Mittwoch, 31. Dezember 2014

Silvester

Herta saß in ihrem gemütlichen Ohrensessel und starrte Löcher in die Luft. Die Zeit, sie wollte einfach nicht vergehen. Früher war das anders. Ganz anders. Da fehlte sie ihr ständig, die Zeit. Heute hatte sie viel zuviel davon. Sie wandte ihren Blick zu ihrer Standuhr. 21.30 Uhr. Herta seufzte. Dann waren keine fünf Minuten vergangen, seitdem sie das letzte Mal dorthin geblickt hatte.
Sie stand auf, trat ans Fenster und sah in den Park hinunter. Natürlich war dort niemand zu sehen, zu dieser Uhrzeit. Außerdem war es bitterkalt. Der Wind trieb den Schnee vor sich her. So einen kalten Winter hatte es lange nicht gegeben. Als sie noch ein Kind war, waren die Winter immer so hart und doch, damals hatte sie die Kälte gar nicht so empfunden. In der Stube ihrer Eltern war es stets wohlig warm gewesen.
Auch hier in ihrem Zimmer war es gemütlich und warm. Sie hatte einige Möbel mit hierher nehmen dürfen. Dennoch fühlte sie sich nicht zuhause. – Weg mit den trüben Gedanken, entschied sie. Das zieht dich nur herunter und dann fängst du wieder an zu weinen und das wollte sie vermeiden. Sie hatte genug geweint, entschied sie. Ihre Tränen würden ihre Situation nicht verändern. Es war nun mal so, wie es war und damit musste sie sich abfinden.
Drei Kindern hatte sie das Leben geschenkt. Zwei Jungen und einem Mädchen. Herta hatte sie streng, doch voller Liebe erzogen. Heute hatte es ihre Kinder in alle Winde verstreut und niemand fand die Zeit, sich um die Mutter zu kümmern. Sie waren alle froh, dass sie jetzt hier in diesem Seniorenstift untergekommen war. Seniorenstift. Das klang zwar gut, doch es war auch nur ein anderes Wort für ein Altenheim. Sie fühlte sich noch gar nicht alt und sie wollte auch noch nicht ans Sterben denken. Sie wollte noch das Leben spüren und nicht hier in ihrem Zimmer auf den Tod warten.
Alle drei Kinder hatten ihr beim Umzug geholfen. Und wie immer, wenn sie aufeinander trafen, hatte es Streit gegeben. Als sie wieder abreisten, hatten sie ihr versichert, wie gut sie es doch hier getroffen habe, in diesem Haus. Ja, ganz wunderbar war es hier. Auch wenn sie das jetzt zynisch meinte, so wusste sie im Inneren doch, dass es eigentlich stimmte. Nicht viele der älteren Menschen konnten sich das leisten. Ihr Mann hatte ihr genug Geld hinterlassen, auch wenn es sie ein Vermögen kostete, hier zu wohnen. Ihren Kindern war es egal, auch wenn am Schluss kein Penny übrig blieb. Sie hatten selber genug. Sie wollten ihr eigenes Leben genießen und sich keine Gedanken um ihre alte Mutter machen müssen. Das Gewissen ihrer Kinder ihr gegenüber war rein, lupenrein sozusagen.
22.00 Uhr. Immerhin, eine halbe Stunde war vergangen, seitdem sie das letzte Mal auf die Uhr gesehen hatte. Drunten aus dem Essenssaal drang Musik zu ihr hinauf. Sylvester im Altenheim, lachhaft, fand sie. Herta würde sich niemals so ein dummes Papierhütchen auf den Kopf setzen und zu heimatlichen Klängen schunkeln. Niemals!
Leise klopfte es an ihrer Tür. Sie öffnete. Davor stand der Mann, der vor zwei Monaten gemeinsam mit ihr hier eingezogen war. Sie hatte seine ungehörigen Blicke durchaus bemerkt, doch bisher schenkte sie ihm keine Aufmerksamkeit. Nicht, dass sie etwas Besseres wäre, aber es gehörte sich nicht, in seinem Alter Frauen hinterher zu sehen.
„Guten Abend, Frau Wagner“, sagte er dann jedoch höflich und verneigte sich ein wenig, „ich habe schon den ganzen Abend nach ihnen Ausschau gehalten. Würden sie mir die Ehre erweisen und mich hinunter begleiten? Es wäre zu schön, wenn sie mir ein Tänzchen gewähren würden.“
Tanzen? Sie sollte tanzen, in einem Altenheim? Niemals!
Doch dann tat sie etwas, womit sie selbst nicht gerechnet hatte. Sie sprang über ihren eigenen Schatten und entschied in diesem Moment, alles Alte hinter sich zu lassen und mit dem neuen Jahr auch ein neues Leben zu beginnen und ihren Lebensabend so lebenswert wie möglich zu gestalten.
Als sie den Saal betrat, war sie erstaunt. Niemand trug ein Hütchen und niemand schunkelte. Alle waren elegant gekleidet und gut gelaunt. Ein Mann saß am Piano und spielte in diesem Moment einen Tango. Wie lange hatte sie keinen Tango mehr getanzt. Ihr Begleiter umfasste ihre Taille und nach ein paar Tanzschritten war es um sie geschehen.
Als sie ihm um Mitternacht zuprostete, ahnte sie, dass ihr Leben noch nicht beendet war, denn es war tatsächlich der Beginn einer neuen, zaghaften Liebe, die das Leben für diese beiden Menschen wieder lebenswert machte.

