Montag, 1. August 2016

Am Meer

In diesen Tagen
endet bereits für einige ihr Urlaub –
für die anderen beginnt er gerade erst.
Viele zieht es in dieser Zeit ans Meer,
was mich zu der nachfolgenden Geschichte führte.
Viel Freude beim Lesen!


Madita spürte den warmen Sand unter ihren nackten Füßen, während sie intensiv die salzige Meeresluft einatmete. Einen Augenblick blieb sie stehen, um Kindern beim Suchen von Muscheln zuzuschauen. Dann bückte sie sich und nahm ein besonders ansprechendes Exemplar selbst in ihre Hand. Keine Muschel gleicht der anderen, ging ihr durch den Kopf, und doch haben sie alle etwas gemeinsam: Jede besitzt eine harte Schale und einen weichen Kern. Vielleicht sollte sie die Muschel als Erinnerungsstück mit nach Hause nehmen. Doch sie entschied anders. Eine Muschel gehört ans Meer. Vorsichtig legte sie das kleine Juwel zurück in den Sand.
Der Strandabschnitt, den sie nach ihrem langen Spaziergang erreichte, lag naturbelassen und in seiner ganzen Schönheit vor ihr. Eigentlich war es schade, dass nur so wenige Urlauber der Weg hierher führte. Madita setzte sich auf einen dicken Stein, der noch die Wärme ausstrahlte, die er im Laufe des Tages durch die Sonne getankt hatte.
Sie ließ ihren Blick über das smaragdgrün schimmernde Meer gleiten, das an diesem frühen Abend einem glatt polierten Spiegel glich. Am Horizont zogen weiße Schiffe dahin, die einen starken Kontrast zum Blau des Himmels bildeten. An diesem idyllischen Ort wollte sie einen Augenblick verweilen.
Die Luft war lau und kaum ein Blättchen rührte sich. Einzig ein paar Möwen kreischten, weil sie sich um eine Leckerei stritten. Die letzten Sonnenstrahlen tanzten auf dem Wasser zu einer Melodie, die wohl nur sie hören konnten. Madita wurde von einer inneren Ruhe erfasst, die ihr gut tat.
Ihr dreiwöchiger Urlaub auf dieser beeindruckenden Insel hatte sie zur Einkehr gebracht und ihr das Gefühl gegeben, bei sich selbst angekommen zu sein. Während sie die aufkommende leichte Meeresbrise genoss, dachte sie darüber nach, wie schwierig es oft ist, seine Gedanken auszuschalten und auch auszuhalten; besonders dann, wenn sie um ein Thema kreisen, wie in diesem Augenblick die Möwen über ihrer Beute.
Gedanken! Das Wort ist nicht nur mit dem Denken verwandt, sondern es versteckt sich noch ein anderer Begriff sehr deutlich darin: Danken nämlich! Denken und Danken – diese beiden Ausdrücke unterscheiden sich nur durch einen einzigen Buchstaben.
Das Meer, das so friedlich vor ihr lag, blieb unbeeindruckt von ihren Gedanken, aber auch vom Raum und der Zeit. In 100 Jahren ist es noch genau an dieser Stelle, an der es vor Jahrmillionen entstanden ist. Das Leben in ihm veränderte sich allerdings ständig. Von einigen wenigen Exemplaren einmal abgesehen, würde kaum eines der heute darin lebenden Tiere das Meer in dieser fernen Zeit noch besiedeln.
Die Vielzahl und Anzahl der Fische und Säugetiere in den Ozeanen und Meeren dieser Welt überstieg Maditas Vorstellungskraft. Das galt ebenso für die Zahl der auf diesem Planeten lebenden Menschen: Über sieben Milliarden – eine wahrhaft gigantische Zahl. Doch auch für uns Menschen gilt das gleiche Gesetz wie für die Tiere an Land und im Meer: In 100 Jahren sind wir - bis auf wenige Ausnahmen - ALLE nicht mehr hier!
Ihr kam der Gedanke, dass im Angesicht der Unendlichkeit 100 Jahre nicht einmal ein Sandkorn im Stundenglas der Ewigkeit ist und wie schnell der Mensch vergisst, dass er nur ein Gast auf Erden ist und über keinen bleibenden Wohnsitz auf dem blauen Planeten verfügt. – Ihr kamen Worte in den Sinn, die dies untermauern: ‚Du kamst, du gingst mit leiser Spur, ein flücht´ger Gast im Erdenland. Woher? Wohin? Wir wissen nur - aus Gottes Hand in Gottes Hand.’
Madita fühlte eine große Ehrfurcht vor der Schöpfung. Wie klein sie war in Anbetracht der Größe des Meeres und doch fühlte sie sich mit ihm verbunden und als Teil eines großen Ganzen.
Eine leichte Wehmut stellte sich ein, als sie daran dachte, dass ihr Urlaub morgen zu Ende ging. Andererseits freute sie sich sehr auf ihr Zuhause. Nirgendwo auf der Welt fühlte sie sich geborgener und glücklicher. Zu Hause – das war mehr als vier Wände und ein Dach über dem Kopf. Es war auch mehr, als der Platz, wo das Bett stand – viel mehr. Bei dem Wort stieg ein Gefühl von Geborgenheit und Liebe in ihr auf. Zu Hause – das hatte etwas von Angekommensein.
Ein kleines Wölkchen setzte sich vor die Sonne und warf seinen Schatten auf die Erde, was Madita aus ihren Gedanken riss. Langsam erhob sie sich, um den Rückweg anzutreten. Die Zeit war gekommen, sich von der Insel zu verabschieden.
© Martina Pfannenschmidt, 2016 


