Dienstag, 6. Oktober 2015

Jede Menge Gesprächsstoff!

Nicht zu fassen!
Schon wieder ist Dienstag!
Und das heißt:
Zeit für eine weitere Reizwörtergeschichte!
Die lest ihr nicht nur hier,
sondern wie gewohnt auch bei
Die Reizwörter lauteten:
Paradeiser (Tomaten) – Glas – blicken – ersehnen - glücklich

Zwei Junge Maedchen

Ein kleines Grüppchen pubertierender junger Mädchen stand in einer Ecke des Pausenhofes. Stefan, der neue Lehrer, ging grüßend an ihnen vorüber. Er war auf dem Weg zu seinem Pkw. Dort lag noch die Brotdose mit den Tomaten, die seine aus Österreich stammende Freundin liebevoll Paradeiser nannte. Die Mädchen steckten ihre Köpfe zusammen: „Schon heiß der Typ“, verkündete Bernadette, was die anderen bestätigten. Er war in ihren Augen mit Abstand der geilste Lehrer der gesamten Schule.
Stefan ahnte, dass er der Grund für das Getuschel der jungen Hühner war und amüsierte sich köstlich darüber. Klar, er war gerade etwas mehr als 10 Jahre älter, als die Schülerinnen und Schüler seiner Klasse. Aber 10 Jahre machten in dem Alter einen riesigen Unterschied. Kurz darauf schellte es zur nächsten Stunde.
Ein paar Wochen später gab es ein besonderes Thema in Stefans  Klasse und das hieß: Klassenfahrt. Sie hatten sich darauf geeinigt, dass es für eine Woche auf eine Insel in der Nordsee gehen sollte. Die Schüler wären natürlich lieber ins Ausland gefahren, doch die Mehrheit der Eltern hatte sich dagegen ausgesprochen.
Als es endlich soweit war, standen 28 junge Menschen aufgeregt am Bahnsteig. Stefan blickte in die Runde und hatte seine Mühe, sich Gehör zu verschaffen. Unterstützt wurde er von einer jungen Lehrerin, die ebenfalls als Aufsichtsperson die Gruppe begleitete.
Am Zielort angekommen nahmen sie ihre Zimmer und Betten in Augenschein. Klar gab es den einen oder anderen, der meckerte. Doch das war harmlos. Eigentlich freuten sich alle auf eine Woche ohne pauken und vor allen Dingen ohne Eltern. Dass das aber nicht hieß, dass sie über die Stränge schlagen dürften, machte Stefan seinen Schülern schon gleich zu Beginn klar. Wer mit Alkohol erwischt würde, so erklärte er ihnen, dürfte mit dem nächsten Zug die Heimreise antreten. Die Buhrufe, die danach zu vernehmen waren, ignorierte er.
Die Klasse unternahm vieles gemeinsam, doch die Schüler hatten auch viel Freizeit, die sie natürlich nutzen, um doch ein bisschen das zu tun, was eigentlich verboten war: Bier trinken zum Beispiel. Der Kick dahinter war, sich nicht erwischen zu lassen. Bis jetzt hatte es wunderbar geklappt. Auch war den beiden Aufsichtspersonen bisher entgangen, dass sich eine junge Liebe zwischen Bernadette und Kaspar entsponnen hatte. Heimlich trafen sie sich spät abends im Waschraum zum Knutschen.
Natürlich wussten die anderen Schüler von den heimlichen Treffen und ersehnten, auch jemanden an ihrer Seite zu haben. Niemand verpetzte das junge Glück jedoch.
Ein beliebtes Spiel war, sich Geschichten über ‚das erste Mal’ zu erzählen, das sich teilweise allerdings nur in den Köpfen abgespielt hatte. Wenn man aber dazu gehören wollte, musste man mit derartigen Geschichten aufwarten. So erging es auch Jaqueline, die gerne ihre Geschichtchen spann, um ‚angesagt’ zu sein. Die Story, die sie heute auftischte, hob sich allerdings von denen, die sie zuvor von sich gegeben hatte, ab.
„Waaas? Das glaube ich dir nicht!“, gab Yvonne lautstark von sich. 
„Was glaubst du nicht?“, fragten die anderen, die etwas abseits gestanden hatten. 
„Na, dass der Stefan Jaqueline angegraben hat!“
„Erzähl“, forderten sie diese auf. „Was ist genau passiert!“
Jaqueline war vielleicht nicht die allergrößte Leuchte der Klasse, doch ihre Fantasie trieb irre Blüten und sie war ein kleines bisschen durchtrieben. Die ganze Zeit über hatte sie dafür gesorgt, dass sie sich in der Nähe von Stefan aufhielt. Wann immer die Möglichkeit bestand, hatte sie Körperkontakt zu ihm gesucht, was von den anderen natürlich nicht unbemerkt geblieben war. Jetzt stellte sie es so dar, als seien diese Berührungen von Stefan ausgegangen. Zu guter Letzt behauptete sie sogar, in der vergangenen Nacht von ihm entjungfert worden zu sein. Das sorgte natürlich für eine Menge Gesprächsstoff. Wie ein Lauffeuer sprach sich diese Geschichte herum. Einzig Stefan ahnte nichts von dieser Intrige, die gegen ihn im Gange war.
