Samstag, 15. Oktober 2016

Der Liebesbrief

Ach, ihr Lieben,
jetzt war es schon wieder soooo lange still hier.
Aber heute melde ich mich zu Wort, um

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TROMMELWIRBEL BITTE

die

100. Reizwörtergeschichte

abzuliefern.
Ist das nicht unfassbar?!
Sooooooo viele!!!
Dass ich das schaffe,
damit hätte ich nicht gerechnet.
Ich bin richtig stolz auf mich.
Und euch sage ich vielen, vielen Dank,
dass ihr hierher kommt,
um sie zu lesen und dafür, dass ihr
mit Kommentaren nicht spart.

DANKESCHÖÖÖÖÖN!!

Und das sind sie, die Reizwörter,
die zur 100. Geschichte führten:

Schatzkästchen – Wasserdampf – beschützen – pflegen – unbeobachtet

Und das hier sind die Namen meiner Mitschreiberinnen:

ChristineEvaLoreRegina

Schaut doch bitte, ob sie auch eine Geschichte in ihren Blog eingestellt haben:


 Bild in Originalgröße anzeigen



Seitdem seine Mutter verstorben war, lebte Siegfried alleine. Das lag jetzt schon einige Jahre zurück. Bisher war es ihm nicht gelungen, sich von den Dingen zu trennen, die seiner Mutter gehörten. Nichts hatte er entsorgt, gar nichts. Häufig überkam ihn eine große Einsamkeit, vor allen Dingen sehnte er sich nach Liebe. Seine Mutter hatte ihn zeitlebens geliebt, doch seit ihrem Tod gab es niemanden mehr, der ihm Liebe und Zuneigung schenkte.
Siegfried kam oft mit Menschen zusammen. Das brachte sein Beruf als Postbote so mit sich. Das waren die einzigen sozialen Kontakte, die er pflegte. Er war sehr beliebt in seinem Bezirk und so ergab sich manches Gespräch. Für alle war er der nette Postbote Siggi. Seinen Nachnamen kannte kaum jemand. Wenn eben möglich, verheimlichte er ihn. Zeitlebens schon empfand Siegfried ihn als belastend.
In seinem Beruf ging Siggi auf. Am liebsten trug er Postkarten aus. Einerseits wegen der schönen Motive von Orten, die auf der Vorderseite zu sehen waren und die er wohl niemals zu Gesicht bekäme, andererseits wegen der Texte auf der Rückseite. Immer, wenn er in dunklen Hausfluren stand und sich unbeobachtet fühlte, las er die Grüße, bevor er die Karten in die Briefkästen steckte.
Er hatte im Laufe der Jahre Antennen dafür entwickelt, ob es sich bei Briefen um private Post handelte, die liebe und freundliche Worte enthielt. Leider wurden diese Briefe im Zeitalter von Internet und Handy immer rarer. Doch es gab sie noch – auch Liebesbriefe. Deshalb war er besonders aufmerksam. Diese Umschläge steckte er nicht in die Briefkästen, sondern in seine Jackentasche. Immer mal wieder einen. Das war bisher noch niemandem aufgefallen. Die meisten dieser Briefe, die er zu Hause vorsichtig über Wasserdampf öffnete, überbrachte er am darauf folgenden Tag. Nur einige wenige Liebesbriefe hatte er zurückbehalten, um sie immer mal wieder zu lesen und sich an ihnen zu wärmen.
„Hallo, Siggi, hast du heute Post für mich?“, fragte Frau Schaller, die am geöffneten Fenster des Erdgeschosses stand und das Treiben auf der Straße beobachtete. Wie so oft, antwortete er auch an diesem Tag: „Heute leider nicht! Aber vielleicht morgen!“ Meistens blieb Siegfried in diesen Momenten stehen und unterhielt sich ein Weilchen mit der einsamen alten Frau. Dass seine Tour dadurch etwas länger dauerte, war ihm egal. Auf ihn wartete ja niemand. Doch diesmal war es anders. In seiner Jackentasche steckte ein Umschlag, der neben der Anschrift übersät war mit kleinen roten Herzen. Das musste ein Liebesbrief sein. Siegfried wollte dringend nach Hause, um ihn zu lesen. Deshalb nahm er sich heute nicht die Zeit für einen kleinen Plausch.
Mit allergrößter Vorsicht holte er das weiße Blatt aus dem Umschlag. Sein Herz klopfte, während er die ersten Zeilen las. Wie er bald bemerkte, hatte er einen Volltreffer gelandet:
