Dienstag, 3. November 2015

Unter dem Siegel der Verschwiegenheit

Bevor ich die nächste Geschichte 
zu Euch auf den Weg bringe, 
möchte ich herzlich Danke sagen 
für eure liebenswerten Kommentare 
zur kleinen tanzenden Ballerina! 
Danke schon bilder
Der heutigen Geschichte gingen folgende Reizwörter voraus:
Rettung – Not – berichten – werben – grün
Ihr findet sie auch in den Geschichten von

Buro berufe bilder

Schwungvoll öffnete Lena die Tür zum Wohnzimmer und fand ein gewohntes Bild vor. Alles war wie an jedem Abend: Ihr Gatte saß vor dem Fernseher und er machte nicht einmal Anstalten, in ihre Richtung zu schauen, als sie den Raum betrat. 
Es ist völlig egal, für welchen Quatsch die werben, ging es ihr durch den Kopf, mein Gatte hält es nicht einmal für nötig, mir seine Aufmerksamkeit zu schenken. Männer! Man konnte sie doch wirklich alle über einen Kamm scheren.
Wortfetzen drangen an Lenas Ohr: "Die Rettung erfolgte in allerletzter Minute ..  noch immer ist die Not groß … wir werden sie weiterhin auf dem Laufenden halten und über die aktuelle Situation berichten … wir geben zurück ins Studio nach Mainz."
Das Thema ‚Flüchtlinge’ war wirklich allgegenwärtig und niemand konnte sich dem entziehen, doch im Augenblick hatte Lena nicht den Kopf dafür frei. Sie hatte sich nämlich geärgert. Wahnsinnig geärgert sogar. Sie wusste, dass sie ihrem Mann mit diesem Thema jetzt nicht kommen musste, deshalb ging sie in Richtung Küche – das Telefon nahm sie mit. Sie musste ihren Unmut kundtun. Am besten würde es sein, eine ihrer besten Freundinnen anzurufen.
Lena hatte zwei beste Freundinnen, die sich charakterlich sehr unterschieden, im Namen jedoch nur durch einen Buchstaben. Sie hießen Maike und Meike. Das war manchmal echt blöd, weil man nicht wusste, von wem gerade die Rede war, doch wenn sie sich jetzt bei Maike meldete, um über Meike zu schimpfen, gäbe es keine Verwechslungsmöglichkeit.
Mist! Sie meldete sich nicht und für eine SMS war das Thema zu langatmig. Da blieb nur eins: Sie würde ihr eine Mail schicken. 
Hi Maike! Wo steckst du? Ich konnte dich gerade nicht erreichen, muss aber unbedingt etwas loswerden. Weißt du, ich habe mich gerade grün und blau geärgert und willst du raten, über wen? Genau! Über unsere gemeinsame Freundin Meike! Du erinnerst dich bestimmt, dass ich euch unter dem Siegel der Verschwiegenheit von der Schwangerschaft erzählt habe. Also ich meine jetzt die von der Tochter unserer Nachbarin, die ja erst 16 Jahre alt ist. Das allein ist ja schon der Hammer. Aber mir wurde zugetragen, dass sie es abtreiben lassen will und das, obwohl ihr Patenonkel Priester ist. Stell dir das bloß mal vor. Aber das weißt du ja alles schon. – So und nun kommt es: Die liebe Meike hat die Sache nicht für sich behalten. Sie hatte doch tatsächlich nichts Besseres zu tun, als damit hausieren zu gehen. Gerade komme ich vom Bäcker. Da spricht mich doch die Bäckersche an, ob ich schon gehört hätte … na du weißt, auf die Schwangerschaft und den geplanten Abbruch halt. Ich hab mich natürlich dumm gestellt. Kennst mich ja. Bin ja schließlich nicht auf den Kopf gefallen. ‚Nein, sagen sie nur. Das kann ich ja gar nicht glauben. Wer erzählt denn so was?’, hab ich sie gefragt und was sagt sie: Na, die Meike, aber ist das nicht ihre Freundin? Ja sag ich, ist