Ein paar Tage später wurde er zum Rektor gerufen. Jaquelines Eltern, so ließ er ihn wissen, seien mit einer schier unglaublichen Geschichte zu ihm gekommen. Auch wenn er von seiner Unschuld überzeugt sei, so wäre es doch besser, wenn Stefan, eine Zeit lang nicht zum Unterricht erschiene. Er sei ab sofort und so lange vom Unterricht suspendiert, bis man seine Unschuld zweifelsfrei bewiesen habe.
Stefan fiel aus allen Wolken, konnte gar nicht glauben, was er hörte. Doch es half ihm nichts. Im Moment waren ihm die Hände gebunden. Völlig aufgelöst erzählte er seiner Freundin davon. Sie stünde natürlich an seiner Seite und sei auch von seiner Unschuld überzeugt, ließ sie ihn wissen, doch da ahnte sie noch nicht, welchen Spießrutenlauf sie vor sich hatten.
Ein halbes Jahr später! Nachdem Stefans Unschuld bewiesen war, durfte er an die Schule zurückkehren. Die Köpfe, die immer noch zusammen gesteckt wurden, entgingen ihm nicht. Er war ein anderer Mensch geworden seither, hatte seine Leichtigkeit verloren. Es war ihm, als sei er in ein schwarzes Loch geschubst worden, aus dem er nicht wieder heraus kam. Er hatte gemeint, wenn er wieder in den Dienst ginge, würde alles so sein wie vorher, doch das war ein Trugschluss. Auch wenn er unschuldig und dies längst bewiesen war, schien es so, als gäbe es Personen, die hinter seinem Rücken tuschelten: ‚Man weiß ja nicht, von nichts kommt nichts. Vielleicht ist ja doch was dran an dem Gerücht. So ein bisschen Wahrheit steckt ja meistens darin.’
Die Situation wurde für ihn unerträglich. Auch mit der Tatsache, dass seine Freundin ihn inzwischen verlassen hatte, konnte er schwer umgehen. Warum hatte dieses Mädchen ihm das angetan? Es hatte den Anschein, als ahne sie nicht im Geringsten, was sie angestellt hatte. Sie schien keine Ahnung davon zu haben , dass sie sein Leben zerstört hatte mit ihrer völlig frei erfundenen Geschichte. Das musste man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Es war einem anderen Menschen mit ein paar Sätzen möglich, das Leben eines anderen zu zerstören.
Drei Jahre später: Stefan war völlig heruntergekommen. Ein nervliches und körperliches Wrack, das mehr Zeit in der Psychiatrie, als in seiner spärlich eingerichteten Wohnung verbrachte. Zu unterrichten, dazu war er schon lange nicht mehr in der Lage. Er war abgemagert, nur noch ein Schatten seiner selbst. Hinter seinem Vollbart konnte man ihn kaum noch erkennen. Es war so, als wollte er sein Gesicht dahinter verbergen. Im wahren Sinne des Wortes hatte er ‚sein Gesicht verloren’.
Durch einen Zufall hatte er letztens Jaqueline gesehen, als er auf einer Parkbank gesessen und dort Wodka aus der Flasche getrunken hatte. Die Zeiten, dafür ein Glas zu benutzen, waren längst vorbei. Jaqueline hatte ihn nicht erkannt, als sie mit einem Kinderwagen an ihm vorbei fuhr.
Seither ging er täglich in den Park. Immer in der Hoffnung, sie noch einmal dort zu treffen. Er wollte sie zur Rede stellen und sie sollte sehen, was sie aus ihm gemacht hatte. Heute war kaum jemand unterwegs. Es war ziemlich trüb. Die Aussichten standen somit schlecht. Gerade als er sich erhoben hatte, um heim zu gehen, kam sie ihm entgegen. Sie schäkerte mit ihrem Kind, das vor ihr im Kinderwagen lag. Es schien ihr gut zu gehen. Sie wirkte glücklich. Ein unbändiger Hass stieg in ihm auf. Seine zu Fäusten geballten Hände steckten tief in seiner Jackentasche. Gezielt ging er auf sie zu – stellte sich ihr und dem Kinderwagen in den Weg. Jaqueline war erschrocken. Dann sprach er sie an: „Na, dir scheint es ja wunderbar zu gehen.“ Nur an der Stimme erkannte sie ihn. Eine unbändige Angst stieg in ihr auf. Seine Augen waren es, die ihr Angst machten. „Schau, was du aus mir gemacht hast. Ich bin ein Wrack. Der junge aufstrebende Lehrer, ist ein Wrack. Und weißt du, wer sich das auf seine Fahnen schreiben darf? Du! Du Miststück!Du hast mein Leben zerstört und lebst einfach so weiter,
als wäre nie etwas geschehen. Ich könnte kotzen, wenn ich dich sehe. Du hast es nicht verdient, weiter zu leben. Du nicht!“
Im selben Moment zog er einen Revolver aus seiner Tasche und richtete ihn direkt auf die junge Frau. Das Baby begann zu weinen. „Nimm es raus“, schrie Stefan. „Es soll aufhören. Sag, dass es aufhören soll mit seinem Geplärre.“ Mit zitternden Händen tat die junge Mutter, was Stefan ihr befohlen hatte. Bald darauf fiel ein Schuss!
Passanten eilten herbei und sahen eine zur Salzsäule erstarrte junge Frau mit einem schreienden Baby auf dem Arm. Sie waren über und über mit Blut bespritzt. Vor ihnen lag ein Mann. Er hatte sich gerade mit einem Revolver in den Kopf geschossen.


