Dienstag, 20. Januar 2015

Alles hat seine Zeit!

Ein Reizwort dieser Woche lautete 'Schneemann' 
und so liegt die Vermutung nahe, 
dass wir uns in unseren heutigen Geschichten 
alle im Winter befinden. Ich werde gleich mal bei
Regina - Lore - Christine und Eva
lesen, ob es so ist. 
Die vier nachfolgenden Reizwörter wollten 
auch noch untergebracht werden:

Traum – rasen – kichern - weinen

Schneemann

In diesem Winter hatte es wieder einmal ordentlich geschneit. Die Kinder waren alle aus dem Häuschen – und das war durchaus wörtlich zu nehmen. Niemanden hielt es bei diesem herrlichen Wetter im Haus. Gegen die Kälte konnte man sich ja mit warmer Kleidung wappnen. Amelie lief durch den Garten. Soooo lange hatte sie nicht mehr im Schnee herumtollen können. Die Kufen ihres Schlittens waren schon ganz verrostet, so dass Papa sie zunächst einmal einfetten musste, damit sie den Hang herunter sausen konnte.
Nach der Schneeballschlacht, die sie sich mit ihrer Mutter geliefert hatte, fragte diese: „Wollen wir einen Schneemann bauen?“
Das Mädchen war begeistert. „Oh ja, aber ich baue meinen eigenen!“
Dann formten sie kleine Kugeln und rollten sie durch den Schnee. Mamas Kugeln wurden größer, als die von Amelie und ließen sich auch schwerer rollen. Amelies Schneemann war zwar kleiner, aber wunderschön. Er bekam einen Schirm in den Arm gesteckt, eine lila Pudelmütze auf den Kopf, damit ihm nicht zu kalt wurde und eine Möhrennase.
„Du Mama, der Schneemann kann ja noch gar nicht gucken. Er braucht unbedingt noch Augen.“
„Das stimmt, meine Süße! Früher, als ich klein war, haben wir immer zwei schwarze Kohlestückchen genommen, aber heute heizen wir ja nicht mehr damit. Lass mich überlegen, was wir stattdessen nehmen können?“
Während Mama noch darüber sinnierte, kam Amelie bereits eine Idee.
„Ich weiß, was wir nehmen können“, rief sie nur, rannte zur Küchentür, durch die man vom Garten ins Haus gelangte, zog vorher schnell ihre Stiefel aus und verschwand im Inneren des Hauses.
„Schau“, rief das Kind bald darauf, „wir nehmen Knete. Hilfst du mir, damit sie weicher wird und wir sie formen können?“ Mama nahm die grüne und die blaue Knete in jeweils eine Hand. Aus der roten Knete formte Amelie Lippen, denn die brauchte er ja auch, wie sollte er denn sonst sprechen können.
„Sooo einen bunten Schneemann habe ich noch nie gesehen“, kicherte Mama. Er sah mit seinen unterschiedlichen Augenfarben wirklich witzig auf. Amelie gefiel er so, wie er war. Inzwischen war sie jedoch so durchgefroren, dass sie lieber im Haus weiterspielen wollte. Als sie sich vom Schneemann verabschiedete, versprach sie, am kommenden Tag nach ihm zu schauen.
Die Nacht brach herein, Amelie lag in ihrem Bett und schlief. Der Schneemann jedoch war viel zu aufgeregt, um so früh schon zu schlafen. Er schaute staunend in den Himmel. So viele Sterne und der große helle Mond. Fantastisch sah das aus.
Früh am nächsten Morgen begrüßte Amelie ihn freundlich:
„Hallo, Schneemann!“
„Hallo, Amelie“, antwortete dieser. Das Kind staunte, denn es hatte nicht damit gerechnet, dass der Schneemann ihren Namen kannte und wirklich sprechen konnte.
„Nun schau nicht so. Du hast mir doch einen Mund gemacht, damit ich sprechen kann und Augen zum Schauen. Ich danke dir, denn so konnte ich heute Nacht die Sterne betrachten und auch den Mond!“
