Freitag, 15. April 2016

Was soll ihm das nur sagen?

15. April!
Das bedeutet:
Eine weitere Reizwortgeschichte
geht an den Start!

Und das sind sie, die 'reizenden' Wörter:
Brunnen – Locke – schwarz – leicht – verraten

Weitere Geschichten lest ihr wie immer bei:

Meine Geschichte geht auch zu Elke -
'Froh und kreativ'

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Es regnete leicht, als Benjamin mit einer grauen Regenjacke bekleidet an der Haltestelle stand. Von hier aus hatte er einen guten Blick auf die Bäckerei, die schräg gegenüber lag. Er schaute auf seine Armbanduhr – nur noch ein paar Sekunden, dann würde sie um die Hausecke biegen und die Bäckerei betreten. Da! Sein Herz klopfte sogleich lauter als zuvor. Ihre schwarzen Locken hüpften nur so um ihr hübsches Gesicht. Er kannte ihren Namen, weil er ihr einmal heimlich gefolgt war, um das Klingelschild zu lesen. Ihr Name klang wie eine Melodie in seinen Ohren: Caroline Fröhlich. An jedem Morgen kaufte sie hier beim Bäcker ihre Brötchen. Manchmal stand er in der Bäckerei direkt hinter ihr. Einmal hatte sie sich sogar umgedreht und ihn angelächelt, doch er hatte sich nicht getraut, sie anzusprechen. Warum nur war er ihr gegenüber so schüchtern? Er war eigentlich gar nicht auf den Mund gefallen. Als Optiker war er es gewohnt, mit Menschen umzugehen. Er hatte auch keinerlei Berührungsängste, solange es sich um Kunden handelte. Doch bei Caroline war das anders. Da war er der kleine schüchterne Junge von früher. Deshalb blieb ihm nichts anderes übrig, als sich auf die morgendlichen Treffen beim Bäcker zu freuen und zu hoffen, dass ihm der Zufall irgendwann zu Hilfe käme.  
„Sei still!“ Benjamin ärgerte sich über einen Hund, der mit seinem Frauchen an ihm vorbei ging und ihn anbellte. Der Köter würde ihn mit seinem Gebell noch verraten. Und tatsächlich. Caroline schaute in seine Richtung. Ob sie bemerkt hatte, dass er hier stand, weil er auf sie gewartet hatte? Das wäre wirklich peinlich! Deshalb entschied er, ihr heute nicht in die Bäckerei zu folgen, sondern wandte sich um und ging zu seinem Auto, das er in einer Seitenstraße in der Nähe eines Brunnens abgestellt hatte. Umgehend machte er sich auf den Weg zu seiner Arbeitsstelle. Heute hatte er nicht einmal ein Frühstück dabei.
Kurz nach 9 Uhr kündigte die Türglocke den ersten Kunden an. Benjamin ging aus der Werkstatt in den Ladenraum und hätte am liebsten laut geseufzt. Nicht schon wieder! Mira Bellenbaum! Sie war wohl die tollpatschigste Frau, die diese Stadt jemals gesehen hatte. Es verging kaum ein Tag, an dem sie nicht im Laden stand. Das eine Mal hatte sie sich auf die Brille gesetzt. Beim nächsten Mal war sie mit der Brille auf der Nase eingeschlafen oder es war sonst was passiert. Benjamin konnte es nicht mehr zählen, wie oft er die Brille von Mira schon gerichtet hatte. Gespannt, welche Geschichte sie ihm heute präsentieren würde, stand er ihr gegenüber: „Guten Morgen, Frau Bellenbaum, was kann ich heute für sie tun?“
Vorsichtig legte Mira ihre Brille auf den Verkaufstisch. „Entschuldigen Sie, aber mein Neffe hat … wie Sie sehen … meine Brille“. Benjamin nahm das schiefe Brillengestell, bog es vorsichtig gerade und reichte es Mira zurück. „Heute war es wirklich nur eine Kleinigkeit“, meinte er, „setzen sie die Brille doch einmal auf. Vielleicht geht es ja schon so.“
„Ich glaube“, stotterte Mira, „sie drückt noch ein wenig.“ Dabei zeigte sie auf eine Stelle hinter ihrem Ohr.
Benjamin ging um den Tisch herum, legte ihre langen Haare beiseite, um die Stelle genauer ansehen zu können. Obwohl er nicht erkennen konnte, dass die Brille dort drückte, nahm er sie noch einmal zur Hand. Eine kurze Zeit später verließ die junge Frau das Geschäft. Benjamin sah ihr kurz hinterher. Eigentlich war sie eine tolle Frau, wäre da nicht ihre Tollpatschigkeit.
Als Mira sich umwandte, um zu schauen, ob Benjamin ihr mit seinem Blick folgte, war er bereits auf dem Weg zurück in die Werkstatt. Mira seufzte! Sie wusste einfach nicht, was sie noch anstellen sollte, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Es war gar nicht so einfach, sich ständig etwas einfallen zu lassen. Sie brauchte ja einen Vorwand, um ihn zu sehen. Warum bemerkte er nicht, dass sie nur seinetwegen ins Geschäft kam? Als sie daran zurück dachte, dass er ihre Haare beiseite gelegt hatte, lief ihr wieder eine Gänsehaut über den Rücken. Er war so ein toller Mann, doch für sie wohl unerreichbar.
Als Benjamin zurück in die Werkstatt kam, grinste seine Kollegin. „Na“, meinte sie, „schon wieder Frau Bellenbaum?“ Benjamin nickte. „Schon eigenartig, dass sie so ein Pech mit ihrer Brille hat, nicht wahr?“ Wieder nickte er. Er hatte keine Lust, mit seiner Kollegin über diesen schwierigen Fall zu sprechen. Seine Gedanken waren sowieso wieder bei Caroline Fröhlich. Schade, dass sie keine Brille trug. Sonst würde sie vielleicht eines Tages diesen Laden betreten. Das wäre seine Chance. Aber so. – Was seine Kollegin mit ihrer Anspielung eigentlich sagen wollte, dafür hatte Benjamin keine Antennen.
Wieder einmal stand ein Wochenende vor der Tür. Zwei Tage, an denen er Caroline nicht zu Gesicht bekommen würde, es sei denn, er bezöge in der Nähe ihrer Wohnung Stellung, um zu schauen, wann sie diese verließe. Das war ihm aber doch zu dumm. Heute war sein freier Samstag und so machte er sich Richtung Wochenmarkt auf den Weg, um frisches Obst und Gemüse einzukaufen.
Am Stand angekommen hörte er eine weibliche Stimme fragen: „Schatz, wollen wir noch ein Pfund Erdbeeren mitnehmen?“ Obwohl es immer schwer für ihn war, glückliche Paare zu beobachten, wandte sich Benjamin um. Das hätte er besser nicht getan. „Hallo“, wurde er begrüßt und an ihren Begleiter gerichtet meinte die junge Frau: „Schau Schatz, das ist der Mann, den ich fast jeden morgen beim Bäcker treffe.“
„Muss ich denn jetzt eifersüchtig werden?“, fragte ihr Freund und lächelte Benjamin mitleidvoll an. Caroline lachte laut auf und Benjamin fragte sich, was an dieser Frage so komisch war? Die Situation traf ihn jedenfalls mitten ins Herz. Vergnügt kauften die zwei Verliebten ihre Erdbeeren. Caroline hob kurz die Hand, sagte: „Tschüß, man sieht sich“, und ging fröhlich weiter zum nächsten Stand. Benjamin blieb mit hängenden Schultern zurück.
„Was darf ich denn heute für sie  tun?“, wurde er von einer fröhlichen Stimme angesprochen. Benjamin drehte sich in die Richtung, aus der die Stimme kam, und schaute direkt in die Augen von Mira Bellenbaum, die an diesem Stand die Erdbeeren verkaufte. Was sollte ihm das denn jetzt sagen?

