Dienstag, 22. September 2015

Liebe das Leben - Lebe die Liebe

Ich begrüße euch herzlich zur
Dienstagsgeschichte
und sage zunächst
Bildergebnis für gifs dankeschön
für die lieben Kommentare 
zu meinen Sonntagsgedanken!

Die Reizwörter lauteten diesmal:
Armut – Verzweiflung – ärgern – besitzen – verwelken

Zu den anderen Geschichten geht es hier entlang:

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Er befand sich auf dem Friedhof. Die Blumen in der Vase des Grabes, die hier jemand abgestellt hatte, waren längst verwelkt. Er ärgerte sich ein wenig darüber, wusste jedoch nicht so recht, wogegen sich sein Ärger richtete. Dagegen, dass Blumen auf Gräbern sinnlos waren, eine Phrase sozusagen oder dagegen, dass es so schien, als sei die Grabstätte länger nicht besucht worden? Eigentlich sollte es ihm egal sein.
Er wandte sich ab und begab sich Richtung See. Auf der Bank saß ein älteres Paar, sehr dicht beieinander. Zu ihnen wollte er sich setzen und sich in diesem Gefühl der Liebe, dass die beiden immer noch füreinander empfanden, sonnen.
Die Liebe, ja, er hatte auch geliebt. Seine Frau, seinen Sohn, sein Unternehmen. Doch die Liebe zwischen den beiden hier war etwas Anderes. Diese Art der tiefen Liebe hatte er niemals erfahren. Das dauerte ihn in diesem Moment. Da hatte er wohl etwas Ergreifendes verpasst.
Die Kleidung der beiden Alten war einfach und ließ darauf schließen, dass sie nicht besonders betucht waren. Sein Gefühl sagte ihm jedoch, dass Armut den beiden nichts anhaben konnte, solange sie sich und ihre gegenseitige Liebe hatten. Vielleicht würde bald einer der Beiden gehen und den anderen zurücklassen müssen. Die Menschen, sie hatten keine Ahnung von dem, was kommen würde, keine Ahnung. Dumm waren sie und sie dachten viel zu wenig darüber nach, was es bedeutete, zu leben. Seine Devise war stets: Wer viel besitzt, dem fehlt nichts! Dass dies ein Trugschluss war, wusste er inzwischen. Vor kurzem war sein gesamtes Leben wie in einem Zeitraffer an ihm vorüber gezogen. Was brachte der ganze Reichtum? Heute würde er sagen: Nichts! Keiner konnte etwas von den irdischen Schätzen mitnehmen in das andere Reich. Dort galten ganz andere Werte. Wichtig war dort die Haben-Seite der Liebe und nicht die des Kontos. Das zählte nicht. Im Gegenteil. Das ganze Geld und der ganze Besitz waren wie ein Klotz am Bein, wenn es galt, von hier zu gehen.
Sein ganzes Leben hatte er gerackert und geschuftet. Die Sorgen seiner Familie oder die Nöte seiner Angestellten hatte er sich nicht einmal angehört. Es interessierte ihn nicht, wie es ihnen ging und wie sie sich fühlten. An sie und seine Familie hatte er dieselben hohen Ansprüche gestellt, wie an sich selbst. ‚Man bekommt nichts geschenkt’, hatte er jedem gesagt, der es hören wollte oder auch nicht. Alles, seinen ganzen Besitz, hatte er nur durch hartes Arbeiten erreicht. Doch was nützte ihm das jetzt? Was hatte er noch davon?
Er erhob sich und ging zu seiner Firma. Inzwischen war es dunkel geworden, niemand außer dem Nachtwächter war noch anwesend. Ganz alleine ging er durch die dunklen Hallen. Es war alles noch so, wie früher. Er betrat sein altes Büro. Hier hatte sich viel verändert. Sein Sohn hatte es völlig anders eingerichtet, viel moderner. Er leitete jetzt von hier aus die Geschicke des Unternehmens, - seines  Unternehmens.
Es war keine Wehmut, die er beim Blick in diesen Raum empfand, er konnte es nicht beschreiben. Vielleicht war es so etwas wie Trauer darüber, dass er so viele Fehler gemacht hatte. Wie gerne hätte er in diesem Moment die Zeit zurück gedreht. Doch das war nicht möglich!
Zeit! Ständig hatte er zu wenig davon gehabt. Immerfort hatte sie ihm im Nacken gesessen, die anscheinend fehlende Zeit. Inzwischen hatte er reichlich davon.
Wenn er gewollt hätte, so wäre es ihm möglich gewesen, die Verzweiflung über sein ständiges Streben und Jagen nach Macht und Geld im Gesicht seiner Frau abzulesen. Doch er hatte weg geschaut, hatte einfach gemeint, für ihn ginge es immer so weiter. Dass es ihn eines Tages von jetzt auf gleich aus der Bahn werfen würde, damit hatte er nicht gerechnet. Andere ja – aber er doch nicht! Wie lange war das jetzt her?
Zeit – ein Zeitgefühl, dass kannte er nicht mehr. Wann hatte ihn der Herzinfarkt ereilt? Er wusste es nicht und auch nicht, wie sehr er seinen Sohn geprägt hatte. Er konnte nur hoffen, dass er es anders und besser machen würde, als er, sein Vater. Sein Sohn hatte viel vom Charakter seiner Mutter geerbt. Früher hatte ihn das eher gestört. Jetzt freute es ihn. Vielleicht hinterließ sein Sohn eines Tages mehr Liebe in dieser Welt und in diesem Unternehmen, als er es getan hatte.
Er sah sich um, strich noch einmal über eine der ältesten Maschinen und wandte sich ab. Wohin er auch gehen würde, überall das gleiche Bild: Man nahm ihn nicht wahr. Man sah ihn nicht. Das war schlimm. Er fühlte sich nirgendwo zu Hause. Nicht mehr hier und auch noch nicht dort, in der anderen Welt, die jetzt nach seinem plötzlichen Herztod seine Heimat war und in die er nun zurückkehren wollte.