sie. Doch gedacht habe ich: Aber nicht mehr lange! Kann die blöde Kuh das denn nicht für sich behalten? Bringt mich da in die Bredouille. Stell dir vor, wenn das über sieben Ecken wieder bei unserer Nachbarin ankommt. Die braucht doch nur eins und eins zusammen zu zählen, schon weiß sie Bescheid, von wem die Geschichte ausging. Ehrlich: Ich bin stinksauer auf Meike und werde ihr bestimmt nichts mehr im Vertrauen erzählen. Da bist du ja ganz anders. Gott sei Dank! Ruf mich nachher in jedem Fall an, wenn du wieder zuhause bist! Lena. -- So: Ab die Post!
Das hatte gut getan, sich den ganzen Frust von der Seele zu schreiben und wenn sie später noch mit Maike darüber sprechen würde, ginge es ihr bestimmt wieder besser.
Inzwischen war es schon fast 21 Uhr und Maike hatte sich immer noch nicht bei ihr gemeldet. Da stimmte doch etwas nicht. Wieder griff sie zum Telefon. Diesmal hatte sie Glück. Maike meldete sich sofort. „Ja sag mal, weshalb rufst du denn nicht zurück?“, war das Erste, was Lena fragte.
„Hallo erstmal“, antwortete Maike, „zurück rufen? Ich weiß doch gar nicht, dass du meinen Anruf erwartest.“
„Aber ich habe dir doch eine Mail geschickt. Hast du die denn noch gar nicht gelesen?“
„Du, ich sitze gerade am PC, um nach meinen Mails zu schauen, aber von dir ist keine dabei.“
„Doch! Ich habe dir eine geschickt – so gegen 19 Uhr. Schau noch mal genau.“
„Nein, ehrlich, ich finde keine.“
„Das kann aber gar nicht sein. Warte, ich schaue mal eben nach meinen gesendeten Nachrichten.“ – Stille! Für eine ziemlich lange Zeit.
„Maike!“
„Ja!“
„Ich habe die Mail nicht an dich, sondern an Meike geschickt! Oh nein, das kann doch wohl nicht wahr sein.“
„Was hast du denn geschrieben?“, erkundigte sich Maike, neugierig geworden.
Lena las ihr den Text vor, wobei es ihr heiß und kalt wurde. So ein Mist! Aber abgeschickt war abgeschickt. Da war jetzt nichts mehr zu machen. Wie sollte sie bloß jemals wieder Meike gegenüber treten und wie würde die reagieren? 
Die Tage vergingen. Lena hatte ein wahnsinnig schlechtes Gewissen. Ob sie sich bei Meike melden und entschuldigen sollte? Sie hatte sich echt in eine blöde Situation manövriert. Was war jetzt zu tun?
Da lief ihr doch tatsächlich auf dem Weg zur Post Meike in die Arme. „Hallo, Lena“, wurde sie freudig von ihr begrüßt, „du hast ja lange nichts von dir hören lassen.“
„Hab ich nicht?“, fragte sie.
„Hast du?“, kam die Gegenfrage.
„Ich hatte dir versehentlich eine Mail geschickt, die eigentlich für die andere Maike gedacht war“, meinte Lena, die sich gerade entschieden hatte, die Flucht nach vorne zu wagen.
„Du, das ist mir auch schon mal passiert. Da kann man sich wirklich in schwierige Situationen bringen.“
„Hast du sie gelesen?“, erkundigte sich Lena.
„Nein, leider nicht. Ich hatte mir so einen blöden Virus eingefangen. Also nicht ich“, lachte Meike, „sondern der PC. Deshalb hab ich ihn zum Reparieren gebracht. War es etwas Wichtiges?“
„Nein, ganz und gar nicht. Du, ich muss jetzt auch weiter“, gab Lena vor, und stellte schnell noch eine Frage, die ihr unter den Nägeln brannte: „Wohin hast du ihn denn gebracht?“
Lena fiel ein dicker Stein vom Herzen. In dem Geschäft arbeitete ein ehemaliger Klassenkamerad von ihr - Juri. Wenn sie dem eine Flasche Wodka auf den Ladentisch stellen würde, wäre der bestimmt bereit …!


