Dienstag, 9. Dezember 2014

Gleich und gleich gesellt sich gern

Heute gibt es eine neue Geschichte zu diesen Wörtern:
Schlankheitskur – Schönheitswahn – hungrig – zerzaust – dumm
Versäumt nicht, auch bei CHRISTINE, EVA, LORE und REGINA zu lesen!!!


Dort stand sie wieder auf dem Pausenhof – umringt von anderen jungen Menschen. Sie war nicht nur hübsch, sie war auch noch intelligent. Ihre blonden lockigen Haare waren lang und ihren schlanken Körper umhüllten Markenklamotten. Bestimmt würde sie eines Tages ein Top-Model werden und sich einen stinkreichen Mann angeln. Und dann trug sie auch noch diesen bemerkenswerten Vornamen: Viktoria. Vor ein paar Tagen hatte Andrea nach der Bedeutung gesucht. Sie hatte gehofft, dass er vielleicht ‚die Hässliche’ bedeuten könne, doch leider war das nicht der Fall. Er bedeutete: ‚die Siegerin’. Auch das noch! Viktoria war einfach perfekt und auf der ganzen Linie eine Siegerin!
Andrea hatte auch nach ihrem Namen geschaut. Er bedeutete mannhaft, tapfer. Auch das passte. Ja, sie musste tapfer sein, schon immer. Ihr Vater war sehr früh verstorben und sie lebte mit ihrer Mutter alleine. Die Zeit nach seinem Tod war sehr schwierig für sie und ihre Mama gewesen und beide hatten eine Schutzmauer um sich herum gebaut. Sie bestand aus einigen Kilos, die sie zu viel auf den Hüften trugen.
Einmal, ein einziges Mal wünschte sich Andrea, nicht die Außenseiterin zu sein, sondern auch im Mittelpunkt zu stehen. Doch wer sollte sie schon mögen. Sie war zwar auch nicht dumm und eine gute Schülerin, doch beliebt machte sie das trotzdem nicht. Für ihre Klassenkameraden war sie nur interessant, wenn es darum ging, von ihr abzuschreiben.
Dann öffnete Andrea ihre Brotdose. Besonders hungrig war sie zwar nicht, doch ihre Mutter hatte ihr ein deftiges Pausenbrot geschmiert und das verzehrte sie jetzt. Als es zur nächsten Stunde schellte, schlurfte sie zurück in ihre Klasse. Dass der Wind ihre Haare zerzaust hatte, störte sie weiter nicht. Es würde sowieso niemandem auffallen.
Andrea ging zu ihrem Platz. Sie saß alleine am Tisch. Mit ihrem Selbstwertgefühl war es nicht weit her, aber sie hatte ja ihre Schokolade, die sie heimlich während der Schulstunde aß und die ihr Trost spendete.
Als der Lehrer den Klassenraum betrat, wurde es plötzlich mucksmäuschenstill. Alle schauten in seine Richtung, denn er war nicht alleine. Ein auffallend gut aussehender Junge war an seiner Seite. Der Lehrer stellte ihn als neuen Schüler dieser Schule und Klasse vor. Dann zeigte der Lehrer in ihre Richtung und meinte: „Danny, vielleicht nimmst du dort neben Andrea Platz.“ Im gleichen Moment wurde ihr heiß und kalt. Danny trat an ihren Tisch und setzte sich. Das Einzige, was Andrea in diesem Moment dachte, war: ‚Hoffentlich sieht er nicht die Schokolade unter meinem Tisch’, als genau dies geschah. Sie folgte seinem Blick und der führte genau dort hin. Dann flüsterte er ihr mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht zu: „Teilst du sie mit mir?“ Andrea wäre am liebsten im Erdboden versunken. Da dies aber leider nicht möglich war, nickte sie nur und schob ihm die Schokolade zu. Er bedankte sich und brach sogleich ein Stückchen ab. „Ziemlich windig heute“, flüsterte er ihr zu, was Andrea vollends aus der Fassung brachte. Mit ein paar Handgriffen versuchte sie, ihre Haare zu ordnen, was ihr aber nur mäßig gelang. Noch nie, niemals in ihrem Leben, hatte sie sich so geschämt, wie in diesem Moment.
Nach Schulschluss rannte sie nach Hause, warf sich auf ihr Bett und hätte am liebsten in ihr Kissen geschluchzt. Doch so war sie nicht. Sie weinte nie oder sehr selten und wenn, dann nur heimlich. Und zum Trost gab es ja Süßigkeiten.
