Dienstag, 14. Oktober 2014

Danke für alle guten Gaben

Die Reizwörter für die heutige Geschichte waren:
Unfug – Turm – scherzen – vergraulen – kichern
Die Wörter führten mich zu einer Geschichte, 
die sich besonders für Kinder eignet, da sie, in abgewandelter Form,
unter anderem von Noah und dem Bau der Arche erzählt.



„Was denkt ihr“, flüsterte Stups seinen Geschwistern zu, „verdammt dunkel hier. Ob das der richtige Ort für uns ist?“ Pips, Sweety und Krümel sahen sich scheu um. Stups hatte Recht. Es war wirklich dunkel und auch ein bisschen unheimlich. Krümel, der Kleinste unter den Geschwistern, antwortete ängstlich: „Ich glaub, wir sollten lieber wieder gehen!“ Doch die anderen waren mutiger und beschlossen, sich zunächst einmal genauer um zusehen.
Die vier Mäuse wohnten bisher auf einem Bauernhof, doch ein großer schwarzer Kater, der ihnen ständig auflauerte, hatte sie dort vergrault. Es glich überhaupt einem Wunder, dass sie noch lebten und ihm nicht bereits zum Opfer gefallen waren.  
Deshalb hatten sie sich auf den Weg gemacht, um sich ein neues Zuhause zu suchen. Als sie dieses riesige Gebäude mit dem gigantischen Turm gesehen hatten, war ihnen klar: dort müssen wir hinein. Da sind wir bestimmt sicher.
Schnell fanden sie einen kleinen Spalt im Mauerwerk, durch das sie sich ins Innere dieses großen Gebäudes begeben konnten.
„Schau mal“, scherzte Pips, um die Situation aufzulockern und zog dabei eine lustige Grimasse, „dort die Nase von der komischen Figur, die ist genau so schief, wie das kleine spitze Schnäuzchen unserer kleinen Sweety“. Krümel kicherte, doch Stups, der Älteste, herrschte Pips scharf an. „Rede keinen Unfug. Schau dir lieber deine eigene Nase an.“ Schon herrschte Ruhe.
Die Vier rannten einen ziemlich langen Gang entlang, der zu einem wunderschönen Raum führte. Hier war es nicht mehr so dunkel, denn durch die herrlich bunten Fenster fiel das Licht direkt auf einen großen Tisch. Dort standen Blumen und Kerzen und ein Kreuz aus Holz, an dem ein Mann hing, der aus einigen Wunden blutete.
„Ich glaube“, stotterte Sweety, „wir sollten uns lieber verkrümeln, sonst enden wir genau, wie der Mann dort an dem Kreuz.“
„Aber das ist doch Jesus“, fuhr Stups seine Schwester an. „Unsere Mutter hat uns doch oft von ihm erzählt. Und jetzt weiß ich auch, wo wir sind. Wir sind in einer Kirche“.
„Aber sagt man nicht von den Mäusen, die hier leben, sie seien arm?“, erkundigte sich Pips, "arm wie eine Kirchenmaus?"
„Hier müssen wir bestimmt verhungern“, gab Krümel zu bedenken, bekam darauf jedoch keine Antwort, denn die anderen kannten das schon. Krümel hatte ständig Angst und sah immer alles nur schwarz.
Dann machten sie sich auf die Suche nach etwas Essbarem, da sich große Löcher in ihren Bäuchen auftaten. An einem Tischbein wurden sie fündig. Dort lag vom letzten Abendmahl ein kleines Stückchen trockenen Brots, das dem alten Hermann aus seiner zitternden Hand gefallen war. Ein großes Glück für die Mäuse, auch wenn es schon ziemlich trocken war, so schmeckte es ihnen doch sehr gut. In jedem Fall beschlossen sie, zunächst einmal in diesem Gemäuer zu bleiben.
Hin und wieder betrat ein Mensch die Kirche, setzte sich in eine der vielen Bankreihen und betete, oder zündete eine Kerze an. Das war ein Segen für die kleinen Spitzmäuse, denn dort konnten sie sich aufwärmen oder im Schein der Kerze Geschichten erzählen.
Stups war ein besonders guter Geschichtenerzähler und so bettelten seine Geschwister so lange, bis er sich erweichen ließ.
„Man erzählt sich“, so begann er, „dass Gott wütend war, weil die Menschen Krieg gegeneinander führten und böse waren. Deshalb beschloss er, den Menschen eine Sintflut zu schicken, also ganz viel Regen, der alles überfluten sollte. Doch Gott wollte, dass ein Mann, der Noah hieß, gemeinsam mit seiner Familie überlebte, denn Noah war ein guter Mensch und so erschien Gott Noah in seinen Träumen und sagte ihm, dass er ihn mit dem Bau eines sehr großen Schiffes, einer Arche, beauftragen würde. Und weil Noah sehr gläubig und gottesfürchtig war, begab er sich sogleich an die Arbeit. Es dauerte eine Weile, bis er damit fertig war. Dann ordnete Gott an, dass sich immer zwei Tiere von jeder Art auf den Weg zur Arche machen sollten, damit sie diese Sintflut überleben könnten. Alle Tiere folgten diesem Aufruf, nur die nicht, die im Meer lebten, die brauchten keinen Platz in der Arche. Sie konnten ja schwimmen. Zwei Flöhe kamen im Fell eines Hundes an Bord. Die anderen gingen oder flogen. Als das Schiff schon voll besetzt war, schaute Noah, bevor er die Luke schloss, noch einmal genau nach, ob auch wirklich alle Tiere ihren Platz eingenommen hatten. Und was denkt ihr, waren alle da?“, fragte Stups seine Geschwister.
„Keine Ahnung“, meinte Sweety.
„Ich glaub schon“, war Pips sicher, „denn alle Arten wollten ja überleben.“
„Was denkst du“, sprach Stups Krümel an, „waren alle an Bord?“
„Bestimmt nicht. Bestimmt hat ein Tier verschlafen oder gar nicht davon gehört“, erwiderte er.
„Ganz genau so war es. Man hatte vergessen, uns Spitzmäuse zu benachrichtigen. Als Noah dies auffiel und er los laufen wollte, um unsere Vorfahren zu holen, hielten die anderen Tiere ihn auf, weil sie meinten, wir seien doch sowieso nicht nützlich. Doch da wurde Noah sehr böse und fragte sie, wer ihnen das Recht dazu gäbe, darüber zu urteilen, denn alles was Gott erschaffen habe, sei wertvoll, sinnvoll und auch nützlich. Da schämten sich die anderen, weil sie so schlecht von uns gesprochen und gedacht hatten. Schnell liefen einige los, um zwei unserer Vorfahren zu holen. Gerade noch rechtzeitig schafften sie es zurück. Dann schloss Noah die Luke und die Arche trieb davon. Genau wie Gott gesagt hatte, ließ er es 40 Tage lang sehr stark regnen. Als es aufgehört hatte zu regnen, schickte Noah eine Taube aus, um zu schauen, ob das Wasser bereits fort war. Als sie kurz darauf mit einem Ölzweig im Schnabel zurückkam, als Beweis dafür, dass es an Land wieder grün war, öffnete Noah das große Tor und die Tiere verließen die Arche. Zuerst durften die großen Tiere das Schiff verlassen, dann die kleineren und zuallerletzt verließen zwei Spitzmäuse die Arche. Am Himmel über ihnen stand dabei ein großer Regenbogen, das Zeichen Gottes, dass es einen neuen Anfang für alle Menschen und Tiere auf der Erde geben würde.“
Die drei Geschwister hatten ihrem großen Bruder aufmerksam zugehört und waren ganz angetan von seinen Ausführungen. Dann wurde die Kirchentür geöffnet und mehrere Männer trugen etwas in die Kirche, was sich als ein großer Schatz für die Spitzmäuse zeigte, denn es handelte sich um einen riesengroßen Erntekranz, den die Menschen als Dank für eine gute Ernte aus den unterschiedlichsten Getreidesorten gebunden hatten. Das war wie ein reichlich gedeckter Tisch für die Mäuse.
„Lasst uns auch Gott danken“, sagte Stups und seine Stimme klang bewegt, „dass er auch an uns denkt und uns so reichlich beschenkt.“
Als die Menschen die Kirche wieder verließen, hielten sie inne, denn sie hatten für einen kurzen Augenblick den Eindruck, als sei jemand im Altarraum, der leise Gott preiste und ein Dankgebet sprach.

