Dienstag, 26. August 2014

Nichts geschieht aus Zufall - Geschichte

„Was meinst du, Omi“, fiel Kathrin sogleich mit der Tür ins Haus, „wen ich eben beim Einkaufen getroffen habe?“
„Soll ich es erraten oder willst du es mir gleich sagen?“, fragte Oma.
„Ich verrate es lieber gleich, du wirst sowieso nicht darauf kommen. Wir haben Tobias getroffen. Du weißt doch, den Tobias, der weggezogen ist. Seine Eltern haben ihn heute zu seiner Oma gebracht und jetzt bleibt er eine Woche und wir haben uns gleich für morgen im Freibad verabredet. Ist das nicht ein großer Zufall, das wir uns dort begegnet sind?“, fragte Kathrin und freute sich riesig über das unvorhersehbare Zusammentreffen.
„Ich freue mich für dich“, erwiderte Oma, „da werdet ihr ein paar schöne Ferientage miteinander verbringen können. Das ist wirklich toll.“
„Ich kann es noch gar nicht fassen“, sagte Kathrin immer noch völlig aufgelöst, „dass wir gerade dort aufeinander trafen“.
„Weißt du Kathrin“, erklärte Oma, „solche Fügungen wird es in deinem Leben noch oft geben.“
„Fügungen“, fragte Kathrin, „was bedeutet das?“
„In meinen Augen ist es nur ein anderes Wort für Zufall. Schau es dir einmal genauer an, dieses Wort“, sagte Oma und sprach es dann noch einmal sehr deutlich aus und so, als seien es zwei Wörter, „Z u und f a l l ! Es fällt uns also etwas zu. Doch woher fällt es uns zu, hast du eine Idee?“, hakte sie nach.
„Ne, keine Ahnung“, antwortete Kathrin.
„Es gibt einen sehr schönen Spruch von Anatole France ‚Der Zufall ist Gottes Deckname, dann, wenn er sich nicht zu erkennen geben will’“, erklärte Oma.
„Omi, also ehrlich, ich verstehe es nicht“, maulte Kathrin.
„Na, dann pass mal auf“, entgegnete Oma. „Der Spruch will uns sagen, dass es zu dieser Begegnung kam, weil Gott dahinter steckt. Er hat dafür gesorgt, dass ihr euch heute dort begegnet seid“.
„Ach du liebe Güte“, rief Kathrin aus, „denkst du wirklich, dass es so ist?“
„Ja, das denke ich. Schau dir nur einmal alle Ehepaare dieser Welt an. Denkst du, dass sie sich alle zufällig irgendwo getroffen haben, um dann für immer zusammen zu bleiben? Und dann bekommen sie ganz zufällig Kinder, die natürlich auch aus lauter Zufall geboren werden. Niemals glaube ich das. Da wird schon eine höhere Macht dahinter stecken und zwei Menschen zusammen führen, vielleicht sogar, damit genau dieses Kind oder diese Kinder geboren werden können.“
Darüber hatte Kathrin noch nie nachgedacht.
„Schau mal“, fügte Oma dann noch an, „ich habe dir doch erzählt, wie dein Opa Walter und ich uns damals auf dem Jahrmarkt wieder getroffen haben. Das war auch kein ‚Zufall’ oder eben doch, nämlich in dem Sinne, dass es uns als Gabe Gottes zugefallen ist, uns dort zu begegnen.“
Oma sah Kathrins Nasenspitze an, dass sie noch nicht so ganz überzeugt von dem war, was sie ihr zu erklären versuchte, deshalb fragte sie: „Soll ich dir noch so eine Zufallsgeschichte erzählen?“ Kathrin nickte. „Also das war so. Es gab da ein hübsches junges Mädchen, das ging mit seiner Freundin zu einem Tanzkurs. Dort waren genau so viele Jungen wie Mädchen zugegen, so dass jeder einen Tanzpartner bekam. Das Mädchen, von dem ich erzähle, sah dort einen jungen Mann und verliebte sich sofort in ihn. Die beiden tanzten oft zusammen, doch so besonders gut klappte dies nicht, denn der Junge war kein guter Tänzer. Doch das war dem Mädchen egal. Hauptsache, es konnte in seiner Nähe sein. Dann kam der Abschlusstag näher. Die jungen Menschen waren alle aufgeregt und hatten sich besonders schick gemacht. Auch die Eltern waren dazu eingeladen, um zu sehen, ob aus ihren Kindern gute Tänzer geworden waren. Also traf sich an diesem Samstagabend eine elegante Gesellschaft zum Ball. Das junge Mädchen sah sich überall suchend um, doch es konnte den Jungen, in den es verliebt war und mit dem es auf dem Ball den Eröffnungstanz machen wollte, nicht finden. Dann kam der Tanzlehrer zu ihr und verkündete, dass ihr Tanzpartner sich gemeldet habe, weil er leider nicht kommen könne, denn er läge mit einem Beinbruch im Krankenhaus. Für das junge Mädchen brach eine Welt zusammen und es war sogleich in Tränen aufgelöst. Der Tanzlehrer und auch die Eltern versuchten, es zu trösten, doch es war wirklich schwierig. Das Mädchen hatte sich doch so auf diesen Abend und den jungen Mann gefreut.“
„Omi“, unterbrach Kathrin ihre Großmutter vorwurfsvoll, „es ist bis jetzt in deiner Geschichte noch kein einziger Zufall vorgekommen.“
„Nein, bis jetzt noch nicht. Aber warte es ab. Nachdem das junge Mädchen sich etwas beruhigt hatte, erklärte der Tanzlehrer, dass er sich natürlich sofort um einen Ersatz bemüht habe. In einer anderen Gruppe gäbe es einen ganz tollen Tänzer, der sofort zugesagt habe, und gleich für den Verletzten als Ersatzmann einspringen würde.“
„Und dieser Ersatzmann“, unterbrach Kathrin ihre Oma schon wieder, „war der jetzt der Zufall.“
„Ja, meine liebe Kathrin, dieser Ersatzmann war nicht nur ‚der Zufall’, sondern ein Glücksfall, denn das Mädchen fand ihn auf Anhieb sympathisch und so hatte es den anderen Jungen recht schnell vergessen, denn dieser Ersatzmann sah nicht nur hervorragend aus, er konnte sogar noch viiieeelll besser tanzen. Das Mädchen war ganz begeistert und sofort frisch verliebt.“
„Omi, du hast mir die ganze Zeit noch nicht verraten, von wem du erzählst“, pflaumte Kathrin ihre Oma an. „Das will ich jetzt aber auch noch wissen, oder kenne ich die beiden etwa gar nicht?“
„Oh doch, du kennst sie. Ziemlich gut sogar, denn sie wurden ein Paar, heirateten einige Jahre später und bekamen eine süße kleine Tochter und die nannten sie … willst du es erraten oder soll ich es dir sagen?“
„Omi, du sollst es endlich sagen“, patzte Kathrin herum.
„Sie bekamen eine süße kleine Tochter“, wiederholte Oma, um ihre Enkelin noch ein bisschen auf die Folter zu spannen, „und nannten sie … Kathrin.“
„Mama und Papa?“, freute sich das Kind.
„Ja, deine Eltern haben sich so kennen gelernt. Und wenn dieses Zusammentreffen nun ‚nur’ ein Zufall gewesen wäre und keine Fügung, dann wäre ihre Liebe ein Zufall und du auch. Glaube mir, mein Kind, so viele Zufälle kann es gar nicht geben, da steckt schon mehr dahinter.“
„Oh Mann, Omi“, rief Kathrin aus, „überleg mal, was Gott alles organisieren muss, damit wir Menschen uns alle zufällig treffen“.
„Wo du recht hast, da hast du recht“, antwortete Oma, "doch er hat ja seine Helfer, die wir Engel nennen, aber das ist wieder eine andere Geschichte".

