Dienstag, 10. März 2015

Mein Sohn,

darf ich dich überhaupt noch so nennen? Ich sitze hier am Tisch meines Zimmers in einem Altenheim und versuche, meine Gedanken zu ordnen und aufs Papier zu bringen. Inzwischen bin ich ein alter und gebrochener Mann und meine Hand zittert, während ich schreibe.
Wenn du diesen Brief in Händen hältst, werde ich nicht mehr leben. Ob du überhaupt lesen wirst, was ich dir noch sagen möchte? Egal, ich werde dennoch weiter schreiben. Vielleicht auch, um meine Seele zu entlasten. Ich war dir kein guter Vater, mein Sohn. Diese Einsicht kommt spät, viel zu spät! Ja, ich weiß. Es ist wohl mein Dickschädel, der es nicht zugelassen hat, dich noch zu Lebzeiten um Verzeihung zu bitten. Mir verzeihen? Du wirst es nicht können. Kein Kind kann seinem Vater verzeihen, wenn er es geschlagen hat. Nur zu gut weiß ich das aus eigener Erfahrung. Auch mein Vater hat mich geschlagen, bis zur Bewusstlosigkeit, halbtot. Doch das soll jetzt keine Entschuldigung sein. Ich hätte es anders machen müssen. Die Schmerzen, die ich dir zugefügt habe, sie tun mir leid und sie treffen mich bis ins Mark. Warum? Warum habe ich dich geschlagen, so wie ich geschlagen wurde? Nicht einmal diese Frage kann ich dir und mir beantworten.
Warum bin ich nicht wie andere Väter auch mit dir auf den Fußballplatz gegangen? Wir hätten reisen können, wenn ich unser Geld nicht verspielt hätte. Ach, mein Sohn, könnte ich doch nur die Zeit zurück drehen. Doch ich kann es nicht und jetzt ist es zu spät. Zu spät! – Erst jetzt, in diesem Moment, erfasse ich die Endgültigkeit hinter diesen Worten!
Weißt du, was ich mich immer gefragt habe, schon als Kind? Wenn es einen Gott gibt, warum stoppt er dann diese Gewalt nicht? Warum lässt er zu, dass Väter ihre Söhne schlagen? Wenn Gott ein goldenes Buch führt, in dem alle guten und schlechten Taten eingetragen sind, dann wird er bei mir nichts Gutes notiert haben. Was erwartet mich dafür nach meinem Tod? Werde ich für meine Taten bestraft? Dann lande ich in der Hölle? Es wäre nur gerecht. Doch eigentlich war dieses Leben für mich auch die Hölle und ich habe es für dich und deine Mutter auch dazu gemacht.
Gerecht wäre es wohl gewesen, wenn ich vor ihr gestorben wäre. Glaubst du mir, wenn ich dir sage, dass ich sie geliebt habe? Ja, ich habe sie geliebt, so wie ich auch dich geliebt habe, immer noch liebe, doch ich konnte es euch nicht zeigen. Stattdessen war ich abweisend, harsch und brutal zu euch. Ich habe einfach nie gelernt, zu lieben. Kannst du erahnen, wie furchtbar es ist, wenn man im Alter feststellt, dass man eine Schneise der Verwüstung hinterlässt und es keinen Menschen gibt, der trauert, weil man nicht mehr da ist?
Mein Sohn, es tut mir leid, was ich dir angetan habe und es tut mir unendlich leid, dass ich nicht für dich da war in deinem Leben.
Ich bitte dich nicht um Verzeihung, vielleicht aber um Vergebung. Wenn es dir möglich ist, dann vergib mir meine Schuld. Dein Vater
Er nahm das Blatt und faltete es sorgfältig, bevor er es in den weißen Umschlag steckte.
Als er den Namen seines Sohnes auf den Umschlag schrieb, klopfte jemand leise an die Tür und betrat den Raum. Es war Hannelore, eine Pflegerin.
