Dienstag, 23. September 2014

Ein magischer Ort

Heute geht nicht nur bei mir, sondern auch bei
REGINA, LORE und EVA die
30. Reizwörtergeschichte an den Start!
Die Wörter, die vorgegeben wurden, lauteten:
Leben – Muster – gefangen – perfekt – strukturieren


Es bedurfte schon einiger Anstrengung, diesen Berg zu erklimmen, doch Alexander wusste, dass es sich lohnen würde, denn er war nicht zum ersten Mal hier. Damals, vor 5 Jahren, war er allerdings nicht so wie heute mit seinem Rennrad unterwegs, sondern er hatte sich einen Wagen gemietet.
Diese eine Steigung galt es noch zu überwinden, dann hätte er sein Ziel erreicht. Alex schmunzelte, denn diese Anstrengung heute war sinnbildlich für sein Leben. Ja, es hatte ihn einige Mühen gekostet, es zu verändern, doch es war ihm gelungen und er hatte das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein.
Er stellte sein Rad zur Seite, nahm den Helm ab und betrachtete die Möwen, die unter dem blauen Himmelszelt kreischend ihre Bahnen zogen und er genoss diese erhabene Weite, die nun vor ihm lag. Dann setzte er sich, genau wie damals, auf den massiven Felsen oberhalb des tiefblauen Meeres und atmete mit geschlossenen Augen tief durch. Eine große Welle klatschte gegen den Felsen und das Wasser ließ seine gewaltige Macht erkennen. An diesem Ort zeigte die Natur eine ihrer schönsten Seiten.
Die Gedanken von Alex gingen unweigerlich zurück zu dem Tag vor fünf Jahren. Er wusste es noch wie heute, dass er hier gesessen und ihm ein Satz oder besser eine Aufforderung nicht aus dem Kopf gegangen war, die er zuvor in einem Buch gelesen hatte.
‚Stellen Sie sich vor’, hatte dort gestanden, ‚heute wäre ihr 80. Geburtstag und sie blickten zurück auf ihr Leben und Sie schrieben einen Brief an sich selbst in die Jetztzeit! Was würden Sie sich schreiben?’
Dieser Satz hatte ihn aufgewühlt und ihm bewusst gemacht, dass er nicht ewig leben würde und die Zeit, um sein Leben lebenswert zu gestalten, begrenzt war. Der Gedanke, eines Tages 80 Jahre alt zu sein und dann vielleicht erkennen zu müssen, sein Leben vergeudet zu haben, hatte ihn gerade noch rechtzeitig wach gerüttelt.
Alexander griff in seine rechte Hosentasche und holte einen Umschlag hervor. Darin war der Brief, den er damals, auf diesem Felsen sitzend, geschrieben und an sich gerichtet hatte und er begann zu lesen:
‚Lieber Alex, du bist jetzt 34 Jahre alt, und du hast viel in deinem Leben erreicht. Du bist ein erfolgreicher Arzt, so wie es dein Vater auch ist und wie er es sich immer gewünscht hat. Du hast nicht nur dein Auskommen, sondern mehr als das, zumindest an materiellen Dingen, und deine zahlreichen so genannten Freunde haben dies auch. Doch sei bitte ein einziges Mal ehrlich zu dir selbst. Bist du wirklich glücklich? Dein Leben scheint perfekt, doch ist es das auch? Was ist aus all deinen Träumen geworden? Nach dem Studium hattest du dir geschworen, eine Auszeit zu nehmen und für ein Jahr durch Amerika zu reisen. Darf ich dich fragen, was daraus geworden ist? Du hast es nicht gemacht. Ja, ich weiß! Es ginge nicht, dachtest du, weil dein Vater erkrankte und du von heute auf morgen allein in der Praxis warst. Du hilft den Menschen, dass ist eine wichtige Aufgabe, doch wer hilft dir? Wer hört dir zu, fragt, wie es dir geht? Warum schaust du dich nicht nach einem Kompagnon um? Weil du es deinem Vater nicht antun möchtest? Ich kann dir sagen, wohin dein Leben führt, wenn du nichts veränderst. Es führt dich von einem Tag zum anderen – aber ohne Freude. Du gehst von einer Party zur nächsten, führst ein oberflächliches Privatleben, das dir, wenn du ehrlich zu dir selbst bist, keine Freude bereitet. Hast du dich schon einmal gefragt, warum du immer noch mit Jessica zusammen bleibst, obwohl du längst erkannt hast, dass ihr überhaupt nicht zueinander passt. Warum trennst du dich nicht von ihr und von allem, was dir und deinem Leben nicht gut tut? Stell dir vor, wie es ist, wenn du deinen 80. Geburtstag feierst und dein Leben so weitergeht, wie jetzt. Dann kannst du nichts mehr rückgängig machen oder verändern. Sieh zu, dass dein Leben lebenswert wird und zieh die Notbremse – jetzt!’

