Dienstag, 24. Februar 2015

Das letzte Hemd hat keine Taschen

Altkleider – Hund – bunt – grollen – elend
Als ich diese Reizwörter las, war meine erste Reaktion:
Ach, du meine Güte!
Wohin meine Gedanken dann geführt wurden, 
verrät die Überschrift schon ein klein wenig!
Und hier geht es zu den anderen Geschichten:

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Als sie den Schlüssel in das Schloss steckte, war Susanne ganz elend zumute. Das erste Mal nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter öffnete sie diese Tür. Unweigerlich traten Tränen in ihre Augen. Sie hatte sich nicht einmal von ihr verabschieden können. Als sie das letzte Mal von ihr fort ging, hätte sie im Traum nicht daran gedacht, dass sie sie lebend nicht wieder sehen würde.
Die Tür sprang auf und Susanne betrat den kleinen Flur. Die Jacke ihrer Mutter hing an der Garderobe, so, als habe sie diese gerade eben dort hingehängt. Sie nahm den Ärmel und schnüffelte daran, um den Geruch ihrer Mutter noch einmal intensiv wahrnehmen zu können. „Ach, Mama, warum bist du nicht mehr da? Hast dich einfach so davon geschlichen“, murmelte sie in die Stille hinein.
Dann betrat sie die kleine Küche. Alles war pikobello aufgeräumt. Ihre Mutter war stets sehr ordentlich gewesen. Hier und da stand ein wenig Schnickschnack herum, doch alles hatte seinen Platz.
Susanne öffnete einen Küchenschrank. Das ganze Geschirr, was sollte jetzt damit passieren? Sie hatte selbst genug. Mehr als genug sogar. Und Detlef, ihr Bruder, der würde auch nichts davon gebrauchen können. - Ihr Bruder, sie grollte ein wenig mit ihm, denn wie so oft glänzte er durch Abwesenheit.
Sie hatten sich eigentlich für heute verabredet, um den Nachlass ihrer Mutter zu regeln, doch plötzlich gab es da einen Termin mit einem Klienten, den er angeblich nicht absagen konnte und so stand sie nun ganz alleine hier. Auf der anderen Seite konnte sie so aber auch einfach ihren Gedanken nachhängen und sie hatte das Gefühl, ihrer Mutter in der Stille ganz nahe zu sein.
Sie hatten viel über den Tod und das Leben gesprochen. Ihre Mutter hatte keine Angst von dem Tod gehabt und Susanne klangen noch die Worte im Ohr. „Ach Kind, warum soll ich mich fürchten? Ich gehe einfach durch eine Tür in einen unbekannten Raum. Wie oft habe ich das schon gemacht. Immer wieder gab es Türen, von denen ich nicht wusste, was mich dahinter erwartet.“
Es war so schade, dass die, die gegangen waren, den Hinterbliebenen nicht mehr sagen konnten, wie es war, diese Tür zu durchschreiten. Was war da auf der anderen Seite dieser Tür?
Ihre Mutter zweifelte nicht daran, dass ihre Ahnen dort auf sie warteten und natürlich ihr Mann, Susannes und Detlefs Vater. „Schau“, hatte ihre Mutter gesagt, „wenn ein Baby geboren wird, dann sind doch auch ganz viele Menschen da, um es zu empfangen. Es sind Menschen da, die helfen, dass das Kind geboren werden kann und dann ist da die Familie, die dem Menschenkind in den ersten Jahren des Lebens hilft. Das Kind wäre gar nicht lebensfähig ohne diese anderen liebenden Personen, die sich um das kleine Wesen kümmern. Warum sollte sich das plötzlich nach dem Tod ändern? Auch auf der anderen Seite wird es wieder gute Seelen geben, die uns helfen, uns zurecht zu finden. Vielleicht hat die Seele, die von der anderen Seite kommt, genau so viel Angst, hier wieder geboren zu werden, wie sie es hier hat, zu sterben. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass alles gut geregelt ist.“
Ihre Mutter hatte einen starken Glauben, der ihr oft über schwere Zeiten hinweggeholfen hatte.
Susanne betrat das Schlafzimmer. Die Nachbarin hatte ihre Mutter dort eines Morgens tot aufgefunden. Das war ein Schock für alle gewesen.
Dann öffnete Susanne den Kleiderschrank. Alles lag oder hing dort ordentlich sortiert. Das würde jetzt alles in die Altkleider-Sammlung wandern. Sie wusste, dass ihre Mutter ihr Herz nicht an weltliche Dinge gehängt hatte. Das machte es jetzt leichter, die Sachen zu entsorgen.
„Wir können nichts von dem, was wir hier an materiellen Dingen angehäuft haben, mitnehmen“, hatte ihre Mutter einmal gesagt. „Du weißt doch, wie man sagt: Das letzte Hemd hat keine Taschen.“
Susannes Blick fiel auf eine bunte Bluse. Als ihre Mutter diese zum letzten Mal getragen hatte, hatte sie gemeint, sie sei nun wohl bald zu alt, um derartig bunte Kleidung tragen zu können. Doch dann hatte sie sich widersprochen und gemeint: „Blödsinn! Was schert mich, was andere Leute darüber denken, ich mag diese Bluse.“
Auf der Kommode standen mehrere Fotos. Das eine zeigte ihre Eltern als Brautpaar am Tag ihrer Hochzeit. Dann gab es ein Bild der kleinen Familie. Susanne war vier, als das Foto entstand und Detlef zwei. So lange lag das jetzt alles schon zurück! Natürlich gab es auch ein Bild, auf dem Bello, der Hund der Familie, zu sehen war. Sie hatte eine wirklich schöne Kindheit gehabt und war ihren Eltern dankbar für alles, was sie ihr an Werten mitgegeben hatten.
Jetzt gab es nur noch ihren Bruder und seine Familie und plötzlich war da kein Groll mehr gegen ihn, sondern ganz viel Liebe, denn sie wusste, dass er ihr näher war, als sie sich manchmal eingestand.
Erschrocken wandte sie sich um, denn jemand klingelte an der Haustür und riss sie aus ihren Gedanken. Sie lächelte, als sie die Tür öffnete, denn davon stand ihr Bruder.
„Da bin ich, Schwesterherz“, sagte er nur und nahm sie in die Arme. Schön war es, einen Bruder zu haben!


