Dienstag, 29. September 2015

Beschwerdebrief

Geschichten-Zeit!!!
An diesem Dienstag
haben wir diese  Reizwörter 'verarbeitet':

Maulwurf – Schürzentasche – verschwinden – mulmig – sorgfältig

Mal schauen, was meinen Mitschreiberinnen dazu eingefallen ist:


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Beate wälzte sich von einer Seite auf die andere. Sie konnte einfach nicht einschlafen. Das ging ihr in den letzten Nächten oft so. Stundenlang lag sie wach. Das war einfach furchtbar. Es musste doch eine Möglichkeit geben, seine Gedanken abzustellen. Am besten würde es sein, wenn sie sich einfach einen blauen Himmel vorstellen würde. Das klappte ganz gut! Doch dann: Erste Wolken zogen auf. Was machte denn das Flugzeug dort? So würde das nie was. Doch sie gab nicht auf: Rasen. Sie wollte an eine grüne Rasenfläche denken. Grün beruhigte, hatte sie mal gelesen. Hoffentlich stimmte das auch. Kaum sah sie eine grüne Wiese, kroch eine Schnecke ins Bild. Beate ließ sich davon nicht von ihrem Vorhaben ablenken. Sie wollte nicht denken, sondern einfach nur eine grüne Wiese sehen. Doch was war das? Da bewegte sich doch etwas. Das durfte doch nicht wahr sein. Jetzt warf genau an der Stelle ein Maulwurf seinen Hügel auf. Unglaublich!
Elegant sprang sie aus dem Bett. So hatte es keinen Zweck. Sie wollte jetzt zuerst einmal ein Glas Wasser trinken. Ihr Blick fiel auf das Nachbarbett in dem ihr Gatte lag und leise vor sich hin schnorchelte. Er ahnte nichts von den Gedanken, die sie sich machte.
Als sie in der Küche stand und ein Glas Wasser trank, blickte sie in den Sternenhimmel. „He, ihr da oben“, sagte sie leise, „seid ihr sicher, dass ihr alles im Griff habt?“
Vorsichtig wurde die Küchentür geöffnet. Mit einem müden Lächeln und verstrubbelten Haaren stand ihr Liebster dort in seiner gestreiften Schlafanzughose: „Warum liegst du nicht im Bett und mit wem sprichst du überhaupt?“
„Ich konnte nicht schlafen und ich führe Selbstgespräche“, antwortete sie. „Mach dir keine Gedanken, ich komme gleich zurück.“
Lothar wandte sich um und dackelte zurück ins Schlafzimmer. Beate schmunzelte. Manchmal war er wie ein großer, tapsiger Junge.
Als Beate zurück ins Schlafzimmer kam, lag ihr Mann wach. „Was ist los?“, wollte er wissen. „Seit Tagen schleichst du nachts im Haus herum. Wo drückt der Schuh?“
So konnte er auch sein, ihr Liebster, und dass war auch der Grund, weshalb sie mit ihm verheiratet war. Man konnte sich auf ihn verlassen. Außerdem war er durchaus besorgt, wenn er bemerkte, dass es ihr nicht gut ging oder sie Sorgen hatte.
„Soll ich es dir ehrlich sagen?“, fragte sie.
„Ich bitte darum!“
„Du weißt, dass ich mir soooo sehr ein Kind wünsche.“
„Ja!“
„Und manchmal denke ich, es kann nicht sein, dass es immer noch nicht bei uns ist. Ich glaube", Beate machte eine entsprechende Handbewegung, "die da oben, die haben uns vergessen. Sie haben einfach vergessen, unser Kind auf den Weg zu bringen.“
„Du bist verrückt!“, antwortete er amüsiert.
„Nein, bin ich nicht. Ich verstehe es einfach nicht. Weißt du, wie lange ich jetzt schon warte?“
„Ja, weiß ich, weil ich nämlich genau so lange warte wie du. Es werden bald sechs Jahre, dass wir das erste Mal über Kinder gesprochen haben.“
„Siehst du. Das meine ich. Sechs lange Jahre warten wir schon. Organisch ist alles in Ordnung. Das haben uns die Ärzte bestätigt. Da stimmt was nicht. Ich sag es dir.“
„Weißt du was“, flachste Lothar, „dann geh doch los und beschwer dich. Aber jetzt wird geschlafen. Okay?“
„Okay!“
Beide fielen bald darauf in einen tiefen Schlaf. --- Beate trug Jeans, eine warme Jacke und Gummistiefel. Außerdem zierte ein riesiger Helm ihren Kopf, als sie sich auf einen alten Motorroller schwang. Sie fuhr schnittig los, bis sie einen Bach erreichte, über den eine schmale Brücke führte. Sie schien sehr glitschig zu sein. Gut, dass sie Gummistiefel trug. Doch was war das? Rechts und links vor der Brücke standen zwei Männer. Sie sahen aus wie Bodyguards, die ansonsten vor diversen Kneipen zu stehen pflegten. Beate wurde etwas mulmig zumute.