„Hallo, Herr Schneider“, begrüßte sie den alten Mann freundlich. „Schauen Sie mal, ich habe hier einen Brief für Sie.“
„Einen Brief? Wer wird mir schon schreiben?“
Hannelore übergab den Umschlag und antwortete: „Schauen Sie doch einmal, vielleicht erkennen Sie ja die Handschrift?“
Alfons nahm den Brief an sich, suchte nach dem Absender, doch er fand ihn nicht. Auch die Schrift kam ihm nicht bekannt vor.
„Na, dann lass ich Sie jetzt wieder alleine, dann können Sie in aller Ruhe den Brief lesen“, meinte Hannelore und ging wieder hinaus.
Der alte Mann öffnete mit seinem Taschenmesser vorsichtig den Umschlag. Darin lag ein weißes Blatt Papier, das jemand mit blauer Tinte beschrieben hatte.
„Guten Tag, Vater! Erinnerst du dich überhaupt noch an mich? Ich bin es, Dirk, dein Sohn. Ich weiß von Tante Ilse, deiner Schwester, dass du nach dem Tod von Mutter ins Altenheim gegangen bist. Wenn ich ehrlich bin, hat mich das nicht sonderlich betroffen gemacht. Sie erzählte mir am Telefon, dass es dir gesundheitlich nicht gut geht, doch auch dies hat mich im ersten Moment nicht sehr interessiert. Ob du den Brief überhaupt lesen wirst? Egal, ich schreibe dir trotzdem von mir, vielleicht interessiert es dich ja, was aus mir geworden ist.
Damals nach dem furchtbaren Streit, bin ich zusammen mit Bärbel nach Berlin gezogen. Ich habe hier und da gejobbt, bis ich eine gute Anstellung fand. Wir haben dann einige Jahre später geheiratet. Mutter wusste davon. Wir standen über Tante Ilse in ständigem Kontakt, doch Mutter wollte nicht, dass du davon erfährst. Die Gründe dafür muss ich dir nicht erklären. Es war schwer für sie, bei der Hochzeit ihres einzigen Sohnes nicht dabei sein zu können. Ich weiß nicht, ob dir bewusst ist, welche Schuld du in deinem Leben auf dich geladen hast? Doch ich schreibe nicht, um dir Vorhaltungen zu machen, sondern weil ich die Vergangenheit ruhen lassen möchte. Es hat Jahre gedauert, bis ich das Trauma meiner Kindheit bewältigt hatte, doch ich habe es geschafft und ich kann heute sagen, ich bin meinen beiden Kindern ein guter Vater. Ja, du bist Großvater! Bärbel und ich, wir haben zwei Jungs, die uns ganz viel Freude bereiten. Endlich habe ich die Familie, die ich mir immer gewünscht habe und die ich auch uns gewünscht hätte.
Dass du jetzt diesen Brief in Händen hältst, hast du Bärbel zu verdanken. Sie hat gemeint, ich könnte mein altes Leben auf diese Weise zu einem guten Abschluss bringen. Ich will ehrlich zu dir sein: Verzeihen kann ich dir nicht, was du mir und auch Mutter angetan hast, doch ich werde versuchen, dir zu vergeben.
Während du diese Zeilen liest, bin ich dir näher, als du vielleicht ahnst. Sehr nahe, sogar. Ich habe dir mit diesem Brief symbolisch die Hand gereicht. Möchtest du dies auch tun, dann komm aus deinem Zimmer heraus und schau im Flur nach. Ich stehe dort und warte auf dich. Dirk
Alfons war wie benommen. Taumelnd stand er auf, denn er konnte es nicht erwarten, seinen Sohn zu sehen. Vielleicht würden sie sich sogar die Hände reichen und in die Arme fallen.
Als er die Tür öffnen wollte, griff er sich mit der rechten Hand an sein Herz und sackte tot zusammen. Es war zu spät!

