Donnerstag, 15. Dezember 2016

In dulci jubilo

Die Reizwörter
Geburtstag – Schneetreiben – verwunschen – staunen – verklärt
führten mich zu dieser Geschichte:

Foto: pixelio.de/Manfred

Mama nahm Luisa in den Arm: „Alles Liebe zu deinem Geburtstag und ganz viel Glück im neuen Lebensjahr!“
„Danke, Mama! Aber jetzt komm erst einmal herein. Es ist heute ziemlich kalt.“
„Wie so oft an diesem Tag“, erwiderte Mama.
„Stimmt!“
Luisa nahm ihrer Mutter den Mantel ab und freute sich über das Geschenk und den schönen Blumenstrauß, den ihre Mutter ihr übergab. Beide gingen anschließend in die Küche, wo es schon so herrlich nach Kaffee duftete. Doch zunächst packte Luisa das Päckchen aus. Wie gewünscht bekam sie selbst gestrickte Socken. Darauf lagen zwei Konzertkarten, über die sie sich sehr freute.
Als die beiden Frauen später bei Kaffee und Kuchen beisammen saßen, gingen ihre Gedanken zurück in Luisas Kindheit.
„Weißt du, Mami, eigentlich ist es blöd, jetzt Geburtstag zu haben. Doch du hast immer einen besonderen Tag für mich daraus gemacht. Ich hatte nie das Gefühl, weniger Geschenke zu bekommen, als andere Kinder oder meine Geschwister, auch wenn mein Geburtstag so dicht vor Weihnachten liegt. Und weißt du noch, dass du mir in der kalten Jahreszeit immer viel vorgelesen hast. Am liebsten mochte ich Märchen.“
„Wie könnte ich das jemals vergessen!“
Luisa senkte ihre Stimme, als sie weiter sprach: „Ein Mann ging an einem kalten Wintermorgen bei dichtem Schneetreiben in den Wald, um Holz zu hacken. Wenig später stand er staunend vor einem verwunschenen Schloss, auf das er mit verklärtem Blick schaute.“ Luisa brach in lautes Gelächter aus. „Ich glaube, ich habe kein Talent dafür, Märchen zu erzählen.“
„Das macht nichts“, meinte Mama und lachte auch. „Dafür liegen deine Talente auf einem anderen Gebiet. Beim Kuchen backen zum Beispiel. Dieser hier ist einfach köstlich.“ Schon schob Mama sich wieder ein Stückchen davon in den Mund.
„Weihnachten bringe ich in jedem Fall Kekse mit“, kündigte Luisa an. „Irgendwie bin ich in diesem Jahr im Back- und Vorweihnachtsfieber. Ich freue mich riesig, dass wir alle zusammen kommen, so wie früher.“
„Wie früher?!“, wiederholte Mama. „Erinnerst du dich, früher hattet ihr alle einen Adventskalender mit Schokoladenstückchen darin und obwohl ihr wusstet, dass es am folgenden Tag wieder so sein würde, habt ihr euch trotzdem darüber gefreut. Schließlich gab es auch an jedem Tag ein neues Bildchen hinter der verschlossenen Tür.“
„Ich ahne, worauf die hinaus willst. Heute muss es mindestens einer sein, der 24 kleine Geschenke enthält.“
„Genau. Die täglichen Gaben sind doch oftmals schon wie kleine Weihnachtsgeschenke.“
„Ja, das stimmt wohl. Auch die Beleuchtung war früher viel minimalistischer, als heute – und vor allen Dingen: Es krochen keine Plastikweihnachtsmänner die Fallrohre hinauf.“
„Und wenn ich daran denke, wie ich euch früher zum Schlittschuhlaufen geschickt habe, bekomme ich noch heute ein ganz schlechtes Gewissen. Kein Knie- und Armschutz, keinen Helm.“
„Passiert ist aber nie etwas.“
„Zum Glück“, entgegnete Mama. „Erinnerst du dich auch noch an den Nikolaustag, an das Poltern und Klopfen. Du hast dich immer so gefürchtet. Doch wenn ich dir sagte, dass der Nikolaus da war, um etwas in deine Schuhe zu stecken, bist so schnell zum Fenster gerannt. Schließlich wolltest du noch einen Blick auf ihn erhaschen.“
„Klar, erinnere ich mich und ganz besonders an die Bescherung am Heiligabend. Wir saßen mit dir zusammen in der Küche. Dass Papa nie dabei war, ist mir damals gar nicht aufgefallen.“
„Und irgendwann klingelte das Glöckchen und wir gingen gemeinsam ins Wohnzimmer.“
„Ja, genau, aber vergiss nicht: Zuerst musste ich auf der Blockflöte Weihnachtslieder spielen. Erst dann durften wir zu den Geschenken.“
„Ja, die Geschenke. Sie fielen halt nicht so üppig aus, wie heute. Ich hatte immer einen neuen Pulli für euch gestrickt und Oma steuerte selbst gestrickte Socken bei, die du ja heute noch liebst.“
„Aber es gab auch immer Spielsachen für uns.“
„Ja, das stimmt. Damit habt ihr dann in den folgenden Tagen ununterbrochen gespielt.“
„Mama?“
„Ja.“
„Warum ist die Freude am Weihnachtsfest eigentlich verloren gegangen, obwohl es überall glitzert und leuchtet?“
„Keine Ahnung! Vielleicht, weil wir die Weihnachtslieder heute von den Stars singen lassen, anstatt sie selbst anzustimmen? Oder weil es Weihnachten für Schal und Mütze oft viel zu warm ist und es nur noch ganz selten weiße Weihnachten gibt? Ich kann es dir nicht beantworten.“
„Vielleicht liegt es auch daran, dass viele Menschen Weihnachten heute als stressig empfinden. Schon Anfang Dezember jammern sie, weil sie nicht wissen, wie sie das alles schaffen sollen und vor allen Dingen, womit sie eine Freude beim Schenken bereiten können.“
„Und die Geschäfte sind nach Weihnachten voller, als sie an den Tagen davor waren, weil so vieles umgetauscht wird. Kein Wunder, dass fast nur noch Gutscheine verschenkt werden.“
„Schade eigentlich, dass viele Kinder nicht mehr so aufwachsen, wie wir es kennen gelernt haben und wer spielt Weihnachten noch Blockflöte oder singt Lieder?“
„Weißt du was? Wollen wir es in diesem Jahr nicht so machen, wie früher?“
„Du meinst, ich soll vor der Bescherung Blockflöte spielen?“
„Ja, das wäre doch toll und eine echte Überraschung für alle.“
„Aber dann muss Papa auch vorher das Glöckchen läuten und vor allen Dingen: Ich muss noch jede Menge üben und soviel Zeit bleibt mir dazu gar nicht mehr.“
„Na, worauf wartest du noch, hol sie her, deine alte Blockflöte und dann wird geübt“, frohlockte Mama.
Luisa sprang auf, um ihr altes Musikinstrument zu holen. Dabei schmetterte sie voller Vorfreude: „In dulci jubilohoho, nun singet und seid frohhoho!“