‚Liebe Lucie, heute nehme ich all meinen Mut zusammen, denn du sollst endlich wissen, was ich für dich empfinde. Du bist so unglaublich schön und wirkst so zerbrechlich. Du bist alles, was ich mir jemals erträumt habe. Ja, du bist das weibliche Wesen, das in meinen Träumen erscheint! Wenn ich an dich denke, beginne ich von innen heraus zu strahlen, wie die Mittagssonne am Himmel. Manchmal kann ich sogar fühlen, wie du in meinen Armen liegst und ich dich beschütze. Ich bin in diesen Momenten so unendlich glücklich und mir steigen Tränen der Sehnsucht in die Augen. Ach könnte dieser Traum doch irgendwann Wahrheit werden. Ich würde alles für dich tun. Glaub mir, alles! Ich würde dich auf Händen tragen und dich auf Rosen betten. Niemals würde ich dich verletzen, weil ich dich für immer lieben werde. Noch nie in meinem ganzen Leben habe ich so empfunden. Noch niemandem habe ich mein Herz so geöffnet, wie dir in diesem Augenblick. Noch nie habe ich so geliebt und noch nie war ich so verletzbar. Käme eine Fee und ich hätte einen Wunsch frei, so wünschte ich mir, dass auch du mich lieben könntest. Ich lege dir mein Herz zu Füßen und hoffe, du nimmst es an dich und behältst es für immer. Dann wird es aufhören zu bluten und die Sehnsucht wird vergehen und es wird Liebe bleiben – für immer und ewig!’
Siegfried nahm den Brief und hielt ihn an sein Herz. Niemand schrieb, wie Liebende. Niemand! Behutsam legte er den Umschlag zu den anderen in sein kleines Schatzkästchen. Dieser Brief würde ihn, immer wenn er ihn las, aus seiner Einsamkeit holen und ihn spüren lassen, dass es in der kalten Welt doch noch Liebe gab. 
Zu dem Zeitpunkt ahnte er noch nicht, dass er wenige Tage später eine große Sehnsucht, ein gewaltiges Verlangen, nach dieser Lucie verspüren würde. Seine Gedanken kreisten nur noch um sie. Lucie musste noch sehr jung sein. - In ein paar Tagen begannen die Ferien. Vielleicht besuchte sie noch die Schule. Dann hätte sie bald frei. Unter einem Vorwand könnte er bei ihr klingeln, um sie zu sehen und ihr seine Liebe zu gestehen. Siggi verspürte bei diesen Gedanken ein Kribbeln, das ihm ganz neue Gefühle offenbarte. Gefühle, die er bisher nicht gekannt hatte und die mit der Liebe, die er für seine Mutter verspürte, nichts zu tun hatten. Er begehrte diese junge Frau. Er wollte sie nicht nur sehen, er wollte sie spüren, berühren. Mehr und mehr steigerte er sich in dieses Verlangen hinein – bis er eines Tages tatsächlich mit klopfendem Herzen vor ihrer Wohnungstür stand und klingelte.
Eine verschlafene junge Frau mit zerwühlten Haaren öffnete ihm. „Ja bitte!“, brachte Lucie hervor, als sie Siegfried vor der Tür stehen sah. 
„Ich habe hier einen Brief für Lucie Kleinert, den ich persönlich übergeben müsste.“
„Ich bin Lucie“.
„Bist du alleine?“, erkundigte sich Siggi wie der liebe Onkel, der sich sorgte. Lucie nickte.
Siegfried sah sich kurz um und schob das Mädchen zurück in den Flur. Vorsichtshalber hielt er ihr dabei den Mund zu. Nicht, dass sie ihn falsch verstand und um Hilfe rief. Womit er jedoch nicht gerechnet hatte, war die Tatsache, dass sie sich vehement zur Wehr setzte. Warum machte sie das? Er wollte ihr doch nichts Böses, er liebte sie doch und genau das wollte er ihr heute gestehen. Doch dazu musste sie ruhig werden. Siggi musste seine Hand schließlich immer fester auf ihren Mund drücken, damit sie nicht das ganze Haus auf die Situation aufmerksam machte. Das wäre ihm sehr unangenehm gewesen. Schließlich kannte ihn jeder.
„Sei doch bitte still“, bat er sie inständig und bemerkte gar nicht, dass die inzwischen auf dem Boden Liegende gar keine Luft mehr bekam. Erst, als ihre Gegenwehr nachließ und Lucie regungslos und mit weit aufgerissenen Augen vor ihm lag, begriff er, was geschehen war. Das hatte er nicht gewollt! Was hatte er getan?
Abrupt wandte er sich von ihr ab, öffnete vorsichtig die Tür. Langsam und unbeobachtet verließ er anschließend das Haus. Ein paar Häuser weiter hielt er wie so oft einen Plausch mit Frau Schaller - er, der beliebte Postbote Siegfried Kindsmörder!