Auch diese Geschichte
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Kommentare:

  1. Schöne Gedanken hatte Madita:

    Du kamst, du gingst mit leiser Spur, ein flücht´ger Gast im Erdenland. Woher? Wohin? Wir wissen nur - aus Gottes Hand in Gottes Hand.

    LG Klaudia

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  2. Ich habe mich an Maditas Stelle auf dem Stein sitzen gesehen und ich habe ihre Gedanken gedacht.
    Ich glaube, Matidas Gedanken sind uns alle schon einmal durch den Kopf gegangen. Unter dem offenen Himmel am Meer sitzend, verspürt man die Unendlichkeit der Weiten und der Zeit, aber auch die eigene Endlichkeit. Und gerade in solchen Momenten verspürt man auch eine große Dankbarkeit, gegenüber der Schöpfung, dem eigenen Sein, unseren Lieben und der Geborgenheit, die wir empfinden. Besonders in diesen Momenten spürt man das Angekommensein.
    Danke für diese wunderbar einfühlsame Geschichte
    Astrid

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  3. Danke für diese schönen Gedanken, unser kleine Philosoph, LGLore

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  4. Ich finde mich am Meer, ich sitze auf dem stein und hänge meien gedanken nach über Gott und die Welt. Man kann sich weit weg übers meer träumen und plötzlich mit einem wellenschlag ist die Wirklichkeit wieder da. Eine schöne nachdenkliche Geschichte hast Du geschrieben ,die jeder nachvollziehen kann der das Meer liebt. Es gibt viele schöne stille Orte wo man danken und nachdenken kann für sich allein. Sei herzlich gegrüßt, Klärchen

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  5. Lange nicht hier gewesen und doch immer wieder freu ich mich dich zu lesen.
    Ich Wünsch dir einen schönen Tag
    Sophie

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  6. Dass ich diese Geschichte mögen würde, war ja klar. Schließlich ist es erst eine Woche her, dass ich auf der Bank am Meer gesessen habe und meine Gedanken wie die Wellen hin und her fließen ließ. Vielen Dank dafür LG Tanja