Er hatte diesen Brief damals in einen Umschlag gesteckt und an sich selbst gerichtet. Als er zwei Tage später in seinem Briefkasten lag, wusste er genau, was er wollte und dieses Ziel hatte er nicht mehr aus den Augen verloren. Alex hatte erkannt, dass die Wohnung, in der er mit Jessica lebte, wie ein goldener Käfig für ihn war, in dem er sich nicht frei, sondern gefangen fühlte. Jessica hatte sie eingerichtet, denn sie war eine erfolgreiche Innenarchitektin. Wenn er ehrlich zu sich war, dann war die Wohnung zwar sehr schick, doch ein Zuhause war sie für ihn nicht und warum hatte er eigentlich den Wunsch nach Kindern aufgegeben? Nur weil Jessica keine haben wollte? Was hielt ihn noch bei ihr und in dieser Wohnung?
Noch am selben Abend hatte er seine Koffer gepackt und sich von seiner Lebensgefährtin getrennt. Er war dann in einer einfachen aber sauberen Pension untergekommen, bis er wusste, wie es für ihn weitergehen würde.
Bereits den nächsten Tag hatte er für ein Gespräch mit seinen Eltern genutzt. Er hatte ihnen von der Trennung erzählt und auch, dass er sein Leben völlig neu strukturieren möchte. Sie hatten ihm eine Weile zugehört und wider Erwarten großes Verständnis für ihn gezeigt. Sein Vater war einverstanden, einen weiteren Arzt in die Praxis zu holen und auch damit, dass Alex eine Auszeit nahm, sobald es seinem Vater besser ging und er wieder praktizieren würde.
Das alles lag jetzt lange zurück und heute konnte er sagen, er hatte es tatsächlich geschafft, alte Muster zu durchbrechen und dadurch sein Leben in andere Bahnen zu lenken.
Alex hatte seinen Traum wahr werden lassen und war tatsächlich für ein Jahr durch Amerika gereist. Inzwischen hatte er sich ein kleines Haus gekauft und gemütlich eingerichtet. Nur die Tatsache, dass er es alleine bewohnte, machte ihn ein wenig traurig.
Als er so gedankenverloren auf dem Felsen saß, überkam ihn plötzlich das Gefühl, beobachtet zu werden. Erschrocken sah er sich um und schaute direkt in die schönsten blauen Augen, die er jemals gesehen hatte.
„Entschuldigung“, sagte die junge Frau die zu diesen Augen gehörte, „ich wollte sie nicht stören. Sie waren so in sich gekehrt, dass sie mich gar nicht wahrgenommen haben.“
Alex konnte seinen Blick nicht von diesen Augen lösen, es schien ihm, als würde er darin versinken.
„Ich habe Sie tatsächlich nicht gehört“, antwortete er dann.
„Wissen Sie“, sagte die junge Frau, „seit fünf Jahren mache ich hier Urlaub und jedes Mal werde ich von diesem geheimnisvollen Ort angezogen. Es kommt mir so vor, als würde ich hier etwas finden, wonach ich schon so lange suche.“
Sie blieben dort noch eine ganze Weile schweigend nebeneinander sitzen. Ob sie ahnten, dass sie in jedem Jahr an ihrem Hochzeitstag hierher kommen würden, um ihren Kindern von diesem mystischen Ort zu erzählen?

© Martina Pfannenschmidt, 2014


Liebe MIMMI, ich begrüße dich sehr herzlich
auf meinem Blog. Schön, dass du da bist!

Foto: pixmule.com

Kommentare:

  1. Danke für die mystische Geschichte, Martina, sehr interessant.
    Ein Ende, wie es meine Geschichten auch oft haben ;)

    Alles Liebe
    Eva :)

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    1. Es ist schon so, meistens nehmen meine Geschichten ein romantisches Ende! Da kann ich ganz schlecht aus meiner Haut! LG Martina

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  2. Liebe Martina,
    eine sehr schöne Geschichte ist dir da wieder gelungen. Man sollte ein wenig genauer auf sein Leben schauen und entscheiden, was gut und richtig ist bzw. weglassen, was unglücklich (krank) machen kann. Sich selbst einen Brief zu schreiben ist eine gute Idee!
    Herzliche Grüße
    Regina

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    1. Hab ich auch schon gemacht, diese Sache mit dem Brief. Eine liebe Freundin hatte mir dazu geraten. Ach, sie heißt auch Regina! Ist das nicht eigenartig?! ;-) Danke für den lieben Kommentar! Martina

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  3. Ich weiß jetzt nicht, ob ich vor Kälte( sitze am offenen Fenster) oder wegen deiner Geschichte gerade eine Gänsehaut bekomme. Wunderbar und macht einen nachdenklich, man sollte wirklich sein Leben öfter überdenken, ich denke dass ich jetzt mich mehr dem Geschichten schreiben widme hat einen meiner Träume erfüllt.
    Und die Liebesgeschichte am Ende aaaahhhh.
    Wünsche dir einen schönen Tag und liebe Grüße, Lore

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    1. Das solltest du unbedingt tun, dich dem Geschichten schreiben voll und ganz zu widmen, denn was ich kaum für möglich hielt, du wirst immer noch besser. Ehrlich und ohne Quatsch! Deine Geschichten sind richtig gut. Vielleicht solltest du sie doch irgendwann einmal einem Verlag anbieten, sonst wirst du nicht mehr reich von dieser 'brotlosen Kunst', sondern erst deine Tochter! Danke und LG Martina

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  4. Eine ganz nachdenkliche Geschichte ist es wieder geworden, besonders das Ende geht mir unter die Haut.
    Ein schöner Gedanke einen Brief an mich zu schreiben, werde es ausprobieren, danke.
    Liebe Grüsse Gerda R.

