Dienstag, 22. Dezember 2015

Des Lebens müde


 Die
Reizwörtergeschichten
haben sich
am vergangenen Dienstag
in die Weihnachtspause verabschiedet.
Dennoch gibt es heute eine Geschichte bei mir 
- so ganz ohne Reizwörter!! :-)

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Hanne saß am Fenster ihres Zimmers. Sie konnte von hier aus das Treiben im Eingangsbereich des Altenheimes beobachten. Das war das einzig Spannende in ihrem Leben, seit sie vor ein paar Wochen hier eingezogen war. Sie konnte sich noch gar nicht damit abfinden, dass sie nun hier war. Wie gerne wäre sie in ihren eigenen 4 Wänden geblieben, doch sie musste sich eingestehen, dass sie ihren Alltag alleine nicht mehr meistern konnte.
Leise klopfte jemand an ihre Tür.
„Herein“, rief Hanne und wischte heimlich eine Träne fort. Es war Henriette. Sie wohnte im Zimmer nebenan und sie war eine wirklich liebenswerte Person. Die einzige, mit der Hanne bisher ein bisschen Kontakt hatte.
„Ich wollte dich nur erinnern“, sagte Henriette fürsorglich, „es gibt jetzt Mittagessen.“
Hanne sah auf die Uhr. Sie konnte sich einfach noch nicht daran gewöhnen, so früh zu Mittag zu essen. Zuhause hatte sie frühestens um halb zwei zu Mittag gegessen. Hier stand das Essen um Punkt 12 Uhr auf dem Tisch.
Hanne erhob sich. „Danke, Henriette, ich hätte es wohl wieder vergessen.“ Sie griff nach ihrem Rollator und die beiden gingen in Richtung Fahrstuhl, um in den Essenssaal zu gelangen.
„Früher“, erzählte Hanne, „habe ich immer die Treppe genommen. Ich bin nie mit einem Fahrstuhl gefahren oder sehr selten. So habe ich mich fit gehalten. Aber heute wollen die alten Knochen nicht mehr.“
Henriette nickte zustimmend.
Die beiden Frauen setzten sich zu zwei anderen Bewohnerinnen an den Tisch. Das Essen wurde aufgetragen und bald darauf löffelten alle stumm ihre Suppe. Hanne hatte einen dicken Kloß im Hals. Es schmeckte einfach nicht wie zu Hause. Aber sie wollte nicht jammern. Das passte einfach gar nicht zu ihr. Sie ärgerte sich sowieso schon über sich selbst, weil sie in den letzten Wochen so ein Jammerlappen geworden war. Aber in ein Altenheim zu ziehen war so, als würde man in eine Wartehalle geschoben, um auf seinen Tod zu warten.
Später saß sie wieder am Fenster ihres Zimmers und blickte nach draußen. Sie dachte an ihren Mann, der vor ein paar Jahren verstorben war. Er hatte es jetzt leichter als sie. Er hatte dieses Leben schon hinter sich gebracht. Sie schüttelte mit dem Kopf. „Sag mal, Hanne, bist du noch ganz bei Trost?“, fragte sie sich. Es geht doch nicht darum, das Leben hinter sich zu bringen. Wie hatte eine weise Frau einmal gesagt: ‚Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.’
Ihr ging ein Gespräch durch den Kopf, das sie vor ein paar Tagen unfreiwillig mitangehört hatte. Zwei Frauen am Nachbartisch hatten sich nach dem Essen darüber unterhalten, dass sie nun einen Mittagsschlaf halten wollten. „So geht der Tag schneller herum“, hatte die eine zur anderen gesagt. Das war ganz traurig und zeugte davon, wie lebensmüde diese Frauen sein mussten. Möglichst schnell den Tag hinter sich bringen und dann? Der nächste Tag würde auch keine Freude bringen und der übernächste auch nicht. Sie aßen, schliefen und warteten auf den Tod. Das war einfach nur schrecklich und hatte mit einem sinnvoll geführten Leben so gar nichts zu tun. Auch wenn man im Alter nicht mehr so aktiv sein konnte, so konnte man doch Freude am Leben empfinden.
Hanne schloss die Augen: „Ach Fritz, was soll ich denn bloß machen?“, fragte sie in die Stille des Raumes hinein.
Nach einer Weile wurde ihr ganz warm zumute. Es war ihr, als wäre ihr Fritz bei ihr und würde ihr über den Kopf streichen und sie fragen: „Ist das die Hanne, wie ich sie kenne? Was ist denn mit dir los? Wo sind deine Spontaneität und Lebensfreude geblieben?“
Ihre Lebensfreude? In der Tat, die war irgendwo auf der Strecke geblieben. Sie hatte sie wohl in ihrer Wohnung zurück gelassen und gar nicht mit hierher gebracht. Das war nicht gut. Sie brauchte ihre Lebensfreude zurück – doch wie sollte sie das machen?
Hanne erhob sich, griff erneut nach ihrem Rollator und ging zielstrebig über den Flur, bis sie Annette gefunden hatte, die Leiterin des Hauses.
„Wissen Sie, Annette“, begann sie, „die Menschen hier benötigen dringend ein bisschen Abwechslung.“
„Da haben Sie sicher recht“, antwortete Annette, „doch wissen Sie, uns bleibt so wenig Zeit neben aller Arbeit ...“
Hanne winkte ab und ließ sie gar nicht ausreden. „Ich weiß, ich weiß und es wird ja auch schon einiges angeboten. Doch ich denke, da ist noch mehr möglich. Wenn ich darf, würde ich das gerne in die Hand nehmen. Ich kenne so viele Menschen, die ein ganz besonderes Talent besitzen. Wenn es Ihnen recht wäre, könnte ich fragen, ob jemand bereit wäre, hier den einen oder anderen Nachmittag zu gestalten. In jedem Fall müssen wir auch mal Kinder zu uns einladen. Die haben die Lebensfreude noch in sich. Das wirkt auf ältere Menschen bestimmt ansteckend oder Tiere.“ Hanne steckte voller Ideen und sprühte vor Elan. Erwartungsvoll sah sie Annette an.
„Machen Sie nur. Es ist in unserem Sinn, wenn sich die Bewohner hier wohl und wirklich zuhause fühlen“, freute sich die Leiterin über so viel Engagement.  
Hocherhobenen Hauptes ging Hanne zurück in ihr Zimmer. Sie würde ein paar Telefonate führen und zwar sofort.
Abrupt blieb sie stehen und drehte sich um. Hatte da jemand mit ihr gesprochen? Sie hätte geschworen, dass sie gehört hatte: „Da ist sie ja wieder, meine Hanne!“


