Dienstag, 6. Januar 2015

Willensschwach!

Der erste Dienstag im neuen Jahr!
Das bedeutet: 
Die erste (Reizwörter-) Geschichte dieses Jahres wartet auf euch!
Ich bin schon ganz gespannt, was 
aus diesen Reizwörtern gemacht haben:
Eisregen – Geburtstagstorte – klingeln – putzen – tanzen


Claudia riss ein weiteres Blättchen von ihrem neuen Tageskalender. Jetzt zeigte sich der 6. Januar –  Heilige Drei Könige – ihr Geburtstag. Zum dritten Mal war es eine Schnapszahl für sie. Doch ihr stand nicht der Sinn danach, ausgiebig zu feiern, zumal sie ihre Familie zu Weihnachten gesehen und mit ihren Freunden Silvester gefeiert und die ganze Nacht getanzt hatte.
Dann las sie, was auf dem Blättchen stand: ‚Das neue Jahr ist gerade ein paar Tage alt. Haben Sie Ihre guten Vorsätze schon über Bord geworfen?’
Ertappt! Natürlich hatte sie dies getan. Sie wusste gar nicht mehr, wie oft sie sich schon vorgenommen hatte, mit dem Rauchen aufzuhören, doch es wollte ihr einfach nicht gelingen.
Doch schon der gute alte Sokrates stellte sich die Frage, warum die Menschen das Gute erkennen und trotzdem das Schlechte tun. Leider konnte Claudia ihm dies auch nicht beantworten. Es gab aber ein Wort dafür: Willensschwäche! Ja, sie erkannte es: Sie war willensschwach. Da nützte es auch nichts, dass auf der Zigarettenpackung stand: Rauchen kann tödlich sein! Kann ja, muss aber nicht – und außerdem war es doch so gesellig.
Claudia sah sich in ihrem Wohnzimmer um. Sie hatte gestern Abend noch die gesamte weihnachtliche Dekoration weggeräumt und die Wohnung geputzt. Hoffentlich machten sich die Heiligen Drei Könige nicht mehr auf den Weg zu ihr. Eine Krippe würden sie nämlich nicht mehr finden. So war es in jedem Jahr. Sobald das neue Jahr angeklopft hatte, schmiss sie den Tannenbaum und alles drum herum aus der Wohnung.
Als Claudia einige Zeit später aus dem Bad kam, klingelte das Telefon. Beim Blick auf die Uhr war ihr klar, dass es sich bei dem Anrufer nur um ihre Mutter handeln konnte, was sich dann auch bestätigte. Sie nahm die Glückwünsche entgegen, musste sich dann aber schnell verabschieden, um nicht zu spät an ihrem Arbeitsplatz zu erscheinen.
Als sie die Tür zu ihrem Büro öffnete, erschallte sogleich ein fröhliches „Happy birthday, dear Claudia, happy birthday, to you!“ Sie freute sich von Herzen über das Ständchen und die Gratulation ihrer Kollegen. Doch leider blieb auch hier keine Zeit, um mit ihnen zu plaudern oder gar zu feiern, denn gerade heute stand eine wichtige Besprechung an. Sie musste ihrem Chef zur Verfügung stehen und ihm alle Anrufer oder Besucher vom Hals halten.
Vor einem Jahr war Stefan Korn neu ins Unternehmen eingestiegen und sie wurde seine Sekretärin. Das war zunächst nicht einfach für Claudia, da sie zehn Jahre lang die Sekretärin des Seniorchefs gewesen war. Er war ein gutmütiger Chef, fast väterlich. Als er aus dem Unternehmen schied, wurde sie Stefan als Sekretärin zugeteilt. Inzwischen waren sie ein eingespieltes Team.
Gerade als ihre Freundin am Handy war, um ihr zu gratulieren, betrat ihr Chef mit einer Torte in den Händen das Büro. Claudia war so überrascht, dass sie ihr Telefonat beendete, ohne sich von ihrer Freundin verabschiedet zu haben.
„Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Geburtstag“, begann Stefan seine Gratulation, „ich habe mir erlaubt, für Sie eine Geburtstagstorte zu besorgen. Ich hoffe, Sie freuen sich darüber und uns bleibt später noch ein bisschen Zeit, um sie anzuschneiden und zusammen mit den anderen zu verkosten.“
Simone, ihre Kollegin, die ihr gegenüber saß, warf den beiden einen skeptischen Blick zu. Was hatte das denn zu bedeuten? Sie hatte zu ihrem Geburtstag eine Schachtel Pralinen geschenkt bekommen. Warum bekam ihre Kollegin eine Torte?
Claudia bedankte sich und nahm ihrem Chef die Schokoladentorte ab. 
„Ich hoffe, sie trifft ihren Geschmack“.
„Ganz sicher, ich liebe Schokolade. Vielen Dank.“
Dann brachte Claudia die Leckerei in die kleine Küche und stellte die Torte in den Kühlschrank. Ihre Kollegin verkniff sich jeden Kommentar und auch für Claudia blieb keine Zeit, sich über das Geschenk zu wundern, denn nun musste sie sich voll auf ihren Job konzentrieren. Es wurde ein anstrengender Tag und die Verhandlungen zogen sich länger hin, als gedacht. Nach und nach verließen ihre Kollegen das Büro, bis Claudia nur noch ganz alleine zurück blieb. „Toller Geburtstag“, dachte sie. „Er wird mir bestimmt in Erinnerung bleiben. Andere haben mit 33 eine eigene kleine Familie, die auf sie wartet und mit der sie ihren Geburtstag feiern und ich sitze hier allein im Büro herum. Super!“
Endlich tat sich etwas im Büro ihres Chefs. Die Sitzung schien beendet. Kurz darauf öffnete sich die Tür und ein gut gelaunter Stefan Korn verabschiedete seine Gäste.
„Es tut mir leid“, sagte er, an Claudia gewandt, „dass ich Sie ausgerechnet an Ihrem Geburtstag so lange in Beschlag genommen habe. Man wartet doch sicher auf Sie, um zu feiern.“
„Nein, es wartet niemand auf mich.“
„Aber Sie haben hoffentlich die Torte angeschnitten?“, erkundigte sich ihr Chef.
„Ach Gott, die Torte!“ Claudia hatte gar nicht mehr daran gedacht.
„Was meinen Sie“, erkundigte sich Stefan, „wollen wir ein Stückchen probieren?“
Claudia eilte in die Küche, um die Torte aus dem Kühlschrank zu holen. Dabei fiel ihr Blick auf eine Flasche Sekt, die dort gekühlt stand. Ob sie die öffnen sollte? Stefan war ihr gefolgt und erahnte anscheinend ihre Gedanken. „Klar, die Flasche, die köpfen wir jetzt und stoßen gemeinsam auf das gute Geschäft und ihren Geburtstag an.“
Die Torte war wirklich lecker und der Sekt tat seine Wirkung, denn viel war es nicht, was Claudia an dem Tag zu sich genommen hatte. Dann schaute sie zur Uhr. Jetzt musste sie sich aber beeilen, um ihren letzten Bus zu erwischen. Schnell verabschiedete sie sich und lief aus dem Büro. Als sie an der Rezeption vorbei huschte, rief man ihr nach: „Frau Pfeffer, draußen hat ein Eisregen eingesetzt. Es fahren weder Busse noch Taxen und wenn Sie sich nicht die Haxen brechen wollen, dann bleiben Sie lieber hier. Vielleicht entspannt sich die Situation ja bald.“
Das durfte doch nicht wahr sein. Sie schlurfte mit hängendem Kopf zurück ins Büro. Stefan hatte inzwischen ebenfalls von dem Malheur draußen erfahren. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als die Nacht im Büro zu verbringen.
Ein Jahr später. Claudia stand am Wohnzimmerfenster und schaute hinaus. Es begann zu regnen. Stefan betrat den Raum, stellte sich hinter sie und fragte: „Na, Frau Pfeffer-Korn, bereuen Sie eigentlich, vor einem Jahr willensschwach gewesen zu sein?“
Claudia lächelte, hauchte einen Kuss auf seinen Mund und nahm ihm das kleine Bündel aus seinen Armen.