© Martina Pfannenschmidt, 2015

Kommentare:

  1. Guten Morgen, liebe Martina,
    hach, ein tiefer Seufzer! Es ist so wie du schreibst, wir nehmen nichts mit, wenn wir gehen müssen. Wichtig ist, dass wir gelebt und geliebt haben, dann wird etwas bleiben von uns - wir Schreiberlinge haben es gut, von uns bleiben die Geschichten. Und wenn sie dann noch so liebevoll geschrieben sind wie diese hier wieder, dann werden sie ganz lange bleiben und an uns erinnern. Eine schöne Vorstellung!
    Herzliche Grüße
    Regina

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  2. Hallo Martina ,
    eine sehr nachdenkliche Geschichte , für mich jedenfalls .
    Kennt wohl jeder auf irgendeine Art , die Überlegung , das Arbeit
    nicht alles im Leben ist . Aber es ist eben auch ein Spagat
    zwischen "dir" und einem Arbeitgeber z.B.. Kürzertreten , an sich und
    die Familie denken bringt Jobeinbußen .
    Dennoch sind die Liebe(n) und das Leben das Wichtigste find ich .
    Mitnehmen kann man nichts und die goldene Türklinke bekommt
    man auch nicht . Aber sich wohlfühlen , ausgefüllt und zufrieden sein .
    Nur dafür können wir nur selbst etwas tun .
    Ich wünsche dir eine schöne Woche .
    Herzlichst liebe Grüsse von JANI

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  3. Liebe Martina,
    irgendwie hatte ich die ganze Zeit beim Lesen Deiner Geschichte das Gefühl, dass er nicht mehr dieser Welt angehört. Eine ganz besondere Sicht auf das Lebens hast Du da beschrieben. Und viel Wahrheit steckt in Deiner Geschichte. Die Erkenntnis, dass wir nichts mitnehmen können, viel zu viel arbeiten, uns keine Ruhe gönnen, nach irdischen Gütern streben, unsere Fehler erst am Ende unseres Lebens erkennen, all das weiß man, schiebt es aber immer wieder zur Seite.
    Eine lesenswerte Geschichte- danke.
    LG
    Astrid

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  4. Liebe Martina,

    die Menschen spüren, dass sie nichts mitnehmen, aber das Loslassen schaffen sie oft nicht.
    Das ist traurig.

