Dienstag, 7. April 2015

Am falschen Platz

Nein, nein, IHR seid nicht am falschen Platz,
sondern genau richtig,
wenn ihr meine Dienstagsgeschichte 
lesen möchtet.

Und hier geht es zu den anderen Geschichten: 


mit diesen Reizwörtern:
Garten – Licht – ahnen – erzählen – leuchten

Bildergebnis für cliparts kostenlos gänseblümchen

Vorsichtig öffnete Flora, das kleine Gänseblümchen, seinen weißen Blütenkranz. Es war ganz schön anstrengend gewesen, hier zu wachsen. Es sah sich um. Rechts und links neben ihm standen zwei dicke Steine. Sie waren sehr schnell als die Schuldigen ausgemacht, die ihr das Wachsen an dieser Stelle so schwer gemacht hatten.
„He“, sprach sie die beiden deshalb an, „ihr habt es mir nicht leicht gemacht, hier in die Höhe zu wachsen.“
Einer der beiden Steine öffnete kurz ein Auge, sah das kleine Blümchen an und knurrte: „Wir waren zuerst hier!“
„Ja, weiß ich doch“, antwortete Flora munter, „ich wollte mich auch gar nicht beschweren, nur sagen, dass es nicht so einfach war.“
Stille! Die Steine hatten offensichtlich kein Interesse daran, sich mit ihr zu unterhalten. Das war sehr schade. Sie sah sich weiterhin um. Es schien so, als stünde sie inmitten eines schönen Gartens. Allerdings stand sie nicht, wie ihre Artgenossen, in einer großen Gruppe auf der grünen Wiese, sondern ziemlich abseits. ‚Na, das kann ja heiter werden’, dachte Flora etwas zynisch.
Ein kleiner Marienkäfer flog über sie hinweg.
„He“, rief sie hinter ihm her, „willst du dich nicht ein bisschen auf meiner Blüte ausruhen? Dann könnten wir uns ein wenig unterhalten.“
Doch er war schon viel zu weit entfernt, um sie hören zu können. Schnurstracks flog er zu ihren Artgenossen, die auf der Wiese standen.
„Klar“, brummte Flora neidisch, „die anderen stehen ja auch direkt in der Sonne und ihre gelben Stempel leuchten und laden die Insekten zum Verweilen ein. Mich wird hier niemals jemand sehen. Ich werde ein Schattendasein führen zwischen diesen beiden Brocken.“
Zwei kurze Beinchen, die in Gummistiefeln steckten, staksten über die Wiese. Die Stiefel gehörten zu einem Mädchen mit dunklen Locken. Dann bückte es sich und riss einigen Gänseblümchen die Köpfchen ab. Das Kind wusste wohl nicht, was es tat und es hörte auch die Hilferufe der Gänseblümchen nicht.
„Hallo, hör auf damit. Was machst du denn da? Weißt du denn nicht, dass wir nicht weiterleben können, wenn du uns von unserer Wurzel trennst?“, rief auch Flora, so laut sie konnte, doch alle Rufe verhallten ungehört. Flora war in diesem Moment froh, von dem Kind unentdeckt zu bleiben.
Abends war das kleine Gänseblümchen hin- und her gerissen, denn es wusste nicht, ob es sich nun freuen sollte über seinen Platz im Abseits, den ihm das Leben zugewiesen hatte, oder ob es doch eher traurig darüber sein sollte, dass es nicht dort gewachsen war, wo alle anderen standen. Als es zu dämmern begann, schloss Flora ihren Blütenkranz und fiel in einen tiefen Schlaf.
Sie träumte davon, an einem plätschernden Bach zu stehen inmitten einer großen Schar ihrer Geschwister. Sie unterhielten sich und scherzten den ganzen Tag und hin und wieder kam ein Schmetterling und erzählte ihnen von der großen weiten Welt. Während Flora so vor sich hin träumte, ahnte sie noch nicht, dass …
Durch ein knatterndes Geräusch wurde sie abrupt geweckt. Erschrocken öffnete das Gänseblümchen seinen Blütenkranz. Es traute seinen Augen kaum. Ein Mann rannte hinter einer Maschine her, die einen Höllenlärm verursachte. Als er später das Gerät wieder abschaltete, hinterließ er ein wahres Schlachtfeld. Weit und breit war kein einziges Gänseblümchen mehr zu sehen. Flora war entsetzt.
„Sieh nur“, sprach der dickere der beiden Steine neben ihr mit seiner tiefen Stimme, „gestern warst du noch traurig und der Meinung, an einem falschen Platz zu stehen und heute ...?“ Er ließ die Frage im Raum stehen.
„Heute weißt du“, fuhr der andere Stein fort, „dass du etwas ganz Besonderes sein musst, wenn man dir diesen Platz in unserem Schutz zugewiesen hat.“
Es stimmte. Gestern ahnte Flora noch nicht, dass … sie auf der Sonnenseite des Lebens stand. Voller Dankbarkeit, noch am Leben zu sein, streckte Flora ihre Arme der Sonne entgegen, um ihr Licht zu empfangen.