© Martina Pfannenschmidt, 2015

Kommentare:

  1. An dieser Stelle sollte ein dicker Smiley stehen, so viel Spaß hat mir deine Geschichte gemacht heute morgen - Gott nee, was für eine romantische Story, richtig was fürs Herz!
    Danke Martina, ich hab sie genossen!
    Liebe Grüße
    Regina

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    1. Danke dir, liebe Regina! Welch Freude, dir den Tag 'versüßt' zu haben!
      LG Martina

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  2. Uiiii, Martina, Deine Geschichte ist klasse! Großes Kompliment! Was so ein Eisregen alles für Auswirkungen haben kann ...Romantik pur, und die Idee mit Frau Pfeffer-Korn ist richtig witzig! Aber damit habe ich fast schon gerechnet, als ich den Namen "Pfeffer" gelesen habe!
    Ich kann Regina nur zustimmen: Ich habe Deine Geschichte genossen!
    Liebe Grüße
    Christine

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    1. Na, da freue ich mich aber sehr über dein Lob. Dass ihr die Verbindung zwischen Herrn Korn und Frau Pfeffer vielleicht schon ahnen würdet, damit hatte ich schon gerechnet. Obwohl ich den Namen Pfeffer extra sehr spät genannt habe. Aber euch kann man halt nichts vormachen ;-)! LG Martina

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  3. Hallo du Liebe,
    schööööööön, nee wunderschööööön ;-) Auch mir hast du grad ein breites Grinsen ins Gesicht gezaubert *DANKE*
    Frau Pfeffer-Korn hat doch auch hoffentlich in der Schwangerschaft das Rauchen aufgegeben !!!!!
    Liebe Martina, ich muss nee, ICH MÖCHTE und ICH KANN jetzt gaaaanz gemütlich deine Post`s rückwärts lesen *hihi*
    Als Tochterkind sich vor Jahren mal sehr intensiv mit Japan beschäftigte las sie auch in der Zeit diese Comics und was soll ich sagen, die liest man auch rückwärts !!!!!
    Also dann liebe Frau Pfeffer-Korn, quatsch Frau Pfannenschmidt bitte folgen sie mir unauffällig
    :O) .....

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    1. Ich wollte es eigentlich noch unterbringen, dass sie es nun auch geschafft hatte, mit dem Rauchen aufzuhören. Doch es wollte irgendwie nicht gelingen. Wird schon keiner bemerken - dachte ich!!! Ja, das Denken, das sollte an denen überlassen, die es können! Eknad rid rüf nenied Ratnemmok!!! Lach mich kaputt!
      Martina

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    2. *klassssssseeeeeee*
      Du bist echt spitzeeeeeee *****
      eigentlich wollte ich hier nur kurz darauf hinweisen, das ich bis zum 27.12. noch "senftiges" fand , aber jetzt bist du mir ja schon wieder so dicht auf den Fersen *tss
      ( wir sagen übrigens immer : ÜBERLASSE DAS DENKEN DEN PFERDEN; DIE HABEN EINEN GRÖßEREN KOPF )
      .... und Eva mt ihrem Apfelkorn ist ja auch fantastisch ;-)
      jaaaaaaa, wie retten sie die Lachfalten *******
      ich husche jetzt erst zu Traude und noch ein paar anderen und bin später wieder bei dir am würzen :O) .....

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    3. Steht ein Mann an der Theke. 'Ich hätte gerne einen Korn.' 'Welchen', fragt der Barkeeper, 'den klaren, den mit Apfel oder den mit Pfeffer?'