© Martina Pfannenschmidt, 2015

Kommentare:

  1. Liebe Martina,

    es ist interessant, wie man aus Reizwörtern Geschichten macht.
    Ich lese sie sehr gern.

    Alles Liebe
    Elisabeth

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  2. Du liebe Güte, das ist aber dramatisch. Solche Gerüchte können schon beträchtlichen Schaden anrichten. Deshalb ist es wichtig, sich als Betroffener zu wehren. Er hätte z. B. die Schülerin wegen Verleumdung und übler Nachrede anzeigen können. Dann hätte sie schon gemerkt, was sie angerichtet hat und natürlich auch ihre Eltern. Man rennt nicht sofort mit solch einer Beschuldigung zur Schule, ohne sich zu vergewissern, dass es auch wirklich stimmt. Da hätten sie ihre Tochter ins Gebet nehmen und auf die Konsequenzen hinweisen müssen. Leider gibt es so etwas auch in der Realität.
    LG Elke

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  3. Oh nein! Das war ja ein entsetzliches Schicksal und ein furchtbares Ende. Mit Gerüchten kann man so viel Unglück im Leben von den betreffenden Menschen anrichten. Die Aussage, dass man zuerst denken und dann sprechen sollte, bewahrheitet sich immer wieder.
    LG
    Astrid

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  4. Oh Schreck,
    was für ein schreckliches Schicksal hat den armen Lehrer ereilt. Traurig ist, dass so eine Geschichte leider der Realität entsprechen könnte. Du hast das toll geschrieben, liebe Martina! Diese Geschichte wird man so schnell nicht vergessen.
    Liebe Grüße
    Regina

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  5. Danke, Martina, für Deine ergreifende Geschichte.

    Scheinbar hatte er nicht die Kraft, sich dagegen zu wehren.

    Alles Liebe und viel Freude beim Schreiben weiterhin
    Eva :)

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  6. Liebe Martina,
    so schnell kann ein dummes, bösartiges Gerücht einen Menschen ins Unglück stürzen - ein Gerücht, das nur aus Geltungssucht gestreut wurde... Ein junger, hoffnungsvoller Lehrer verliert durch die unwahre Anschuldigung einer Schülerin nicht nur vorübergehend seinen Job, sondern auch die Glaubwürdigkeit. Diese Geschichte könnte jederzeit wahr werden - mit Sicherheit hat es solche Fälle tatsächlich gegeben!
    Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass der Lehrer die ehemalige Schülerin erschießen würde - verdient hätte sie es!
    Liebe Grüße
    Christine

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  7. Puh, das war heftig! Sehr authentisch, Deine Schilderung und leider real immer wieder so geschehen! Mein Sohn ist auch Lehrer, zum Glück von solchen Situationen bisher verschont geblieben, aber was bösartige Mädchen und Frauen anrichten, ist schlimm! Nicht nur die Männer sind die "Bösen"!
    Du schreibst sooo gut Martina, meine Bewunderung ist Dir sicher!
    Liebe Grüße von Anna und Indi!

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  8. Liebe Martina,
    da ist Dir eine besondere und erschütternde Geschichte gelungen, sie hätte wirklich so passiert sein können ... Nachrichten und Zeitungen zeigen uns das immer wieder aufs Neue ...
    Du hast das sehr gut geschrieben!
    Ich wünsche Dir noch einen schönen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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  9. Liebe Martina, was für eine spannende Geschichte. Nur, wenn dieser Lehrer psychisch so labil ist, hat er seinen Beruf verfehlt und darf nicht auf Schüler und Schülerinnen losgelassen werden. Aber trotzdem, gut geschrieben. Alles Liebe Eva

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  10. Liebe Martina
    *wow* das war aber erschütternd aber auch wahr wie es einen ergehen kann wenn so was passiert um im Mittelpunkt zu stehen und dafür ein Mensch kaputt geht. Das hast du spannen aufregend geschreiben ich habe am Ende die Luft an gehalten. Es war wie wenn ich den Kanll hören würde!
    Lieben Gruss Elke

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  11. Wie dramatisch, puh, leider geht die Fantasie mit pubertierenden Mädchen oft durch, aber ein Lehrer sollte damit doch umgehen können.
    LGLore

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  12. Puh, da fehlen selbst mir grad mal die Worte und ich komme mir vor wie bei Tatort *grins*
    Liebes Fräulein Martina,
    diese Geschichte ist schon seeeeehr heftig und ehrlich gesagt, ich möchte heutzutage keine Lehrperson sein :-/
    :O) .....

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