Mittwoch, 1. März 2017

Die innere Stimme

1. März -
meteorologischer Frühlingsbeginn!
Hurra!!


Meine heutige Geschichte spielt sich allerdings
noch im Winter ab.
Daran sind diese Reizwörter nicht ganz unschuldig:

Pflanzen – Erde – kritisch – freuen – nerven

Ich bin gespannt, 
welche Geschichten sich meine Mitschreiberinnen ersonnen haben:



Winter bilder

Almut umklammerte den großen Becher Kaffee, den sie in ihren Händen hielt. Noch immer war Winter und es hatte wieder einmal kräftig geschneit. Eine dicke weiße Haube ruhte auf allen Bäumen und Pflanzen und die Erde, in der sie wuchsen, war vor Kälte erstarrt. So langsam aber sicher nervte Almut diese Jahreszeit, doch es half ja nichts. Das Einzige, was ihr blieb, war der Blick nach vorne und die Gewissheit, dass der Frühling kommen würde - irgendwann. Doch irgendwie gelang es ihr nicht, sich darüber zu freuen. Eher war das Gegenteil der Fall. Wenn sie daran dachte, was sie sich alles für das neue Jahr vorgenommen und wie wenig sie davon umgesetzt hatte, deprimierte sie das.
Sie wollte so gerne einige Kilos abnehmen, damit sie im Frühjahr wieder in ihre Lieblingshose passte. Doch anstatt ein paar Pfunde herunter zu bekommen, hatte sich wieder eines dazu geschlichen. - Aber das war ja eigentlich noch nicht einmal ihr größtes Problem. Sie fühlte sich in ihrem Job nicht wohl. Zwar war sie inzwischen auf eigenen Wunsch für die Terminvergaben zuständig und arbeitete nicht mehr direkt mit ihrem Chef, einem Zahnarzt, zusammen. Das änderte jedoch nichts daran, dass sie ihn als ungerecht empfand und seinen Launen ausgesetzt war.
Almut klangen die Worte ihrer Kollegin Ingeborg im Ohr: „Du siehst das alles viel zu kritisch. Die Hauptsache ist doch, dass du einen Job hast und Geld verdienst. Wenn der Chef seinen schlechten Tag hat, schalte doch einfach auf stur. Und überleg mal bitte, wohin du wechseln möchtest? Wer nimmt uns denn noch in unserem Alter?“
Einerseits hatte Ingeborg natürlich recht mit dem, was sie sagte, aber andererseits … Zum einen gelang es Almut nicht, einfach wegzuhören, zum anderen hatte sie noch einige Jahre zu arbeiten. Die konnten wirklich lang werden, wenn man seiner Arbeit nicht mit Freude nachging. Irgendwie musste eine Lösung her – sie wusste nur nicht, woher sie kommen sollte.
Damals, als Almut gerade 16 Jahre alt gewesen und es darum gegangen war, sich für einen Beruf zu entscheiden, hatten ihre Eltern ein gewaltiges Wörtchen mitgesprochen. - Ihr Herz hatte schon immer für Tiere geschlagen. Wie gerne wäre sie Tierarzthelferin geworden oder Tierpflegerin. Daran hätte sie Freude gehabt. Doch ganz in der Nähe ihres Elternhauses gab es eine Zahnarztpraxis und die suchten ausgerechnet zu der Zeit eine Auszubildende. Ihre Eltern hatten lange auf sie eingeredet und ihr all die Vorteile aufgezeigt, die ein nahe gelegener Arbeitsplatz bietet. Almut hatte es einfach nicht geschafft, sich zu widersetzen. Wie auch, in dem Alter. In den folgenden Jahren hatte sie die Praxen mehrfach gewechselt, doch glücklich war sie nirgendwo geworden.
„Unfassbar“, sagte sie laut in die Stille hinein und erschrak selbst darüber. Es war wirklich unfassbar, dass sie bald 40 Jahre in einem Beruf tätig war, der sie nicht ausfüllte. Das konnte es doch nicht sein. Sie ging einer Arbeit nach, die sie nicht liebte, kam nach einem anstrengenden Tag nach Hause, um einen Diät-Shake zu trinken, der ihr nicht einmal schmeckte. Anschließend setzte sich vor den Fernseher, um sich Dinge anzuschauen, die sie nicht wirklich interessierten und ging irgendwann frustriert ins Bett. Sie führte ein Leben, das sie sich so nie vorgestellt hatte. Eigentlich wollte sie nichts weiter, als glücklich sein, doch sie wusste einfach nicht, wie ihr das gelingen sollte.
