Dienstag, 30. September 2014

Ein letzter Wunsch

Manche 'Reizwörter' tragen ihren Namen wirklich zu recht. 
In diesem Fall war es das Wort 'Brillanz', das uns und unser Gehirn gewaltig gereizt hat. Wir haben es dann aber doch noch unterbringen können und heute präsentieren wir das Ergebnis. 
Folgende weiteren Wörter müssen vorkommen: 
Geschenk – freudig – melancholisch – schreiben




Olga war heute ein wenig melancholisch zumute. Dieser nun schon seit Tagen andauernde Regen war wohl dafür verantwortlich. Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, in dieser Woche die Büsche im Garten zu schneiden, doch bei diesem Wetter war das einfach nicht möglich. Zunächst wusste sie nichts mit sich und der gewonnenen freien Zeit anzufangen, doch dann ging sie zum Bücherregal, das im Wohnzimmer stand, kramte ein altes Fotoalbum hervor, strich über die etwas verstaubte Oberfläche und schlug es auf. Bereits beim ersten Bild musste sie schmunzeln. Gut, die Fotos hatten inzwischen an Brillanz verloren, doch das machte nichts. Auch wenn sie einen Gelbschimmer zeigten, so führten sie Olga doch zurück in die Vergangenheit.
‚Auf alten Fotos sieht man immer so jung aus’, ging es ihr durch den Kopf und sie musste über ihren eigenen Witz lächeln. Die Bilder zeigten ihre Schule und ihre allerbesten Freundinnen. Wieso war ihre Freundschaft eigentlich zerbrochen, fragte sie sich in diesem Moment? Einen ersichtlichen Grund hatte es nicht gegeben. Ihr Blick blieb auf einem Foto hängen, auf dem sie alle vier zu sehen waren: Sie, Olga, stand ganz links, neben ihr Marlies, daneben Anna und Sabine. Olga erinnerte sich daran, wie sie von den übrigen Klassenkameraden genannt wurden: die O-M-A-S! Die Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen ergaben diesen Spitznamen, den sie gemeinsam bekommen hatten. Olga, Marlies, Anna, Sabine! Sie waren ein wirklich gutes Quartett, nicht zwei und zwei Freundinnen, sondern vier – und dass war schon etwas ganz Besonderes und ein wahres Geschenk.
Nach einer Weile legte Olga das Album zur Seite. In der heutigen Zeit musste es doch möglich sein, die anderen drei wieder zu finden. Kurz entschlossen schaltete sie den PC ein und forschte im Internet nach ihnen. Sie war bisher in keinem Forum unterwegs, wollte keine fingierten Freunde, doch ihre wahren, echten Freunde von damals wieder zu finden, das reizte sie und stimmte sie freudig. Olga schaute sich die eine oder andere Internetseite an und stieß dabei auf ihre alte Schule und ein Foto ihrer Klasse. Sie meldete sich dort an und schon nach kurzer Zeit hatte sie Zugang zu den Namen ihrer alten Klassenkameraden. Es bedurfte schon einiger Anstrengung, sich an die Person hinter den Namen zu erinnern, doch so nach und nach kamen sie ihr wieder in den Sinn und dann stand dort der Name von Sabine zusammen mit einer E-Mail-Adresse. Ob sie ihr schreiben und sie fragen sollte, wo jetzt ihr zuhause war? Da Sabine dort mit ihrem Mädchennamen stand, vermutete Olga, dass ihre frühere Freundin unverheiratet geblieben war. Dann entschied sie spontan, sich bei ihr zu melden und schrieb in ihrer E-Mail, dass sie noch in ihrem früheren Heimatort verblieben sei, dass sie vor über 30 Jahren geheiratet und zwei erwachsene Söhne habe und nun bald eine echte Oma würde. Bereits nach kurzer Zeit antwortete ihre ehemalige Freundin. Sie freue sich, schrieb sie, von Olga zu hören. Ganz so viel Glück mit Männern habe sie nicht gehabt, ließ sie verlauten. Sie sei geschieden und habe ihren Mädchennamen wieder angenommen. Kinder habe sie keine. Ob sie schon gehört habe, fragte Sabine weiter, dass Anna so schwer erkrankt sei. Olga musste dies verneinen und hatte dabei einen dicken Kloß im Magen.