© Martina Pfannenschmidt, 2014

Weitere Geschichten lest ihr bei:
EVA - LORE - REGINA

Kommentare:

  1. DANKE, für eine wieder sehr schöne und nachdenklich machenden Geschichte, liebe Martina!
    Ich wünsch Dir einen wunderschönen Tag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. Danke für deine schmeichelhaften Worte!
      Alles Liebe für dich! Martina

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  2. Heute macht ihr mir Konkurrenz, was für ein märchenhafter Tag. Schön deine Gechichte und wenn so die Bibel für Kinder erzählt würde, das würde ihnen bestimmt gefallen.
    Süß deine vier Mäuse und das mit dem Erntedankkranz hast. du gut gemacht, so bekommen sie reichlich Nahrung (kichern)
    Wünsche dir einen schönen Tag, soll ja bei euch auch die Sonne scheinen.
    Wir haben ja heute unseren berühmten blauweißen Himmel,Lore

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    1. Konkurrenz?! In keinem Fall!. Du bist ganz vorne an der Märchenfront und ich werde nur hin und wieder zaghafte Versuche in Richtung 'Kinderwelt' unternehmen. Danke für deine lieben Worte - übrigens ist unser Himmel heute auch bayrisch schön! LG Martina

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  3. Danke, Martina, tolle Wendung und wundervolles Ende!