© Martina Pfannenschmidt, 2015


Kommentare:

  1. Liebe Martina,

    deine schöne Geschichte erzählt, wie das Leben ist.
    Sonnige Grüße
    Elisabeth

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  2. Ja, ja unter dem Siegel der Verschwiegenheit. So etwas kann ins Auge gehen. Ob der ehemalige Klassenkamerad ihr wohl hilft? Man sollte doch immer erst denken und dann handeln. Außerdem, bei einer Dreierfreundschaft ist so ein Verhalten zusätzlich noch gefährlich. Überhaupt sollte man sich nicht am Gerede der Leute beteiligen.
    Diese lebensnahe und schöne Geschichte habe ich gerne gelesen.
    LG
    Astrid

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  3. Das nennt man wohl Glück im Unglück, am besten man behält Geheimnisse für sich, haahhaa LGLore, ach ja tolle Geschichte, aber sags nicht weiter

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  4. Liebe Martina,
    das ist eine Situation, in die man lieber nicht geraten möchte. Sicher passiert es Lena auch niemals wieder, egal, wie es ausgeht! Tolle Geschichte!
    Herzliche Grüße
    Regina

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  5. Da musste ich doch gleich schmunzeln. Solche Verwechslungen können echt peinlich werden. Eine schöne und lustige Geschichte!
    LG Elke

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  6. Liebe Martina,
    danke für diese Geschichte, die am Ende ja noch zum schmunzeln ist.
    Ansonsten hab ich da auch schon meine erfahrungen gemacht, was das gelobte Siegel der Verschwiegenheit ( von Freundinnen ) anging ....
    Ich wünsch Dir noch einen wunderschönen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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  7. Liebes Fräulein Klümpchen,
    da hast du aber eine gaaaaaanz geschickte Wendung in deine Geschichte gebracht *lach*
    Hoffentlich ist der Juri verchwiegen *grins*
    Ich grüße dich auch nochmal von dieser Stell gaaaaanz lieb,
    die Senflavendeltante :O)

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  8. Unter dem Mantel der verschwiegenheit kann doch viel passieren, eben auch peinliches. Die Geschichte hat ja nun ein gutes Ende. Der Juri wird sich über die Flasche Wodka freuen. Schöne Geschichte zum Schmunzeln.
    Liebe Grüße, Klärchen

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  9. Oh weh, Martina! DAS ist aber auch doof. Nur ein Buchstabe im Namen ist anders, und - plumps - kann man ganz gehörig reinfallen! Das mit dem "Siegel der Veschwiegenheit" kann man aber auch andersrum machen! Wenn man nämlich eine Dorftratsche zur Freundin hat und etwas in Umlauf bringen, aber nicht selber erzählen will... Habe ich früher öfter mal gemacht.. **grins** Aber nicht weitersagen!
    Liebe Grüße, und vielen Dank für diese tolle Geschichte!
    Christine

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  10. Eine brenzliche Situation,
    aber Lena hat eine gute Lösung gefunden,
    da kommt mir der Spruch in den Sinn:
    "was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß".
    Ich wünsche dir alles Liebe
    Nähoma

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  11. Hallo Martina,
    oh Mann, so etwas kenne ich und dann fällt einem der Magen so etwas von tief, wenn so etwas passiert. Am besten man behält seine Emotionen für sich, dann kann nichts schief gehen. Mein Mann muss immer herhalten, Freundinnen nee, da bin ich auch schon oft reingefallen. Toll Deine Geschichte. LG Eva

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  12. Liebe Martina
    ojee das ist natürlich was heikel wenn man so reagiert drauf anstatt selber mit der jenige zu reden!
    Nah da wird sie noch einiges zu tun haben dass die Mail verschwindet!
    Toll deine Geschichte und das Ende da kann man selbst sich vorstellen wie es zu geht!
    Lieben Gruss Elke

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