Sie hatte immer gemeint, ihr Leben sei schwierig, weil ihr Mann oft nicht zu Hause und sie für vieles allein verantwortlich war, doch wenn sie jetzt von dem Leben ihrer Freundinnen hörte, dann wurde ihr bewusst, wie gut es das Leben bisher mit ihr gemeint hatte. Sie erinnerte sich an ihren Großvater, der immer gesagt hatte: ‚Du darfst nicht nach oben schauen, zu den Menschen, denen es vermeintlich besser geht, als dir, das macht dich nur neidisch. Schau auf die Menschen, denen es nicht so gut ergeht, dann wirst du ein zufriedener Mensch.’ Wie Recht er damit hatte. Sie konnte wirklich zufrieden sein mit ihrem Leben. Sie war nicht reich, doch sie hatte eine Familie, alle waren gesund, gingen einer Arbeit nach und hatten ihr Auskommen.
Olga suchte weiter im Internet und fand auch noch Marlies, die offensichtlich verheiratet war. Das verriet ihr Doppelname. Auch an Marlies schrieb Olga eine E-Mail und auch die Antwort kam prompt. Sie wisse, schrieb Marlies zurück, dass Anna schwer erkrankt sei, sie habe sie zufällig im Hospiz getroffen, als sie dort ihren Mann besucht habe, der vor ein paar Wochen verstorben sei. Olga war erschüttert. Die Menschen, die ihr früher einmal so viel bedeutet und ihr so nahe gestanden hatten, hatte das Schicksal hart getroffen, und sie ahnte nichts davon, obwohl sie alle noch in ihrer näheren Umgebung wohnten. Olga hatte das ganz große Bedürfnis, Anna noch einmal zu sehen, bevor sie diese Welt verließ und deshalb schrieb sie Marlies nicht zurück, sondern rief bei ihr an. Sie telefonierten 2 Stunden lang und weinten so manche Träne miteinander und sie verabredeten, gemeinsam Anna zu besuchen. Auch Sabine wurde gefragt und sagte sofort zu.
Die drei früheren Freundinnen trafen nach so langer Zeit vor dem Hospiz aufeinander. Sie fielen sich in die Arme, doch es wollte keine rechte Freude aufkommen, zu schwer war der Besuch, der vor ihnen lag.
Mit klopfendem Herzen standen sie dann vor Annas Tür. Als die drei den Raum betraten, lag ein Lächeln auf Annas schmalem und vom Tod gezeichneten blassen Gesicht, doch sie war die Erste, die etwas sagte und damit die schier unerträgliche Situation milderte.
„Nun sind die OMAS wieder komplett“, sprach sie mit leiser Stimme. Sie war sehr abgemagert und man merkte, wie schwach sie war und wie schwer ihr das Sprechen fiel.
„Wisst ihr“, flüsterte sie leise, „ich habe in den letzten Tagen viele Gespräche mit Gott geführt. Ich hadere nicht mit ihm oder meinem Schicksal. Es ist, wie es ist und ich bin bereit, zu gehen, doch die einzigen Menschen, die ich vorher noch einmal sehen wollte, wart ihr drei. Und deshalb habe ich ihn inständig darum gebeten, er möge veranlassen, dass ihr zu mir kommt, denn es gibt sonst niemanden mehr in meinem Leben, von dem ich mich verabschieden könnte. Er hat meine Bitte erhört, ihr seid bei mir. Doch bevor ich gehe, möchte ich so gerne wissen, was das Leben für euch gebracht hat“.
Wie selbstverständlich setzten sich die drei anderen um Annas Bett und erzählten von sich und ihrem Leben. Das Lächeln wich dabei nicht mehr aus Annas Gesicht, auch nicht, als der Tod schon neben ihr stand und ein Engel sie mit sich fort nahm.

© Martina Pfannenschmidt, 2014

Weitere Geschichten gibt es wie immer:
Hier, hier und hier!!!