© Martina Pfannenschmidt, 2014


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Mit dieser kleinen Geschichte möchte ich das Jahr 2014 beenden.
Jedoch nicht, ohne mich bei euch allen herzlich zu bedanken –
für jeden Besuch und jeden lieben Kommentar.
In meinem Bloghaus wäre es ohne euch ziemlich still –
schön, dass ihr da seid und dass es euch gibt.
Als ich mit meinem Blog im August 2013 begann, hätte ich nicht für möglich gehalten, hier sooooo viele nette Menschen zu finden.
Und so gehe ich voller Vorfreude in das Jahr 2015 – 
mit euch an meiner Seite!
Wir lesen uns – in euren Blogs oder hier bei mir!
Guten Rutsch!
Martina


Kommentare:

  1. Liebe Martina,
    eine schöne Geschichte, mit einem glücklichen Ende. Wie schön. So sollte es öfter sein.
    Ich wünsche dir und deiner Familie alles Liebe und Gute für 2015. Weiterhin so gute Ideen für Geschichten. Bleib gesund und munter. - Stine -

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    1. Danke, liebe Stine! Ich freue mich auf 2015 und auch auf dich und deinen Blog!
      Martina

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  2. Liebe Martina,
    auch ich möchte dir danken für deine immer interessanten Geschichten und Gedankengänge.
    Vieles konnte ich auch für mich umsetzten, so warst du auch hin und wieder ein kleiner Lebensratgeber für mich !
    Ich schließe mich den guten Wünschen von Stine an.
    Rutsch gut rüber ins neue Jahr.
    ♥lichst Jutta

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    1. Liebe Jutta, ich musste jetzt wirklich schmunzeln. Vielleicht sollte ich mich selbständig machen - mit einer Lebensberatungsstelle. Lach! Ich danke dir sehr für deine Worte und freue mich, dass wir uns hier gefunden haben und auf ein gutes Jahr 2015! Alles Liebe! Martina

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  3. Liebe Martina,
    Du unermüdliche Schreiberin! Danke für eine schöne Geschichte zum Jahreswechsel!
    Ich wünsche Dir noch schöne Stunden bis zum Jahreswechsel!
    Komm auch gut in ein schönes, glückliches und vor allem gesundes neues Jahr!
    ♥ Allerliebste Grüße und bis nächstes Jahr wieder , ich freu mich drauf :O) ,Claudia ♥

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    1. Im Jahr 2012, als ich mit dem Schreiben von Geschichten begann, kreuzte Regina meinen Weg. Und immer, wenn ich zweifelte, ob ich es wirklich könne und ob es der richtige Weg für mich sei, dann sagte sie: Das es der richtige Weg ist, das glaube ich für dich mit. Ich weiß nicht, ob ich heute so viel schreiben würde, ohne sie. Danke, dass es euch alle gibt! Ein gutes Jahr auch für dich und alles Liebe! Martina

