Mittwoch, 29. Oktober 2014

Balladen

Gestern Abend war ich eingeladen. Eine frühere Lehrerin las Gedichte bzw. Balladen und sie hatte mich im Vorfeld gefragt, ob ich sie dabei unterstützen würde. Das habe ich sehr gerne zugesagt. Als sie mir die Gedichte zukommen ließ, die ich lesen sollte, habe ich mich sehr gefreut, denn es war die Ballade ‚Das Gewitter’ darunter. Sofort wurde ich an meine Mutter erinnert. Das Gedicht beginnt so: ‚Urahne, Großmutter, Mutter und Kind in dumpfer Stube beisammen sind.’  
Da wir vor einigen Jahren genau diese Situation hatten, zitierte sie zu jeder Mittagsmahlzeit, die wir vier 'Frauen' gemeinsam einnahmen, den Beginn dieses Gedichts, das leider ziemlich grauenvoll endet. Es will uns wohl sagen, dass wir uns nicht zu sehr in alltäglichen Dingen verstricken, sondern uns darauf besinnen sollen, dass alles schnell ein Ende haben kann. 
Meine Mutter war also die Urgroßmutter, fast 90 Jahre alt. Ich war Anfang 50, meine Tochter Mitte 20 und die Kleine, unser erstes Enkelkind, gerade geboren - und wir lebten alle zusammen in unserem Haus. 
Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, dann war es eine ganz besonders kostbare Zeit, die auch nicht lange währte. Es freut mich, dass unsere Enkelin noch eine gute Erinnerung an ihre Urgroßmutter, die damals schon krank war, hat. Die Kleine ging jeden Morgen mit ihrem geschmierten Brot zu ihr, denn es war für sie etwas ganz Besonderes, mit ihrer Urgroßmutter gemeinsam zu frühstücken. Beide haben diese Zeit genossen. Schön, dass es so war!

Das Gewitter 

Gustav Schwab


Urahne, Großmutter, Mutter und Kind 
In dumpfer Stube beisammen sind. 
Es spielet das Kind, die Mutter sich schmückt, 
Großmutter spinnet, Urahne gebückt 
Sitzt hinter dem Ofen im Pfühl. 
Wie wehen die Lüfte so schwül!


Das Kind spricht: "Morgen ist's Feiertag! 
Wie will ich spielen im grünen Hag, 
Wie will ich springen durch Tal und Höhn, 
Wie will ich pflücken viel Blumen schön; 
Dem Anger, dem bin ich hold! 
Hört ihr's, wie der Donner grollt?"


Die Mutter spricht: "Morgen ist's Feiertag! 
Da halten wir alle fröhlich Gelag', 
Ich selber, ich rüste mein Feierkleid; 
Das Leben, es hat auch Lust nach Leid, 
Dann scheint die Sonne wie Gold! 
Hört ihr's, wie der Donner grollt?"


Großmutter spricht: "Morgen ist's Feiertag! 
Großmutter hat keinen Feiertag. 
Sie kochet das Mahl, sie spinnet das Kleid, 
Das Leben ist Sorg' und viel Arbeit; 
Wohl dem, der tat, was er sollt'. 
Hört ihr's, wie der Donner grollt?"


Urahne spricht: "Morgen ist's Feiertag! 
Am liebsten morgen ich sterben mag: 
Ich kann nicht singen und scherzen mehr, 
Ich kann nicht sorgen und schaffen schwer, 
Was tu' ich noch auf der Welt? 
Seht ihr, wie der Blitz dort fällt?"


Sie hören's nicht, sie sehen's nicht, 
Es flammet die Stube wie lauter Licht: 
Urahne, Großmutter, Mutter und Kind 
Vom Strahl miteinander getroffen sind, 
Vier Leben endet ein Schlag 
Und morgen ist's Feiertag.

Kommentare:

  1. Hallo Martina,
    das ist in der Tat selten und um so schöner, wenn die Urgroßeltern noch leben, wenn ihre Urenkel geboren werden. In meiner Familie hat es so etwas weder bei mir als Kind gegeben, noch bei unseren eigenen Kindern (unsere ältesten haben weder einen Partner geschweige denn Kinder).

