Sonntag, 2. November 2014

Der Erlkönig - die etwas andere Interpretation

Ich habe euch doch von dem Balladen-Abend erzählt. Heute möchte ich noch einmal darauf zurückkommen mit einer höchst interessanten, ja brisanten, Interpretation des bekannten Erlkönig. (Übrigens handelt es sich dabei um einen Übersetzungsfehler. Es müsste eigentlich ' Der Elfenkönig’ heißen.)

So kennen wir das Gedicht wohl alle:

Erlkönig


Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.

"Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?"
"Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron und Schweif?"
"Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif."

"Du liebes Kind, komm', geh' mit mir!
Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;
Manch bunte Blumen sind an dem Strand;
Meine Mutter hat manch gülden Gewand."

"Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht?"
"Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind!
In dürren Blättern säuselt der Wind."

"Willst, feiner Knabe, du mit mir geh'n?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein."

"Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort?"
"Mein Sohn, mein Sohn, ich seh' es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau."

"Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt."
"Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan!"

Dem Vater grauset's, er reitet geschwind,
Er hält in Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.

Die Dame, die den Abend vorbereitet hatte, machte im Internet eine interessante Entdeckung. Leider kann ich es im Netz nicht finden, deshalb muss ich versuchen, es euch mit meinen Worten zu beschreiben. 

Wir haben an dem Abend die einzelnen Texte, die der Erlkönig, der Sohn und der Vater sprechen, hintereinander gelesen. Lest und staunt:

Das sagt der Erlkönig:
"Du liebes Kind, komm', geh' mit mir!
Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;
Manch bunte Blumen sind an dem Strand;
Meine Mutter hat manch gülden Gewand."
"Willst, feiner Knabe, du mit mir geh'n?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein."
"Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt."

Hier wird uns bewusst, dass der Erlkönig das Kind verführen will. Er lockt es und schmeichelt ihm und dann droht er ihm, wenn er nicht ‚willig’ sei, Gewalt an – er missbraucht das Kind!!!

Das sagt der Junge:
"Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht?"
"Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort?"
"Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan!"

Der Sohn weist seinen Vater darauf hin, dass der Erlkönig ihn verführen will, ihn anfasst und ihm Leid antut. Und so reagiert der Vater:

Den Erlenkönig mit Kron und Schweif?"
"Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif."
"Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind!
In dürren Blättern säuselt der Wind."
"Mein Sohn, mein Sohn, ich seh' es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau."

Er glaubt seinem Sohn nicht, nimmt nicht ernst, was er sagt. Das ist doch alles Unfug, Nebelschleier. Das denkst du dir doch nur aus! (Reagieren Eltern so, wenn Kinder sich ihnen anvertrauen?)

Und so endet es: 
Dem Vater grauset's, er reitet geschwind,
Er hält in Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.

Der Vater erkennt dann doch, was geschehen ist. ‚In seinen Armen das KIND war tot.’  -  Der Junge ist nicht verstorben. Er ist 'nur' kein Kind mehr. Er ist quasi seelisch gestorben und seine Kindheit war schlagartig vorüber!!!!

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich das Gedicht noch niemals so gesehen habe und ich war wirklich geschockt! War euch das so bewusst? Mir nicht!!





Kommentare:

  1. Hallo liebe Martina, heute bin ich wieder bei dir ;O)
    Ich kenne das Gedicht so, wir hatten es in der Realschule auch auf diese Weise "auseinandergewickelt" und besprochen und seid dieser Zeit finde ich es unheimlich.
    Und wie war es doch noch bis in die heutige Zeit geblieben ist ;-/
    Ich finde deinen Post sehr gut und sehr wichtig !!
    gaaaanz <3liche Grüße von mir ;O) .....

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Da kannst du mal sehen, wie unbedarft ich immer an dieses Gedicht gegangen bin. Wahrscheinlich habe ich in der Schule an dem Tag gefehlt, als man es in dieser Form interpretierte. Ich war wirklich erschüttert. Ein Thema, das uns leider bis in die heutige Zeit begleitet - aber auch damals schon. Das zu erkennen, machte mich glaube ich so fassungslos!

      Löschen
  2. Ich kannte das Gedicht zu meiner Schande gar nicht, aber auch ohne das "Auseindernehmen" zur Verständnis, habe ich es nach einmaliger und erster Lesung genau so für mich interpretiert, wobei ich - und das "muss ich mal sagen - wegen dieser ungenauen letzten Zeile ein wenig enttäuscht war. Ich hätte da vielleicht noch ein "quasi" oder irgend etwas anderes eingebaut, damit die Botschaft deutlicher wird. Der Schreiberling stellt so einen zu hohen Anspruch an die Leser.
    So oder so, ich bin bei deiner Schlussfolgerung: Unglaublich, und doch nicht ganz (ver-)wunderlich, die Erkenntnis aus einer längst vergangene Welt [nach Wikipedia-Nachkucken: 1782].

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Als wir das Gedicht so - wie oben beschrieben - gelesen haben, habe ich mich auch gefragt, weshalb ich das nicht gleich erfasst und durchschaut habe, was es aussagen will, dies Gedicht.. Ich war wohl zu unbedarft und zu jung - damals in der Schulzeit -, um es begreifen zu können. Der Schreiberling, ein Mann namens Goethe :-) - wird es ganz bewusst so gehalten haben, dass er eben nicht mit einem -quasi oder so - gearbeitet hat. Überleg mal: 1782. Wenn da jemand öffentlich darüber schrieb, dass es vorkam, das Männer Jungs verführen. Ich weiß nicht, was man mit ihm gemacht hätte.
      So und nun bin ich sooooowas von stolz darauf, dass ich mich tiefer in die Sache hineingedacht habe, als du!!! Bin gespannt, was du dazu sagst - aber wahrscheinlich nimmst du meine Gedanken jetzt 'auseinander' - oder doch nicht?!?! ;-) LG Martina

      Löschen
  3. Liebe Martina,
    dieses Gedicht in der Originalfassung hat mich schon seit meiner Jugend immer irgendwie bewegt.
    Ich fand es gruselig und bedrückend und verstand , eigentlich bis heute nicht so richtig, was wohl damit ausgesagt werden sollte !
    Nun bin ich sehr beeindruckt von dieser neuen Fassung.
    Das ist ja erschütternd und man sollte es immer zum Original mit hernehmen. In den Schulen, meine ich, oder wird das schon gemacht ?
    Bei uns damals, ich bin 64, war das noch nicht der Fall.
    Danke fürs posten.
    Liebe Grüße
    Jutta

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich habe keine Ahnung, wie das in den Schulen gehandhabt wird, aber ich denke schon, dass man heute offen darüber spricht und auch diese Interpretation kennt. Mir ging es wie dir. Ich wusste auch nicht so recht, was es aussagen sollte. Es war nur irgendwie bedrückend. Das ist genau das richtige Wort! Jetzt wissen wir, warum!
      LG Martina

      Löschen