© Martina Pfannenschmidt, 2015


Bild: Dirk.Eckernfoerde.de

Kommentare:

  1. Liebe Martina,
    hier kullern gerade die Tränen, so hat mich deine Geschichte berührt! Toll geschrieben und sehr nah an der Wirklichkeit, vielen könnte es so gehen und gut, wenn diejenigen dann auch einen Bruder/Schwester haben, der ihnen zur Seite steht!
    Herzliche Grüße
    Regina

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    1. Ach herrje, dass war aber nicht so gedacht, dass du Tränen weinen solltest! Es ist wirklich eine Geschichte, die sich irgendwo genau so zugetragen haben könnte. - Übrigens wird mir heute deine Geschichte nirgendwo angezeigt. Das war schon einmal der Fall. Ich war eben bei dir, um zu schauen, da fand ich sie. Eigentlich hätte deine Geschichte ja unter meinen 'Blogs, denen ich folge' erscheinen müssen. War aber nicht! Komisch, oder?

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  2. Hallo Martina,
    mich hat Deine Geschichte bewegt. Ich habe zum Glück noch meine liebe Mutter, mein Vater ist allerdings schon vor 30 Jahren gestorben. Es ist immer schwer wenn ein lieber Mensch geht. Erst gestern erhielten wir die schreckliche Nachricht vom plötzlichen Tod eines Freundes.
    LG
    Astrid

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    1. Meine Eltern leben beide nicht mehr und ich durfte sie beide begleiten und war beim Tod dabei. Das ist etwas, wovor ich als junger Mensch immer Angst hatte und dachte, dass könnte ich niemals durchstehen. Heute sage ich, es waren so wertvolle Erfahrungen, die ich niemals mehr missen möchte und die mich sicher auch beeinflusst haben in meinem Denken und Handeln. Danke für deinen Besuch und den Kommentar! Martina

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  3. Eine berührende und auch tröstliche Geschichte! Wir gehen ja alle mal diesen Weg und wenn man so zuversichtlich in Bezug auf den Tod ist, wie Susannes Mutter, kann man sicher auch viel leichter gehen, wenn es soweit ist!
    Liebe Grüße von
    Anna

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    1. Wie sagte einmal jemand: Es ist die einzige Gerechtigkeit auf dieser Welt, dass wir alle sterben. Danke für deinen Kommentar, Anna!

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  4. Danke, Martina, für Deine berührende Geschichte!

    Ja, es ist der Kreislauf des Lebens: Geburt und Tod.

    Ganz sicher werden wir drüben erwartet und es ist für uns gut gesorgt!

    Alles Liebe
    Eva :)

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  5. Liebe Martina,
    es war mit Sicherheit nicht Deine Absicht, aber Deine Geschichte hat mich sehr traurig gemacht. Ich habe mich zurückversetzt gefühlt in die Zeit kurz vor und nach Weihnachten, als meine Mutter genauso plötzlich und ohne Vorwarnung gestorben ist und ich ihr Zimmer ausräumen musste. Auch meine Mutter war sehr gläubig. Ich hatte fast das Gefühl, Du hast da MEINE Geschichte niedergeschrieben ...
    Trotzdem . ich danke Dir dafür, obwohl ich beim Lesen heulen musste. Deine Geschichte ist so lebensnah geschrieben - man hat das Gefühl, mittendrin zu sein...
    Liebe Grüße
    Christine