    Gruß Dieter

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    1. Es ist mir damals gar nicht so aufgefallen, wie 'besonders' diese Situation war. Manchmal muss man selbst wohl auch erst reifer werden, um bestimmte Dinge besser schätzen zu lernen. Danke für den Kommentar! Martina

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  2. Danke, Lore, schönes Gedicht, es versinnbildlicht die einzelnen Lebensalter und ihre Einstellung. Feiertag ist nicht immer Feiertag ...

    Alles Liebe
    Eva :)

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  3. Hallo Martina,
    ja, was ist das denn für ein Ende? Vier Leben endet ein Schlag! Ein Feiertag?
    An die Schnur im Schlafzimmer kann ich mich übrigens auch noch erinnern, die hatten meine Eltern auch noch und ich zog mit Vorliebe an diesem hellblau gehäkelten Etwas.
    LG
    Manu

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    1. Eine schaurige Geschichte, dass ist wohl wahr. Aber weißt du was: sie beruht auf einer wahren Begebenheit. Passiert ist dieses Unglück in Tuttlingen, ich glaube 1828. Nach dieser wahren Begebenheit entstand das Gedicht.
      Übrigens war die Schnur bei meinen Großeltern rot!!! LG Martina

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  4. Hui, eine traurige Geschichte.
    Und bestimmt auch nicht leicht vorzutragen.
    Aber liebe Martina, dass ihr mit vier Generationen unter einem Dach leben durftet ist heutzutage sicher was seeeehr aussergewöhnliches und wenn es wie bei euch harmonisch war, was seeeehr wertvolles.
    Soooo schön dass dein Enkelkind die Uroma noch erleben durfte udn es ist tatsächlich so, dass man vieles einfach erst zu schätzen und den Wert dieser Zeit erkennen lernt, wenn man selber etwas älter ist.
    gaaaaanz <3liche Grüße von mir ( dass ist mir zwischendurch auch immer gaaaanz wichtig !! )
    und besonders lieben Dank für deine treuen Besuche bei mir *****
    ohne deine Zeilen würde mir echt was fehlen ;O) .....

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    1. Es war gar nicht so einfach, es vorzutragen. Da hast du recht. Doch der 'Höhepunkt' war 'Der Feuerreiter'. Der hat mich echt gefordert. Aber es war ein wunderschöner Abend, den ich gerne wiederholen möchte! LG Martina

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    2. Der Feuerreiter *wow*
      Ich finde es so faszinierend, wenn man Gedichte oder ähnliches lebhaft vortragen kann.
      Bin zwar auch jemand der seeeehr gerne liest, aber in der Öffentlichkeit uiui, dass könnte ich nicht !!
      Lest ihr dann in einer kleinen Runde oder in einem großen Saal ?
      ;O)

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    3. Beim ersten Lesen - damals waren es meine eigenen Geschichten - hatte ich echt Lampenfieber und Muffensausen. Doch inzwischen hat es sich etwas gelegt. Ich gestehe aber, dass ich immer vorher übe, laut zu lesen. Dass ist doch etwas anderes, als für sich leise zu lesen. Der Abend fand im sog. 'Haus der Begegnung' statt. Das ist ein kleines Fachwerkhaus in unserem Ort, ganz in der Nähe meines Zuhauses. Es kamen 20 Personen. Mit mehr war auch nicht zu rechnen. So, jetzt hüpfe ich weiter - allerdings unter die Dusche ;-)!!!! Danke für deine netten Kommentare - ich freu mich schon auf das nächste Mal! Freu!!!
      LG Martina

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    4. AHA,
      ja beim lauten Vorlesen und eben auch vor Puplikum sind wohl die Betonungen und die richtigen Pausen um Spannung zu erzeugen ohne Übung nicht so gut umzusetzen.
      Mit 20 Personen ist es doch auch eine schöne kleine Runde ;-)
      Allein der Name des Hauses hört sich schon seeeehr einladend an.
      ;O)

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