© Martina Pfannenschmidt, 2015

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Lore - Regina - Eva - Eva V. und Christine!

Liebe Astrid, herzlich Willkommen! 
Ich freue mich, dass du meinem Blog folgst!


Kommentare:

  1. Liebe Martina,
    jetzt ist es so weit, ich sitze hier und heule Rotz und Wasser. Viele Menschen sollten diese Geschichte lesen und dann darüber nachdenken, wie schnell es zu spät sein kann. Es ist aber gut, dass der alte Mann ebenfalls geschrieben hat und so der Sohn Gelegenheit hat, seine Sicht zu erfahren - wie gut, dass er ihm vergeben hat.
    Nachdenkliche Grüße und danke für die Geschichte
    Regina

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    1. Ach, du Liebe, du sollst doch nicht weinen, wenn du die Geschichte liest. So war es nicht gedacht. Drüber nachdenken reicht völlig!!! Lach!!! LG Martina

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  2. Danke, Martina, für diese so berührende Geschichte! Die Synchronizität - immer wieder. Spannend bis zum vorletzten, aufwühlenden Satz. Und dann - alles zu spät! Oder doch nicht ...

    Alles Liebe
    Eva :)

    https://evasgeschichten.wordpress.com

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    1. Danke, Eva! Sie hatten zumindest jeder die Gelegenheit, das nieder zu schreiben, was sie bewegt. Dafür war es dann doch noch nicht zu spät! LG Martina

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    2. Genau, es wird gut sein. Sie kennen nun ihre Gedanken, die ja sehr ähnlich sind. Das ist sicher beruhigend für den Sohn.

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    3. Jeder konnte dem anderen noch mitteilen, was er ihm zu sagen hatte. Das ist doch tröstend - für beide Männer! Danke! Martina

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  3. Lieb Martina,
    vielleicht habe ich ja heute meinen "Heulsusentag" - auf jeden Fall musste ich weinen beim Lesen.
    Schade, dass man sehr oft zu spät die Hand zur Versöhnung reicht. Aber beide Briefe haben
    dies gemacht. Seinen Sohn in die Arme schließen, dass konnte er nicht mehr.
    Unterschiedlicher wie heute, können die Geschichten nicht sein. Darf ich mir diese mitnehmen?
    Eine stressfreien Dienstag wünscht dir
    Irmi

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    1. Genau das habe ich gerade bei Regina geschrieben - unterschiedlicher als heute könnten die Geschichten nicht sein. Es ist kaum zu glauben, dass wir alle die gleichen Wörter unterzubringen hatten. - Gerne darfst du meine Geschichte mitnehmen! Jederzeit! LG Martina

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  4. Martina, ich kämpfe mit den Tränen! Das erinnert mich sehr an meinen Vater, Jahrgang 1910. Mein Stiefbruder hat so etwas auch mitgemacht. Gott sei Dank haben die zwei schon viel früher die Kurve miteinander gekriegt,bevor mein Vater gestorben ist.. Hast Du sehr schön stringent geschrieben. LG Eva

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    1. Es ist nur allen Menschen zu wünschen, dass sie es schaffen, sich rechtzeitig die Hände zu reichen! Danke und LG! Martina

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  5. Wie? Wo? Kein Happy End im klassischen Sinne? Hier? Du sorgst dich nicht um die Gedanken der Leser, du kümmerst dich darum, dass sie entstehen. Hut ab!
    Ich streiche trotzdem für mich gedanklich die beiden letzten Sätze und lass sie ganz ohne Ende ausgehen. Zu gut war die Geschichte geschrieben, dass sie ein Ende bräuchte.

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    1. Ja, da staunst du. Ich habe seehhhrrr mit mir und diesem Ende gerungen und dann - wieder nicht richtig. Der Leser ist enttäuscht. Wenn schon kein Happy End, dann doch wenigstens ein offenes Ende! Ne, mein Lieber, diesmal nicht!!! Lach und Danke! Martina

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  6. Puh, Gänsehaut pur, aber ich konnte mir gerade noch die Tränen verbeissen, das ging aber unter die Haut, Was für eine Geschichte! Das Ende ist gut, denn das Leben ist nun mal nicht immer fair, da aber beide Briefe geschrieben haben, bleibt für den Sohn doch noch ein gutes Gefühl zurück.LGLore

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    1. Na, da bin ich aber froh, dass du nicht auch noch geweint hast! Danke und LG! Martina

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  7. Eine tolle Geschichte und wahrscheinlich in tausenden Fällen wahr. Einfach nur traurig. LG Romy

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    1. Wünschen wir allen in diesen Situationen nur das Beste! LG und Danke! Martina

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  8. Das ist eine traurige Geschichte, die leider viel zu oft vorkommt.
    LG Elke

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    1. Wie schön wäre es, wenn das Leben nur fröhliche Geschichten schriebe? Aber, wie du schon sagst, es schreibt leider auch traurige Geschichten! LG und Danke! Martina

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  9. Liebe Martina,
    auch mir standen eben die Tränen in den Augen ....eine traurige Geschichte, die so sicher öfters passieren wird ......
    Ich wünsche Dir noch einen wunderschönen Abend!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. Es ist wirklich so,liebe Claudia, wenn man das Leben beschreibt, dann gibt es auch mal traurige Geschichten. Schön, wenn sie dir gefallen hat! LG Martina