© Martina Pfannenschmidt, 2016


Kommentare:

  1. Liebe Martina, wieso muss Liebe immer so kompliziert sein. Erinnere mich an meine Zeit als junge Frau, oh was war ich verliebt....Alles habe ich angestellt.Ist auch nie etwas daraus geworden. Liebe Grüße Eva

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  2. Wo die Liebe hin fällt...das können wir nicht selbst bestimmen, aber dem Glück ein bisschen nachhelfen. Wenn ich meinen Mann nicht angesprochen hätte, wer weiß, ob aus uns ein Paar geworden wäre? Die Mira könnte ihm ein paar Erdbeeren schenken und ihn fragen, ob man sich nicht mal auf einen Kaffee treffen könnte. Und beim Kaffee sollte sie ihm dann sagen, weshalb sie dauernd in seinem Laden steht. Danke dir für den Link!
    LG Elke

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  3. Eine herrliche Geschichte, liebe Martina. Über den hübschen Namen "Mira Bellenbaum" musste ich grinsen.
    Deine Geschichte ist tatsächlich mitten aus dem Leben. Ich sage nur: Das Gute liegt so nahe. Ja und wir sehen oftmals den Wald vor lauter Bäumen nicht.
    Ich bin mir fast sicher, dass Benjamin seine wirkliche Liebe findet. Vielleicht betrachtet er jetzt Mia mit anderen Augen....
    Ich finde, die Geschichte schreit nach einer Fortsetzung.
    LG
    Astrid

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  4. Liebe Martina,
    stimmt, das ist eine tolle Geschichte und wenn ich mir was wünschen darf, dann schließe ich mit Astrid an und erbitte eine Fortsetzung.
    Liebe Grüße
    Regina

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  5. Liebe Martina,

    das ist eine Geschichte aus dem Leben.
    So geht es oft.