© Martina Pfannenschmidt, 2016

Geschichten gibt es auch hier:

Meine Geschichte

Kommentare:

  1. Da ich auch bald Geburtstag habe, kommt mir die Geschichte sehr bekannt vor. Bei uns läutete auch ein Glöckchen und es wurde am Weihnachtsbaum gesungen, bevor die Geschenke ausgepackt wurden. Wir Kinder bekamen auch viel Selbstgestricktes oder ein Puppenhaus, das mein Vater gebaut hatte.
    LG Elke

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  2. Ja, wo ist sie hin, die Weihnachtsfreude an die sich viele mit verklärtem Blick erinnern? Sicherlich verlieren wir davon einiges beim erwachsen werden.
    Aber zum großen Teil liegt es in uns selbst, wie viel Weihnachtszauber wir noch verspüren. Wenn ich alles mit Freude dekoriere, für andere Plätzchen backe oder Geschenke selbst mache (koche, stricke, nähe, zeichne) oder aussuche und dabei mit Liebe an meine Familie und Freunde denke, dann zieht der Weihnachtszauber in mein Herz.
    wir feiern traditionell, der Heiligabend gehört der Familie. Schon Wochen freuen wir uns darauf, kommen Heiligabend schon zum Kaffee zusammen, machen gemeinsam einen Spaziergang, essen und trinken selbst Gekochtes, zelebrieren die Bescherung mit schön eingepackten kleinen Geschenken und Kleinigkeiten und alle haben leuchtende Augen.
    Wir fallen auch auf Weihnachtsfeiern auf, denn wir kennen sie noch, die Texte der Weihnachtslieder. Ja, ich bin davon überzeugt, wir sind selbst für die Freude am Weihnachtsfest verantwortlich.
    Alles Liebe für Dich und die Deinen
    Marle

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  3. Liebe Martina,
    bei uns war es genauso, wie du es beschrieben hast. Musik machen wir immer nboch, das gehört bei uns einfach dazu, aber ansonsten habe ich auch nicht mehr dieses feierliche Gefühl, das ich als Kind hatte. Der Überfluss tut wohl allen nicht so gut.
    Deine Geschichte gefällt mir sehr, ich erkenne mich in vielem wieder.
    Herzliche Grüße
    Regina

