Dienstag, 7. Oktober 2014

Alles im Gleich-Gewicht

Oft erzählen euch die Reizwörtergeschichten,
die ihr an jedem Dienstag bei mir,
Eva, Lore und Regina
lesen könnt, von alltäglichen Dingen.
Manchmal regen diese Geschichten zum Nachdenken an,
ein anderes Mal sind sie ein wenig traurig.
Auf meine heutige Geschichte trifft beides nicht zu.
Die gehört eher in die Kategorie 'humorvoll'.
Viel Spaß beim Lesen!
Dies waren die Reizwörter:
Farbe Gewicht fragen logisch kalt


Uschi jonglierte singend und gut gelaunt mit ihrem Staubsauger um die Sessel, als ihr Blick auf die Wanduhr fiel. ‚Morgens halb zehn in Deutschland’ ging ihr ein bekannter Werbeslogan durch den Kopf. ‚Zeit für einen Cappuccino’, entschied sie, denn schließlich war sie schon seit einigen Stunden auf den Beinen und ihre erste Tasse Kaffee lag somit lange hinter ihr. Schnell war mittels eines Pulvers das Getränk angerührt. Sie ließ sich in einen Sessel plumpsen und schlürfte eine kurze Zeit später die süße, aber noch sehr heiße Köstlichkeit.
Das Telefon, das direkt neben ihr auf einem kleinen Tischchen stand, meldete ihr einen Anrufer. ‚Bestimmt wieder so eine dusselige Umfrage’, ging es ihr durch den Kopf. Eigentlich machte sie bei so was ja nicht mit, doch letztens hatte sie besonders gute Laune gehabt und die eine oder andere Frage beantwortet. Die letzte Frage war die nach ihrem Alter gewesen, die Uschi wahrheitsgemäß mit 57 beantwortet hatte. „Ach“, flötete daraufhin die junge Dame am anderen Ende der Leitung in Uschis Ohr, „das tut mir jetzt leid, aber dann gehören sie gar nicht mehr in unsere Zielgruppe“. Und dann hatte sie einfach aufgelegt. Also so eine Frechheit! Zwar konnten alle anderen Anrufer nicht dafür, doch sie bekamen Uschis spitze Zunge zu spüren, sobald sie das Wort ‚Umfrage’ nur angedeutet hatten. Auf einen solchen Anruf freute sie sich geradezu, als sie sich meldete.
„Hallo“, fragte dann jedoch eine nette Frauenstimme, „ist dort Uschi? Uschi Rinderfuß?“ Oh, sie hatte ihn soooo sehr gehasst, ihren Mädchennamen, denn ständig wurde sie damit aufgezogen. Deshalb fragte sie daraufhin sehr pampig: „Und wer will das wissen?“
„Hier ist Renate“, antwortete die Stimme lachend. „Renate Umsonst. Zumindest hieß ich früher so.“
„Nein“, schrie Uschi in den Hörer, „Renate – das gibt’s doch gar nicht. Wie lange haben wir nichts voneinander gehört?“
Wie sich heraus stellen sollte, waren es 40 Jahre, denn nach dem Schulabschluss war ihre damalige Freundin mit ihren Eltern nach Bayern verzogen. Uschi erinnerte sich an den tränenreichen Abschied von damals, denn Renate wäre sehr gerne im geliebten Norden wohnen geblieben, doch das Leben – oder ihre Eltern - hatte anders für sie entschieden. 
Da Renate vom Handy aus anrief, hielten sie das Gespräch kurz, vereinbarten jedoch, sich in zwei Tagen in dem Hotel zu treffen, in dem Renate abgestiegen war, um über die alten Zeiten zu plauschen. Uschi freute sich auf das Wiedersehen, zumindest im ersten Moment. Doch dann sah sie an sich herunter. Ach du liebe Güte, wie sah sie nur wieder aus. Zum Putzen trug sie immer ihre alte ausgeleierte Jogginghose. Das war bequem, doch eben nicht besonders hübsch. Sie rannte ins Bad und schaute in den Spiegel. Auch hier kam das große Entsetzen. Sooo konnte sie Renate auf keinen Fall gegenüber treten. Ihr grauer Ansatz war schon fast zwei Zentimeter heraus gewachsen und die rote Farbe, mit der sie sich in letzter Zeit auf jugendlich trimmte, war verblasst. Sie sah einfach furchtbar aus und was sollte sie bloß zu diesem Treffen anziehen? Eilenden Schrittes betrat sie das Schlafzimmer und riss die Tür des Schrankes auf. Mit einem Blick erkannte sie: für diesen Anlass hatte sie nichts Passendes anzuziehen. Was war zu tun? Neue Klamotten mussten her, das war doch wohl logisch! Sie ließ alles stehen und liegen und entschloss sich, zum Einkaufen in die Stadt zu fahren.