© Martina Pfannenschmidt, 2016



Natürlich nimmt auch diese Geschichte an
Elkes froher und kreativer Linkparty teil!


Klick!!








Kommentare:

  1. Ups!

    Liebe Martina,
    das ist ja schwere Kost, die du uns heute präsentierst. Sehr unerwartet. War es deine Absicht uns mit deiner 100. Geschichte wachzurütteln? Es Ist dir gelungen.
    Ja, man weiß nie, was für ein Leben, welche Wünsche, Sehnsüchte, Neigungen, Ängste, Sorgen, Probleme hinter der Fassade der Menschen stecken, die uns täglich begegnen. Man ist ja schnell dabei mit seinem Urteil. Steckt sie gern in eine Schublade: nett, interessant, nervig oder vielleicht auch den/die mag ich, mag ich nicht. Selten hat man die Gelegenheit mehr über die zu erfahren, die uns so oft über den Weg laufen. Möchte es vielleicht auch gar nicht. Hat nicht die Zeit dazu oder fühlt sich dem nicht gewachsen all die Sorgen und Nöte zu hören die so gerne abgeladen werden, als wäre man eine Klagemauer. Weil man manchmal gar nicht mehr weiß, wie man reagieren soll oder einmal gehörtes nicht mehr aus dem Kopf bekommt, all dieses „Schwere“ von nun an mit sich rumträgt. Denn Erfreuliches und Schönes wird leider selten erzählt…. Ohje, jetzt bin ich ganz schön abgeschweift.

    Eine bedauernswerte Person, der nette Siggi. Und davon gibt es so viele……

    ♥ ♡ ♥ ♡ ♥ ♡ ♥
    Herzlich grüßt
    Uschi

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  2. WOw, liebe Martina
    das ist wirklich schwere Kost, doch es regt zum Nachdenken
    an, wie wir achtlos an Menschen vorbeigehen, sich nie damit auseinandersetzen, wie es vielleicht unserem Nachbarn geht, der schon lange verwitwet ist, oder der alleinerziehenden Mutter, die ein verhaltensauffälliges Kind hat. Oft fällt einem nicht mal mehr auf, dass die Nachbarin schon tagelang nicht mehr gesehen wurde. Erst wenn etwas passiert, werden wir hellhörig, dann ist es aber leider zu spät.
    Ein Weckruf, auf den wir hören sollten.
    Ich wünsche dir ein gemütliches, fröhliches We.
    LG Sadie

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  3. Liebe Martina, jetzt bin fertig, damit hätte ich jetzt nicht gerechnet. Oh, Gott, diese Muttersöhnchen, auf die muss man aufpassen. Hatte einen Kollegen, der wurde nach dem Tod seiner Mutter zum Messie,eine Kollegin entrümpelte ihn total, brachte nichts. Als er starb, war sein Haus wieder total vermüllt.Also irgendwie sind die verdreht, oder? Liebe Grüße Eva

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  4. Übrigens, noch Gratulation zur 100. Geschichte, hoffentlich werden es noch weitere 100. Liebe Grüße Eva

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  5. Liebe Martina,
    auch ich war sehr überrascht von dieser Wende in Deiner Geschichte. Richtig geschockt, denn damit hatte ich nun ganz und gar nicht gerechnet. Hervorragend geschrieben! Ich hatte totales Herzklopfen.
    Übrigens: Herzlichen Glückwunsch zur 100. Reizwortgeschichte.
    Ich schicke Dir liebe Wochenendsgrüße
    Astrid

