Dienstag, 19. August 2014

Wenn wundersame Dinge geschehen!


Die Reizwörter:
Vergangenheit – Erlebnis – reizen – vergolden und verschweigen
findet ihr auch in den Geschichten von
Lore, Regina und Eva!

  
Evi saß am Küchentisch. Die Männer hatten sie, wie immer nach dem Abendessen, dort alleine zurück gelassen. Ihr Vater hatte wieder einmal kein Wort gesprochen, nur mit einem grimmigen Gesicht sein Brot gegessen. Ihr Sohn war mit seiner geschmierten Schnitte hoch in sein Zimmer gegangen und ihr Mann hatte wie so oft zuviel Bier getrunken.
Wie schön war es damals, als ihre Mutter noch lebte. Sie erinnerte sich gerne an diese Zeit zurück, denn ihre Mama war stets vergnügt und die gute Seele des Hauses gewesen. Seit sie verstorben war, war alles anders.
Es lag jetzt schon fast 10 Jahre zurück, dass ihr Vater seine Frau eines Morgens tot im Bett vorgefunden hatte. Ohne jedes Anzeichen war sie von ihnen gegangen. Herztod hatte der Arzt gesagt. Dabei war sie zuvor niemals krank gewesen. Das Erlebnis hatte die gesamte Familie in eine tiefe Depression gestürzt, aus der sie irgendwie nicht wieder herausfanden. Auch sie, Evi, hatte nicht die Kraft gefunden in all den vielen Jahren.
Sie räumte auf, nahm sich ein Stückchen Schokolade aus der Schublade und dachte wieder einmal an ihre Mutter. Wenn sie jetzt da wäre, dann würde sie sagen: ‚Kind, willst du dir so dein Leben versüßen’? Ja, irgendwie war es so. Dieses kleine Stückchen Schokolade gab ihr für einen kurzen Augenblick ein schönes Gefühl. Als Evi wieder am Tisch Platz nahm, um die Wäsche zu flicken, überkam sie plötzlich die Ahnung, nicht alleine zu sein. Ein ihr sehr bekannter Geruch ließ sie hoch schauen. Ihre Mutter! Es war der Geruch ihrer Mutter, aber das bildete sie sich bestimmt nur ein. Gerade als Evi sich wieder ihrer Arbeit zu wandte, vernahm sie plötzlich leise Worte. 
‚Liebes Kind, warum bist zu so traurig?’
„Mama?“, fragte Evi nun laut in die Stille hinein.
Die Stimme stellte noch einmal diese Frage:
‚Warum bist du so traurig, Kind?’
Tränen traten in Evis Augen und sie antwortete:
„Ich bin so traurig, weil du nicht mehr bei uns bist, weil keine Freude mehr im Haus ist, seitdem du gegangen bist. Ich bin so unglücklich, Mama, und ich weiß mir keinen Rat. Vater benimmt sich oft wie ein störrischer alter Esel und damit reizt er mich und es kommt zum Streit. Unser Sohn zieht sich von uns zurück. Mit meinem Mann habe ich seit langem keine glückliche Stunde mehr verlebt und ich selbst fühle mich matt und energielos. Was soll ich nur machen, Mama?“
‚Ich weiß, Evi, deshalb bin ich gekommen, um dich wieder auf den richtigen Weg zu bringen, den du verlassen hast. Mein Leben hier bei euch verlief glücklich und ich war stets fröhlich, habe jeden Tag genossen. Und dann war alles getan, was ich mir für dieses Leben vorgenommen hatte und ich durfte gehen. Weißt du, mein Kind, es ist nicht der Sinn des Lebens, alt zu werden und dann krank zu versterben. Der Sinn des Lebens ist, seine Aufgaben zu finden, seinen Weg in Liebe und Freude zu gehen und dann voller Dankbarkeit diese Welt zu verlassen. Du musst etwas in deinem Leben verändern, Evi, damit die Traurigkeit von dir gehen kann und du wieder Freude am Leben empfindest und Dankbarkeit.’
„Aber wie soll ich das machen? Meine Aufgaben sind so groß, alles ruht auf meinen Schultern. Ich bin dem nicht mehr gewachsen.“
