Mittwoch, 15. März 2017

Frühlingserwachen

Wie passend!
Nicht nur in meiner Geschichte,
sondern auch im wahren Leben
erwacht der Frühling!
Da macht es auch nichts,
dass im ersten Absatz noch Schnee liegt -
das ist dann sozusagen der 'Schnee von gestern' :-) -
und das waren die Reizwörter,
die mich zu dieser Geschichte führten:

Blütenkelch – Langschläfer – garstig – unbarmherzig - wirbeln

Meine Mitschreiberinnen freuen sich, 
wenn ihr auch bei ihnen lest:


Nach dieser langen Vorrede geht es nun los mit
der Geschichte!
Viel Freude beim Lesen -
und an dieser Stelle:
Vielen, vielen Dank für die immer so netten Kommentare!!

Blumen bilder

Schneidend pfiff der Wind um die Häuserecken und wirbelte dabei den Pulverschnee auf. Der Winter zeigte sich noch einmal von seiner garstigen und unbarmherzigen Seite. Doch nur ein paar Tage später wurde es merklich milder. Der Himmel offenbarte sich in seinem schönsten Blau und die Sonne schickte ihre wärmenden Strahlen Richtung Erde. Allerorten war ein ‚Plitsch’ und ‚Platsch’ zu hören. Der Schnee schmolz und tropfte von den Dächern der Häuser. Plitsch! Platsch!
Große mit kleinen weißen Blümchen bewachsene Flächen wurden frei. Schneeglöckchen, diese zarten Geschöpfe, die dem Winter trotzen und uns verkünden, dass, wenn sie Abschied nehmen, viele andere Blumen kommen werden.
Der kleine Bach gluckste und gurgelte vor Freude, da es ihm vergönnt war, die Schneeschmelze auf ihrem Weg zu ihrem Ursprung, dem Meer, zu begleiten. - Bald zog sich der Winter ganz zurück und überließ dem Frühling das Feld.
Nun dauerte es nicht mehr lange, da reckte und streckte auch Floretta ihre müden Glieder. Sie hatte ziemlich lange geschlafen und noch fiel es ihr schwer, die Augen zu öffnen. Als es ihr jedoch gelang, erschrak sie ein wenig. „Es ist ziemlich dunkel hier“, sprach sie zu sich selbst und versuchte, sich trotz der Finsternis zu orientieren. Bald war ihr, als höre sie eine feine Stimme, die aus ihr heraus sprach: „Du musst wachsen, Floretta, hin zum Licht.“
‚Wachsen? Okay, ich versuche es’, dachte sie. Noch ein bisschen zaghaft streckte sie ihr Köpfchen nach oben und bemerkte sehr bald, wie anstrengend es war, zu wachsen. Immer wieder musste sie eine kleine Pause einlegen, um Kraft zu schöpfen. Doch irgendwann geschah das Unfassbare. Sie stieß mit ihrem Köpfchen durch die letzte Erdschicht und sah die Sonne. Zum ersten Mal in ihrem Leben nahm sie das Licht wahr. Dafür hatte sich jede Anstrengung gelohnt.
Unerwartet regte sich die Erde neben ihr. „He“, rief ihr jemand zu, „du stehst mir im Weg.“ Floretta sah sich um und entdeckte ein weiteres Köpfchen neben sich und noch eines und noch eines. Alle riefen durcheinander: „Mach Platz!“ oder „Geh an die Seite!“ oder „Ich war zuerst hier!“
Die Sonne lächelte und rief ihnen zu: „Hallo, all ihr lieben Narzissen, ihr müsst nicht drängeln. Es ist genug Platz und Licht für euch alle da. Wie schön, dass ihr da seid, um mit euren klanghellen Glöckchen den Frühling zu verkünden.“
Sogleich wurde es stiller. Jeder nahm nun Rücksicht auf den anderen und noch etwas geschah: Sie alle bemerkten, dass sie sich nur durch ihr Gegenüber erkannten. Alle waren sie wunderschön in ihrer Form und Farbe und freuten sich über ihr Leben im Licht.
„Da seid ihr ja endlich“, riefen nun auch die Blausternchen, „wir haben schon auf euch gewartet.“
Unsäglich viele Tulpen reckten ihre roten und gelben Köpfchen gen Himmel. Es hatte fast den Anschein, als wollten sie mit ihren nach oben geöffneten Blütenkelchen dem Schöpfer für ihr Leben danken.