Als sie Richtung Auto ging, bemerkte sie erst, wie kalt es geworden war. Aber das war ein Zustand, der Uschi kaum etwas anhaben konnte. Ihr war nämlich meistens viel zu warm und oft stand ihr der Schweiß auf der Oberlippe. Wechseljahre nannten die Ärzte diesen Zustand oder anders ausgedrückt: Klimakterium. Doch wie sie es auch immer nannten, besser wurde der Zustand dadurch auch nicht. Diese Zeit war echt bescheiden. Vielleicht waren die Jahre der Pubertät noch etwas schlimmer – aber ganz sicher nicht viel.
Uschi fuhr schnurstracks in das Parkhaus eines großen Kaufhauses, um dort schicke neue Kleidung zu kaufen.  Ein Überangebot wartete dort auf sie. Da würde sie bestimmt schnell etwas finden. Doch sie war unsicher, was sie zu diesem Anlass anziehen sollte. Ein Kleid auf gar keinen Fall, dass hatte sie seit Jahrzehnten nicht getragen. Es sollte eine edle Hose sein, auf keinen Fall eine Jeans, die machte sie nur noch dicker, denn leider hatte sie in den Jahren seit der Schulzeit ein wenig an Gewicht zugelegt. Also, wenn man die Gewichtszunahme auf die Jahre umrechnete, dann war das gar nicht mal soooo viel, gerade einmal ein Kilo pro Jahr.
‚Oh, was für ein stilvolles Outfit’, ging es ihr durch den Kopf, doch beim Blick auf die Kleidergröße hatte sich das Ganze schnell erledigt. Langsam schlich Uschi Richtung ‚große Größen’. Hier würde sie wohl eher etwas finden, wenn sie ehrlich zu sich selbst war. Oh Mann, Klamotten für Omas, so weit das Auge blickte. Es musste doch irgendwo etwas zu finden sein, dass sie schlanker und jugendlicher wirken ließ.
Uschi erinnerte sich an Renate und fragte sich, ob sie wohl noch so spindeldürr war, wie damals, und ob sie immer noch ihr schönes kohlrabenschwarzes Haar zu einem Pferdeschwanz hoch gebunden hatte? Diese Gedanken trugen nicht gerade dazu bei, dass sich Uschi besser fühlte. Warum hatte sie bloß diesem Treffen zugestimmt? Zu blöd! Aber jetzt war es zu spät – da musste sie jetzt durch. Und eigentlich war es ja auch völlig egal, was Renate von ihr dachte und wie sie aussah. Die Hauptsache war doch, Uschi fühlte sich wohl in ihrer Haut. Und eigentlich fühlte sie sich wohl – nur heute irgendwie nicht.
Dann griff sie zielsicher zu einer schwarzen Hose und einem schwarzen Oberteil. Schwarz sollte doch angeblich schlanker machen. Das wollte sie jetzt gleich einmal ausprobieren. Nun ja, sie passte, die schwarze Hose, doch die Pölsterchen verschwanden durch sie auch nicht. Jetzt sollte es das schwarze Oberteil richten, doch als sie es angezogen hatte, fühlte sie sich so, als habe sie sich ein viel zu großes Zelt übergeworfen. Ne, das war nix und schlank machte dieser Kartoffelsack schon gar nicht. Also wieder weg damit.
Zwei Stunden später saß Uschi mit einem großen Stückchen Schwarzwälderkirschtorte im Restaurantbereich des Kaufhauses. Irgendetwas musste sie jetzt gegen ihren Frust tun, denn sie hatte noch nichts Passendes für ihren Leib gefunden. Bis zu dem Treffen in zwei Tagen konnte sie keine 40 Kilo mehr abnehmen, das war schon einmal klar. Vielleicht würde sie ein Kilo schaffen, wenn sie ab jetzt nur noch Wasser zu sich nehmen würde. Doch das abgenommene Kilo würde eh keinem auffallen.  
Als sie sich die erste Gabel voll mit der süßen Köstlichkeit in den Mund geschoben hatte, wurde sie angesprochen. „Entschuldigung, ist hier noch ein Platz frei?“ Uschi nickte nur und verschluckte sich im selben Moment ganz fürchterlich an der süßen Köstlichkeit, denn auf den zweiten Blick erkannte sie in der rundlichen Frau mit den kurzen grauen Haaren und dem hochroten und stark verschwitzten Gesicht ihre alte Schulfreundin Renate!