Amelie, die sich von dem Schreck schnell erholt hatte, verstand seine Gefühle sehr gut: „Sie sind wunderschön, nicht wahr. Ich habe sie auch schon oft getrachtet und frage mich dann immer, ob dort oben wohl jemand wohnt.“
„Du Amelie“, sagte der Schneemann zögerlich, „ich hatte heute Nacht einen Traum. Du hast mich auf deinen Schlitten gesetzt und dann sind wir zwei zusammen den Hang herunter gerast. Das war ein Heidenspaß. Würdest du mich heute mitnehmen zum Schlitten fahren?“
Eine ungewöhnliche Bitte, die Amelie allerdings gerne erfüllte. Vorsichtig setzte sie den Schneemann auf den Schlitten, erzählte Mama von ihrem Vorhaben und zog mit ihm los. Die anderen Kinder schauten neidisch, denn sie waren noch nie auf die Idee gekommen, einen Schneemann auf ihrem Schlitten mitfahren zu lassen.
So vergingen einige Tage, an denen die Beiden viel Spaß hatten. Doch eines Morgens, als Amelie nach ihrem Schneemann schauen wollte, stand er nicht mehr dort. Sofort stiegen Tränen in ihre Augen. Irgendjemand musste ihn gestohlen haben.
Mama, die Amelie hatte weinen hören, kam in den Garten, um ihre Tochter zu trösten.
„Schau, Kind, es ist in den letzten Tagen viel wärmer geworden. Sieh meinen dicken Schneemann an, von ihm ist auch kaum noch etwas übrig geblieben. Sei nicht traurig. So ist das Leben der Schneemänner. Sobald es wärmer wird, verlassen sie uns.“
„Ich finde das total blöd“, motzte Amelie.
„Aber so ist es nun einmal. Finde dich damit ab.“
Das Telefon klingelte und Mama lief zurück ins Haus. „Amelie“, rief Mama eine kurze Zeit später, „Papa war das gerade am Telefon mit einer tollen Nachricht. Komm her, ich habe eine Überraschung für dich.“
Dann gingen beide hinunter in den Keller.
Mama öffnete die Gefriertruhe. „Schau!“, sagte sie nur.
Das Mädchen konnte es nicht fassen. Ihr Papa rettete den kleinen Schneemann, indem er ihn dort hinein gelegt hatte.
Amelie ging jeden Tag zu ihm, um mit ihm zu sprechen, doch lange war das nicht möglich, denn sonst wäre er ja geschmolzen. Als es Mai und draußen immer wärmer wurde, hatte der Schneemann nur noch einen Wunsch: „Amelie, kannst du mich bitte nach draußen in den Garten bringen?“
„Nein“, antwortete sie entsetzt, „das geht nicht. Du würdest sterben.“
„Schau, dass ist das Schicksal aller Schneemänner. Wir gehören in den Winter. Wenn es richtig kalt ist, dann fühlen wir uns am wohlsten. Ich bin so einsam hier unten und es ist ständig dunkel um mich herum. Das ist kein schönes Leben.“
Amelie bekam ein schlechtes Gewissen. Es war sehr eigennützig von ihr, den Schneemann bei sich behalten zu wollen.
„Es ist nicht so vorgesehen, dass wir im Frühjahr noch da sind. Bitte gib mir die Freiheit und lass mich hier heraus. Im nächsten Winter, wenn es wieder schneit, dann kannst du mich doch wieder zum Leben erwecken.“
Amelie nickte, brachte den Schneemann in den Garten und stellte ihn in das Blumenbeet. Dort schien die Sonne am stärksten. Der Schneemann freute sich, winkte Amelie aufmunternd zu und verschwand.
Amelies Mutter beobachtete die Szene vom Küchenfenster aus. Das Kind nahm die grüne, blaue und rote Knete an sich und ging zur Mutter in die Küche.
„Ich habe gesehen, dass du dich vom Schneemann verabschiedet hast“, sagte sie.
„Es war so sein Wunsch“, erwiderte Amelie traurig.
Es ist jetzt schwer für sie, dachte ihre Mutter, doch es ist eine wichtige Erkenntnis für mein Kind, dass alles seine Zeit hat!