‚Gestalte dein Leben anders, Evi. Ich will dir nicht verschweigen, dass es dich einiges an Mühe kosten wird, doch es ist möglich. Du musst es nur für realisierbar halten. Beginne mit kleinen Schritten. Schon kleine Korrekturen im normalen Ablauf werden Verbesserungen bringen. Glaube mir! Wo ist denn eigentlich deine Geige, Kind, warum spielst du gar nicht mehr?’
„Geige spielen!“ Evi lachte hämisch auf. „Wann soll ich das denn noch machen. Dazu habe ich überhaupt keine Zeit mehr.“
‚Aber es hat dich immer erfreut. Du musst Dinge in dein Leben holen, die dir Freude bereiten. Erst dann wird es dir möglich sein, diese Freude an andere weiterzugeben. Wenn du traurig bist, dann ziehst du die Traurigkeit an und bist du glücklich, dann ziehst du das Glück an. Was auch immer die Vergangenheit dir gebracht hat, schenke dem keine Beachtung mehr. Schaue nur auf den Tag heute und beginne mit kleinen Schritten, die Freude in dein Leben zurück zu holen. Das Glück liegt nicht in materiellen Dingen, Evi. Kein Mensch braucht vergoldete Wasserhähne, um glücklich zu sein, doch er braucht eine Umgebung, in der er sich wohl fühlt. Fühlst du dich noch wohl, so wie es ist? Und dann frage dich, was dein größter Wunsch ist, und tue alles dafür, dass er in Erfüllung gehen kann.’
Bevor Evi noch weitere Fragen stellen konnte, war sie wieder allein. Doch etwas war geschehen. Sie war nicht mehr so traurig. Es war, als habe ihre Mutter die Traurigkeit von ihr genommen und die starre Hülle, die sich um sie gelegt hatte, zersprengt. Es war heller im Raum, als vorher. Evi sah sich um, sah ihre Umgebung plötzlich mit anderen Augen. Die Küche, das ganze Haus, kein winzig kleines Detail hatte sie verändert, seit dem Tod ihrer Mutter. Warum eigentlich nicht? Vielleicht hatte sie gemeint, wenn alles so bliebe, dann wäre es so wie früher, doch das war ein Trugschluss. Die Küche bräuchte dringend einen neuen Anstrich und die alten Bilder an den Wänden, die schon seit ihren Kindertagen dort hingen, konnte sie eigentlich auch nicht mehr sehen. Veränderungen hatte ihre Mutter gesagt. Okay! Dann sprang sie auf, lief in ihr Schlafzimmer und holte die Geige aus dem Schrank. Zaghaft setzte sie den Bogen an und begann zu spielen. Es war verstimmt, ihr geliebtes Instrument, doch das machte nichts. Sie spielte sich den ganzen Frust der letzten 10 Jahre von der Seele, als sich plötzlich die Tür öffnete und ihre drei Männer mit großen Augen auf sie schauten.
„Was ist denn jetzt los?“, fragte ihr Sohn.
„Was los ist?“, entgegnete Evi. „Einiges ist los oder besser gesagt, wird los sein, denn ab sofort wird sich hier etwas ändern. Ich habe keine Lust mehr auf dieses trostlose Leben und ich werde es jetzt in die Hand nehmen und verändern. Wenn ihr mitmachen wollt, dann fangen wir gleich morgen an. Zuerst einmal wird die Küche gestrichen. Da kann ich eure Hilfe gut gebrauchen. Danach kommen alle anderen Räume dran. Es ist nicht in Mamas Sinn, dass wir Trübsal blasen und alles so belassen, wie es früher war. Und dann werde ich wieder Geige spielen und Unterricht geben. Das wollte ich nämlich immer schon machen. Und ihr werdet mich nicht daran hindern. Und jeder von euch wird kleine Aufgaben im Haushalt übernehmen. Es ist nämlich nicht der Sinn des Lebens, traurig zu sein. Der Sinn ist vielmehr, ein glückliches Leben zu führen. Ich will ein erfülltes Leben haben, so wie Mama es hatte und ich will, dass wir alle wieder fröhlich sind. Versteht ihr mich? Ich will ein lebensbejahendes und hoffnungsvolles Leben führen, so, wie sie es uns vorgelebt hat. Was denkt ihr, wird uns das gelingen?“