    Echt gut, was Dir alles einfällt!

    Alles Liebe
    Eva :)

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    1. Ich freue mich sehr über deine Worte! Vielen Dank!
      Martina

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  4. Liebe Martina,
    das ist eine wunderbare Geschichte, die ich meinem Lukas mal vorlesen möchte. Sicher wird er sie lieben, so wie ich!
    Herzliche Grüße
    Regina

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    1. Oh, hoffentlich kann ich vor Lukas bestehen. Der ist von seiner Oma nämlich gute Geschichten gewöhnt. Hoffentlich gefällt ihm auch meine! LG Martina

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    2. Ich bin davon überzeugt, dass sie ihm gefallen wird! :)

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  5. Wieder einmal eine sehr schöne Geschichte mit "süßen kleinen Mäuschen", würde meine Tochter sagen. Ich mag "echte Mäuse" leider überhaupt nicht, aber in Geschichten dürfen sie ruhig vorkommen.
    LG Elke

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    1. Dank Google weiß ich, dass Spitzmäuse gar nicht zur Gattung der Mäuse gehören - was sagt man denn dazu?!? Danke für den Kommentar! Martina

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  6. Wie toll diese Geschichte von der Arche Noah und die vergessene Spitzmäuse und durch diese Geschwistermäuse erzählt.. wunderschön ist sie, gerade das Ende ist nochmal so berührend zum aufhorchen!
    Lieben Gruss Elke

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    1. Vielen Dank für deinen lieben Kommentar! Martina

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  7. Liebe Martina,
    soooo schön ist deine Geschichte !!
    und ich möchte doch mal schauen, ob ich in den nächsten Tagen auch Eva-Lore-und Reginas Geschichten dazu lese.
    Bin mir aber erst noch ein Seil am klöppeln, dass ich die exakte Nussbaumhöhe ermitteln kann *hihi*
    und siehst du mal, jetzt weißt du wo die Kopfnuss herkommt ;-) ;-)
    ...... muss dann mal wieder los, weiter klöppeln
    tschüß bis morgen ;o)

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    1. Wir freuen uns immer, wenn wir Leser für unsere Geschichten 'finden', denn nur dann macht es Sinn, welche zu schreiben. Lore und Regina habe ich durch das Schreiben kennen gelernt. Die beiden sind in dieser Hinsicht 'alte Hasen' und ich habe viel von ihnen gelernt, denn ich schreibe ja erst seit 2 Jahren. Lore ist eine ganz hervorragende Märchenerzählerin, was der Name ihres Blogs ja auch schon verrät und Regina schreibt glaube ich seit sie schreiben kann schon Geschichten und Gedichte. Was ich mit dieser langen Vorrede sagen möchte: sie sind richtig gut im Geschichten-Schreiben!!!
      Ich habe es gerade gegoogelt, wie viel Kalorien man beim Klöppeln verliert und jetzt kommt die schlimme Nachricht für dich: das ist verdammt wenig. Das Klettern würde es bringen. Deshalb wäre mein Vorschlag: geh in den nächsten Baumarkt, kauf dir ein Seil und beginne zu klettern, das bringt mehr, als das Klöppeln ;-) ;-)!!!!! Bis dann! Martina

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    2. Bevor ich jetzt nochmal den PC runterfahre und mich meiner Familie widme, möchte ich doch noch geschwind bei dir HALLO und *DANKE* sagen. Du bist echt klasse ;O)
      Hab gestern meinem Mann erzählt, dass du doch die genaue Höhe vom Nussbaum wissen wolltest und ich wohl oder übel da rauf muss !!!!!
      Seine Antwort : OJE DER ARME BAUM *tss*
      bis später, <3lichste Grüße von der Klöppelliese ;o)

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  8. Ach bin ich glücklich, dass die Protagonisten-Mäuse sich als Spitzmäuse enlarvt hatten. ;-) Ich hätte sonst ein schlechtes Gewissen als veganer Hundehalter, der seinen 4-beinigen Anhang die Mäusejagd zuläßt. Denn Spitzmäuse werden gemieden und verwehrt, die richtig nach Moschus.

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    1. Verrats nicht weiter, aber Spitzmäuse gehören gar nicht zur Gattung der Mäuse. Darum werden sie (neben dem Moschus) wohl von deinen Vierbeinern nicht so gemocht!! Sind wohl doch keine echten Veganer, die beiden?!?!? :) :) :) Martina

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  9. Katzen mögen Spitzmäuse auch nicht fressen !!!!
    ;o)

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  10. Echt gut deine Mäuschengeschichte, muss man erst mal draufkommen, dass du die Arche Noa Geschichte da mit einbindest, toll liebe Martina! LG Gerda Reichhart

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