Plötzlich sprang Andrea auf und stellte sich vor den Spiegel. Dann sprach sie zu ihm: „Du bist gemein und weißt du warum? Weil du mir die Wahrheit zeigst und die ist nur schwer zu ertragen.“ Andrea drehte und wendete sich vor ihm, doch es wurde nicht besser. Ganz im Gegenteil. Das, was er ihr zeigte, schockte sie. Sooo hatte sie sich schon lange nicht mehr betrachtet. Wie sie ausschaute! Ihre Haare hatten keinen Schnitt mehr, doch sie glänzten. Das konnte aber auch daran liegen, dass sie diese länger nicht gewaschen hatte. Spontan griff sie zu ihrem Sparschwein und zerschlug es. Das würde reichen. Mit dem Geld in der Tasche lief sie Richtung Innenstadt. Dort gab es einen Friseur, bei dem man sich nicht anmelden musste. Zielstrebig ging sie dort hin. Er besah ihre Haare, schaute Andrea ein wenig mitleidig an und meinte: „Du hast sie aber ziemlich vernachlässigt in der letzten Zeit. Aber sie haben eine gute Struktur. Was sollen wir denn daraus zaubern?“
„Mir egal“, antwortete Andrea. Der Friseur starrte sie an. „Also, dass habe ich bei einem Mädchen in deinem Alter noch nie erlebt. Die kommen meistens mit einem Bildchen in der Hand und wollen genau diesen Schnitt und dir ist es egal? Das kann ich gar nicht glauben. Pass mal auf, wir schauen uns jetzt zusammen ein paar Bücher an und dann überlegen wir, welche Frisur am besten zu deinem Typ passt.“
Andrea war überwältigt. ‚Deinem Typ’ hatte der Friseur gesagt. Was war sie denn überhaupt für ein Typ? Sie wusste es gar nicht.
„Schau nur auf die Köpfe“, meinte er dann, als er mit einem Stapel Bücher zu ihr an den Platz zurückkam. „Die jungen Mädchen heute mit ihrem Schönheitswahn sind mir alle viel zu dürr. Schönheit liegt doch wirklich im Auge des Betrachters und unter uns“, flüsterte er dann und kam etwas dichter an ihr Ohr, „ich mag Mädels von deinem Format viel lieber.“
Wusch! Im selben Moment wurde Andrea knallrot. Das war ihr noch nie passiert. Sie wusste gar nicht, was mit ihr los war.
Zwei Stunden später schaute ihr im Spiegel ein junges Mädchen mit einem perfekten Kurzhaarschnitt entgegen. „Zufrieden?“, fragte der Friseur. Andrea drehte ihren Kopf hin und her. Ja, sie war zufrieden. Sehr sogar. „Jenny“, rief er dann nach seiner Kollegin, „wir haben doch heute das Angebot des kostenlosen Schminkens. Würdest du der jungen Frau bitte ein hübsches Make up zaubern.“ Das nahm Andrea gerne an – und auch die Schminktipps, die sie bekam, denn sie wollte ab sofort mehr aus sich machen. Hübsch war das Gesicht, das ihr jetzt im Spiegel entgegen sah und ein Strahlen lag darauf.
Andrea sah in ihre Geldbörse und betrat anschließend ein Kaufhaus. Mit ein bisschen Glück würde das Geld noch für ein neues Outfit reichen. Sie wollte eine Rundum-Veränderung und dazu gehörten nicht nur eine andere Frisur und neue Klamotten, sondern auch eine Schlankheitskur. Ab sofort würde sie sich gesünder ernähren und mehr Sport treiben, nahm sie sich vor.
Als sie mit einer neuen Jeans und einem weiten Pulli vor dem Spiegel stand, sagte eine Männerstimme hinter ihr: „Schick, gefällt mir gut – auch dein neuer Haarschnitt.“ Es war Danny. Der Neue vom Vormittag. Abrupt drehte sie sich um, denn sie konnte nicht glauben, was sie gerade im Spiegel sah. Danny hatte jemanden fest an seiner Hand. „Das ist Kim“, erklärte er ihr ungefragt. „Wir sind seit einem Jahr zusammen.“
Andrea wusste nicht, ob sie nun lachen oder weinen sollte. Sie entschied sich dann, zu lächeln und Kim die Hand zu reichen.
„Danny hat schon von dir erzählt“, sagte Kim.
Dann verabschiedeten sich die beiden zügig und gingen weiter. Andrea schaute ihnen noch eine Weile hinterher. Auf den Gedanken, dass Danny schwul sein könnte, war sie gar nicht gekommen.