© Martina Pfannenschmidt, 2014

Kommentare:

  1. Liebe Martina,
    wunderschön und so motivierend. Ich sehe ja schon eine ganze Weile in deinen Blog und habe da mal eine Frage an dich:
    Frauke
    http://einwenighiervonunddavon.blogspot.de/2014/08/blogparade-1-2-3-wo-wer-was-seid-ihr.html hat meinen Blog in ihrer Blogparade vorgestellt. Ich würde das gern mit deinem Blog machen. Es ist kein Award, lediglich eine Blogvorstellung. Die Fragen solltest du beantworten und du dürftest dann wieder 3 Blogs deiner Wahl vorstellen, vielleicht auch welche, die noch nicht so bekannt sind.
    Wenn du magst, dann gib mir Bescheid, ich kann auch ein Absage akzeptieren.
    Einen schönen Tag wünscht dir Stine

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    1. Nein, keine Absage, auf keinen Fall!! Klar mache ich da mit. Am kommenden Sonntag feiert mein Blog seinen 1. Geburtstag. Das wäre doch ein guter Anlass für eine Vorstellung. Danke, wenn du das arrangierst! LG Martina

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    2. wunderbar.....Vielen Dank für deine Zusage!!!!

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  2. Danke, Martina! Deine Geschichte ist ganz wundervoll, meine Worte, so sehe ich das Leben!

    Alles Liebe
    Eva :)

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  3. Liebe Martina,
    wieder eine Gänsehautgeschichte von dir. Ich hatte schon einige Begenungen, die ähnlich verlaufen sind und immer einen Wendepunkt in meinem Leben gebracht haben. Da wirken höhere Kräfte mit, wie auch immer!
    Herzliche Grüße und vielen Dank für die schöne Geschichte
    Regina

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    1. Gänsehautgeschichte?! Die gelingt nicht immer!! Danke und LG Martina

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  4. Weißt du, dass du mit dieser Geschichte gerade meinen Nerv getroffen hast, denn nächsten Freitag ist der erste Todestag von Kurt und ich bin mimentan etwas gefangen in meiner Traurigkeit. Werde diese auch zulassen, aber dann wieder glücklich in die Zukunft sehen.
    Ich sag ja, du bist unser Philosoph.
    Wünsche dir noch schöne Urlaubstage mit deinem Mann, herzliche Grüße, Lore

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    1. Liebe Lore, wir dürfen auch mal traurig sein. Es gehört zum Leben dazu. Wichtig ist nur, aus dieser Traurigkeit auch wieder heraus zu finden und da gehst du uns mit leuchtendem Beispiel voran. Alles Liebe für dich in diesen traurigen Tagen!
      LG Martina

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  5. ich muss ein Tränchen weg wischen und irgendwie erinnert es an meine eigene Lebensgeschichte .. wunderbar wie du es beschreibst so dass ich mitten drin bin so lebendig.
    Mich bestätigt es dass ich den richtigen Weg ein geschlagen habe und so wird sie es genauso schaffen deine Evi..
    Lieben Gruss Elke

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    1. Evi schafft das - dass weiß ich ganz sicher! Danke für den Kommentar und liebe Grüße! Martina

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  6. Eine schöne und rührende Geschichte, die Mut macht.
    LG Elke

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  7. Ich stimme Regina voll und ganz zu. Auch mir kullerte ein Tränchen beim lesen.
    Meine Eltern leben schon 14 und 15 Jahre nicht mehr, inzwischen wohnen wir in der Wohnung
    und viele der Möbel stehen wie zu ihren Lebzeiten. Das hängt aber mit dem Platz zusammen,
    denn in einer schrägen Dachgeschoßwohnung kann man nicht einfach mal Möbel rücken.
    LG Christa

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    1. Ich freue mich, wenn auch dir meine Geschichte gefallen hat. Ich finde es schön, dass du in der Wohnung deiner Eltern lebst. Das ist bestimmt ein 'heimatliches' Gefühl für dich und wenn die Einrichtung dich manchmal an sie erinnert, ist das bestimmt schön. Doch man darf sich auch von alten Dingen trennen, wenn sie einem nicht mehr gut tun und wir es mir gelungen sein sollte, dies zu vermitteln, dann würde ich mich sehr darüber freuen. Danke und LG Martina