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    1. Das solltest du wirklich machen. Ich habe mir auch schon geschrieben. Man sollte unbedingt ehrlich zu sich selbst sein und seine eigene Situation klar wahrnehmen, erst dann kann man beginnen, etwas zu verändern! Danke und LG Martina

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  5. Liebe Martina,
    was für eine wundervolle und nachdenklich stimmende Geschichte ...zum Glück mit einem Happy end ;O)
    Ich wünsch Dir noch einen schönen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. Ich glaube, ich kann gar nicht anders. Die meisten Geschichten gehen gut aus!
      Danke und LG Martina

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  6. Ich mag sie nicht nur weil deine Hauptfigur meinen Namen trägt. :-)

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    1. Hüstel - vielleicht warst du ja meine Inspiration! Hüstel! ;-)

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  7. eine spannende Geschichte bis zumn Schluss und ich finde sie so toll nämlich sich einen Breif zu schreiben und den Mut aufbringen es zu verändern hast du total klasse beschreiben. achja es erinnert mich an mich selbst sehr.. wunderschön diene Geschichte mit dem Happyend!
    Lieben Gruss Elke

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    1. Schön, wenn man sagen kann, ich habe etwas zum Positiven verändert in meinem Leben. Danke für den Kommentar und LG! Martina

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  8. Liebe Martina,
    ja mir gefällt sie auch sehr deine Geschichte und die Idee mit dem Brief an sich selbst. Werde ich wohl auch mal machen, weil ich denke, es ist eine andere Art sich mit sich selbst auseinander zu setzen ;-)
    Weißt du was ich eben im Programmheft entdeckte: Ich hatte doch mal eines meiner absoluten Lieblingsbücher erwähnt, dem Buch DAS LABYRINTH DER WÖRTER: jetzt las ich, es kommt morgen 20.15h im Fernsehen. Werde auch einschalten und bin gespannt. Es ging mir schon öfter so, dass ich den Film zu einem Buch, nachdem ich es gelesen hatte, nicht schön fand. Da ich mir ( wie wahrscheinlich jeder) ein bestimmtes Bild von den Personen mache und die Schauspieler meist nicht zu diesem Bild passen. Also lass icch mich überraschen und wenns nicht passt, wird die Kiste ausgeschaltet.
    und da ich wieder in Verzug bin, klopfe ich (auch ganz leise !! ) noch zwei-drei mal bei dir an ,
    gaaaanz <3liche Grüße von mir ;o)

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    1. Eigentlich ist mein Mann mittwochs abends immer in der Sauna und ich kann schauen, was ich mag. Ausgerechnet heute ist es zu Hause. Doch wenn es geht, würde ich den Film gern schauen. Du hast recht, man ist oft von einem Film enttäuscht, wenn man vorher das Buch gelesen hat. Da bin ich völlig unvoreingenommen, weil ich es (noch) nicht kenne. LG Martina

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    2. Liebe Martina, nur schnell hier noch ein bis zwei Info`s *zwinker*
      Ich bin eigentlich gar keine Nachteule, ging sonst oft mit den Hühnern schlafen und war/bin morgens ab sechs Uhr fit (ich liebe diese frühe Tageszeit, da ist alles noch so unverbraucht und frisch, vor allem im Frühling und Sommer natürlich).
      Seid ich allerdings im großen Bloggerland so wunderschöne Blogs gefunden hab, reicht die Tageszeit nicht immer aus und ich bin auch ab und an zu nächtlicher Stunde dort unterwegs.
      Zu dem Film: Hab nochmal nachgeschaut, es ist wohl eine Wiederholung, da er schon von 2010 ist. Ich hatte ihn nur noch nicht gesehen *tss
      Bin ja kein so großer Fernsehgucker.
      So und jetzt geht`s wieder im Häusli weiter und ich wünsche dir mit Mann ohne Sauna einen gaaaanz gemütlichen Abend ;o)

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  9. liebe Martina, das hatte einen Hauch von Rosamunde Pilcher für mich (vielleicht auch wegen des Fotos) - sehr schön!
    Einen Brief an mich selbst hab ich auch schon mal geschrieben, am Ende einer Fastenwoche, gute Idee, den wieder zu "finden".
    Sophie

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    1. Meine Nichte ärgert mich auch immer damit - von wegen Rosamunde Pilcher. Am Schluss ist immer alles gut. Aber diese Geschichten mag ich nun mal sehr! LG Martina

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