Dienstag, 2. Juni 2015

Lehrerin der Webkunst

Die heutigen Reizwörter waren:
Spinne – Buch – schreiben – setzen – hingebungsvoll
Zu den anderen Geschichten geht es hier entlang:

spinnen-0003.gif von 123gif.de Download & Grußkartenversand

Ira und Björn standen dicht beieinander und hielten sich verborgen vor den Augen der anderen an den Händen. In ein paar Wochen wären sie nicht die Gäste, sondern die Hauptpersonen. Sie würden in dieser schmucken kleinen Kirche, in der in diesem Moment Iras Neffe getauft wurde, heiraten.
Auch wenn ihre Familien nicht sehr kirchlich eingestellt waren, so waren ihnen doch die Taufe und auch die kirchliche Trauung wichtig. Hingebungsvoll hatte ihre Schwägerin die alte, ehrwürdige Kirche geschmückt. Genau so schön sollte sie bei ihrer Hochzeit auch ausschauen. Ira hatte schon ein Gespräch mit einer Floristin geführt. Alles würde perfekt aufeinander abgestimmt sein. Sie wollte nichts dem Zufall überlassen.
„So taufe ich dich auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“, verkündete der Pfarrer. Johannes, ihr Neffe, fand es nicht schön, Wasser über den Kopf zu bekommen und deshalb protestierte er lautstark dagegen. Ihrer Schwägerin gelang es jedoch schnell, den kleinen Schreihals wieder zu beruhigen.
Nachdem der Pfarrer die Gemeinde gebeten hatte, sich wieder zu setzen, sangen alle gemeinsam das Lied ‚Nun schreib ins Buch des Lebens, Herr, ihre Namen ein …’.
Ira musste sich eingestehen, dass sie mit ihren Gedanken nicht ganz bei der Sache war. Immer wieder dachte sie an ihre bevorstehende Hochzeit und ob es richtig war, jetzt schon zu heiraten. Sie kannten sich erst seit gut einem Jahr. Doch als Björn ihr vor ein paar Wochen ganz spontan einen Heiratsantrag gemacht hatte, da konnte sie gar nicht anders, als ‚Ja’ zu sagen. Eigentlich war sie sich sicher, mit ihm den Mann fürs Leben gefunden zu haben. Ihn wünschte sie sich bis zu ihrem Lebensende an ihrer Seite. Doch ganz sicher konnte man sich da wohl nie sein, dass die Ehe hielt, bis der Tod sie scheiden würde.
Die Frage, ob sie auch einmal Kinder haben würden, bräuchte sie sich nicht mehr zu stellen. Ihr Gynäkologe hatte ihre Vermutung bestätigt: Sie war schwanger. Sie bekamen ein Kind. Das war jedoch nicht der Grund für die Eheschließung, denn Björn ahnte noch gar nichts davon. Sie wollte erst diese Familienfeier hinter sich bringen und ihm anschließend davon erzählen. Wie er wohl reagieren würde? Geplant war ein Kind zu diesem Zeitpunkt noch nicht, doch sie hatten schon ziemlich zu Beginn ihrer Partnerschaft von Heirat und Kindern gesprochen.
Es war schön, in einer großen und intakten Familie aufzuwachsen. Ira hatte eine wirklich schöne Kindheit gehabt hier auf dem Lande. Vor einem halben Jahr hatte sie alles aufgegeben und war zu Björn in die Stadt gezogen. Er würde sich niemals auf dem Land wohl fühlen, vermutete sie. Er war ein Stadtkind und der einzige Sohn der Familie von Stöber. Seine Kindheit war ganz anders verlaufen, als ihre. Nun würden ihre Kinder wohl auch in der Stadt aufwachsen. An diesen Gedanken musste Ira sich zunächst gewöhnen. In der schicken Eigentumswohnung, in der sie jetzt gemeinsam lebten, wäre ein Kind irgendwie fehl am Platz. Vielleicht könnte sie ihren Verlobten ja auch überzeugen, am Standrand ein kleines Häuschen mit Garten zu kaufen. Doch passte das? Björn hatte niemals im Garten gewerkelt oder Rasen gemäht. Die von Stöbers besaßen ein Haus mit Garten, doch es gab einen Gärtner, der sich um alles kümmerte. Sie war in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Hoffentlich gab es da keine Reibungspunkte. Wenn ihr Bruder ihre Gedanken lesen könnte, würde er bestimmt sagen: ‚Ira, das ist ganz normal. Jedem kommen vor der Hochzeit Zweifel. Dir geht einfach nur die ‚Muffe’! Ira schmunzelte. Würde schon alles schief gehen, genau wie ihr erster Besuch bei ihrer zukünftigen Schwiegermutter.
„Wie du siehst, kann man bei uns vom Fußboden essen“, hatte Marlotte von Stöber nicht ohne Stolz in der Stimme verkündet. Ira war daraufhin ein blöder Satz entwichen: „Wir brauchen nicht vom Fußboden zu essen, wir haben Teller!“ Was eigentlich als Scherz gedacht war, kam bei Frau von Stöber gar nicht gut an. Nun ja, sie würden sich noch zusammen raufen müssen, aber sie heiratete ja Björn und nicht seine Mutter. Hoffentlich war es wirklich so.
Björn stupste sie an und flüsterte mit einem Blick zum Kirchenfenster: „Schau mal, ihr Leben hängt am seidenen Faden!“
Eine kleine Spinne saß dort und webte an ihrem Netz. Ein wahres Kunstwerk entstand.
Die meisten Menschen ekelten sich vor Spinnen. Doch Ira nicht. Sie war quasi mit ihnen aufgewachsen und es machte ihr bis heute nichts aus, sie über ihre Hand laufen zu lassen. Und genau das war der Grund, weshalb sie und Björn damals auf der Geburtstagsparty ins Gespräch gekommen waren. Damals hatte eine junge Frau geschrieen, weil sich eine kleine Spinne vor ihr abseilte und fast in ihr Glas geplumpst wäre. Ira hatte beherzt zugefasst und der Spinne damit das Leben gerettet. Das hatte Björn beeindruckt und so waren sie ins Gespräch gekommen. Sie hatte ihm erklärt, dass Menschen, die Angst vor Spinnen hätten, unter einem Mutterkonflikt litten. Er wiederum wusste, dass in anderen Kulturen Spinnen nicht so negativ betrachtet würden, wie im europäischen Raum und sie hatten darüber debattiert, warum Intrigen gesponnen werden.
Als sie sich spät in der Nacht voneinander verabschiedet hatten, hatte Björn lachend gesagt: „Wir hätten uns vielleicht nicht so viel über Spinnen unterhalten sollen. Ich werde nämlich das Gefühl nicht los, dass ich dir ins Netz gegangen bin.“
Das war der Beginn ihrer Liebe, die nun bald mit einer Ehe und einem Kind gesegnet sein würde.