© Martina Pfannenschmidt, 2015

Kommentare:

  1. Liebe Martina,
    wieder eine so schöne Geschichte, schön auch, dass DEIN Schneemann im Blumenbeet gelandet ist. Meiner hat es sich gewünscht, für die Gefriertruhe war er allerdings etwas zu groß, es musste eine andere Lösung geben. :)
    Hach, Dienstag ist ein schöner Tag! Reizworttag!
    Liebe Grüße
    Regina

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Gerade habe ich deine Geschichte gelesen. Das ist ja lustig, dein Schneemann wollte dahin, wo meiner letzten Endes landete. Aber dein Schluss war einfach fantastisch.
      Ich habe übrigens gerade versucht, dich anzurufen. Aber jetzt fällt mir ein: Es ist doch Lukas-Tag!! Ganz vergessen!!! Dann sprechen wir ein anderes Mal! Danke! Martina

      Löschen
  2. Was für eine zauberhafte Geschichte!!
    Danke - und einen richtig schönen Tag mit Sonne im Herzen.
    Liebe Grüße Christel

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Vielen Dank, Christel! Ja, Sonne im Herzen kann man heute wieder gut gebrauchen, es ist nämlich wieder grau in grau draußen! LG martina

      Löschen
  3. Liebe Martina
    eine wunder schöne rührende Geschichte los lassen das was man geliebt hat für eine Weile und tschüss sagen bis zum nächsten Mal!
    Ich wünsche dir einen schönen Tag!
    Lieben Gruss Elke

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, dieses Loslassen müssen auch schon Kinder kennen lernen, so schwer es auch fällt! Danke, liebe Elke und einen ließen Gruß zurück! Martina

      Löschen
  4. Sehr schöne Geschichte, alles hat seine Zeit. Dazu fällt mir ein, dass ich mir als kleines Kind zu meinem Geburtstag einen Schneemann gewünscht hatte. Zum Glück hat es damals zu Weihnachten meistens geschneit und als ich morgens aufstand, konnte ich durch die Glasscheibe unserer Haustüre einen Schneemann sehen. Mein Vater hatte ihn genau vor den Hauseingang gestellt.
    LG Elke
    LG

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Gerade habe ich gedacht: Das Leben schreibt doch wirklich die schönsten Geschichten! Das war aber wirklich sehr lieb von deinem Papa! Danke für deinen Kommentar und LG Martina

      Löschen
  5. Liebe Martina,
    die Geschichte vom Schneemann ist allerliebst! Ja, alles hat seine Zeit .....
    Ich wünsch Dir noch einen gemütlichen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

    AntwortenLöschen
  6. Ach so eine rührende Geschichte , ging mir irgendwie sehr nah .
    Ja und es wäre jetzt an der Zeit für ein paar Tage Schnee . Dieses
    Grau in Grau geht so aufs Gemüt .
    Lieben Gruß JANI

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Bei uns ist es heute klar und kalt - richtig schön! So kann es von mir aus eine ganze Weile bleiben! LG Martina

      Löschen
  7. Liebe Martina,
    wirklich schön! Allein schon die Vorstellung, dass ein und derselbe Schneemann im nächsten Winter wieder zu neuem Leben erweckt wird! Und natürlich habe ich mich daran erinnert, dass ich als Kind auch schon keine Kohlen merhr genommen habe, sondern je nach Verfügbarkeit Steine oder Holzstücke... (Auch für die Nase, den Karotten hatte ich beim Schneemannbauen nie dabei, wir waren dann ja immer irgendwo weit weg von zuhause...)
    Herzliche rostrosige Lachfaltengrüße
    von der Traude

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich wohne inmitten von Wiesen von Feldern, liebe Traude, und musste zum Schlittenfahren nicht weit gehen - und den Schneemann, den bauten wir direkt im Garten. Aber du lebst ja in der Stadt - das ist dann schon etwas anderes! LG und Danke! Martina

      Löschen
  8. Es ist doch wirklich erstaunlich unabhängig voneinander haben wir alle drei einen lebendigen Schneemann geschaffen, nun will ich mal sehen, was Christines und Evas Schneemann so macht.
    LGLore