Inzwischen war Floretta zu voller Schönheit erblüht. Vorsichtig sah sie sich in alle Richtungen um. Sie konnte sich gar nicht satt sehen an all den Farben um sie herum. Der blaue Himmel, das grüne Gras und all die vielen bunten Blumen, die sich um sie herum tummelten. Und wie das duftete. Verschwenderisch verschenkte auch sie ihren Duft, der bald kleine Insekten und Hummeln anlockte. Das war ein Summen und Brummen, wie sie es noch nie gehört hatte.
Kleine Lämmchen sprangen übermütig über die Wiese und vollführten ihre ersten Bocksprünge. - Doch was war das? Floretta vernahm ein leises Schnarchen. Es war ihr, als käme es aus dem Laubhaufen, der sich unter der Buchenhecke befand. Ob es da jemanden gab, der den Frühling verschlief? Sogleich läutete sie mit ihrem Glöckchen und bald darauf kam Bewegung in den Blätterhaufen. Vorsichtig streckte ein kleiner Igel seine Nase in den Wind.
„Komm nur heraus“, rief Floretta aufmunternd, „der Frühling hat Einzug gehalten.“ Der Langschläfer bedankte sich bei der Narzisse und lief schnell Richtung Bach, um seinen Durst zu stillen.
Bald darauf krabbelte ein kleiner roter Marienkäfer an der Narzisse empor. Floretta kicherte, weil es sie ein bisschen kitzelte.
„Du, Floretta, darf ich dich mal etwas fragen?“
„Nur zu!“, ermunterte die Blume den Käfer.
„Bist du eigentlich glücklich mit deinem Leben?“
Darüber musste die Narzisse gar nicht lange nachdenken: „Schau dich nur um“, forderte sie den Käfer auf, „natürlich bin ich glücklich. Das Leben ist so bunt, voller Freude und Sonnenschein.“
„Ich dachte“, druckste der Marienkäfer ein bisschen herum, „weil du immer nur hier an deinem Platz stehst und dich nicht fortbewegen kannst, wärst du vielleicht unglücklich.“
„Aber nein. Du musst einfach nur der sein wollen, der du bist – und kein anderer. Ich bin mir sicher, dass alles gut ist, so wie es ist; denn wenn es so, wie es ist, nicht gut wäre, glaube mir, dann wäre es anders.“
Darüber musste der Marienkäfer ein Weilchen nachdenken.
„Du meinst also, der Platz an dem wir uns befinden, der ist immer genau richtig für uns?“
„Ja, so meine ich das.“
Beide schwiegen eine Weile, doch als eine Ameise vorüber krabbelte, die mit einer schweren Last auf dem Rücken unterwegs war, zeigte der Käfer auf sie.
„Aber schau dir diese Ameise an. Ihr Leben besteht aus Mühe und Arbeit.“
„Weißt du“, entgegnete die Narzisse, „ich habe viel Zeit, die Dinge um mich herum zu beobachten. Diese Ameise dort ist eine Arbeiterin, die für die Beschaffung von Nahrung für ihr Volk und den Nachwuchs zuständig ist. Sie arbeitet sozusagen im Außendienst und sie weiß, dass genau dies ihre Aufgabe ist und sie lässt sich durch nichts und von niemandem davon abhalten. Liegt ein dicker Stein auf ihrem Weg, so bleibt sie nicht stehen und klagt darüber. Nein, sie krabbelt um ihn herum oder über ihn hinweg. Steht ein noch größeres Hindernis vor ihr, so sucht sie wieder nach einem Ausweg. Sie gibt niemals auf, um dorthin zu gelangen, wo sie ankommen möchten. Sie weiß genau, was sie an ihrem Platz zu tun hat und genau das tut sie.“
Der Marienkäfer dachte über alles nach, was er gehört hatte. Bald darauf erhob er sich, um der Abendröte entgegen zu fliegen.
„Tschüss Floretta!“, rief er der Narzisse zum Abschied zu, „und Danke! Ich habe heute viel von dir gelernt.“
„Ja, was denn?“, fragte Floretta erstaunt.
„Na, dass das Leben viele wunderbare und einzigartige Geschichten schreibt!“


© Martina Pfannenschmidt


Kommentare:

  1. Das Leben schreibt die Geschichten, Martina, und Du hast sie aufgenommen und gezeigt wie es sein kann.Alle haben ihren Platz auf der Erde.Den Namen Floretta finde ich niedlich, passt zur Narzisse.
    Ich gehe auch gleich in meinen Garten, die Sonne scheint und ich schaue mal was meine Florettas machen. Sie drängeln sich sicher ans Licht.
    Dir einen schönen sonnigen Tag, alles Liebe, Klärchen

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  2. Liebe Martina,
    was für eine wunderschöne Frühlingsgeschichte.
    Auch bei uns beginnt langsam das Erwachen und vereinzeilt
    sieht man schon die Köpfchen der Krokusse herausragen.
    Ich habe ja diese kleine, weiße Hyazinthe in meinem
    Wintergarten, das tolle Glas mit der Kerze, die bunten Servietten,
    ich habe den Frühling schon ins Haus geschickt bekommen ;-)
    Lg und einen sonnigen Tag.
    Sadie

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  3. Liebe Martina ,
    was für eine süße Geschichte , da hast du ja den Frühling in allen
    Facetten erfasst .
    Sonnenschein hatte ich hier auch schon gut , aber es war nochmal
    sehr frisch geworden . Aber heute ist es zudem wieder schön mild .
    Passend zu dieser Lektüre hier .
    Sonnige frühlingshafte Grüße von JANI

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  4. Liebe Martina,
    danke für die schöne Frühlingsgeschichte und für den Link.
    LG Elke

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  5. Wundervoll, ich war mitten drin im Erwachen des Frühling und der letzte Absatz die Weisheit unserer Philosophin Martina. Danke eine wunderbare Erzählung voller Poesie und Lebensweiheit. LGLore

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  6. Liebe Martina, ach hat das gut getan den Frühling zu erleben. Hier Schneesturm! Noch einen Monat müssen wir ausharren, dann geht es geballt hier los. Zauberhaft und so philosophisch Deine wunderschöne Geschichte. LG Eva

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  7. Eine zauberhafte Frühlingserzählung ist das. Du schreibst immer so dermaßen lebendig, dass man meint, mitten in Deiner Geschichte zu sein und sie selbst mitzuerleben. Jedenfalls geht mir das meistens so. Wie Deine kleine Floretta sind auch wir hier inzwischen im Frühling angekommen. Herrlich, wenn man jeden Tag neue Blüten und Knospen im Garten entdeckt. Leider soll uns das schöne Frühlingswetter am Freitag schon wieder verlassen und Platz für ausgiebigen Regen machen, also werden wir morgen noch mal einen Tag im Garten verbringen, freu.
    Liebe Grüße
    und einen schönen Abend
    Inge

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  8. Liebe Martina,
    das ist wieder eine wundeschöne Geschichte. Richtig, um mal seinen Tagträumen nachzuhängen. Floretta ist ein reizendes Geschöpf. Mn muss sie einfach liebhaben.
    Einen angenehmen Wochenteiler wünscht Dir
    Irmi

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  9. Liebe Martina,
    wie herzerwärmend schön! Das konnte ich gerade heute sehr gut gebrauchen...Deine Geschichte hat mich wieder etwas geerdet...
    und mir Freude geschenkt.
    Ich danke Dir dafür!
    Alles Liebe
    Heidi
    PS ich habe bemerkt, dass ich mich noch gar nicht bei Dir eingetragen hatte...Das kann doch fast gar nicht sein...
    Wenn ein Fehler vorliegt, werde ich das wohl jetzt gleich merken, denn jetzt TRAGE ICH MICH EIN!!!
    Fühle Dich gedrückt - Heidi

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  10. Liebe Martina,
    an Dir ist wirklich eine Philosophin verloren gegangen! Diesen Satz "Du musst einfach nur der sein wollen, der du bist" ist so klug - und eigentlich auch so wahr ... nur: Warum richten wir uns nicht danach ???
    Und auch das Beispiel mit der Ameise, die nicht herumjammert, sondern die Steine, die ihr im Weg liegen, umgeht oder drüberklettert, ist einfach genial!
    Danke für diese Lebensweisheiten. Ich werde sie mir hinter die Ohren schreiben!
    Liebe Grüße
    Christine