Kommentare:

  1. Guten Morgen Martina
    so ist das Schicksal wie wenn der liebe Herr Gott oder ich sage der Schicksalsengel wieder seine Flügel ausbreitete um die Vier zusammen zu bringen der Anna den letzten Wunsch zu erfüllen.
    Eine wunderschöne Geschichte traurige aber doch lehrreich was ich immer schon meine diese Zwischenräume die flattern oder schwirren so unsichtbar und für manche Gefühlt stärker oder schwächer( ich meine keine Hellseher oder Wahrsager) wie auch zwisichen den Zeilen lesen spüren das ungesagte...
    Danke für diese wunderbare schöne hat mich sehr berührt Geschichte!
    Lieben Gruss Elke

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    1. Ich danke dir von Herzen für diese lieben Worte. Es gibt 'Mächte', die für unsere Augen unsichtbar sind, doch sie sind ständig da und führen uns und bringen uns wieder zusammen, wenn es an der Zeit ist! LG Martina

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  2. Wo wohl deine Gedanken waren als du das geschrieben hast ..
    Auch das wäre eine weitere Geschichte wert Martina.
    Gänsehaut prickelt auf meiner Haut.
    Alles Liebe schick ich dir
    Sophie

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    1. Ja, wo waren meine Gedanken?! Wenn ich eine Geschichte beginne, dann weiß ich oft nicht, wohin sie mich führt oder sollte ich sagen: wohin ich geführt werde?! Als ich mit dieser begann, ahnte ich dieses Ende nicht! Danke und LG! Martina

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  3. Liebe Martina,
    du weißt, dass ich all deine Geschichten mag. Diese hier ist eine ganz besondere Geschichte, die ich sicher nicht so bald vergessen werden. Sie ist wunderschön, traurig, berührend und gibt die Gelegenheit, einmal über die nachzudenken, die man selbst aus den Augen verloren hat!
    Danke!
    Herzliche Grüße
    Regina

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    1. Ganz ehrlich, liebe Regina! Ich hätte gar nicht damit gerechnet, dass diese Geschichte so berührt. Aber es ist natürlich schön! Ich danke dir für den lieben Kommentar! Martina

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  4. Schließe mich meinen Vorredern an, Gänsehaut pur und doch so wunderschön und versöhnlich, selbst der Tod verliert seinen Schrecken, denn es ist etwas da, das uns führt und den letzten Wunsch von Anna erfüllte.
    Wunderschön! Lore

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    1. Danke, liebe Lore! Der Tod sollte uns wirklich nicht schrecken. Es ist nicht mehr als das Durchschreiten einer Tür in einen anderen Raum! Nur weil wir nicht wissen, was sich hinter der Tür befindet, sind wir unsicher. LG Martina

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  5. Danke, Martina! Wow, diese Geschichte berührt sehr. Leider ist der Tod bei vielen ein Tabu. Für mich nicht, ich durfte bei meinem Vater sein, als er ging, als der Engel ihn mit sich nahm. Es war sehr friedlich. Die Krankenschwester öffnete das Fenster, damit seine Seele rausfliegen kann. Ein schönes Zeichen.

    Alles Liebe
    Eva :)

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    1. Es ist heute der 4. Todestag meiner Mutter. Sie ist, genau wie mein Vater, hier zu Hause verstorben. Ich war auch bei meinem Vater, als er verstarb. Als ich viele Jahre später in einem Buch las, dass manche Angehörige die Seele gehen sehen, wusste ich, was es war, dem ich nachgeschaut hatte, als sein Herz aufgehört hatte zu schlagen. Etwas, was ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen werde und was mich und mein Denken nachhaltig verändert hat. LG Martina

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  6. Eine sehr, sehr anrührende Geschichte und ich denke, man muss alte Freundschaften pflegen und ich sollte mal wieder ein Klassentreffen anstoßen bzw. in Gang bringen.
    LG Elke

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    1. Also, wenn es aufgrund dieser Geschichte zu einem Klassentreffen käme, dann wäre ich aber mächtig stolz! Danke und LG Martina

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  7. Liebe Martina,
    eine sehr schöne, berührende Geschichte, danke dafür!
    Ich wünsche Dir noch einen sonnigen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. Und ich danke dir für den lieben Kommentar! Martina

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