© Martina Pfannenschmidt, 2015 

Kommentare:

  1. Liebe Martina,

    deine schöne Geschichte macht Mut.
    Alles Liebe
    Elisabeth

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  2. liebe Martina,
    eine so schöne Geschichte!
    Ich arbeite in einem Seniorenheim und erlebe genau diese Situationen oft, es ist ja auch keine einfache Situation sein meistens viele Jahre gewohntes Zuhause auf zu geben. Es gibt es wirklich so liebe aktive Bewohner die schon oft einiges bewegen.
    Was immer wieder wunderschön, ist wenn die Kindergartenkinder oder die Schulkinder zu Besuch sind. Therapiehunde besuchen uns auch öfters, sogar Mitarbeiter bringen ihre kleinen Fellnasen mit um den Bewohnern eine Freude zu machen.
    ich wünsche Dir stressfreie Vorweihnachtstage und ein wunderschönes Weihnachtsfest
    liebe Grüße
    Gerti

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  3. Das ist eine schöne Geschichte und meine Tochter wüsste auch einiges zu diesem Thema. Wichtig ist, dass die Leute beschäftigt werden und sie das Gefühl haben, dass sie noch dazu gehören und etwas für die Gesellschaft beitragen können.
    LG Elke

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  4. Liebe Martina,
    danke für diese wieder wunderschöne Geschichte!
    Ich wünsche Dir noch einen gemütlichen Vorweihnachts-Abend :O)!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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  5. Liebe Martina,
    eine berührende Geschichte ist das mit einem nachdenkenswerten und gar nicht so leichten Thema. Danke dafür.
    Liebe Vorweihnachtsgrüße
    Inge

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  6. Liebe Martina,
    das ist wieder eine sehr schöne Geschichte, die Du uns erzählst. Es ist bestimmt nicht einfach ins Altersheim zu gehen und ich finde es toll, wenn die Bewohner noch selbst ihr Leben dort mitgestalten dürfen. Ich hoffe, die Heimleitung lässt dies tatsächlich zu. Denn wer will schon im Alter auf das Abstellgleis.
    Ich wünsche Dir ein schönes und besinnliches Weihnachtsfest im Kreise Deiner Lieben.
    Liebe Weihnachtsgrüße
    Astrid