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  11. WUNDERSCHÖN, liebe Martina.
    Bei uns ist heute auch so ein ganz toller Frühlingstag und es macht so eine Freude draußen zu werkeln. Hatte schon gesehen, dass du eine neue Geschichte eingestellt hast und sie mir extra für die Kaffeepause aufgehoben. Und sie passt so perfekt zu meinem heutigen Gartentag *grins*.
    Du findest immer so passende Formulierungen. Das mit dem Bach, der vor Freude gluckst und gurgelt zum Beispiel. So einer schlängelte sich neulich beim Laufen direkt an meinem Weg entlang. Ich laufe da sehr oft, aber an diesem Tag sind mir die Geräusche ganz besonders aufgefallen. Richtig übermütig hat er geklungen. An ihn musste ich nun beim Lesen dieser Passage denken. Und so schöne Bilder entstehen in meinem Kopf, wenn ich deine Zeilen lese. Sehe Frau Sonne als liebevolle Mutter, die die kleinen Blumenkinder beruhigt und ermahnt *schmunzel*. Und dann die philosophischen Betrachtungen am Schluss. Ja, auch ich habe das Gefühl genau an dem Platz zu sein, der zu mir passt.

    ♥ ♡ ♥ ♡ ♥ ♡ ♥
    Herzlich grüßt
    Uschi

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  12. Herrlich, liebe Martina,
    da wird mir gleich ganz frühlingshaft zumute! Und außerdem erinnert mich deine Geschichte an "unseren" Igel, der mir im Vorjahr ja sogar vor die Kameralinse kam und den ich dann bis in den Herbst hinein mit Katzenfutter versorgt habe. Ich hoffe, er (oder sie?) hat den Winter gut überstanden und kommt uns auch heuer wieder im Garten besuchen! (Und auf all die Frühlingsblüher freu ich mich auch schon sehr!!!)
    ALle Achtung, sieben ist dein jüngstes Enkerl, und schon so talentiert!
    Herzliche rostrosige Grüße und danke für deine lieben Zeilen & Fotokomplimente, Traude

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  13. Guten Abend liebe Martina,
    wie reizend geschrieben, mit weisem Hintergrund: Das ein jedes von uns seinen Platz auf der Erde hat. Gefällt mir gut! Und bei uns hat der Frühling heute tatsächlich sein Stelldichein abgehalten. Natürlich lockt der Garten längst, sich um die Beete zu bemühen, die Sträucher zu schneiden - und sich zu freuen, gemeinsam mit unseren beiden Katzen, die es übrigens lieben sich mit uns draußen zu tummeln.

    Liebe Grüßle von Heidrun

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  14. Liebe Martina, deine Geschichte hatmich ganz bezaubert. Und wieder einmal zeigt sich, dass des Lebens Philosophie in der Natur zu finden ist. Herzliche Grüße zum Wochenende von Ulla :)

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  15. Genau, das Leben schreibt die schönsten Geschichten, genauso wie Deine herrliche Frühlingsgeschichte, liebe Martina. Diese Geschichte passt hervorragend zu unseren beiden letzten Wochen, die wir auf Teneriffa verlebt haben, pure Sonne und 32 Grad. Leider mussten wir bei unserer Ankunft hier in Deutschland feststellen, dass uns nur Wind und sogar ein bisschen Regen empfangen hat. Aber ich bin mir sicher, dass auch hierzulande die Sonne bald vom blauen Himmel herab scheinen wird.
    LG
    Astrid

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  16. welch eine entzückend warmherzige Geschichte, wenn`s nicht so kitschig klänge, würde ich sie als "herzig" = zu herzen gehend beschreiben, ganz wunderschön und es steckt so viel Gefühl für die Natur, und die Sonne darin!!!
    hach, ich schwelge richtiggehend darin. - echt wunderschön, ich war gebannt und gefangen.
    wünschte mir der Anblick vor dem fenster wäre auch nur annährend so frühlingshaft zärtlich warm wie deine Geschichte...
    dir einen schönen Sonntag...Angelface

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  17. Liebe Martina,
    es war wieder ein wunderbares Erlebnis, deine Geschichte zu lesen.
    Wie die Blumen erwachen und sich ihren Weg zur Sonne erarbeiten. Herrlich!
    Alles erblüht und findet seinen Platz. Du schreibst mit viel Herz und Gefühl. Ich weiß schon, welche Abendgeschichte heute erzählt wird. So können wir nicht nur draußen den Frühling entdecken, sondern auch liebevoll verpackt in deiner Geschichte.
    Hab noch einen schönen Sonntag.
    Ganz liebe Grüße,Manuela

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