„Hallo!“, begrüßte sie die beiden Muskelpakete.
„Wohin soll die Fahrt denn gehen?“, erkundigte sich einer.
„Ich möchte mich beschweren“, antwortete Beate wahrheitsgemäß und holte als Beweis dafür einen Brief hervor, zeigte ihn und meinte: „Irgendetwas ist hier nämlich schief gelaufen. Ich warte schon so lange auf mein Kind. Das möchte ich jetzt mal anmahnen.“
Ohne ein weiteres Wort halfen ihr die Beiden über die Brücke. Sie sorgten sogar dafür, dass auch der Roller unbeschadet die andere Seite erreichte.
Beate bedankte sich freundlich, stieg wieder auf ihren Roller und fuhr schnurstracks und zielsicher ihren Weg. Nach einiger Zeit erreichte sie ein von Rosen umranktes Haus. Links neben der Eingangstür stand eine Bank. Sehr romantisch sah es aus. Beate ging zur Tür und klopfte. Doch niemand öffnete ihr. Für eine Weile setzte sie sich auf die Bank. Doch bald entschied sie, ihren Brief in den Briefkasten zu werfen und wieder von dannen zu fahren. --- Am nächsten Morgen war es ihr, als habe sie diese Geschichte nicht geträumt, sondern tatsächlich erlebt. Sie hatte ihre Beschwerde abgegeben. Das war irgendwie ein gutes Gefühl. Mal sehen, dachte sie, ob sich jetzt etwas tut.
Was Beate nicht ahnen konnte: Ihr plötzliches Auftauchen vor dem schmucken Haus hatte eine mächtige Welle geschlagen. Es kam nämlich sehr selten vor, dass die beiden Bodyguards jemanden über die Brücke ließen. Und diese junge Frau hatte wirklich sehr aufgebracht geschrieben. Sollte ihnen tatsächlich ein Fehler unterlaufen sein? Das hatte es ja in der ganzen Zeit noch nicht gegeben. Aber bei der Anzahl an Kindern, die sich bei ihnen aufhielt und darauf wartete, an die Eltern verteilt zu werden, war das ja vielleicht doch möglich.
Amalia, die eine Krankenschwesterntracht und ein weißes Häubchen auf ihrem Kopf trug und für die Verteilung der Babys zuständig war, lief aufgeregt in ihrem Büro hin und her. Sie ging alles noch einmal ganz genau durch. Die junge Frau hieß Morgenrot. Ihr Vorname war Beate. Sie schaute in den Karteikartenkasten unter ‚M’. Nein, kein Zweifel, es gab kein Kind für Beate Morgenrot in der Aloysiusstraße 8 in Hintertupfingen. Die junge Frau musste sich irren. Es war nicht vorgesehen, dass sie ein Kind bekommen sollte. Dennoch blieb ein ungutes Gefühl bei Amalia zurück.
So vergingen die Wochen. 
Jedes Mal wenn sich ihre Regelblutung einstellte, war Beate sehr, sehr traurig. Lothar wollte zwar auch gern ein Kind, doch bei einer Frau war das wohl noch anders. Frauen litten stärker unter der Kinderlosigkeit, als Männer. Zumindest hatte es in diesem Fall den Anschein. Es wurde für Beate unerträglich, zumal sie sich ganz sicher war, dass es da einen kleinen Jungen gab, der zu ihr wollte. Schon so oft hatte sie ihn in ihren Träumen gesehen und auf dem Arm gehalten. Er sah ihrem Mann sooo ähnlich. Es musste ihr Kind, ihr Sohn sein, da gab es gar keinen Zweifel.
Schwester Amalia ließ die Sache mit dem Beschwerdebrief einfach keine Ruhe. Ihr Bauchgefühl sagte, dass da etwas nicht stimmte. Doch wo lag der Fehler? Sorgfältig ging sie noch einmal alle Karteikarten durch. Plötzlich kam ihr ein Gedanke. Sie sprang von ihrem Stuhl auf und rannte in den Raum, in dem die Kinder schliefen. Nein, das konnte nicht wahr sein. Wie hatte ihr nur dieser Fehler unterlaufen können? Sie hatte das Kind unter einem falschen Namen abgelegt. Auf dem Schild stand nicht ‚Morgenrot’ sondern ‚Abendrot’. So eine Verwechslung war ihr noch nie passiert. Schnell nahm Amalia das falsche Schild vom Bettchen, schrieb sorgfältig ein neues und rief sogleich nach Brutus, dem Storch, der für die Auslieferung dieses kleinen Jungen zuständig war. Eilig gab sie ihm den Auftrag, dafür zu sorgen, dass dieser kleine Junge in neun Monaten bei Beate Morgenrot in der Aloysiusstraße 8 in Hintertupfingen ausgeliefert würde. Das falsche Namensschild ließ Amalia schnell in ihrer Schürzentasche verschwinden.