Und dann gab es da noch etwas, dass sie schmerzte. Nach zwei langen Beziehungen lebte sie nun schon seit einigen Jahren alleine. Auch das war ein Punkt, den sie gerne geändert hätte. Doch auch hier wusste sie nicht, wie. Männer wachsen nun mal nicht auf Bäumen und in ihrem Alter …
Während sie einen Schluck Kaffee trank, liefen ihr heiß die Tränen über die Wangen. Almut fühlte sich wie in einem Hamsterrad, aus dem sie nicht ausbrechen konnte. 
Tief in sich versunken saß sie am Küchentisch, als sie leise ihren Namen hörte: „Almut?!“
„Ja!“, sagte sie und drehte sich um. Doch es war niemand da. Wie auch – sie war ja alleine.
„Such mich nicht hinter, vor oder neben dir. Such mich in dir. Von dort spreche ich zu dir.“
„Wer bist du?“, fragte Almut verwirrt.
„Ich bin deine innere Stimme, die du über Jahre nicht gehört hast. Du suchst einen Ausweg aus all deinen Problemen? Dann hör mir zu. Jede Veränderung beginnt mit dem ersten Schritt. Gut, das ist nicht wirklich etwas Neues. Auf der anderen Seite ist es dir bisher jedoch noch nicht gelungen, diesen ersten Schritt in die richtige Richtung zu tun.“
„Witzbold“, dachte Almut.
„Das habe ich gehört“, erwiderte die Stimme. „Du bist nur sauer auf mich, weil ich recht habe. Ich kenne dich gut, denn ich bin du und du bist ich. – Lass uns also auf deine Probleme schauen. Du möchtest abnehmen und versuchst es immer und immer wieder mit einer Methode von der du weißt, dass du scheitern wirst. Warum sollte etwas beim 100. Mal klappen, wenn es 99 Male davor schief gegangen ist? Wir können also festhalten: Du bist in dieser Sache auf dem falschen Weg. Wie wäre es denn, wenn du dich abends nicht vor den Fernseher setzt, sondern einen Spaziergang machst. Du weißt es doch: Bewegung und gesunde Ernährung sind der Schlüssel zum Erfolg.“
Natürlich war Almut das alles nicht neu, doch die Umsetzung war nicht so einfach. Ihr kam der Gedanke, dass sie vielleicht mit Ingeborg darüber sprechen könnte. Vielleicht könnten sie gemeinsam etwas unternehmen und sich sportlich betätigen. Und schon wanderten ihre Gedanken ab zu ihrem Job. „Wie soll ich denn hier etwas verändern?“, fragte sie. „Ich hab doch nichts anderes gelernt, gab sie der Stimme zu verstehen und bedenke bitte mein Alter!“
„Manchmal hilft es schon, den Gedanken eine andere Richtung zu geben. Wenn du immer dein Alter vorschiebst, wird es mit einer Veränderung wohl nicht klappen. Wenn dir dein Job missfällt, schau und hör dich um. Wenn es der Zufall möchte, findet sich etwas. Aber du musst tätig werden – einen Schritt tun – und sei es nur, die Augen und Ohren offen zu halten.“
„Aber in meinem Alter“, wiederholte Almut gedanklich, „tut man sich mit Veränderungen halt schwer.“
„Gut, dann bleibt alles, wie es ist!“, entgegnete die Stimme spitz. „Es ist dein Wille und der wird geschehen.“
Oh Mann, diese Stimme war echt penetrant.
Almut sah auf ihre Armbanduhr. 15 Uhr am Sonntagnachmittag. Es war zwar kalt, aber die Sonne schien. Vielleicht sollte sie hinaus fahren an den Weiher. Aber zu dieser Zeit bekam man dort bestimmt keinen Parkplatz mehr.
„Almut“, flehte die Stimme, „das denkst du jedes Mal. Versuch es doch einfach. Du wirst ganz sicher einen Parkplatz finden.“
Als sie eine halbe Stunde später um den Weiher ging, kamen zwei Hunde direkt auf sie zu gerannt. „Na, ihr seid ja ausgelassen“, sprach sie die beiden an, die sich sogleich gerne von ihr kraulen ließen.
Leider endet hier der Einblick in Almuts Leben. Schade, denn es wäre natürlich interessant, zu erfahren, wie sie reagiert, wenn sie von dem Halter der beiden Ausreißer erfährt, dass er ein Tierarzt ist, der händeringend nach einer Ersatzkraft für eine schwangere Angestellte sucht, die in seiner Praxis für die Terminvergaben zuständig ist. - Noch faszinierender wäre es wohl, Kenntnis davon zu erlangen, ob es das Leben wirklich schafft, diese beiden Menschen wie geplant auch privat zusammen zu führen. Doch eines steht ganz sicher fest: Es ist gut, dass Almut ihrer inneren Stimme gefolgt ist!