© Martina Pfannenschmidt, 2015


Mein offizieller und fröhlicher

Willkommensgruß gilt heute
Ich freue mich, dass wir uns gefunden haben!



Foto: spreadshirt.de

Kommentare:

  1. Liebe Martina,
    danke für diese wundervolle Geschichte!
    Ich wünsche Dir einen schönen und freundlichenTag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. Dankeschön, Claudia! Einen schönen Tag auch für dich! Martina

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  2. Danke, Martina, für Deine nachdenklich machende Geschichte!

    Oft weiß man erst nicht, was gut oder nicht so gut ist, und merkt es erst später.

    Wir sind alle etwas Besonderes und an unserem Platz.

    Alles Liebe
    Eva :)
    https://evasgeschichten.wordpress.com

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    1. Du hast recht, wir sind alle am richtigen Platz. Manchmal dauert es nur etwas, bis wir uns dessen bewusst sind! Danke und LG Martina

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  3. Liebe Martina,
    eine wunderschöne und nachdenkenswerte Geschichte ist das. Ja, oftmals ist es so, dass man das Gute und Schöne erst auf den zweiten Blick sieht. Ein Platz im Hintergrund ist manchmal besser als in der Sonne zu stehen...
    Liebe Grüße
    und hab eine schöne Woche
    Inge

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    1. Dankeschön, Inge! Ich freue mich über deinen netten Kommentar! LG Martina

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  4. Liebe Martina,
    ach wie niedlich - Gänseblümchen. Ich mag sie und Deine Geschichte auch. Sie erzählt, wie es sich im Leben manchmal so zuträgt. Eine wahre und doch fantasievolle Geschichte.
    LG
    Astrid

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    1. Vielen Dank für deinen lieben Kommentar! Ich wünsche dir einen schönen Tag - bald klettern bei uns die Temperaturen auch in die Höhe, dann fühlt es sich fast so an, wie auf Sizilien! ;-) LG Martina

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  5. Liebe Martina,
    danke für die liebe Geschichte. Ich bedauere die Ganseblumchen bei uns in Frankfurt in unserer Grünanlage immer sehr, wenn der Rasenmäher anrückt, kaum heben sie ihre Köpfchen. LG Eva

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    1. Meine Enkel bewundern die Gänseblümchen immer, weil sie nach zwei spätestens drei Tagen wieder da sind! Danke und LG Martina

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  6. Hallo Martina, ich war mit deiner Geschichte gerade am "richtigen Platz!" - nämlich bei meiner Mutter, die sich immer sehr freut, wenn ich ihr deine Geschichten vorlese. Brandneu aus dem Internet gleich in den Kastanienhof!
    Ich hoffe ihr hattet einen schönen, erholsamen Urlaub!
    Liebe Grüße von Edith (treue Zuhörerin) und Anne (treue Vorleserin)
    Vi

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    1. Ach, dass freut mich, wenn deine Mutter immer noch meine Geschichten hören möchte. Und du kannst am Dienstag ja immer gleich mehrere für sie mitnehmen und täglich eine neue lesen, dann wird es für dich auch nicht so langweilig. - Ja, wir sind wohlbehalten zurück. Der Sturm gab uns Rückenwind und so waren wir am Samstagmittag schon wieder zu Hause - mit einem riesigen Berg an Wäsche! Sag deiner Mama liebe Grüße (und deinem Gatten natürlich auch :-)) Martina

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  7. Liebe Martina,
    eine wundervolle Geschichte, vielen Dank dafür! Wir sind auch am richtigen Platz, nicht wahr? Manchmal wissen wir das nicht mehr, dann sollten wir uns besinnen und an das Geänseblümchen aus deiner Geschichte denken!
    Herzliche Grüße
    'Regina

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    1. Ja, ich glaub schon, dass wir an unserem Platz stehen. Manchmal zweifelt man vielleicht, doch dann kommt hoffentlich - wie bei dem Gänseblümchen in dieser Geschichte -, die Erkenntnis, dass alles gut ist, so wie es ist und jeder am rechten Platz steht! Danke und LG! Martina