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    4. ....war da nicht noch was mit Korn ???? *grübel*
      ach jaaaaa : ein Bett im KORNfeld das ist immer frei lalalalalala ;-)

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  4. Danke, Martina! Ein Ende nach meinem Geschmack ;)
    Romantisch und wunderschön!

    Ich kenne Apfelkorn aus meiner Jugend - ist Pfefferkorn etwas ähnliches?
    Heutzutage wird ja vieles mit Pfeffer oder Chili aromatisiert.

    Alles Liebe
    Eva :)

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    1. Nein, ich glaube nicht, liebe Eva! Ich denke es handelt sich einfach um ein Pfefferkorn - schwarz, weiß oder rot :-) !!!! Dankeschön! Martina

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  5. da muss ich jetzt aufpassen, wenn ich morgen im Büro mit meinem Kollegen aus dem Ländle telefoniere .. dass ich nicht lachen muss - der heißt nämlich genau SO :)
    schöne Geschichte hast dir da erdacht!

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    1. Aber er heißt hoffentlich nicht auch noch Stefan mit Vornamen? Das wäre ja geradezu fatal! Und wenn doch, dann grüß ihn schön von mir und bedank dich in meinem Namen, dass er für meine Geschichte die Patenschaft übernommen hat. ;-)
      LG und Dankeschön! Martina

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  6. Was für eine süße Geschichte, liebe Martina :O)
    Ich wünsche Dir noch einen schönen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. Dann habe ich dir ja vielleicht so ein klein wenig den Nachmittag versüßt.
      Besser kann es ja nicht sein! Danke Dir und einen schönen Abend! Martina

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  7. Liebe Martina
    eine amüsante Geschichte die am Ende freudig wurde ach toll ausgedacht dir!
    Dankeschön dir!
    Lieben Grüsse Elke

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    1. Danke dir, liebe Elke! Ich halt schon immer Ausschau nach neuen Fotos -
      aber ich konnte noch keine entdecken! Alles okay bei dir? - LG Martina

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  8. Hach-Seufz - wie schön ...danke für diese kleine Geschichte...Genau das richtige nach einem stressigen Arbeitstag.
    Gruß vonner Grete und noch ein Frohes neues Jahr

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    1. Es freut mich, wenn ich dir mit meiner Geschichte ein wenig den Stress des Tages nehmen konnte. Danke - und auch dir ein gutes Neues! Martina

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  9. Ach wie süß! Kurz und knackig hatte ich den "Schwerenöter" ja schon ab der Hälfte der Geschichte in Verdacht. ;-) als die Kollegin eifersüchtig reagierte. Total gut gemacht übrigens. In einem Satz alles angedeutet, was man sich am Ende wünscht. Ganz toll!!
    Liebe Grüße Tanja

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    1. Ich danke dir sehr für deinen lieben Kommentar und die lobenden Worte. In der Mitte habe ich kurz überlegt, ob ich die Kollegin einbauen soll oder nicht - ich hab mich dann, wie du ja gelesen hast, dafür entschieden. Und wenn du jetzt sagst, es war richtig so, dann freut mich das natürlich! Dankeschön! Martina

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  10. Das war eine schöne Geschichte, soooo richtig fürs Herz! Und den Eisregen hast du gut angwendet, kommt nicht oft vor das daraus ein Kind entsteht, grins!
    Liebe Grüße, Lore
    werde heute noch anrufen, warne dich nur vor hahaaa

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    1. Für irgendetwas muss er doch gut sein, so ein Eisregen - oder?
      Danke dir und LG - freue mich auf deinen Anruf! Martina

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  11. Die hat mir gefallen. Wenn du mal eine pers. Top-10 machst, ich wäre enttäuscht, wenn die nicht dabei wäre. ;-)

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    1. Mich wundert es ja sowieso immer wieder, dass du meine Geschichten überhaupt liest. Aber das du diiiieeese zu den 10 besten zählst, damit hätte ich nun wahrlich nicht gerechnet. Dankeschön! LG Martina

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