    Einen guten Abend wünscht dir
    Elisabeth










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  6. Liebe Martina,
    eine tolle Geschichte ist dir da aus der Feder gehüpft.
    Mal zum Schmunzeln, dann wiederum zum Nachdenken. Liebe
    ist nicht einfach. Das sagst du uns mit dieser Geschichte wieder.
    Einen guten Start ins Wochenende wünscht Dir
    Irmi

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  7. Männer können ja manchmal soooo blind sein, hihii.
    Liebe Martina, ich wünsche dir ein schönes Wochenende, LGLore

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  8. Ach wie süß, liebe Martina! Dazu fällt mir übrigens etwas sehr Konkretes aus dem Leben von mir und meiner Tochter ein. Eine Zeitlang hatte meine Tochter (sie war damals 13, 14 oder 15) nämlich tatsächlich häufiger mal Probleme mit ihrer Brille, und so mussten wir immer wieder in einen bestimmten Laden zu einem noch relativ jungen Herrn I. Nach dem dritten Mal hatten wir bereits den Eindruck, er wäre der Auffassung, eine von uns beiden würde auf ihn reflektieren und wir wären ihm nicht ganz geheuer. Beim vierten Mal sagte uns ein Kollege, Herr I. wäre gerade in der Pause. Da mussten wir lachen, weil wir beide das Gleiche dachten: Vermutlich steht Herr I. irgendwo schweißüberströmt in einem Versteck und stöhnt "Nicht schon wieder DIESE BEIDEN!" - und sein Kollege hatte den Auftrag bekommen, ihn zu verleugnen ;o))
    Danke für deine lieben Zeilen zum Palmöl-Thema! Ich glaube, es ist VIELEN nicht so geläufig, was durch den Anbau alles angerichtet wird, denn die Industrie ist ja nicht interessiert daran, die Konsumenten darüber zu informieren...
    Ganz herzliche Rostrosengüße und ein schönes Wochenende,
    Traude
    http://rostrose.blogspot.co.at/2016/04/a-new-life-4-leben-ohne-palmol.html#comment-form
    ✿ܓ✿ܓ✿ܓ✿ܓ✿ܓ✿ܓ

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  9. Liebe Martina, Männer...seufz....Mira Bellenbaum ist ein super Name. Ich glaube auch, dass der liebe Benjamin eine ganz tolle Frau in ihr finden wird. Das arbeitest Du doch bitte noch dran, oder? ;-)...
    Aber nicht zu schnell, der junge Mann ist so süß, dass der sich ruhig nochmal ein bißchen verwickeln darf. LG Tanja

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  10. B wie Benjamin oder Bellenbaum oder Blümchen. ^^ Ich hätte die Dame Karla Kolumna genannt, aber ich hätte nicht so eine Geschichte schreiben können. ;-)

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  11. Liebe Martina,
    als ich Deine Geschichte gelesen habe, musste ich furchtbar lachen! Ich bin nämlich Dauergast in unserer Optiker-Filiale. Aber nicht, weil ich da irgendeinen jungen Mann beeindrucken will (die könnten alle meine Enkel sein). Nein, ich kriege es wirklich fertig, meine Brille andauernd zu verbiegen! Entweder beim Putzen, oder ich lege sie irgendwohin und irgendwas Schweres oben drauf, oder ich schlafe damit ein... Wenn ich nicht schon so alt wäre, käme da bestimmt auch so ein Verdacht auf! **lach**.
    Ich hoffe sehr, dass wir irgendwann erfahren,ob und wie es mit Benjamin und Mira Bellenbaum weitergeht! (wie bist Du bloß auf DIESEN Namen gekommen?)
    Lebe Grüße und einen schönen Sonntag!
    Christine

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  12. liebe Martina, eine Geschichte - wie aus dem richtigen Leben gegriffen, manche sind aber auch - egal ob Mann ob FRau - eben ein klein wenig begriffstutzig, sehen den wald vor lauter Bäumen nicht, sprich*denken und sind nur konzentriert auf sich und die eigenen bedürfnisse und Gefühle. Ich denke der Benjamin ist einfach noch ein bißchen jung, aber auch ER wirds einmal - irgendwann raffen*, lacht:))
    und dann hoffentlich darüber lachen können was er versäumt hat zu tun...
    schöne Sonntägliche Geschichte, die sehr zum nachdenken zwingt...
    herzlichst Angelface...
    den Balken im Auge, den sieht man oft nicht!°

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