte nicht lebend ausgeschlachtet werden.“
Ui, das waren harte Worte, die ihre Wirkung nicht verfehlten. Zuerst waren wir alle ziemlich still.
Dann fragte eine Frau: „Und wie würdest du handeln, wenn es deine Familie betreffen würde? Wenn dein Kind oder Enkel auf eine Organspende angewiesen wären?“
Er antwortete darauf: „Ich kann es gut verstehen, dass man in einem solchen Fall vielleicht anders denkt. Du hast Recht, vielleicht würde ich es anders sehen, wenn ich selbst betroffen wäre. In jedem Fall würde ich meiner Familie sofort eine Niere spenden, wenn jemand eine bräuchte. Doch wäre es für mich aus heutiger Sicht undenkbar, nach meinem Hirntod ein Organ zu spenden und ebenso unvorstellbar, mit dem Organ eines fremden Menschen zu leben.“

Natürlich konnte ich die Worte nicht so wiedergeben, wie sie wirklich gefallen sind, da ich dieses Gespräch aus der Erinnerung heraus geschrieben habe - doch inhaltlich stimmt es.



Wenn ich diese Diskussion im Nachhinein Revue passieren lassen, dann muss ich sagen, es gab keinen befriedigenden Ausgang. Wie auch? Diese Entscheidung muss jeder für sich selbst treffen. 


Kommentare:

  1. Liebe Martina,
    uff... hartes Thema! Ja, das Thema Organspende ist wirklich so ein Thema... Also was mich betrifft bin ich da fein raus, wenn man das überhaupt so sagen darf. Ich darf nämlich wegen meiner Krankheit nicht mehr spenden, da es nicht eindeutig ist ob derjenige dann auch "befallen" wäre. Aber sonst... wirklich schwierig.

    Liebste Grüsse,
    Silvi

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    1. Liebe Silvi, ich hoffe sehr, dass die Krankheit dich nicht zu sehr beeinträchtigt und sende dir liebe Grüße!
      Martina

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  2. Liebe Martina,
    ein ganz heikles Thema. Ich weiss auch nicht, ob da alles mit
    rechten Dingen zugeht. Ich habe keinen Ausweis.
    Als ich mit der Diagnose "Krebs" konfrontiert wurde, hat sich
    für mich Vieles verändert. Aber für den Ausweis konnte ich mich
    trotzdem nicht entschließen.
    Einen schönen Dienstag wünscht Dir
    Irmi

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    1. Liebe Irmi, ich wusste bisher nicht, dass es für dich einmal die Diagnose 'Krebs' gab, hoffe aber sehr, dass nun alles wieder 'in Ordnung' ist.
      Ich habe auch keinen Ausweis und dabei wird es wohl auch bleiben. LG Martina

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  3. Die Angst, man könnte womöglich noch nicht ganz tot sein und noch Schmerzen spüren, gibt es häufig. Sie ist jedoch unbegründet. Weitere Informationen zu diesem Thema erhält man hier:http://www.organspende-info.de/organ-und-gewebespende/verlauf/voraussetzungen
    LG Elke

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    1. Danke für den Hinweis. Dort werde ich gleich einmal nachschauen!
      LG Martina

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  4. Sehr schöne Geschichte. Ich bin ebenfalls kein Freund der Organspende, mit der kleinen schon erwähnten Ausnahmesituationen, wenn es um Anvertraute geht.
    Meine eigentümlichen Anschauungen zum Thema Tod und Palingenesie stehen im krassen Gegensatz zu diesem Thema. Von daher wäre ich eurer Gesprächsrunde wohl aufklärungsressistent gewesen :-)
    Aber wirklich schön geschrieben, das wollte ich eigentlich nur schreiben. Konnte ich mir richtig gut vorstellen beim Lesen.

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    1. Ich freue mich sehr über deinen Kommentar - Danke!

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  5. Hallo liebe Martina,
    da ich eine Österreicherin bin, stellt sich für mich die Frage nach einem Organspendeausweis nicht. Da ich anscheinend sowieso automatisch Organspenderin bin: http://www.meinetransplantation.at/organspender/. Was mich persönlich eigentlich überhaupt nicht stört. Ich würde auch nie auf die Idee kommen mich gegen die Organspende zu entscheiden. Aber wie du bereits geschrieben hast ist das Ganze ein sehr schwieriges Thema. Schlussendlich muss doch jeder für sich selbst entscheiden...

    LG Johanna

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