© Martina Pfannenschmidt, 2015 

Kommentare:

  1. Liebe Martina,

    ich freue mich wieder über deine spannende Geschichte.
    Sonnige Grüße
    Elisabeth

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  2. Eine fantasievolle Geschichte ist das. Da hat sie aber noch einmal Glück gehabt, dass die Verwechslung erkannt wurde. Wer weiß, was sonst aus dem armen kleinen Kerl geworden wäre ;-)
    LG
    Astrid

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  3. Schöne Geschichte. Wenn das immer so einfach wäre: Einfach Schild auswechseln und alles wird gut...
    Liebe Grüße
    Inge

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  4. Liebe Martina,
    da ist dir wieder eine wunderbare Geschichte gelungen! Ich habe sie sehr genossen heute Morgen!
    Herzliche Grüße
    Regina

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  5. Hui, liebe Martina!
    Eine schöne Geschichte, gut dass Beate sich beschwert hat,
    Aber wie viel Fantasie wieder in dieser Geschichte steckt und erschwerender Weise müssen auch noch die Reizwörter verarbeitet werden...Glückwunsch zu dieser Begabung.
    Und Glückwunsch an mich, dass ich über Deinen Blognamen gestolpert bin.
    Dienstags sind Eure Geschichten mein "Leckerli" zur ersten Tasse Kaffee.
    Liebe Grüße
    Marle

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  6. Liebe Martina, oh Mann diese Namensverwechslungen! Die arme Frau! Wenn alles so einfach wäre! Schön ausgedacht, alles Liebe Eva

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  7. Wie lustig, die Namensverwechslung. Wieder mal ist dir eine schöne Geschichte gelungen.
    LG Elke

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  8. Was für eine liebe Geschichte, danke für's schmunzeln.
    Liebe Grüße Claudia

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  9. Herzallerliebst, liebe Martina, so sehr, daß ich am Ende beim Lesen Gänsehaut bekam vor Glück für Beate und ihren Liebsten *lächel*
    Ich wünsche Dir noch einen wunderschönen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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  10. Liebe Martina,
    da hab ich doch mal doll geschmunzelt. Wenn das mal so einfach wäre, mit der Babybestellung...
    Schön, dass der Storch noch losfliegen konnte. Liebe Grüße Tanja

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  11. Liebe Martina
    eien wunderbare Geschichte und ich freute mich riesig dass Beate bald ihr Baby im Arm halten konnte!
    Lieben Gruss Elke

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  12. Ach Martina, was habe ich gelacht, was für eine Fantasie und eine herrliche Geschichte. Aber die Freundschaft nach Bayern hat wohl auch durchgeschlagen, Hinterdupfing hahaaaa
    Wünsche dir einen schönen Tag, LGLore

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  13. Mir läuft die Gänsehaut über die Beine. SO berührend die Worte.
    Ich werde die Geschichte meiner Kollegin ausdrucken, vielleicht kann auch die sch beschweren.
    Danke Martina
    Alles Liebe
    Sophie

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  14. Mir läuft die Gänsehaut über die Beine. SO berührend die Worte.
    Ich werde die Geschichte meiner Kollegin ausdrucken, vielleicht kann auch die sch beschweren.
    Danke Martina
    Alles Liebe
    Sophie

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  15. Mir läuft die Gänsehaut über die Beine. SO berührend die Worte.
    Ich werde die Geschichte meiner Kollegin ausdrucken, vielleicht kann auch die sch beschweren.
    Danke Martina
    Alles Liebe
    Sophie

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  16. Liebe Martina,
    Deine Phantasie ist bewundernswert! Auf so eine Idee kannst auch nur DU kommen!
    Vielleicht sollte ich auch mal eine Beschwerde schreiben, damit ich endlich meine Rente kriege?**lach**.(oder hilft das Beschweren nur bei nicht ausgelieferten Kindern?
    Liebe Grüße, und vielen Dank für diese nette Geschichte mit gutem Ausgang!
    Christine

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  17. Lach, da ist aber echt was los in Hintertupfingen :-)
    Gut dass die Sache mit dem falschen Namensschild rechtzeitig auffiel!!!!!
    :0)

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