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  4. Liebe Martina,
    gestern habe ich gleich zwei alte Damen besucht - die eine war wieder meine Mutter (88), die andere meine Taufpatin "Tante Mizzi" (92), die leider in einem anderen Pensionistenheim (so heißt das bei uns, klingt doch besser als "Altenheim" ;o)) lebt als meine Mutter. Mizzi ist vor 15 Jahren zusammen mit ihrem Mann ins Heim gezogen; ihr einziger Sohn war kurz davor mit 50 gestorben. Vor ein paar Jahren starb dann auch der Mann meiner Taufpatin, und in dieser Phase dachte sie auch, sie würde nun nur noch aufs Sterben warten. Mizzi ist nicht der Typ, um noch einmal mit einem "Liebesleben" zu beginnen - "Das schickt sich nicht in diesem Alter" - doch sie hat nach und nach wieder Lebensenergie gesammelt undFreundschaften geknüpft, auch zu Männern, und auch an Tanz- und anderen Veranstaltungen teilgenommen. Inzwischen will ihr Körper nicht mehr so recht, aber sie hält sich wacker, sie liest (zwei Liebesromane pro Woche ;o)), trifft sich mit (etwa gleichaltrigen) Menschen und macht sich noch sehr kluge Gedanken. In dem Wohnbau, in dem sie früher gelebt hat, wäre sie einsamer als im Heim, weil dort niemand mehr lebt, den sie von früher kannte oder mit dem sie Gemeinsamkeiten feststellen kann. Ich glaube, heutzutage ist es wichtig, sich nicht auf die Kinder zu verlassen (die das Recht auf ein eigenes Leben haben und zumeist beruflich genug eingespannt sind), sondern selbst einen Plan fürs Alter zu machen, der einem ein Höchstmaß an Freude, Kontakt und Lebendigkeit ermöglicht. Schön, dass Herta aus deiner Geschichte am Ende den Bogen rausbekommen hat! :o)
    Guten Rutsch und alles Liebe
    von der Traude

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    1. Letzten Endes ist jeder für sich selbst verantwortlich, liebe Traude, da gebe ich dir recht. Wir können nicht andere für unser Glück oder Unglück und für die 'Umstände unseres Lebens'' verantwortlich machen. Früher war es irgendwie einfacher, wenn man alt war. Wie selbstverständlich fing die Familie diesen Umstand auf. Heute sieht das anders aus, da gebe ich dir recht und natürlich können wir die Verantwortung für unser Leben nicht in die Hände unserer Kinder legen.
      Deine Familie ist wirklich einmalig. Diese Lebensfreude ist beeindruckend und ansteckend! Alles Liebe - komm gut ins neue Jahr! Martina

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  5. Liebe Martina
    eine gelungen schöne Geschichte für diesen Tag so wünsche ich dir einen guten Rutsch und deiner Familie isn neue Jahr mit viel Gesundheit!
    Lieben Gruss Elke

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    1. Vielen Dank, liebe Elke! Du bist eine derjenigen, die am meisten bei mir kommentieren und dafür sage ich dir heute herzlich Dankeschön! Komm gut ins neue Jahr und alles Liebe für dich! Martina

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  6. Liebe Martina,
    das ist eine wunderschöne Geschichte zum Jahresende. Ich wünsche Dir auch einen guten Rutsch, viel Glück und Gesundheit! Vielen Dank auch für die Geburtstags-E-Card! Ich habe mich sehr gefreut.
    LG Elke

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    1. Vielen Dank, liebe Elke, auch für deine Besuche bei mir und die lieben Kommentare. Ich freue mich wirklich sehr darüber! Komm gut hinüber in 2015! Bis dann! Martina

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  7. Das ist ein Kommi, ohne dass ich eine Zeile gelesen habe (nur ein paar Buchstaben), denn ich lese alles erst im nächsten Jahr :-)
    'Nen Guten Beschluss soll ich von den Hunden ausrichten lassen.

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    1. Okay, ich freue mich, dass du im nächsten Jahr wiederkommen wirst. Sag den Hunden einen lieben Gruß und tröste sie, wenn um Mitternacht die Knallerei los geht. Oder macht es ihnen nichts aus? Unser Hund zitterte immer ganz furchtbar und ich hatte ihn die ganze Zeit auf dem Arm. Das wird bei deinen beiden wohl eher schwierig :-)! Komm auch gut rüber - wir lesen uns 2015 wieder! Martina

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  8. Liebe Martina, vielen Dank für Deine schönen Geschichten, ich lese sie immer wieder gern.
    Ich wünsche Dir ebenfalls einen fröhlichen Jahreswechsel und alles Gute für das Jahr 2015.