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Tote Schneemänner - mit denen kann man in einer Geschichte so wenig anfangen! Danke dir Lore! LG Martina

      Löschen
  9. Liebe Martina,
    eine sehr gute, lehrreiche Geschichte! Abschiednehmen gehört (leider) zum Leben dazu, und es ist gut, dass schon Kinder es lernen. Immerhin hat die kleine Amelie auch die Aussicht, im nächsten Jahr "ihren" Schneemann wieder zum Leben zu erwecken. Diese Hoffnung haben wir Erwachsenen beim Abschiednehmen nicht immer ...
    Liebe Grüße
    Christine

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Christine, du musstest ja auch gerade Abschied nehmen und das war etwas anderes, als sich von einem Schneemann zu verabschieden. Ich wünsche dir, dass es für dich mehr ist, als nur die Hoffnung, dass es ein Wiedersehen nach dem Abschiednehmen gibt! LG Martina

      Löschen
  10. Danke, Martina, so eine tolle Idee vom Vater! Wunderschöne Geschichte

    Alles Liebe
    Eva :)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Gut, dass die eine sooooo große Gefriertruhe hatten!!! Danke! LG Martina

      Löschen
  11. Haaach schööööön ist sie wieder deine Geschichte *DANKE*
    zwischendurch hab ich mal kurz gefroren, aber jetzt ist mir wieder warm ums Herz und die Amelie hat das wirklich vorbildlich gemacht.
    Jetzt gehe ich auch mal vorbildlich ins Bett,
    und bin morgen wieder zur Stelle :-)
    wenn ich ja so herrlich wie die Traude mit Buchstaben und Zeichen malen könnte, würde ich dir einen Schneemann schenken
    :O)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Oh ja, die kleinen Zeichnungen von Traude finde ich auch bezaubernd. Ich bin dazu einfach zu blöd. Ach, dass passt ja auch schon wieder: Blöde Kuh!!!! - Danke für deinen Besuch. Ich freue mich, wenn du wieder kommst. Dein Beitrag für Traude war übrigens echt richtig, richtig gut!!!!! LG Martina

      Löschen
    2. Tss, jetzt bin ich dank der ganzen Kuhherde echt etwas verwirrt ;#; (> hab deshalb auch grad ein passendes Zeichen neu zusammengestellt !!!! )
      und kläre dich mal eben auf : KÜHE haben Euter > ja !!
      KÜHE können NICHT HÜPFEN !!!! aber
      KÜHE sind NICHT BLÖD !!!!!!!
      Die werden nur von den Menschen (für) dumm gehalten ;-/
      So, hast du mich verstanden ???? ;#;
      :O)

      Löschen
  12. Liebe Martina,
    das ist eine sehr schöne Geschichte. Ein ganz kleines bißchen melancholisch, hach. Ich habe DIch gestern übrigens vermisst. Beim Frauenstammtisch war Mechthild Borrmann. Das war sehr sehr beeindruckend. Sie hat aus ihrem neuen Buch vorgelesen. Eine ernste sehr spannende Geschichte über eine Frau, die nahe Tschernobyl lebte und was das Unglück mit den Menschen dort gemacht hat. Keine leichte Kost. Die Auszüge, die sie gelesen hat, hatten es in sich. Es lief mir hier und da doch ganz schön gruselig den Rücken runter.
    Liebe Grüße
    Tanja

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich habe mir schon fast gedacht, dass du zu der Lesung gehen würdest. Eingeladen war ich auch, doch die letzte Woche war so sehr vollgepackt, dass ich einfach keine Lust hatte. Mal sehen, was Andrea beim nächsten Treff auf die Beine stellt, vielleicht treffen wir uns dann - oder kommst du auch zum geplanten Frauenfest? Es findet am 13. März (wenn ich es nicht falsch in Erinnerung habe) in der Haupt- und Sekundarschule statt. Im letzten Rundblick gab es den ersten Hinweis. Ab Februar wird das Programm veröffentlicht. Ich würde mich freuen, dich dort zu treffen! LG Martina

      Löschen