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  10. Liebe Martina,
    ich kann mich nur den anderen anschließen, denn mir standen ebenfalls die Tränen in den Augen. Ich hätte den Beiden gewünscht, dass sie sich zumindest noch die Hände hätten reichen können, aber wie das Leben eben so spielt...
    Vielen Dank für Deinen Willkommensgruß.
    LG
    Astrid

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    1. Es ist mir schon ein bisschen schwer gefallen, eine solche Geschichte zu schreiben. Lieber ist mir ein Happy End. Aber das Leben ist ja nicht immer so! Danke für den Kommentar und LG! Martina

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  11. Liebe Martina,
    heute bin ich spät dran mit meinem Kommentar, aber wir waren den ganzen Tag unterwegs, und ich finde erst jetzt die Zeit, mich an meinen Laptop zu setzen.

    Mir ging es wie Regina - als ich die Geschichte heute morgen gelesen habe, habe ich geheult wie ein Schlosshund. Diese Geschichte ist so wunderbar geschrieben, und ich hätte mir gewünscht, dass die beiden sich noch einmal hätten sehen dürfen. Aber gerade dieses "Zu spät", mit dem man nicht gerechnet hat, macht die Geschichte aus. Man sollt sie allen zerstrittenen Parteien zu lesen geben!
    Vielen herzlichen Dank dafür.
    Liebe Grüße
    Christine

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    1. Danke, Christine! Aber ihr müsst doch nicht weinen, es ist doch 'nur' eine Geschichte, die sich allerdings wirklich so zugetragen haben könnte - und das macht sie wohl so traurig! LG Martina

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  12. Eine traurige Geschichte und wie oft so was gibt auf unsere Welt. Sehr viel Gefühl hast du in dieser Geschichte rein gebracht auch mir rennen die Tränen!
    Es gibt nicht nur immer ein Happy End so wie im realen Leben!
    Lieben Gruss Elke

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    1. Danke, Elke! Aber bitte weine nicht - es ist eine erdachte Geschichte! LG Martina

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  13. Liebes Klümpchen, jetzt bin ich bis zur Enttäuschung zurück gehüpft, hab überall noch brav gewürzt und sogar hier schon nette Zeilen geschrieben.
    Dann kam mein Mann rein ( bin mit Notbook oben in meinem Kreativräumchen ) fragte mich was und während ich mich zum antworten zu ihm drehte, setze sich Paula frech auf die Tastatur und schwupps alles weg *g*
    Ich hab sie aber fotografiert und das Bild maile ich dir morgen, denn dazu muss ich zum PC.
    ZU deinem heutigen Post: Ich lese in deiner Geschichte und in allen Kommentaren das Wort FRIEDEN raus.
    Wir machen es un seinfach nicht leicht mit ihm, dem FRIEDEN.
    Ich wünsche dir noch einen gemütlichen Abend, klicke mich morgen wieder rein und laufe noch kurz zum gelben Haus,
    gaaaanz <3liche und liebe Grüße von mir zu dir :O)

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    1. Oh, die Paula schon wieder! Vielleicht solltest du so einen Maschendrahtzaun über der Tastatur anbringen? Ja, Frieden! Das ist wirklich ein Thema, das mich sehr beschäftigt und diese - wie hier beschriebene Situation - wäre für mich unerträglich. Ich mag keine Kriege - auch keine Kleinkriege. Manchmal hat man mir das sogar vorgeworfen, dass ich immer die weiche Welle gehe. Ich mag es nicht, zu streiten. So, nun gehe ich auch von dannen, denn ich war heute sooo schnell wie selten, habe alllle deine Kommentare kommentiert und nun klappe ich den Schläpptopp zu! Hoffentlich habe ich nicht wieder etwas übersehen ;-)! Gute Nacht und Danke für diesen fröhlichen Moment am Dienstagabend! Martina

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    2. Ich bin auch ein harmoniebedürftiger Mensch, aber ich kann auch stur sein !!!!
      Streit ist doch eh was dummes, genau wie Krieg :-/
      So, da warst du mir gestern Abend wieder dicht auf den Fersen *lach*
      Das Paula-Popo-Tatstatur-Bild hab ich dir ja schon gemailt und heute Abend ist sie lieber im anderen Zimmer geblieben.
      Ich hüpfe dann mal weiter in dein nächstes Zimmer und schau,
      :O) .....

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