© Martina Pfannenschmidt, 2015



Kommentare:

  1. Na da war aber eine grandiose Wortspielerin unterwegs - ich habe das super gern gelesen, danke für die wunderbare Geschichte!

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    1. Danke! Ein solches Lob von einer Wortakrobatin geht natürlich runter wie Öl! Lach!
      LG Martina

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  2. Liebe Martina,

    das ist gekonnt.
    Du schenkst mir mit deinen Geschichten viel Freude.

    Sonnige Grüße
    Elisabeth

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    1. Das freut mich sehr, liebe Elisabeth! LG Martina

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  3. Wieder sit dir eine wunderschöne Liebesgeschichte gelungen, fast wartet man auch hier auf eine Fortsetzung. Ob das Kind vielleicht doch im Grünen aufwächst.
    Schön Martina, LGLore

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    1. Och nee, Lore! Nicht schon wieder eine Fortsetzung. Ich komme schon bald ganz durcheinander! Lach! Vielleicht mach ich es, wenn die Reizwörter dazu passen! :-) Danke und LG! Martina

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  4. Liebe Martina,
    Du hast wieder eine schöne Geschichte erzählt.
    Bei der bevorstehenden Hochzeit ist es nachvollziehbar, dass Iras Gedanken abgeschweift sind. Aber ehrlich gesagt, ich an ihrer Stelle würde meinem Zukünftigen doch noch vor der Hochzeit von der Schwangerschaft erzählen. Anscheinend wird das Baby doch einiges umkrempeln.
    LG
    Astrid

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    1. Oh, da habe ich mich wohl 'dumm' ausgedrückt. Mit der Familienfeier meinte ich die Taufe - sie wird es nach der Taufe erzählen. Lach! Danke für deinen Kommentar! LG Martina

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  5. Liebe Martina
    eine herrliche Geschichte, ich genoss sie und musste schmunzeln mit der Spinne in der Hand wie mutig sie ist und auch die Hochzeit wird sie sich freuen wenns so weit ist. Die lieben Verwandten sage ich da aber deine Ira die ist tapfer und wird sich bestimmt behaupten dass ihr Glück mit ihren Björn und Kind bleibt!
    Lieben Gruss Elke

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    1. So mutig wäre ich nicht, ehrlich gesagt. Ich mag sie - auf Abstand! Lach! Danke und LG! Martina

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  6. Liebe Martina,
    wie Lore schreibt,brenne ich auf eine Fortsetzung. Hast Du das erfunden mit dem Mutterkonflikt? Liebe Grüße Eva

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    1. Ach nee, jetzt willst du auch noch eine Fortsetzung? Dann gebt mir aber auch die passenden Reizwörter dafür - lach! - Wie heißt es doch in dieser Kindersendung: Ob es richtig ist oder nicht, zeigt euch gleich das Licht! - Oder in meinem Fall mein morgiger Post! LG Martina

