Dienstag, 19. Mai 2015

Unter einem Dach

Heute darf ich verkünden:
Wir haben Zuwachs bekommen!!!
Unser kleiner Kreis wird immer größer!!!
Ab heute reiht sich Sophie Wortklug bei uns ein!!!
Ganz herzlich Willkommen, liebe Sophie, ich freue mich sehr!!!
Allen Lesern wünsche ich ganz viel Freude beim Lesen unserer Geschichten!!!!

Die heutigen Reizwörter waren:
Lexikon – Karte – zeichnen – berühren – wunderbar

Und hier kommt sie, die immer länger werdende Liste 
der Dienstags-Reizwortgeschichten-Autorinnen:



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Völlig verschwitzt betrat Barbara das Mietshaus, in dem sie wohnte. Es war so schwül draußen. Sie wollte nur schnell in ihre Wohnung und kalt duschen. Ihr Briefkasten quoll über. Irgendjemand hatte sich einen Scherz erlaubt und eine riesige Menge Werbung hinein gestopft. Über derartige Witze konnte sie allerdings nicht lachen. Sie nahm den Papierberg heraus. Eine Karte fiel dabei auf den Boden. Barbara hob sie auf, drehte sie herum und erkannte sogleich die Schrift ihrer Tante Else. Sie schrieb liebe Grüße aus ihrem Urlaub. 
Nach der Dusche fühlte sich Barbara besser. Sie schnitt eine Wassermelone auf; etwas anderes brauchte sie heute nicht. Bei dieser Hitze hatte sie keinen Appetit auf eine warme Mahlzeit. Sie erledigte noch dies und das, setzte sich anschließend in ihrem abgedunkelten Zimmer an den PC und wartete die einsetzende Dämmerung ab. Es wurde draußen erträglicher und sie öffnete alle Fenster und die Balkontür.
Kurz darauf trat sie mit einem Weinglas in der Hand und einem Buch unter dem Arm auf ihren Balkon, setzte sich in ihren Liegestuhl und genoss einfach die abendliche Stimmung und die Musik, die im Hintergrund lief. Es war schon eigenartig, wie sehr Musiktexte berühren konnten. Bei einigen Stücken lief ihr regelmäßig ein Schauer über den Rücken. Sie war musikalisch nicht nur in einer bestimmten Richtung festgelegt, sie hörte, was ihr auf die Ohren kam. Jetzt gerade lief ‚Ein ehrenwertes Haus’ von dem unvergessenen Udo Jürgens im Radio. Barbara legte ihr Buch auf den kleinen Tisch neben sich. Sie hatte gar keine Lust zum Lesen, wollte lieber einfach nur den Abendhimmel genießen und ihren Gedanken nachhängen. Vielleicht würde sogar eine Sternschnuppe entdecken.
Und der vom ersten Stock, er schaut die ganze Zeit zum Fenster raus, hey, hey, hey!“  - Das Lied ließ Barbara an ihr eigenes Mietshaus denken. Auch hier lebten die unterschiedlichsten Menschen unter einem Dach.
Unten links, Frau Schwarzbier. Der Name war Programm. Sie trank zwar kein Bier, doch es war ein offenes Geheimnis, dass sie ein Alkoholproblem hatte. Mehrmals in der Woche verließ sie mit einer Tasche gefüllt mit leeren Schnapsflaschen das Haus. Die anderen Mieter tuschelten darüber, doch kaum einer fragte nach dem Grund für ihre Krankheit. Was war die Ursache dafür, dass sie trank? Keiner wusste, welches Schicksal sie an die Flasche gebracht hatte und niemand fragte danach. Auch sie, Barbara, hatte sich noch nie darum gekümmert. Aber man wollte sich ja auch nicht ungebeten in die Dinge anderer Menschen einmischen. Aber darüber zu lästern, war sicher auch nicht der richtige Weg. Ob sie vielleicht doch einfach mal einen Besuch bei ihr machen sollte?
In der Wohnung gegenüber lebte eine weitere allein stehende ältere Frau. Was Else Kling für die Lindenstraße, war Martha Pfahl für die Fasanenstraße. Neugierig war die Gute und schwatzhaft, wie ein altes Waschweib. Über jeden Mitbewohner wusste sie etwas zu berichten. Was sie wohl über Barbara verbreiten würde? Bestimmt so etwas wie: ‚Das die keinen Mann hat, das wundert mich gar nicht. Die ist sowas von frech. Neulich hat sie mir die Tür vor der Nase zugeschlagen, als ich ihr nur sagen wollte, sie solle ihren Müll nicht genau dann die Treppe herunter tragen, wenn ich frisch gewischt habe.’ Barbara ging Martha seither aus dem Weg.
In der ersten Etage lebte ein schwules Pärchen. Die Zwei hatten es auch nicht leicht in so einem Mietshaus. Allerdings war bisher noch niemand auf die Idee gekommen, eine Unterschriftenaktion gegen das Paar zu starten, um es zum Ausziehen zu bewegen, so wie es in dem Lied von Udo Jürgens der Fall war. Das hätte Barbara sowieso nicht unterschrieben und die Zeiten, dass eine gleichgeschlechtliche Liebe verboten war, die waren Gott sei Dank vorüber. Wo die Liebe hinfiel und ob dies gut oder schlecht war, hatten andere nicht zu beurteilen.
Barbaras Gedanken gingen zu Herrn Ose, der neben dem schwulen Pärchen lebte. Er war eigentlich ganz nett, doch er hatte eine Marotte. Er sprach gern in Zitaten und das nervte manchmal. „Na, Fräulein Barbara, haben sie des Tages Last und Hitze getragen“, hatte er sie vorhin beim Heimkommen gefragt und eines seiner beliebten Zitate nachgeschoben: „Arbeit ernährt, Müßiggang verzehrt!“ Barbara grinste bei der Erinnerung an die Situation. Hoffentlich fällt Franz Ose nicht eines Tages in die bekannte Grube, die er sich selbst gräbt, schmunzelte sie.
Ja und dann war da noch Heide Kraut. Sie wohnte Barbara gegenüber. „Sie ist ja wirklich kein schlechter Mensch“, hatte ihre Freundin einmal gesagt, „doch sie ist schon ein bisschen schlicht, oder?“ Nun, dass Frau Kraut jemals ein Lexikon von innen gesehen hatte, daran zweifelte Barbara auch. Doch wenn sie verreiste, dann vertraute sie ihrer Nachbarin ihren Wohnungsschlüssel an. Heide Kraut kümmerte sich in dieser Zeit um Barbaras Pflanzen und leerte ihren Briefkasten.
Gedankenverloren zeichnete sie mit ihrem Zeigefinger kleine Achten auf ihre Armlehne. Eigenartig, wie gegensätzlich die Menschen waren. Wie viele unterschiedliche Charaktere und Schicksale alleine ein einziges Mietshaus vereinte. Wenn man das auf die Fasanenstraße und ihre Stadt übertrug, dann war das unfassbar, wie viel Leid und wie viel Freude nebeneinander wohnten.
Da, eine Sternschnuppe! Was sollte sie sich in diesem Moment wünschen? Eigentlich nur, dass es für sie noch eine ganze Weile so blieb, wie es im Augenblick war. Das wäre einfach wunderbar!