Kommentare:

  1. Liebe Martina ... eine wirklich großartige Geschichte mit viel Wiedererkennungswert für mich :-) Hab noch einen schönen Tag, Ulla

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  2. Also, weißt Du, Martina - DAS geht ja nun gar nicht! Du kannst doch Deine Leser nicht einfach so in der Luft hängen lassen! :-(((((
    Du weißt ja schon, dass ich jetzt nach einer Fortsetzung richtig giere!
    Eine ganz tolle Geschichte hast Du aus diesen Reizwörtern gezaubert, und ich hoffe sehr, dass ich irgendwann erfahre, ob Almut und der Tierarzt - beruflich wie privat - zusammenkommen! **zwinker**
    Im Übrigen - diese innere Stimme hat auch mich oft genervt - aber meine Gegenargumente waren stärker. Leider! :-(
    Liebe Grüße
    Christine

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  3. Liebe Martina,
    soll ich Dir verraten, warum mir Deine Geschichte so gut gefallen hat: Weil Du nicht einfach ein romatisches Ende und ein Happy End angehängt hast, sondern alles offen lässt, aber trotzdem Hoffnung aufzeigst, dass alles besser wird. Den ersten Schritt hat Deine Protagonistin getan, jetzt kommt das Leben mit seinen Zufällen ins Spiel. Eigentlich finde ich, dass keine Fortsetzung folgen sollte, denn das würde dieser so schönen Geschichte wieder einen banalen Touch geben. So kann sich jeder Leser das Ende selbst erträumen.
    LG
    Astrid

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  4. du schaffst es immer wieder mich mit dem Ausgang deiner Geschichten zu verblüffen ;)
    wieder so toll geschrieben

    ja die Berufswahl und die Eltern..
    leider haben meine Eltern damals gänzlich verhindert dass ich einen Beruf ergriffen habe..
    ich hatte die Lehrstelle bei Böhringer schon sicher und durfte nicht hin..
    mein damaliger freund und späterer Mann hatte meinen Eltern den Floh ins Ohr gesetzt dass sei zu gefährlich..(eine Bekannte von ihm hatte eine Quecksilbervergiftung erlitten)
    ich glaube aber er wollte nur nicht dass ich arbeiten gehen

    damals konnte ich mich nicht wehren..
    aber heute höre ich auch nur selten auf die innere Stimme .. ;)

    liebe Grüße
    Rosi

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  5. Auf die innere Stimme sollte man öfter hören.
    Der Winter reicht mir jetzt auch. In der Nacht hat es geschneit und alles ist wieder weiß.
    LG Elke

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  6. Am Ende lässt die Geschichte der Phantasie freien Lauf, das gefällt mir.Ich spreche auch mit meiner inneren Stimme und meistens hat sie recht.Es ist nicht immer leicht, es umzusetzen, aber man muss es versuchen.Du bekommst von mir zwei **!
    Liebe Grüße, Klärchen

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  7. Hallo Martina,
    meine innere Stimme sagt, dass das hier ein Happy End nimmt. *g* Was anders lasse ich nicht gelten.
    Beim Zahnarzt war ich eigentlich erst, aber zwischen zwei Zähnen verschwindet Essen und ich glaube, dass das kein gutes Zeichen ist, auch wenn nix weh tut. ;-(
    LG
    Manu

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  8. Gib zu du warst nur zu faul zum schreiben und überlässt es jetzt uns, das Ende weiter zu spinnen.
    Wünsche dir ein schönes Wochenende.LGLore