    LG Petra K.

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    1. Ich freue mich so sehr, zu lesen, dass euch meine Geschichten gefallen. Dann weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin und werde gerne weiter machen, so lange mir noch Geschichten ein- oder sagen wir besser 'zufallen'. Danke und komm gut ins neue Jahr! Martina

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  9. Liebe Martina,
    ich freue mich auf ein weiteres Jahr mit deinen schönen Geschichten, unseren gemeinsamen Unternehmungen und ich bin froh und glücklich, dich in den Weiten des Internets gefunden zu haben. Einen guten Rutsch und ein glückliches neues Jahr 2015!
    Deine Regina

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    1. Oh ja! Wer auch immer seine Finger im Spiel hatte, es war definitiv gut, dass wir uns getroffen haben. Du hast mir so viele gute Ratschläge gegeben - gerade gestern wieder und hast mir Mut gemacht, diesen Weg weiterzugehen, auch wenn ich anfangs sehr gezweifelt habe! Danke dafür! Auf ein gutes Jahr 2015 und auf eine Festigung unserer Freundschaft - und da beziehe ich Lore in jedem Fall mit ein! Alles Liebe - bis zum nächsten Jahr! Komm gut rüber! Martina

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  10. Guten Rutsch, bleib gesund und bewahr dir deine Leichtigkeit des Schreibens.
    Wenn ich auch kaum Zeit finde um zu bloggen oder mailen, ich lese oft bei dir und freu mich, wie gerade eben wieder..
    Alles Liebe!
    Sophie

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    1. Ich danke dir sehr, liebe Sophie! Da es auf deinem Blog im Moment sehr ruhig ist, dachte ich mir schon, dass dir die Zeit fehlt - auch zum Kommentieren. Wir halten aber sicher weiter Kontakt und werden im neuen Jahr auch ganz bestimmt wieder voneinander hören! Ich freue mich darauf! Mach es gut - komm gut ins neue Jahr - bis dann! Martina

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  11. .... hallo du Liebe, da ich ja mal wieder rückwärts lese, kann ich nur sagen :
    Noch so eine wundervolle Geschichte !!!! Und genau so sehe ich es auch, letztendlich ist jeder für sich selbst verantwortlich und man darf im Alter (oder überhaupt) nicht davon ausgehen,dass die Kinder alles ab- oder auffangen. Gerade in der heutigen Zeit haben sie es eigentlich auch nicht leicht.
    ABER was ich unbedingt noch sagen möchte:
    es ist wunderschöööön, dass wi uns im großen Blogland gefunden haben und gut das du Regina getroffen hast, deine Geschichten sind klasse !!!!
    :O) ....

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    1. Mensch, schade, dass es Wetten dass nicht mehr gibt, sonst würde ich dich dort anmelden. Du kannst rückwärts lesen - wahrscheinlich genau so schnell, wie ich vorwärts?!?! Oder nein, ich habe eine bessere Idee - ich melde dich an bei 'Das Supertalent'!! Was hältst du davon??? - Kaum ist es da, das neue Jahr, schon blödeln wir beide wieder herum. Schön - ich freue mich auf viel mehr ernste - aber auch - Blödel-Kommentare und freue mich ebenso, dass es dich gibt!!! LG Martina

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    2. ..... hahaha, die wollten mich beim Supertalent nicht, ich war ihnen einfach zu gut *tss
      gut das du wenigstens für mich Verständnis hast und dich freust, egal ob ich vorwärts, rückwärts oder quer lese ;-))))))
      :O) ......
      ( auf den Rest kannst du dich verlassen !!!!!)

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    3. Uff, jetzt hab ich es geschafft! Mehr Senf gibt es heute glaube ich nicht von dir?!?!

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  12. Hallo Martina,
    wunderschön erzählt. Das reißt einen emotional so richtig mit.

    Gruß Dieter

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    1. Es freut mich zu lesen, dass ich dich mit dieser Geschichte berühren konnte!
      Danke, dass du immer wieder bei mir vorbei schaust und auch für deine Kommentare!
      Ich freue mich sehr darüber - alle guten Wünsche zum neuen Jahr! Martina

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  13. Was für eine schöne Geschichte, liebe Martina, ach ja, und dein netten Dankesworte finde ich auch sehr berührend. Schön, dass es dich gibt!

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