© Martina Pfannenschmidt, 2014

Kommentare:

  1. Eine Geschichte, aus dem wahren Leben gegriffen...so schön geschrieben, liebe Martina!
    Danke dafür!
    Ich wünsch Dir einen schönen und fröhlichen Tag !
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. In der Tat, es könnte eine wahre Geschichte sein. Danke für den Kommentar! Martina

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  2. Da hast du ja eine schöne Geschichte aus den Wörtern gemacht . Aber ups , mit dem Ende hatte ich beim lesen nun überhaupt nicht gerechnet . Und genau darum war ich gleich am Nachdenken um Erwartungen , die eben bei Jedem völlig unterschiedlich ausfallen . Nicht nur auf das Ende der Geschichte bezogen , sondern überhaupt im Leben . Ich stecke noch so drin , das ich noch garnicht flüssig schreiben kann :-)
    Einen schönen Tag , bei mir scheint wie wild die Sonne .
    LG Jani

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    1. Manchmal gehen Geschichten nicht so aus, wie man denkt- aber so ist es im wahren Leben ja auch! Danke für den Kommentar! Martina

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  3. Danke für die Geschichte, Martina! Der - unerwartete - Schluß gefällt mir besonders :) Ich hab voll mitgelebt - und bin reingefallen ;)

    Alles Liebe
    Eva :)

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    1. Diesmal ist es mir wohl gelungen, eine falsche Fährte zu legen. Schön, wenn es geklappt hat! Danke - ich muss gleich noch eure Geschichten lesen, bin heute spät dran! LG Martina

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  4. Prima gelungen, liebe martina
    und schön an der Nase herumgeführt hast du uns. Der Ausgang der Geschichte gefällt mir ganz besonders gut!
    Herzliche Grüße
    Regina

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    1. Diesmal hatte ich meinen Mann im Vorfeld die Geschichte lesen lassen. Als er so dreiviertel davon gelesen hatte, hab ich gefragt: Und, wie geht es aus. Ist doch klar, meine er: entweder kriegt er die Hübsche oder die Andrea. Ne, eben nicht, hab ich nur gesagt und mich diebisch gefreut, denn ich ahnte, er würde nicht der Einzige sein, der so einen Schluss vermutet! LG - ich muss gleich unbedingt noch eure Geschichten lesen! Bin heute spät dran! Martina

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  5. toll und spannend war sie bis zum letzten Wort deiner Lebengeschichte! Ja wie viele Junge Mädchen so geht, nun heut zu Tage muss man auch so was vorbereitet sein.
    Die eigene Wahrnhehmung spielt einen ziemlichen Streich und in den jungen Jahren so wieso..
    Lieben Gruss Elke

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    1. Ja, in jungen Jahren spielen die Hormone manchmal verrückt - und so wie in dieser Geschichte wird es bestimmt dem einen oder anderen Mädel schon ergangen sein. Danke für den Kommentar! LG Martina

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  6. Schade, da hat sie sich extra für ihn in "Schale geworfen". Aber so kann´s gehen- noch schlimmer wäre es wohl gewesen, hätte er nicht einen Freund, sondern eine Freundin gehabt.
    LG Elke

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    1. Eben! Wenn er mit der hübschen blonden befreundet gewesen wäre, so wäre es für Andrea wohl noch schlimmer gewesen. Der Schluss war etwas gewagt, ich gestehe es! :-) LG Martina

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  7. Was für eine tolle Geschichte und das Ende wunderbar.

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    1. Für Andrea wird es das wohl nicht gewesen sein, aber hoffentlich für den Leser! Ich komm gleich noch zu dir, kenne deine Geschichte noch gar nicht! Bis dann! Martina

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  8. Liebe Martina,
    Deine Geschichte ist im wahrsten Sinne des Wortes bezaubernd. Ich habe mit Andrea gelitten - UND WIE. Ich hatte fast das Gefühl, Du beschreibst MICH in meiner Jugend... Ich war nämlich auch so eine Außenseiterin, nur benutzt, aber nie integriert. Weil ich schüchtern war und kein Selbstbewusstsein hatte ...
    Schade - ich hätte Andrea ihren Danny gewünscht.. Aber so ist das Ende interessanter - weil es so unerwartet ist. Ja, auch ich bin darauf reingefallen - nie und nimmer hätte ich DAMIT gerechnet!
    Vielen Dank für diese tolle Geschichte!
    Liebe Grüße
    Christine

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    1. Ihr hätte ihr den Jungen auch soooo sehr als Freund gewünscht, aber dann hätte die Geschichte eben kein unerwartetes Ende genommen. Da muss die arme Andrea jetzt durch ;-)! LG Martina

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  9. Brillant. Ich fasse das mal für mich so auf, dass Andrea die Veränderung in erster Linie für sich selbst machte. Und wenn die Bedeutung ihres Namens in ihr aufgeht, wird sie das "tapfer" überwinden.

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  10. .....also wie jetzt ?? Kim ist gar kein Mädel ??
    und ich war mir schon so sicher, dass sie die kleine Schwester von Danny ist. Aber liebe Martina, soooo gefällt mir die Geschichte richtig gut. Weil Andrea erfahren kann, dass sich Danny vielleicht auch mal als Aussenseiter fühlte und lernt sich selbst anzunehmen so wie sie ist und stark wird in ihrer Persönlichkeit.
    *KLASSE* ;O)

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    1. Kim ist auch ein Jungenname. Mädchen, die so heißen, brauchen immer noch einen 2. deutlichen Mädchennamen zur Unterscheidung. Und das kam mir bei dieser Geschichte gerade recht, denn sie sollte nicht so enden, wie ihr es vermutet. Dass mir das gelungen ist - ne, wie schön!!!! Und deine Auslegung ist Spitzenklasse! Danke

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