Sonntag, 15. Januar 2017

Kinokarten

Weiter geht's!
Die nächste Reizwörtergeschichte geht an den Start -
und diese Wörter lagen ihr zugrunde:

Gipsbein – Kuchengabel – lauern – geistern – giftgrün

Schaut bitte,
ob es auch dort eine Geschichte zu lesen gibt:



Krankenhaus bilder


Mein Name ist Jenny. Ich bin 26 Jahre alt, schlank, blond, passabel aussehend und: Einsam! Warum das so ist? Weil ich es immer mit den falschen Männern zu tun bekomme. Ich kann euch sagen, ich kenne sie in- und auswendig, diese Machos und Möchtegern-Casanovas! So einen suche ich doch nicht. Für mich kommt nur jemand infrage, der ehrlich ist und mich so nimmt, wie ich bin und überhaupt – eigentlich kommt nur einer infrage, der ahnt es aber nicht: Mein Nachbar Jonny. Jenny und Jonny – wie das schon klingt! Doch er rührt sich einfach nicht, macht keine Anstalten, um mit mir auszugehen oder dergleichen. Deshalb dachte ich mir, dass ich die Sache wohl in die Hand nehmen muss, sonst sind wir in 100 Jahren noch kein Paar.
Als ich so in meiner Wohnung saß, draußen weiße Flocken aus dem Himmel segelten und im Radio ‚... und seid ewiger Zeit wohn ich Tür an Tür mit Jonny' lief, kam mir ein Gedankenblitz. Ich könnte doch … aber zunächst müsste ich … zwei Kinokarten besorgen.
Eine davon legte ich in einen Umschlag, malte lauter kleine Herzchen darauf und lauerte meinem Nachbarn auf. Ne, das ist Quatsch. Ich lauerte ihm nicht auf, sondern ich wartete, bis er das Haus verlassen hatte. Es war ziemlich dunkel, als ich durch den Hausflur geisterte, um besagten Umschlag auf seine Fußmatte zu legen. Anschließend galt es, sich ruhig zu verhalten und durch den Spion zu schauen, wie er auf den Umschlag reagieren würde. Im Gegensatz zu mir erleuchtete er beim Heimkommen das Treppenhaus hell, so dass ich gut sehen konnte, wie er das kleine Geschenk an sich nahm und in seinen Händen hin und her drehte. Vermutlich suchte er nach dem Absender, den er natürlich nicht fand und als ich die Situation zum Platzen fand und mein Herz bis zum Hals klopfte, schloss er seine Wohnungstür auf und ging mitsamt seiner Beute hinein. Und ich konnte nicht sehen, wie er auf den Inhalt reagiert. Mist!
Am besagten Abend des neuen Jahres, als der Kinofilm anlief, zu dem ich meinen Nachbarn anonym eingeladen hatte, ging ich bereits sehr zeitig aus dem Haus. Ich wollte nicht so gerne, dass wir uns bereits in unserem Mietshaus begegnen, um festzustellen, dass wir den gleichen Weg haben. Ich wollte … Ja, ich weiß auch nicht so genau, was ich wollte. Jedenfalls wollte ich ihn überraschen und gleichzeitig seine Aufmerksamkeit auf mich lenken und ihm zeigen, dass er mir wichtig ist.
Also ging ich zielstrebig Richtung Kino, als mir ein älterer Herr mit seiner riesigen Dogge begegnete. Gerade in dem Moment, als ich mich fragte, wer denn da wen ausführt, machte der Hund einen Satz zur Seite, sprang quasi vor mir her, so dass ich ins Stolpern geriet, über die Leine fiel und mir das Bein brach. – An dieser Stelle wäre ein wenig Mitleid durchaus angebracht. -
Menschen blieben stehen und ich hörte Sätze wie: „Ach, die Ärmste, wenn das neue Jahr schon so beginnt.“ Super dachte ich. Mehr davon. Wisst ihr, wie besch… das letzte Jahr für mich war? Da brauch ich keine Steigerung, ne, auf keinen Fall. Aber was sollte ich machen? Man brachte mich mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus. Dort erfuhr ich, dass ich ein paar Tage bleiben müsste. Komplizierter Bruch – Operation. Die Tränen flossen und erinnerten an kleine Bäche, die dahin plätschern und nicht zum Stillstand gebracht werden können. Das schaffte erst die Narkose – aus der ich später ziemlich benebelt erwachte. Dass mir kotzübel war und ich giftgrüne …, ne, das gehört jetzt nicht hierher.
Nun lag ich also mit einem Gipsbein ziemlich elend und mit der Welt und dem lieben Gott hadernd im Krankenhaus. Super Plan, Jenny, echt, spitzenmäßig gelaufen, sagte ich mir.
Am nächsten Nachmittag brachte man mir eine große Tasse Kaffee und ein Stückchen Kuchen. Gut so! Irgendwie musste ich mir das Leben ein bisschen versüßen. Als ich nun so meinen Kuchen in mich hinein stopfte, klopfte es leise.
„Herein!“, rief ich und als ich gerade darüber nachdachte, wie erbärmlich ich aussehen musste, lugte ein mir bekannter Kopf um die Tür. Vor Schreck fiel mir die Kuchengabel aus der Hand. Jonny, mein Nachbar, stand im Türrahmen.
„Darf ich hereinkommen?“, fragte er höflich.
Mit einer Handbewegung versuchte ich, meine Haare zu richten, während ich gleichzeitig: „Na klar, gerne!“, flötete.
„Ich hab von deinem Unglück gehört und dachte mir, vielleicht würdest du dich über ein paar Blümchen freuen. Ich stelle sie gleich hier hinten auf den Tisch. So kannst du sie am besten sehen.“
„Wie aufmerksam!“
„Wie hast du das denn hinbekommen?“, erkundigte er sich, während er sich schwungvoll auf die Bettkante setzte und auf mein Bein zeigte. Dass mich derweil ein stechender Schmerz durchfuhr, zeigte ich ihm natürlich nicht. Ein Indianer kennt ja bekanntlich keinen Schmerz und erzählte bereitwillig, was geschehen war. Dass ich auf dem Weg ins Kino war, um mich dort mit ihm zu treffen und ihm zu zeigen, wie sehr ich ihn mag, also, diese Stelle, die ließ ich lieber aus.
Ach guck mal an“, meinte er und es hatte für mich den Anschein, als läge ein verschmitztes Lächeln um seine Lippen, als er weiter sprach. „Ich war zur gleichen Zeit auch unterwegs. Du musst wissen, dass im Kino ‚Passengers’ lief. Den Film wollte ich mir unbedingt ansehen.“
Ich räusperte mich und tat so, als habe ich noch nie in meinem Leben von diesem Film gehört und fragte scheinheilig: „Um was geht es denn da?“
„Du, wie so oft im Leben um einen Mann und eine Frau. Sie waren mit tausend anderen Leuten auf einem Raumschiff unterwegs, wurden jedoch vorher eingefroren, da sie eine 90jährige Reise zu einem anderen Planeten vor sich hatten. Sie sollten halt noch jung dort ankommen. Aber diese Beiden erwachten viel zu früh. Man könnte auch sagen, die Eiszeit zwischen ihnen wurde beendet.“ Dann lachte er laut. „Die Vorstellung zu zweit alleine in einem riesigen Raumschiff für mehrere Jahrzehnte unterwegs zu sein, ist schon schwierig. Nur zwei Menschen und sonst niemand. Aber es kam anders. Mehr erzähle ich dir jetzt aber nicht. Vielleicht möchtest du ihn dir ja auch irgendwann einmal ansehen.“
„Vielleicht“, entgegnete ich etwas verlegen.
Kurz darauf brach mein Nachbar auch schon wieder auf und ich lag ziemlich alleine und deprimiert in meinem Bett.
Etwas später betrat die Krankenschwester das Zimmer, um das Tablett wieder abzuholen.
„Oh, was für ein wunderschöner Blumenstrauß“, rief sie aus und fragte: „Soll ich ihn hier stehen lassen?“
Ich nickte.
„Hier ist ja noch ein Umschlag“, meinte sie, während sie an den Blumen roch, um ihren Duft einzuatmen, und reichte ihn mir anschließend.
Als die Schwester das Zimmer wieder verlassen hatte, öffnete ich den Umschlag erwartungsvoll. 
Zum Vorschein kamen zwei Kinokarten!