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  7. Was für eine schöne Geschichte, liebe Martina, Sie regt mich auch an, zum Denken und zum Danken. An dieser Stelle danke ich Dir, für Deinen lieben Kommentar bei mir und natürlich für diese wundervolle Geschichte.
    Ick freu mir och wie Bolle! Dass ich wieder zurück bin!
    Herzlichst Marle

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  8. Sehr schöne Gefühle werden durch deine Geschichte freigesetzt, liebe Martina! Und mir geht es wie Madita – das Meer und die Stille dort regen mich dazu an, meine Gedanken fließen zu lassen… und auch mir geht es am Ende meines Urlaubes meistens so, dass ich einerseits wehmütig bin und andererseits dankbar, ein Zuhause zu haben, in das ich gerne zurückkehre. (Wobei ich bei manchen Urlauben durchaus noch gern eine Woche anhängen würde ;o))

    Ich wünsch dir eine wunderschöne weitere Woche,

    herzliche Sommergrüße, die Traude

    http://rostrose.blogspot.co.at/2016/07/alle-jahre-wieder-o.html

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  9. Liebe Martina,
    wenn ich mich an solch stillen Örtchen aufhate, geht es mir gleich wie Madita. Da träume ich auch plötzlich Über Gott und die Welt nach. Oftmals werde ich dann auch ein wenig wehmütig, wenn dann der Urlaub beendet ist. Die Tage gehn halt so wahnsinnig schnell vorbei.
    Ich wünsche deir noch einen gemütlichen Abend.
    Alles Liebe,
    Christine

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  10. Eine wunderbare Geschichte liebe Martina !
    Träumen von Gott und der Welt das macht
    wohl jeder egal am Meer oder im schönen Zuhause
    und es gibt doch nur eines :

    Das HIER und JETZT in vollen Zügen geniessen :-)

    Ja, wir und die Erden sind doch nur ein kleines
    Sandkorn im gigantischen Universum !
    Gerne würde ich da oben mal Mäuschen spielen um
    zu sehen, was es da noch alles gibt ,sicher
    sind wir nicht die einzigen Lebewesen !

    Ganz liebe Grüsse
    Margrit

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  11. das ist ja schön geschrieben, schönen Mittwoch für dich

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  12. Hallo Martina,
    da wir ein ganzes Stück vom Meer entfernt wohnen, bin ich eher den Mittelgebirgen verbunden. Berge sind auch eine Konstante, die zum Meditieren und Philosophieren einladen.

    Gruß Dieter

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  13. sehr schöne Geschichte, ein Mann" würde nun -°vielleicht sagen" ist nicht wissenschaftlich untermauert sondern eher Träume und Gedanken, Wunschträume oder einer der an nichts glaubt, würde die geschichte eventuell nach Fakten untersuchen, ich betrachte sie als Geschenk einer an die Urkraft des Lebens glaubenden Seele, die nichts märchenhaftes an sich hat.
    eine tolle Geschichte, besinnlich, nachdenklich machend , den gedanken folgend die jeder wahrscheinlich hat der sinnend im Urlaub aufs Meer schaut und zurück an das Zuhause denkt und finde sie: wunderschön geschrieben!!!!
    herzlichst Angelface

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  14. Liebe Martina,
    ein wunderschöner Gedankengang Maditas entlang des Strandes.
    Eine schöne, besinnliche Geschichte, die einem wieder aufmerksam macht, dass wir nur vorübergehend auf der Erde weilen.
    Ein Urlaubsende...aber ein Willkommen im trauten Heim.
    Ganz liebe Grüße,
    Manuela

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  15. was für eine schöne besinnliche Geschichte

    dankeschön
    liebe Grüße
    Rosi

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  16. Tja, das ist das einzig Gute, wenn man sooo lange auf die Sommerferien warten muss; Sie dauern dann auch noch etwas an, wenn die Anderen schon wieder zur Schule müssen. Wir haben am Sonntag erst Halbzeit - Jupieehje!
    LG
    Manu

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