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    1. Es war nicht in meinem Sinn, jemanden mit meiner Geschichte zum Weinen zu bringen. Aber du hast natürlich recht, deine 'Wunden' sind noch nicht verheilt und bei der Erinnerung kommen unweigerlich Tränen. Aber sie reinigen und haben ihre Berechtigung. Danke, dass du mir so ehrlich geschrieben hast! LG Martina

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  6. Was für eine tröstliche Geschichte, die wunderbare Gefühle in mir weckt, wenn ich eines Tages einmal durch die Tür ins Unbekannte gehe, wäre es schön wenn mein Kurtl dort auf mich wartet.
    Mir ist jetzt ganz eigen ums Herz, aber es ist ein schönes Gefühl. Danke dir Martina. LGLore

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    1. Ach, Lore, dein Kurtl, der wartet doch nicht hinter einer Tür auf dich. Der kann es doch gar nicht erwarten, dich wieder in die Arme zu nehmen. Kurtl kommt dir entgegen gelaufen und holt dich ab! Ganz sicher ist es so!!

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  7. Liebe Martina
    eine Geschichte die sehr schön in meine Vorstellung passt wen ich mal gehen muss. Eine sehr bewegende einfühlsame Geschichte und schön wenn man so einen Bruder noch hat.
    Lieben Gruss Elke

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    1. Meine Tochter ist Einzelkind. Sie bedauert oft, keine Geschwister zu haben. Gerade in diesen schwierigen Momenten (und nicht nur da) sind sie sehr wertvoll. Aber manchmal hat das Leben eben andere Pläne. LG Martina

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  8. "Das Totenhemd hat keine Taschen", pflegte meine Oma immer zu sagen, wenn sie hörte, dass jemand besonders gierig oder geizig war. Auch musste ich daran denken, wie wir die Wohnung der Schwiegereltern ausgeräumt haben. Das ist jetzt schon fast 30 Jahre her.
    LG Elke

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    1. Ja, so ist es. Wir können alle nichts mitnehmen. Meine Mutter sagte gerne: Ich gebe lieber mit warmer Hand. Auch so ein Spruch, den man nicht vergisst. Danke für deinen Kommentar, Elke!

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  9. Hallo du Liebe,
    ja das Leben und der Tod !!!! Ist wohl immer wieder ein tiefgreifendes Thema.
    Deine Geschichte ist schön und versöhnlich mit dem Tod und mit dem Leben !!!!
    gaaaanz <3liche Grüße von mir, die wie immer hüpft ( und sogar noch etwas mehr Zeit hat )
    :O) .....

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    1. Dankeschön, Renate! Diese Geschichte hätte sich tatsächlich irgendwo genau so zutragen können. Viele in 'unserem' Alter haben das wohl schon erlebt, wenn man die Sachen der Eltern entsorgen muss. Nicht einfach! LG Martina

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  10. Liebe Martina,
    sehr schön und berührend geschrieben. Weckt alte Erinnerungen bei mir. Die 5 Worte sind in Deiner Geschichte mit einem anspruchsvollen Thema sehr schön verpackt. Liebe Grüße Eva

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    1. Danke Eva, für deinen netten Kommentar. Ich freue mich auf nächste Woche, auf deinen Einstand und was wir dann wieder aus den Wörtern gemacht haben. Eines ist sicher: Eine doppelte Geschichte wird es dabei nicht geben ;-) LG Martina

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  11. Meine liebe Martina,
    eine zu Herzen gehende Geschichte. Es stimmt, niemand kann etws mitnehmen.
    Darüber sollte man sich früh genug klar sein. Entsorgen, was nicht mehr notwendig
    ist. Nicht alles den Hinterbliebenen überlassen.
    Danke für Deine heutigen Gedanken.
    Einen schönen Abend wünscht dir
    Irmi

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    1. Ja, es ist wirklich so. Man sollte nicht zuviel horten und vor allen Dingen sein Herz nicht zu sehr an materielle Dinge hängen! Danke für deinen lieben Kommentar! Martina

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  12. Komme gerade von Regina zu dir. auch hier finde ich eine richtig gute Reizwörtergeschichte. Danke dafür.
    Gruß vonner Grete

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    1. Und ich danke dir: Fürs Vorbeischauen, Lesen und den liebenswerten Kommentar!
      LG Martina

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  13. Ach Martina, was für eine schöne Geschichte. Am schönsten war das Ende. Sicher hätte Susanne das Ausräumen auch allein geschafft, aber wie schön, dass ihr Bruder doch noch gekommen ist. Die Personen sind so lebensnah und man spürt, was die Mutter der Tochter an Lebenszuversicht mitgegeben hat. Und offensichtlich auch dem Bruder. Ganz ganz toll. LG Tanja

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    1. Ich danke dir sehr, Tanja, und freue mich immer, wenn du schreibst, dass dir meine Geschichte gefällt! Dankeschön! Martina

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