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  6. Liebe Martina,
    hier kommt der Trommelwirbel für Dich! Taramtamtamtamtam!
    Und was für eine spannende Geschichte Du Dir zum Jubiläum hast einfallen lassen . WOW! Behaupte bloß NIE MEHR, Du könntest keine Krimis schreiben!
    Ich bin restlos begeistert und wünsche Dir einen erholsamen Sonntag!
    Liebe Grüße
    Christine

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  7. Herzlichen Glückwunsch zur 100. Geschichte. Und was für eine Geschichte mit solch einem Ende.
    LG Elke

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  8. Liebe Martina,
    ach je, im Moment weiß ich gar nicht, was ich sagen soll. Das Ende war denn doch ein ziemlicher Schock für mich, da ich Happy Ends liebe und auch hier auf einen zumindest versöhnlichen Schluss gehofft habe... An der Qualität ändert das nichts... aber irgendwie eben an dem Gefühl, das zurückbleibt... Auf jeden Fall gratuliere ich dir sehr zu deiner 100. Geschichte! Und ich danke dir für deine ermutigenden Zeilen zu meinem ANL-Wasser-Post!!!
    Ganz herzliche Rostrosen-Wochenendgrüße,
    Traude

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  9. so schnell kann es gehen dass aus einer kleinen anfänglich harmlosen Geschichte, ja fast Liebesgeschichte eine zum Thriller wird. Batschbumm, kaum guckste, lieste, glaubst es kaum, kann es gehen, da hat dich nicht nur die Muse beglückt sondern gleich deine Phantasie...
    gut!!!! und absolut glaubwürdig hast du darin die reizwörter geschickt untergebracht die der Anlass zur geschichte waren..
    herzlich Angel, der das gut gefällt.

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  10. Liebe Martinba,
    was für eine Geschichte, sie hat mich voll in den Bann gezdogen und ich dachte nur noch "Oh mein Gott", das könnte es sogar geben. Es gibt so viele Menschen, die einsam sind und denen es so ergehen könnte wie Siggi, den ich sofort vor mir gesehen habe, so lebthaft hast du ihn zum Leben erweckt. Wiue gut, dass es eine Geschichte ist und kein Tatsachenbericht!
    Herzliche Grüße
    Regina

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  11. Hallo Martina,
    jetzt habe ich mich auf eine nette Liebesgeschichte eingestellt und dann das Ende. Dachtest wohl, wenn die Manu heute keine Zeit für Tatort hat, dann gibt es hier mal was härteres zu lesen. Oh Mann. Und wenn man dann so nachdenkt, dann ist es gar nicht so weit weg, dass es im waren Leben auch geschehen kann...
    Ich hoffe Euch geht es soweit gut, ich werd' mich demnächst mal wieder melden.
    LG zu Dir, ich mach' nun auch bald Schluss.
    Manu

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  12. Begann ich doch mitleidige und liebevolle Gefühle für Siggi zu entwickeln, puh, die Welt und wie sie wirklich ist.
    Wünsche dir eine schöne Woche und denke oft an dich, sei nciht zu traurig LGLore

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  13. Liebe Martina,
    deine 100. Geschichte hat es in sich.
    Der nette Briefträger von nebenan, der zum Mörder wurde.
    Da ich gerne Krimis lese, wäre ich gespannt wie es weitergehen würde. Macht er weiter, kommen sie auf seine Spur...Mensch, Martina jetzt bin ich ganz kribbelig.
    Siehste, du kannst mit deinen Geschichten deine Leser begeistern.
    Weiterso!!!!!
    Alles Liebe,
    Manuela

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  14. Ach herrjee....das ist ja eine Geschichte ..

    Zuerst habe ich gemeint es handle sich um meinen Bruder Fredy, der war 40J.Pöstler zu allen Menschen total nett und er lebte immer bei unserer Mutter welche dann vor 16 J.verstarb und er lebt nun alleine im alten Haus ,hat den Drang Sachen zu sammeln von welchen er sich nicht trennen kann ,weil er auch so alleine lebt ,nie eine Freundin hatte !!!

    Ich habe gehofft es gibt ein Happy End :-))
    und nun so was ,eine sehr bedrückende Geschichte aber super geschrieben
    Kompliment !

    Liebi Grüessli
    Margrit

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  15. Hui gruselig. Aber Du hast uns regelrecht aufs Glatteis geführt, das muss ich schon sagen. Bin noch etwas ratlos... Wie geht ein solcher Mensch weiter durch das Leben? LG Tanja

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