    Alles Liebe
    Elisabeth

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  5. Liebe Martina, ein leichtes Schaudern überkam mich beim Lesen des Schlusses. In welche Welt geht er zurück? Fühlt er sich dort wohl? Gibt es Vergebung für ihn? Wird er seinen Frieden trotzdem finden? Ui Ui. Ein kleines bißchen schaurig und sehr berührend fand ich die Geschichte. LG Tanja

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  6. Berührend, niemand kann den Reichtum mitnehmen, aber doch streben so viele danach und vergessen zu lieben und zu leben.
    Mein Kurtl hat keinen Reichtum zurückgelassen aber seine Liebe, die mich noch immer umhüllt, kann es was schöneres geben.LGLore

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  7. Liebe Martina,
    was für eine weise Geschichte, sie lässt mich nachdenklich sein.
    Ja, Glück bemisst sich nicht in Hab und Gut, in Macht und das ist auch gut so.
    Liebe Grüße
    Marle

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  8. Gut, das Geld nicht alles ist, wenn das nur die Reichen dieser Welt begreifen würden. Zum Glück gibt es wenigstens einige, die es verstanden haben.
    LG Elke

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  9. Berührend und zum Nachdenken anregend, das Ende ein besonderer Effekt!
    Danke für Deinen Kommentar bei mir, Indi ist tatsächlich nicht ganz ungefährlich, aber nur sehr selten!
    Liebe Grüße von Anna!

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  10. Liebe Martina,
    das ist eine sehr nachdenkliche Geschichte! Sind wir nicht alle ähnlich? Hin und wieder denken wir daran, dass das letzte Hemd keine Taschen hat und wir von all den angehäuften materiellen Dingen nichts, aber auch gar nichts mitnehmen können! Und dann laufen wir durch die Einkaufsstraßen und schlagen doch wieder zu ... Wir nehmen uns vor, uns ENDLICH von vielen überflüssigen Dingen zu trennen - aber wenn es dann darauf ankommt, schaffen wir es doch nicht, loszulassen.
    Vielleicht wäre es gar nicht so schlecht, mal einen Blick in die andere Welt werfen zu können, um dann zu erkennen, was wirklich zählt. Und mit dieser Erkenntnis unser irdisches Leben neu zu ordnen ...
    Liebe Grüße
    Christine

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  11. Liebe Martina,
    danke für diese wunderschöne, wenn auch sehr nachdenklich stimmende Geschichte. Sie beinhaltet sowivel Wahres ....
    Ich wünsch Dir noch einen gemütlichen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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  12. Liebe Martina, es ist gut so, dass keiner etwas mitnehmen kann. Wir können nur hinterlassen und eventuell denkt man an den oder diejenige zurück. Liebe Grüße Eva

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  13. Liebe Martina,
    du hast eine geheimnisvolle und tiefgreifende Geschichte geschrieben.
    Ich musste tatsächlich zweimal lesen um zu verstehen, dass der Mann nicht mehr unter den Lebenden ist.
    Diese Stimmung oder der Spagat ist dir perfekt gelungen und könnte schon fast in Richtung Krimi gehen.
    Ich fände diese Richtung für eine neue Geschichte von dir auch mal sehr spannend!!!!!
    In diesem Sinne wünsche ich dir eine spannende Woche,
    liebe Grüße :0)

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  14. Liebe Martina,

    deine Geschichte hat mich berührt,

    ganz herzliche Grüße,

    Birgitta
    heute aus meinem "Poesielebensgarten",
    wo es auch einen kleinen neuen Blog gibt....

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  15. Liebe Martina, nun lese ich die Geschichte und she, da schaut jemand von oben auf sein Leben.
    nichts an Reichtum konnte er mitnehmen. da sieht man wie nichtig und klein ein Mensch ist und nackt werden wir geboren , nackt gehen wir von dieser Welt.
    Ähnliches habe ich erlebt, wie es in Deiner Geschichte vorkam, nur der alte Mann hat seine Erben nicht mehr gesehen und gesprochen, wer weiß, vielleicht von irgendwo doch noch.
    lieben Gruß, klärchen

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