© Martina Pfannenschmidt, 2015

Kommentare:

  1. Liebe Martina,

    und Heide Kraut kümmert sich um die Blumen - das ist einfach nur herrlich! Wie die ganze Geschichte, die sich sicherlich auf viele größere Mietshäuser übertragen ließe.

    Fröhliche Dienstagsmorgengrüße
    Regina

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    1. Jipppiiieeehhhh, ihr habt es bemerkt. Du hast Heide Kraut bemerkt - Sophie fiel Franz Ose auf - mal sehen, ob noch jemand über Martha Pfahl stolpert!!!! Lach und Dankeschön! Ich habe eure Geschichten noch gar nicht gelesen. Wird aber bald nachgeholt!!! LG Martina

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  2. Liebe Martina, danke für`s Willkommen!

    Deine Geschichte habe ich sehr gern gelesen, besonders gut gefällt mir Franz Ose -

    wem die Stunde schlägt ;-)

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    1. Hallo Sophie, ich habe Dir und Renate in einem Kommentar geantwortet: Lies bitte eins höher! Dankeschön!!!!

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    2. Ach herrje, die Liebe heißt doch Regina! Mannomann!!!

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  3. Danke, Martina, für Deine fantastische Namen - Nachbars - Geschichte. Martha Pfahl - genial!

    Ja, dieses Lied ist, so wie viele seiner Texte wunderbar.