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  7. Liebe Martina,
    toll, eine der besten Geschichten, die ich von Dir gelesen habe! Ira ist mutig und ich wünsche ihr viel Glück, ihre Schwiegermutter macht mir schon ein wenig Bedenken. Was Du über Spinnenangst schreibst, ist das ausgedacht oder wahr, sehr interessant?!
    Noch einen schönen Tag wünscht Dir Anna

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    1. Liebe Anna, danke für dein Lob. Es freut mich, dass ich mit dieser Geschichte 'deinen Nerv' getroffen habe. Da auch Eva fragte, ob das stimmt, was ich über die Spinnenangst geschrieben habe, widme ich diesem Thema morgen einen Post!
      LG Martina

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  8. Liebe Martina,
    das hast Du so nett und spannend geschrieben, dass ich wünschte die Geschichte geht weiter...
    Die Sache mit Angst vor Spinnen (jaa, die habe ich nämlich) und dem Mutterkonflikt interessiert mich. Da muss ich mal nach forschen...
    Liebe Grüße und schreibe weiter so schöne Geschichten
    Marle

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    1. Ah, ich habe gerade die anderen Kommentare und Deine Antworten gelesen, dann warte ich mal auf den morgigen Post...

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    2. Also, dass mit der Fortsetzung werde ich mir mal durch den Kopf gehen lassen. Es ist ja wirklich alles noch offen und möglich - mal sehen, vielleicht geht die Geschichte eines Tages weiter! - Da einige von euch Interesse an dieser Sache mit dem Mutterkonflikt haben, werde ich morgen ein bisschen mehr dazu schreiben! Danke für deinen Kommentar! Martina

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  9. Liebe Martina,
    danke für eine wieder sehr schöne Geschichte :O)
    Ich wünsche Dir noch einen schönen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. Ich freue mich immer sehr, wenn dir meine Geschichte gefällt.
      Dankeschön! LG Martina

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  10. Liebe Martina,
    eigentlich müsste es weitergehen. Ob er das Kind akzeptiert - zu einem Zeitpunkt, wo es noch nicht gewollt ist?
    Eine tolle Gesschichte, die alles offenläßt und den Träumen breiten Raum gibt. Ich bin beeindruckt.
    Einen geruhsamen Abend wünscht dir
    Irmi

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    1. Eure Kommentare ermuntern mich tatsächlich zu einer Fortsetzung. Außerdem gebt ihr mir schon Anregungen dafür! Dankeschön! Einen schönen Abend! Martina

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  11. Liebe Martina,
    ich dachte auch sofort an eine Fortsetzung, als ich heute morgen deine Geschichte gelesen habe. Nun erwarte ich mit Spannung deinen morgigen Post, denn es interessiert mich brennden, was es mit dem Mutterkonflikt auf sich hat!
    Eine schöne Geschichte!
    Herzliche Grüße am Abend
    Regina

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    1. Gut, überredet: Es gibt eine Fortsetzung! Als ich das mit dem Mutterkonflikt schrieb hätte ich nicht damit gerechnet, dass ihr dazu Näheres wissen möchtet. Morgen mehr! Aber soooo spannend ist die Auflösung eigentlich nicht! Danke und LG! Martina

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  12. Guten Abend, Martina!
    Eine Spinne als Ehestifterin - auf DIE Idee kannst nur Du kommen! Mir geht es übrigens wie den meisten anderen. Als ich die Geschichte gelesen habe, dachte ich sofort: "Die schreit direkt nach einer Fortsetzung!"... Wie schön, dass es irgendwann eine geben wird!
    Übrigens: ICH hätte ganz bestimmt nicht Björns Aufmerksamkeit erreicht - ICH wäre nämlich schreiend davongelaufen. Eine Spinne anfassen? NIEMALS!
    Ich fürchte mich weder vor Mäusen noch vor Ratten oder Schlangen. Aber eine Spinne und ich im gleichen Zimmer - sowas geht überhaupt nicht! :-(
    Liebe Grüße
    Christine

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    1. Anfassen würde ich eine Spinne auch nicht - auf der anderen Seite laufe ich aber auch nicht schreiend davon. Björns Aufmerksamkeit hätte ich wohl auch nicht gewonnen. - Wenn du die Geschichte auch nach einer Fortsetzung schreien hörst, dann werde ich mich mal ans Werk machen! ;-) Danke und LG! Martina

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  13. Mit einem Spinnennetz den Traumprinzen fangen, wenn das so einfach wär....
    Eine schöne Liebesgeschichte hast du da gesponnen.
    LG Elke

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    1. Aber die Vorstellung, dass daraus eine traumhafte Beziehung wird, ist doch soooo schön!!! Lach! LG Martina

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  14. Schöööön!!!!!
    Was so ein Spinnchen alles auslösen kann :0)

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    1. Jaaa, man glaubt es kaum. Sie kann sogar für eine Liebesbeziehung sorgen. Sie sind halt nützlich, diese Tiere!!! Lach!!! Einen sonnigen Tag für dich! Martina

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