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  4. Liebe Martina,
    auch mir kommt das alles sehr bekannt vor. Du hast jede Menge Erinnerungen geweckt! Aber - das war einmal...
    Warum die weihnachtliche Stimmung heutzutage bei vielen nicht mehr aufkommt, kann ich nur aus meiner Sicht erklären:
    Viel zu viel Rummel. Weihnachtsdeko und Musik in den Läden und Einkaufszentren schon lange vor dem 1. Advent. Lebkuchen ab Oktober. Übertriebenes Blinken, Lärmen, Trubel wie in Las Vegas ... nein, danke, das ist für MICH kein Weihnachten mehr.
    Das ist Kommerz, Geschenkejagd, Hektik, gegenseitiges Überbieten in den größten und teuersten Geschenken...
    Das sind für MICH die Gründe, warum ich von Weihnachten nichts mehr wissen will.
    Liebe Grüße
    Christine

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  5. Liebe Martina,
    DANKE für Erinnerung Pur an meine Kindheit ... wir sitzen oft beisammen und erzäählen davon, wie es früher war ...jund von edm Stress in den Geschäften, dem Kaufrausch und was auhc immer, lassen wir uns nicht irritieren ....Blöckflöte spiel ich zwar nicht mehr, aber Mama spielt noch immer ( mit 85 J) die Weihnachtslieder am Klavier und wir singen dazu ...vorher wird nicht beschert *schmunzel*
    Ich bin schon auch sehr genervt von dem allzu, bzw. immer früheren Rummel , der in den Geschäften gemacht wird, aber ich schau einfach dran vorbei und versuche, schön entschleunigt und besinnlich diese Zeit vor Weihnachten zu verbringen.
    Hab noch einen wunderschönen Abend!
    ♥ Allerliebste Grüße , Claudia ♥

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  6. Liebe Martina, ja so war es früher. Was habe ich mich mit Blockflöte und Co. gequält. Dabei bin ich so unmusikalisch, aber ich wollte es unbedingt können. Nichts wurde daraus. Aber ich finde, jeder kann es sich doch so einrichten, wie er es mag. Früher ging es nicht anders.
    Danje für die Erinnerungen, ein Glöckchen gab es bei uns auch. Liebe Grüße Eva.

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  7. Liebe Martina,
    leider bin ich erst jetzt dazu gekommen Deine schöne Erinnerungsgeschichte zu lesen. Wir hatten nämlich gestern unsere Weihnachtsfeier am Lehrstuhl meines Mannes und es wurde recht spät, äh, früh :-) .
    Ja, manchmal geht heutzutage in all der Hektik der eigentliche Weihnachtsgedanke ein bisschen unter und ganz so besinnliche ist die Vorweihnachtszeit auch nicht mehr. Gut, zu Hause macht man es sich schon gemütlich und versucht zur Ruhe zu finden, aber wenn man das Gewusel in den Geschäften beobachtet, dann fragt man so sich schon, was daran besinnlich sein soll. Es mutet eher wie ein allgemeiner Kaufrausch an.
    Mein Mann hat immer mit meinem Schwiegervater an Weihnachten Akkordin gespielt. So hat unser Sohn Weihnachten immer erlebt. Seit mein Schwiegervater verstorben ist, feiern wir mit den Müttern bei uns, die Musikinstrumente sind noch bei meiner Schwiegermutter. Na, vielleicht bringt er ja ein Akkordion mit, wenn er nächste Woche die beiden Mütter aus Hessen abholt. Ich werde ihn daran erinnern.
    LG
    Astrid

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  8. Vielleicht geht es uns das ganze Jahr einfach zu gut, dass an Weihnachten keine Wünsche mehr übrig bleiben. LGLore

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  9. Ja genau, so war das, liebe Martina! Und letztendlich kann man sich sein Weihnachtsfest selber immer noch so liebevoll und echt und traditionell gestalten wie "seinerzeit". Wir machen jedenfalls schon eine ganze Weile nicht mehr mit bei Kaufrausch - manche Geschäftsstraßen werden vonj uns großzügig umrundet in der Adventzeit und auch in der Zeit danach, wo alle dann "umtauschen gehen" oder ihre Guttscheine einlösen. Und wir vermeiden Weihnachtsstress auch sonst so gut, wie es uns möglich ist. Keine Geschenkeorgien, keine Fressorgien, sondern nettes familiäres Zusammensein. Singen lassen wir trotzdem lieber andere, die das besser können ;-) - aber das liegt einfach an unserer nicht so besonders ausgeprägten Musikalität...
    Ganz herzliche rostrosige Advent-Grüße,
    Traude
    http://rostrose.blogspot.co.at/2016/12/anl-12-beschenk-dich-selbst-giveaway.html

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  10. Die Geschichte ist wieder schön und erinnert mich an meine Kindheit, aber auch an die Zeit als unsere Kinder in dem Alter waren. Vieles ähnelt sich. Heute mit den Enkeln ist es auch schön, aber doch ein wenig anders, außerdem sind sie groß.
    Kinderphantasie, eine erinnerung bei mir.
    Falls wir uns nicht mehr lesen, wünsche ich Dir eine schöne Weihnachten mit der Familie und einen guten Start in das Jahr 2017, herzlichst, Klärchen

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