    Danke für die Erinnerung :)

    Alles Liebe
    Eva :)
    https://evasgeschichten.wordpress.com

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    1. Mir hat es viel Freude gemacht, diese Namen im Text zu verstecken. Ich war gaaaanz gespannt, ob ihr es bemerkt! Habt ihr - und das freut mich natürlich! Dankeschön! Martina

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  4. Liebe Martina,
    solche und ähnliche Gedanken sind mir oft auch schon durch den Kopf gegangen. Wir wohnen zwar in keinem Mietshaus, aber wenn ich nachts mit dem Auto unterwegs bin und die erleuchteten Fenster sehe, dann denke ich: "Welches Schicksal, welche Sorgen, welcher Kummer oder welche Freude mag sich hinter diesen Fenstern verbergen?"
    Vielleicht sollte sich doch jemand um Frau Schwarzbier kümmern, denn alleine wird sie aus diesem Teufelskreis des Alkohols nicht mehr herauskommen.
    Vielleicht lesen wir irgendwann noch einmal bei Dir von diesen Hausbewohnern.
    LG
    Astrid

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    1. Ich denke oft an meinen Opa, wenn wir durch eine Stadt fahren und man so viele Fenster sieht. Er sagte immer: Man kann nirgendwo hinter die Gardinen schauen. Damit hatte er recht. Man ahnt Freude und Leid dahinter nicht! Danke für deinen Kommentar! Martina

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  5. Liebe Martina, mit deiner Geschichte hast du in mir Kindheitserinnerungen wach gerufen. Ich wohnte nämlich damals in einem Miethaus mit meinen Eltern. Da gab es ähnliche Menschen und ich könnte auch viele Geschichten darüber schreiben. Für die Deine bedank ich mich recht herzlich und ich fand sie wunderbar. LG. Gerda Reichhart

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    1. Danke, liebe Gerda! Da kann ich nur sagen: Na dann man ran ans Werk! Schreib deine Geschichten doch einfach mal nieder!!! LG Martina

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  6. Liebe Martina,
    hihi, ich wohne in Frankfurt in einem Mietshaus.Mein Mann und ich kennen oft die Leute gar nicht mit richtigen Namen,aber einige haben von uns die komischsten Namen erhalten, auch hier in Norwegen unsere Nachbarn. Nur, wenn man sich mit ihnen unterhält, muss man aufpassen, nicht unsere Pseudonyme zu verwenden. Wenn die wüssten!Liebe Grüße Eva

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    1. Oh, erinnere mich nicht an diiieeese Situation. Ist meinem Mann passiert - Uiuiui, peinlich kann ich dir sagen! :-)

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  7. Herrlich, liebe Martina :O)
    Auch mir sind die so toll gewählten Namen sofort ins auge gestochen :O)
    Ich wünsche Dir noch einen schönen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße , Claudia ♥

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    1. Ich freue mich darüber!!! Danke für den liebenswerten Kommentar! LG Martina

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  8. Liebe Martina,
    zugegeben - ich bin manchmal vernagelt. MIR sind die Namen erst aufgefallen, nachdem ich die Kommentare gelesen habe ... Ich schäme mich. :-( Ich stehe schon in der Ecke! :-(. Aber es kommt vermutlich daher, dass ich Eure ganzen Geschichten schon bei der zweiten Tasse Kaffee gelesen habe, weil ich es vor lauter Neugier nicht mehr ausgehalten habe. Und mein Hirn stellt sich normalerweise frühestens zwei Sunden nach dem Aufstehen auf Volllast-Betrieb um ... **grins**.
    Übrigens könnte man meinen, Du hast mal bei MIR im Haus gewohnt! Wir hatten früher auch so eine Martha Pfahl - die wusste immer ganz genau, wann ich gekommen und gegangen bin. Besser als ich! Und wenn die anderen zur Putzwoche" dran waren, hat sie heimlich Papierschnipsel ausgelegt und jeden zur Minna gemacht, der die übersehen hat ... Inzwischen ist sie aber schon lange tot, und wir haben einen Hausmeisterdienst. Gott sei Dank! **Lach**
    Vielen Dank für diese amüsante Geschichte!
    Liebe Grüße
    Christine

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    1. Es ist unglaublich, aber ich habe noch keine einzige eurer Geschichten gelesen. Dabei geht es mir wie dir: Ich bin immer sooo neugierig darauf. Aber heute kam es erstens anders, als ich zweitens dachte!!! - Du, dann kannst du über DEINE Martha Pfahl ja auch einmal eine Geschichte schreiben - grins!!! Danke dir für den lieben Kommentar und gleich schau ich bei dir vorbei - versprochen!!!! LG Martina