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  9. Den Dialog mit der inneren Stimme hast du wunderbar geschrieben, an vielen Stellen höre ich da auch meine innere Stimme,die ich auch immer auf die Seite schiebe aus Angst vor unbekannter Veränderung.
    Das Ende, da musste ich erst mal lachen, einfach so uns das überlassen. Also ich sehe ein rundherum gutes Ende! Wenn ich schon die Möglichkeit dazu bekomme das Ende selbst zu bestimmen ;)
    ♥liche Grüße
    Claudia

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  10. Liebe Martina,
    heute habe ich riesengroße Augen gemacht, als du die berufliche Situation von Almut geschildert hast - die ähnelt meiner nämlich sehr: Ich arbeite seit 1977 (das Jahr, in dem ich 16 wurde) - heuer sind es also 40 Jahre - zwar nicht bei einem Zahnarzt, sondern in einem Büro - die Ausbildung haben mir meine Eltern eingeredet und ich konnte mich seinerzeit nicht wehren. Ich hätte gern mit Kindern oder Tieren gearbeitet, doch Tierpflegerjobs waren sehr schlecht bezahlt, bei der Kindergärtnerinnen-Aufnahmeprüfung fiel ich im Singen durch und dann war ich entmutigt. Also Büro - und ich bin in all den Jahren niemals zum Büromenschen geworden. Hatte eine Zeitlang (in den 1980ern) dennoch einen interessanten Job, nach der Geburt meiner Tochter dann aber 17 Jahre lang einen furchtbaren Arbeitsplatz. Vor 3 Jahren habe ich einen Wechsel gewagt (von einem Büro in ein anderes) der sich zunächst gut anließ, inzwischen ist jedoch meine nette Chefin fortgegangen und es fühlt sich nun dort an wie vom Regen in die Traufe gekommen. Übrigens strecke ich seit JAHREN die Fühler aus, horche herum, signalisiere, dass ich einen anderen Job suche etc. Eigeninitiative hilft also leider nicht unbedingt. Zum Glück geht es mir privat besser als deiner Protagonistin...
    Das Ende hast du übrigens gut hingedeichselt - irgendwie ein Happy-End, aber doch nicht kitschig ;-)
    Alles Liebe und danke für deine immer so netten Kommentare!
    Traude

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  11. Liebe Martina,
    so wie Almut ist es mir auch ergangen. Ich musste auch einen Beruf erlernen, den ich eigentlich nie wollte. Ich wollte immer mit Tieren arbeiten, doch das war kein angesehener Beruf in den Augen meiner Eltern. Ich habe den Beruf nur drei Jahre ausgeübt und mich dann mit Pferden sozusagen selbständig gemacht. Es war sehr viel harte Arbeit, aber es hatte sich gelohnt. Deine Geschichte hat mich an all das, was ich in meinen Jugendjahren durchmachte erinnert und ein wenig melancholisch gestimmt.
    Ganz liebe Grüße und ein schönes Wochenende,
    Christine

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  12. Liebe Martina, ich stell mir das schrecklich vor, jeden Morgen zu einem Job gehen zu müssen, den man nicht mag und das ein Leben lang. Hoffe, dass sich das Blatt bei Deiner Protagonisten wendet. Liebe Grüße Eva

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  13. Das ist wieder so eine Geschichte, die mitten aus dem Leben gegriffen ist, liebe Martina. Ich kenne ganz viele Menschen wie Almut, die einerseits unzufrieden sind mit ihrer Situation und es andererseits nicht schaffen etwas daran zu ändern. Ich bin dann auch nicht der Typ der sich das immer wieder unkommentiert anhörten kann, sondern versucht ihnen einen Schubs zu geben. So wie hier die innere Stimme. Denn ich kenne es ja auch von mir, das man manchmal so festgefahren ist und einen Impuls von außen benötigt, um aus der eingefahrenen Spur herauszukommen. Und so eine kleine Veränderung kann manchmal ganz viel bewirken.

    Eine lebendnahe Geschichte die zum Andenken anregt und Mut macht.

    ♥ ♡ ♥ ♡ ♥ ♡ ♥
    Herzlich grüßt
    Uschi

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  14. Das stimmt. Wenn Almut wüsste, dass ihr Leben eine richtige Wende mahcen könnte, nur weil sie es einmal gewagt hat, aus ihrer Routine auszubrechen und einen Spaziergang zu machen....Jetzt aber Vorsicht! Was passiert, wenn ich meinen inneren Schweinehund das nächste Mal überwinde? ;-) LG Tanja

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