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  7. Liebe Martina, das ist wieder eine wunderschöne Geschichte. Ich finde das toll, dass Hanne sich so engagiert. Es musste mehr solche Frauen oder Männer geben, die die Initiative ergreifen und nicht nur auf den Tod warten. Wünsche Dir und Deinen Lieben frohe und besinnliche Weihnachten, alles Liebe Eva

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  8. Jetzt habe ich Vorfreude auf die Tage nach Weihnachten, denn da geht's und gilt's für mich und Adelhaid zum letzten Mal in diesem Jahr ein wenig Lebensfreude ins Altenheim zu bringen. Unsere Anwesenheit reicht wie immer. Den Rest übernehmen die Bewohner.

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  9. Eine schöne Gschichte die auch so nachvollziehbar ist. Es ist so wichtig im Alter noch Aufgaben zu haben, seien sie auch noch so klein, gefordert werden und Anerkennung zu bekommen. Automatisch kommt auch die innere Zufriedenheit, das funktioniert auch in einem guten Heim.
    danke für die schöne geschichte, für Deine Besuche und Grüße. Dir mit Deiner familie eien schöne Weihnachten, gemütlich und gesellig. Ein gutes ,kreatives Jahr vor allen Dingen Gesundheit, wünscht Dir , Klärchen

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  10. Liebe Martina

    Was für eine berührende Geschichte !
    In vielen Alters und Pflegeheimen spielt sich das ab,
    Einsamkeit und Trostlosigkeit ist Alltag dort ,ich kenne
    das gut , mein Mann und ich gehen viel mit den Hunden spazieren
    und wöchentlich machen wir einen Halt in der Alterssiedlung , geniessen
    dann Kaffee und Kuchen und die alten Menschen erfreuen sich an den
    Hunden, jedes mal gibt es tolle Gespräche ,viele Menschen dort bekommen
    kaum Besuch, oft hören wir ihre traurigen Geschichten an !
    Ja es ist nicht immer leicht , aber man muss sich auch aufraffen wie Hanne
    und etwas für die Langweile tun :-))

    Ich wünsche dir und deiner Familie
    ein friedvolles Weihnachtsfest !

    Herzlich grüsst dich
    Margrit

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  11. Liebe Martina,

    das ist wieder einmal eine sehr schöne und ans Herz rührende Geschichte. Übrigens funktionieren in manchen Heimen gewisse Dinge derzeit sogar „automatisch“: Im Heim meiner Mutter z.B. ist ein Kindergarten integriert und es gibt immer wieder kleine Vorführungen und Besuche. Der Hund meines Bruders darf ebenfalls zu Besuch kommen, worüber sich meine tierliebe Mutter immer sehr freut. Und bei meiner Tante Mitzi, die ja noch nicht im Pflegeheim sondern im sogenannten Pensionistenheim in einem zwar kleinen, aber netten Appartement lebt, gibt es für alle Heimbewohner sogar eine eigene kleine Küche. Wer will, kann sich also auch mal etwas kochen, das so schmeckt wie früher. Oder sich das Essen aufs Zimmer liefern lassen und es erst dann wärmen und essen, wenn der Hunger da ist… Aber Eigeninitiative – wie bei deiner Hanne – ist auf jeden Fall etwas, das die Lebensgeister wieder neu erweckt!

    Ganz herzliche rostrosige Weihnachtsgrüße

    von der Traude

    http://rostrose.blogspot.co.at/2015/12/vorweihnachtliches-und.html

    PS: Und vielen lieben Dank für deine virtuelle Karte! Auch von mir an dich und deine Lieben die allerbesten Wünsche für ein frohes Fest!!!
    *‎*★★* 。 • ˚ ˚ ˛ ˚ •。★ ★ 。* 。
    ° 。 ° ˚* _Π_____*。*˚
    ˚ ˛ •˛•*/______/~\。˚ ˚ ˛
    ˚ ˛ •˛• | 田田|門| ˚

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  12. Danke für diese wunderbare Geschichte.
    Ich wünsche eine frohe Weihnachtszeit !

    LG Peggy aus Wien

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  13. .....eine wunderschöne Geschichte !!!! und der Ralph war wirklich ein schlaues Kerlchen :O) .....

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