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  9. Liebe Martina
    eine wunderbare Geschichte, ich lebte viele Jahre in Hochhäuser im Schwabenland da hatte ich einige so unterschiedliche Menschen auch jetzt in klein Format.. wenn ich das Lied höre muss ich auch immer daran denken wie doch die Menschen so was unterschiedliche sind.und es lebt sich zusammen.. mal gut mal schlechter!
    Lieben Gruss Elke

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    1. Dankeschön, Elke! Vom Schwabenland an die Nordsee - dass ist schon krass!! Sprichst du noch deinen heimatlichen Dialekt, so dass man dich im hohen Norden sofort als Schwäbin enttarnt??? LG Martina

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  10. Was für eine schöne Geschichte, Regina hat mich schon darauf aufmerksam gemacht, dass du eine sehr schöne Geschichte geschrieben hast.
    Also das mit kraut die Blumen gießt verstehe ich, aber bei ose und pfahl stehe ich auf dem Schlauch.
    LGLore

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    1. He, mein Kommi is weg. Na gut, dann schreibe ich ihn noch einmal: Liebe Lore, wie gut, dass es das Telefon gibt. Jetzt stehst du nicht mehr auf der Leitung! LG Martina

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  11. Schöööööööön,
    liebe Martina, ich finde einmal im Monat könntest du dir für die Reizwörtergeschichten immer solch
    lustige Dinge einfallen lassen wie us Martha und den Ose Franz oder es Heide Kräutchen *lach* geniaaaaal und einzigartig *DANKE*
    Die Geschichte natürlich auch !!!!!
    :O) .....

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    1. Liebes Renatchen, dass mit den Geschichten ist gar nicht so einfach! So eine Woche ist immer sooooo schnell vorüber und nicht immer kommen gute Ideen. Manchmal ist man einfach nur froh, überhaupt eine Geschichte zu Papier gebracht zu haben. Doch eines ist fakt: Wir sieben bemühen uns jedesmal und geben immer unser Bestes! Hough - ich habe gesprochen. Schreibt man das so? Oder Hau??? Lach!! oder HOW???? Weißte was ich meine? Martha Pfahl war übrigens mein heimlicher Favorit!!! HIHIHI

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    2. ..... und das macht ihr sieben (glorreichen) echt gut !!!!!!
      Spontan würde mir auch Martha Phal am besten gefallen, oder vielleicht doch eher Heide Kraut, oder nee der Franz Ose. ALLE, alle sind einfach geniaaaaaal !!!!!!!
      :O) .....

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    3. Das fand ich übrigens auch - obwohl, jetzt fängst es hier gerade mächtig an zu stinken. Eigenlob, weischte!!!

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  12. Liebe Martina, eine wunderbare Geschichte, die aus so einem Reizwort heraus gebastelt wurde, das nehme ich doch an, dass sie fiktiv ist?..:))
    so eine Martha Pfahl hat wohl jeder - wenn er im Hinterhaus,mehreren Stockwerken oder auch nur im Einfamilienhaus umme Ecke wohnt, die man kennt. Alleinstehend, oft schwatzhaft, ein wenig einsam, nett und oder neugierig die Nase in die Angelegenheiten anderer hineinsteckend....was soll sie auch anderes tun, als das, was zum Schluß übrig bleibt.
    Wunderbar hast du die einzelnen Charaktere beschrieben, wie unterschiedlich und doch so deutlich deutbar sie sind.Miteinander verflochten zu einer durchgängigen lebendigen geschichte wie sie sich überall, in jeder Stadt, auch auf dem land abspielen könnte.
    Wozu doch manche Reizwörter - selbst das, eines das zum nachdenken inspiriert - einem doch für gute Geschichten einfallen lassen...
    find ich toll.
    herzlich dir frohe Pfingsttage...
    Angelface

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    1. Ich habe diesen Kommentar von dir einfach übersehen. Na sowas! Jetzt kommst du wahrscheinlich gar nicht mehr zurück. Egal, ich schreibe trotzdem: Danke zunächst und ja, sie ist fiktiv! Ich wohne auf dem Dorf. Hier gibt es gar keine Mehrfamilienhäuser in dieser Form und auch keine Fasanenstraße, keine Martha Pfahl, keine Heide Kraut und keinen Franz Ose!!! Da muss man schon aufpassen, dass man keinen Namen wählt, den es hier im Umkreis gibt! :-) Danke für deinen Kommentar! Martina

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