© Martina Pfannenschmidt, 2017



Kommentare:

  1. Liebe Martina,
    Glück im Unglück würde ich sagen. Eine schöne Geschichte, die genau so hätte passieren können. Ein schöner Auftakt in einen schönen Sonntag, vielen Dank und liebe Grüße zu dir
    Regina

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  2. Liebe Martina, oh manno! Was für ein Pech. Aber so herum ist es doch viel interessanter, oder? Ob die sich wohl nun endlich kriegen. Schönen Sonntag, liebe Grüße Eva

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  3. Liebe Martina, sehr anschaulich und witzig geschrieben. Was wäre das Leben ohne Humor und wenn es nur der Galgenhumor ist. Danke auch für deinen Besuch bei mir, es freut mich, wenn du/ihr meinen Worten ein wenig Gesellschaft leistet. LG Ulla

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  4. Glück im Unglück würde ich sagen. Das habe ich in meinem Leben schon oft gehabt.
    LG Elke

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  5. Ein Schmunzeln ist mir beim Lesen über das Gesicht gehuscht. So ein Pech aber auch mit dem Beinbruch, - oder war es ein glücklicher Schicksalsschlag? Ja, Glück im Unglück, wie man so schön sagt. Auf jeden Fall scheint alles auf ein Happyend hinzudeuten. Solche Geschichten mag ich.
    Herzliche Sonntagsgrüße zu Dir von mir.
    Astrid

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  6. Was für eine schöne Geschichte zum schmunzeln, was zusammen gehört findet eben doch zusammen, auch wenn ein Beinbruch es verhindern will.
    Wünsche dir eine schöne Woche, LGLore

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  7. Liebe Martina,
    wusste ich es doch, dass Du auch aus so absurden Reizwörtern eine tolle Geschichte zaubern kannst! Und wie hast Du gestöhnt ... **grins**.
    Jetzt bin ich ja mal gespannt, ob aus Jenny und Jonny irgendwann ein Paar wird! Vielleicht gibt's ja mal eine Fortsetzung?
    Liebe Grüße, und - danke für die schöne Geschichte!
    Christine

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  8. da kann man dann wohl nur dazu sagen:"Pech gehabt"! nicht alles was man soo sorgfältig plant, ist dann auch gut"° lacht angel...eine reizvolle Geschichte die du uns rund um die Partnersuche gezaubert hast liebe Martina, nun wartet nur noch
    das happy End auf die beiden...
    wird sie
    es
    ihm
    wohl sagen, dass es erst anders herum von ihrer Site geplant war oder wird sie die "eventuell zu erwartende Beziehung mit einer kleinen Lüge beginnen?,,,,so würd ich die Geschichte vielleicht weiterspinnen...
    :-) Jenny und Jonny welch eine Geschichte...
    Angel

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