© Martina Pfannenschmidt, 2014

Kommentare:

  1. Jetzt hättest du mich laut lachen hören! Warum meinen wir Frauen immer, dass nur wir älter werden? Wunderbar deine Geschichte, besonders gefiel mir der Trost von der Zunahme, nur ein Kilo pro Jahr, das ist wirklich nicht schlimm, hahahaaa!
    Martina, danke für die Schmunzel-Geschichte, gehe mit einem Grinsen in den Tag, Lore

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    1. Da freue ich mich doch, wenn ich dir einen Schmunzel-Vormittag bereitet habe! Danke und LG Martina

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  2. hihi o jee ich dahcte da sgerade wenn die Schuklfreundin um die Ecke biegt und tatsächlich war es und ich musste lachen du hast das so toll beschreiben wenn ich ehrlich bin kenne ich das genauso nur ich werde mich heute nicht mehr verbiegen aber kann Frau wirklich einfach so sein gerade *zwinker* in unser Alter ach jee diese Geschichte ist zum schreien ..und ich fege meine blöden Gedanken vom abnehmen mal wieder weg undwie ich aussehe sondern geniesse mein Leben voller Züge egal wie andere aussehen ich bin ich!
    Toll danke für deine lachende aber aus dem Leben gegriffene Geschichte!
    Lieben Gruss Elke

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    1. Es ist schon so: wir sollten uns selbst lieben und gefallen, dann strahlen wir dies aus und anderen ist es völlig egal, ob wir ein paar Pfunde zu viel auf den Rippen haben!
      LG Martina

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  3. Oh, das ist gut! Da muß sie nicht mehr "klimakterium"rot färben. Ich bezweifle, daß sie die rotgefärbten Haare jugendlicher machen würden. Wenn man sich so umsieht, ist eher das Gegenteil der Fall.
    Schön, daß sich die beiden so überraschend treffen, das ist sicher "eine Gaudi". Gern würd ich dabeisitzen und zuhören, was sie sich erzählen!

    Danke für die coole Geschichte, Martina!

    Alles Liebe
    Eva :)

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    1. Da wird es viel zu erzählen und zu lachen gegeben haben. Ich erinnere mich an eine Kollegin, die erzählte, dass sie immer in höchst unglücklichen Momenten knallrot wurde - nicht (so wie mit 15 aus Scham), sondern klimakteriumrot! ;-) LG Martina

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  4. Das ist lustig und zum Lachen. Vielen Dank für die schöne Geschichte. Ich schau denn bei Regina vorbei.
    LG Elke

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    1. Danke, Elke! Schön, wenn ich ein Lächeln auf dein Gesicht zaubern konnte! LG Martina

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  5. Ach du Liebe, wie süß und passend ist das denn *hihi*
    es trifft nicht alles zu aber ein paar Dinge schon und eine Schulfreundin Namen`s Uschi hatte ich auch. Sie lebt aber auch noch hier im Ort und wir sehen uns hin und wieder.
    Das klimaterische Schwitzen kenne ich auch seeeehr gut und pssst nur unter uns, meine Haare wären auch schon grau ;-)
    Wohlgemerkt "wären" *hihi* da möchte ich jetzt doch Wert drauf legen *zwinker*
    Juchuhh, heute war ich noch am frühen mittag bei dir zu Besuch ( heute regnets auch und ich hatte um zwölf Feierabend und die Männer kommen erst um halb fünf )
    und bevor ich noch mehr aus dem Nähkästchen plaudere sende ich mal lieber ab ;-)
    Ich wünsche dir noch einen schönen Resttag und grüße dich
    gaaaanz <3lich Renate
    PS: hab auch noch zu ein paar "Antworten" geschrieben ;o)

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    1. Sorry, sechs mal das Wörtchen auch in meinem Kommentar aber ganz vergessen zu schreiben, dass mir deine Geschichte RICHTIG GUT gefällt ;o)

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    2. Immer, wenn ich gerade auf deine Kommentare antworten wollte, kam ein Anruf. Ich hoffe, jetzt kann ich mal in einem Rutsch dran bleiben. Danke für den lieben Kommentar zu meiner heutigen Geschichte. Irgendwie finden wir uns alle so ein gaaannz kleines bisschen in dieser Geschichte wieder. Aber wirklich nur ein wenig! Danke und LG Martina

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  6. Liebe Marina, eine Geschichte mitten aus dem Leben, herrlich! Auch mich hast Du zum schmunzeln gebracht! Danke dafür!
    Ich wünsch Dir noch einen schönen und gemütlichen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. An diesem trüben Tag kommt eine heitere Geschichte doch gerade recht!
      Danke und LG Martina

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  7. Hallo liebe Martina,
    eine Geschichte aus dem Leben, mich hast du auch zzum Lachen gebracht, weil ich mich doch so gut in die Situation versetzen konnte! Klasse!
    Herzliche Grüße
    Regina

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    1. Es waren deine Wörter, liebe Regina, die mich zu dieser Geschichte brachten!!!
      Und nun bist du schon wieder dran. Such bloß 'nette' Wörter aus !!! LG Martina

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  8. Hallo Martina
    Eine Geschichte zum Schmunzeln sehr schön geschrieben Danke
    Lieben Gruß Joachim

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    1. Lieber Joachim, ich freue mich, dass ich mit dieser 'Frauengeschichte' auch dich zum Schmunzeln bringen konnte! Danke für deinen Kommentar! Martina

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