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    2. Die Einrichtung ist, bis auf den Wohnzimmerschrank aus unserer vorherigen Wohnung.
      Die Einrichtung der Eltern hatte unser Sohn, der nach dem Tod der Eltern dort lebte,
      bei seinem Auszug mitgenommen. Nur die Standorte der Möbel sind noch so geblieben, weil schräge Wände. Ich glaube du schriebst mal ihr habt auch Schrägen.
      Noch einen schönen Abend wünscht dir Christa

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    3. Ja, wir wohnen auch 'unterm Dach' - also in der 1. Etage. Bis auf das Bad und das Esszimmer haben alle Räume eine Schräge. Früher wohnten meine Eltern im Erdgeschoss - heute meine Tochter mit Familie.Als meine Eltern damals starben, sagten viele: jetzt zieht ihr doch bestimmt nach unten. Doch wir wohnen gerne 'schräg'. Das ist irgendwie gemütlich. Die meisten meinten halt, im Alter sei es mit der Treppe schwierig. Mein Mann sagte dann nur kurz: dann bauen wir uns einen Treppenlift ein. Also: wir wohnen sehr gerne 'oben'. LG Martina

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    4. Wir haben bis vor 3 1/2 Jahren im Erdgeschoß gewohnt. Heute wohnt unsere Enkeltochter mit unserer Urenkelin und Partner in der Wohnung. Enkelin geht arbeiten, Urenkelin ist mehr unser Kind. Es ist manchmal schon anstrengend Mama und Papa zu vertreten. Aber der Uropa ist halt der beste.

      Liebe Grüße Christa


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  8. Hallo Martina,
    die Veränderung in kleinen Schritten kenne ich auch in unserem Hause. Große Sprünge sind eher selten, weil wir durch unsere Charaktere gefangen sind, da geht es nur in kleinen Schritten. Die Geige finde ich als Symbol gut gewählt, weil Evi sich dort entfalten kann. Solche Möglichkeiten hat sie in ihrer erstarrten Umgebung eher nicht.

    Gruß Dieter

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    1. Es ist genau, wie du schreibst, wir sind oft gefangen durch unseren Charakter und wir tun uns mit Veränderungen schwer. Doch auch mit kleinen Schritten kommt man zum Ziel. Danke für den Kommentar und LG Martina

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  9. Liebe Martina,
    ich kann mich , da ich spät dran bin, nur dem bereits geschriebenen anschliessen. Eine wunderbare, traurige und doch schöne Geschichte!
    Ich wünsch Dir noch einen schönen Nachmittag und Abend!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. Danke, dass du trotz aller Eile hier warst und auch noch Zeit für einen Kommentar gefunden hast. LG Martina

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  10. Liebe Martina,
    deine Blogvorstellung habe ich heut schon online gestellt....die Fragen für dich findest du unter dem link.
    Einen schönen Tag wünscht dir Stine

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    1. Vielen Dank, liebe Stine! Ich war schon bei dir und habe mir die Fragen angesehen. Nun werde ich mich mal an die Beantwortung machen! Nochmals Danke und LG Martina

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  11. Das Festhängen in Trauer und alten Geschichten kennen wir wohl alle mal und das hat auch seine Berechtigung. Gut, wenn es kleine Anschubser von außen gibt, die daran erinnern, dass das Lebenskarussell sich weiterdreht. Deine kleine feine Geschichte ist ein schöner Beitrag dazu
    Liebe Grüße zu Dir von Joona

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    1. Liebe Joona, vielen Dank für deinen liebenswerten Kommentar.
      Ich wünsche dir einen gaaaanz schönen Tag - heute sogar mit Sonnenschein!
      LG Martina

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  12. Liebe Martina,
    eine ganz berührende Geschichte. Unssere Gedanken schweifen oftmals ab und ich gestehe es:
    Neulich ertappte ich mich, dass ich laut "Willy" sagte als ich in Gedanken mit einem Mann sprach. Das kommt vor -auch wenn der geliebte Mensch schon etliche Jahre tot ist.
    Ich sende dir viele liebe Grüße
    Irmi

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    1. Ja, sie sind uns oft so nah, als seien sie noch bei uns. Ich finde das tröstlich!
      LG Martina

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