© Martina Pfannenschmidt, 2014


Weitere Geschichten
mit Oma und Kathrin
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Kommentare:

  1. Liebe Martina,
    das hat Oma der Kathrin schön erklärt. Ich glaube ja auch, dass die so genannten "Zufälle" gelenkt werden und eben gar nicht zufällig sind, sondern gewollt. Eine schöne Geschichte, die wunderbar in deine Oma/Kathrin-Reihe passt!
    Herzliche Grüße am Dienstagmorgen
    Regina

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    1. Liebe Regina, vielen Dank für deinen Kommentar - und auch hier noch einmal:
      Es war so schön bei dir. Du hast uns so liebevoll aufgenommen. Danke! Martina

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  2. Auch ich glaube an Zufälle und dass sie von oben gelenkt sind, habe es selbst in meinem Leben festgestellt.
    Wieder eine schöne Oma-Kathrin Geschichte, aus der auch ich viel noch lernen kann und manches mich zum Nachdenken anregt.
    Wünsche dir einen schönen Tag, der bei uns ja ziemlich verregnet ist. LGLore

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    1. Vielen Dank, liebe Lore! Wenn man wirklich auf sie achtet, auf die Zufälle, meine ich, dann scheinen sie sich geradezu zu häufen. Diese Feststellung habe ich zumindest gemacht. LG Martina

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  3. Das ist wieder eine schöne Fortsetzungs-Geschichte. In unserer Familie gibt es auch solche "Zufälle". Oma hat das Kathrin, wie ich finde, sehr gut erklärt.
    LG Elke

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    1. Danke, Elke! Es gibt wohl keinen Menschen, der sagen wird, in meinem Leben gab es keine Zufälle. Und wenn es jemand sagt, dann hat er kein Gespür für sie.
      Einen schönen Abend und LG Martina

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  4. Danke für die schöne Geschichte, ja, Zufall bedeutet: es fällt uns zu :)

    Wunderbar beschrieben, echt lustig, alles Kennenlern-Geschichten!

    Alles Liebe
    Eva :)

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    1. Wenn man das erkannt hat, dass Zufälle Dinge sind, die uns 'zufallen', dann wird man sich für immer mehr dieser Zufälle öffnen. Danke und einen LG Martina

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  5. Wie schön deine Zufallsgeschichte, ich musste schmunzeln über das Mädchen Katrin immer wieder und die Oma die so spannend das erzählte ihr!
    Tolle Geschichte!
    Lieben Gruss Elke

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    1. Manchmal ist Kathrin mit ihren patzigen Antworten wie ein kleiner Lausbub. Es macht mir Freude, sie auch einmal so ein bisschen 'frech' sein zu lassen. Danke für den Kommentar und LG Martina

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  6. Liebe Martina,
    wundeschön erklärt ...ja, der Zufall ....der hat es manchmal in sich *lächel*
    Ich wünsch Dir noch einen gemütlichen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. Da sagst du was. Der Zufall hat es wirklich in sich.
      Vielen Dank für den Kommentar und LG Martina

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  7. Bin auch für Zufälle offen, denn ich war 52 Jahre mit meinen Mann verheiratet und das durch lauter Zufälle. Deine Geschichte finde ich wunderbar und danke dir! LG Gerda Reichhart!

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  8. So schön erzählt, liebe Martina! Ich sage auch gerne Fügung - es waren schon einige Zufälle nötig durch die mir mein lieber Mann zufiel, ein Geschenk des Himmels.
    LG und einen schönen Tag
    Marle

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