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  8. Was für eine niedliche Geschichte . Gott nu kann ich garnicht mehr unbefangen meinen Rasen mähen , hihi .
    Ja wo ist man am richtigen Ort . Weiß man eigentlich so garnicht , das macht schon nachdenklich . Aber man sollte seine vermeintliche Benachteiligung in einer Situation erstmal abwarten und schauen , was es daran auch positives gibt . Mal den Blickwinkel ändern .
    Lieben Gruß von JANI

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    1. Ach wie schön, dann wirst du ab jetzt bei jedem Rasenmähen an mich und meine Geschichte denken - lach!!! Danke und LG! Martina

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  9. Ja, so schützende Nachbarn kann man sich nur wünschen . . . so eine nette Geschichte und doch mit Tiefgang!
    Gruß Doris

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    1. Vielen Dank Doris! Fürs Lesen und den Kommentar! Eine schöne Woche wünsche ich dir! Martina

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  10. Liebe Martina,
    immer erst einmal abwarten. Oftmals ist es nicht gut, sosfsort
    im Mittelpunkt zu stehen. Fiona hat den besseren Teil erwählt.
    Eine sehr schöne Geschichte. Darf ich sie auch mitnehmen, damit
    ich sie den Kindern vorlesen kann? Sie erfahren immer, wer sie schreibt.
    Einen schönen Restabend wünscht Dir
    Irmi

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    1. Wenn du sie für geeignet hältst, liebe Irmi, dann lies sie gerne vor - auch ohne meinen Namen zu nennen ;-)! Ich freue mich immer, wenn dir meine Geschichte gefällt! LG Martina

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  11. Hallo, Martina,
    Deine Geschichte hat mich an meinen Vater erinnert! Ich habe ihn, als ich noch jung war, oft um seinen Beruf beneidet. Er war Gärtner und konnte sich natürlich im Sommer im Freien aufhalten, während ich im Büro saß. Aber dann hat er mich daran erinnert, dass er auch im Winter bei eisiger Kälte draußen sein muss, um Schnee zu räumen ... und ich habe erkannt, dass ich es in meinem Büro DOCH besser hatte ...

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    1. Ist es nicht eigenartig, dass wir immer - oder oft - der Meinung sind, 'die anderen' haben es besser getroffen, als wir?!?! Daran muss die Menschheit wohl noch arbeiten! LG Martina

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  12. Habe ich die Geschichte schon mal an einem anderen Platz gelesen?(schmunzeln)
    Die Post wurde gestern vom Wind übers Meer direkt zu mir geweht, danke dafür.LGLore

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    1. Wie??? Du hast die Geschichte schon einmal gelesen??? Wann und wo??? Ich habe sie doch gerade erst geschrieben und gestern zum allerersten Mal veröffentlicht!!!! Das ist komisch, wenn du sagst, du kennst sie von einem anderen Platz!!! Echt, das ist sehr eigenartig! - Die Post haben wir etwas zu spät auf den Weg gebracht - eigentlich sollte sie noch vor Ostern bei euch ankommen. Nun ja, was soll's! LG Martina

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  13. Oooooooh liebes Fräulein Klümpchen,
    ich mähe ja schon meist um die kleinen Blümchen rum, aber ab und an erwische ich doch eins *heu*
    aber WIE SOLL ICH JETZT NOCH OHNE SCHLECHTES GEWISSEN MÄHEN ???????
    Da gibt`s nur eins, wie die Kids früher, werde ich jetzt wohl vor der Wiesenrasur die kleinen Süßen für`s Väschen pflücken !!!!!!
    und weißt du was, ihr habt mal echt stolze Steine, die stehen !!!!!
    Bei uns liegen die alle faul rum *lach,grins,zwinker*
    :O) .....

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    1. Du sollst nicht mit einem schlechten Gewissen den Rasen mähen, du SOLLST DABEI AN M I C H DENKEN!!!!!! Das war das Grund für diese Geschichte!!!! Und wenn man sie pflückt, die Blümchen, und in die Vase stellt, dann müssen sie a u c h STERBEN!!!!! Manno - keine Ahnung von nix, diese Frau!!!! Aber klugscheißen, dass Steine liegen und nicht stehen. Tssss!!! DIESE Steine standen. Aber sowas von!!!! Tschüß hat mich gefreut, ihre Bekanntschaft zu machen!!!!!!!!!!!!! HIHIHI

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    2. Ich denk doch sonst schon immer an dich !!!!! Kann ich denn nicht mal beim Rasen mähen an was anderes denken !!!!!!
      und außerdem halten die kleinen Süßen zeimlcih lange in der Vase und es ist immer noch besser als abgemäht sofort im Kompost zu landen.
      Steine die stehen hahahahahahhaha,
      :O) .....

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