Samstag, 1. April 2017

Schnepfe

Der heutige 1. April hätte sich wirklich gut geeignet,
um euch eine 'Ente' zu präsentieren
- also, eine 'Zeitungsente' meine ich -.
Stattdessen geht es in meiner heutigen Geschichte 
eher um eine Schnepfe - :-)!
Aber lest selbst!

Das sind die Reizwörter:
Waschbecken 
Finanzamt  
rutschen 
pflegen 
verschmieren
und das die Namen derer,
bei denen es zu diesen Wörtern 
ebenfalls eine Geschichte zu lesen gibt:



Foto: Martin Jäger/pixelio.de

Gisela verschmierte die Butter auf ihrem Brot. Das Gesicht, das sie dabei machte, verriet, dass sie innerlich kochte.
„Ist was?“, fuhr sie ihren Mann an, der sie ansah und sich nach ihrem Befinden erkundigen wollte.
„Nein, nichts. Ich dachte nur, du schaust so mürrisch.“
Im selben Moment ahnte er, dass er das besser nicht gesagt hätte.
„Weißt du, was diese Schnepfe von gegenüber zu mir gesagt hat? Ich wäre eine Übermutter hat sie gesagt und ich würde unter dem Helfersyndrom leiden. Mein Verhalten anderen gegenüber sei krankhaft, hat sie gesagt. Ich solle mir mal lieber eine Arbeit suchen, bei der ich Anerkennung fände, anstatt immerzu anderen mit meinen Hilfsangeboten auf die Nerven zu gehen.“
„Na, so schlimm ist es nun auch wieder nicht“, erwiderte Bernd, was seine Angetraute erst recht auf die Palme brachte.
„Was soll das denn heißen? Was ist nicht so schlimm? Mit mir ist es nicht so schlimm oder was sie gesagt hat, ist nicht so schlimm oder was ist nicht so schlimm?“
„Ich meine ja nur“, antwortete Bernd kleinlaut, „dass das mit deinem Helfersyndrom nicht so schlimm ist.“
„Ach, wie nett. Das ist also nicht soooooo schlimm – aber schlimm schon, oder was? Ist klar, dass du mit dieser Schnepfe unter einer Decke steckst, hätte ich mir ja denken können. - Nur wegen der hab ich heute Morgen Kopfschmerzen. Und jetzt gibst du ihr auch noch recht.“
„Aber Schatz, verdreh mir doch nicht die Worte im Mund. Ich hab doch nur gesagt, dass ich es nicht schlimm finde, dass du anderen Menschen gerne hilfst. Das ist doch nett von dir.“
Ui, da hatte Bernd ja gerade noch mal die Kurve gekriegt. Seine Gisela pflegte nämlich, schnell aus der Haut zu fahren. Jetzt war Diplomatie gefragt. Nun war Bernd von Natur aus nicht der größte Diplomat, doch er hielt es in diesem Fall für ratsam, nun seinerseits die Schnepfe schlecht zu machen.
„Nimm dir das doch nicht so zu Herzen, was die Trude sagt. Du kennst sie doch. Sie ist nun mal eine der größten Tratschen in unserer Nachbarschaft.“
„Ja, das ist sie. Da gebe ich dir ausnahmsweise recht. Und so was nennt sich dann Freundin. Pah, dass ich nicht lache. Die kann mich kreuzweise, kann die mich. Den Buckel runter rutschen kann die mir.“
„Die soll mal lieber vor ihrer eigenen Haustür kehren“, meinte Bernd, „und was heißt hier überhaupt, du sollst mal lieber arbeiten gehen. Als wenn du nicht schon genug mit dem Haus und allem zu tun hättest. Guck dir doch nur an, wie das bei denen aussieht. Sodom und Gomorra sag ich da nur. Also wenn ich an der Stelle von dem Heinz, ihrem Mann, wäre, du, dann würde ich der Trude aber was erzählen. Aber mit diesen langen Fingernägeln kann ja auch keiner im Garten arbeiten.“
Gisela lachte auf. „Da haste recht, Bernd. Die kann mit ihren Fingernägeln den Garten direkt umgraben.“
Bernd setzte nach: "Und überhaupt, wie die sich immer anzieht. Also das ist auch gar nicht mein Geschmack. Immer diese engen kurzen Röcke. Dabei hat sie gar keine schönen Beine. Aber wahrscheinlich meint sie, andere würden ihre Krampfadern nicht sehen.“
„Ja du, da kann sie aber nix für“, trat Gisela nun unerwartet für ihre Nachbarin ein. „Das ist erblich bedingt, hat sie mir mal erzählt. Wohl vonner Seite von ihrer Mutter her. Die hatte das wohl auch. Ne, schön aussehen tut es nicht, aber sonst hat sie ja noch ne gute Figur.“
„Findest du? Also mir ist sie zu dünn. Ich mag es lieber, wenn die Frauen ein paar Pfündchen mehr auf den Rippen haben.“
„So wie ich, oder was?“
„Ja, mein Schätzchen, so wie du.“
Oh weia! Bernd tapste an diesem Morgen wirklich von einem Fettnäpfchen ins nächste.
„Soll das heißen, dass ich fett bin?“
„Aber das hab ich doch gar nicht gesagt“, rechtfertigte er sich. „Ich hab doch nur gemeint, dass ich deine Figur besser finde, als die von der Trude.“
Gott sei Dank. Gisela ließ das mal so im Raum stehen. Ihr war heute wohl doch nicht nach Streiten zumute. Sie stand auf und ging ins Bad, um sich eine Kopfschmerztablette zu holen. Im selben Moment fiel ihr das verstopfte Rohr unter dem Waschbecken wieder ein. Als sie zurück in die Küche kam, fuhr sie ihren Mann an: „Ich hab dir schon 1000 mal gesagt, dass das Wasser im Bad nicht mehr richtig abläuft. Kümmerst du dich da jetzt drum oder soll ich den Handwerker rufen?“
Meine Güte, mit Gisela war heute aber wirklich nicht gut Kirschen essen. Wie gut, dass er gleich los konnte, Richtung Finanzamt. Die Arbeit dort war immer noch besser, als den Tag mit einer schlecht gelaunten Ehefrau zu verbringen.
Im selben Moment ging Bernds Laune direkt in den Keller: Und wohin sollte er in einem Jahr flüchten, wenn er Rentner wurde?

© Martina Pfannenschmidt, 2017





Kommentare:

  1. Irgendwie kommt mir deine Geschichte bekannt vor:):)
    Danke für den Link und wünsche ein schönes Wochenende.
    LG Elke

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  2. Liebe Martina, jetzt musste ich ganz laut lachen. Oh der Arme. Hoffentlich sucht er sich ein Hobby aushäusig, sonst tut er mir jetzt schon leid. Dass die Paare immer so Probleme kriegen, wenn die schönste Zeit des Lebens beginnt. Liebe Grüße Eva

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  3. Liebe Martina
    toll deine Geschichte, doch ich denke
    dass es manchmal nicht so einfach ist, wenn man
    sich dann nirgendwo mehr hinflüchten kann - wahrscheinlich
    für keinen;-)) aber da muss man durch.
    Ich wünsche dir einen gemütlichen Abend.
    LG Sadie

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  4. Oh wei, das kann ja heiter werden, wenn er in Rente und immer zu Hause ist. Er sollte sich schnellstmöglich ein Hobby suchen. :-)
    Liebe Martina, Du hast mir wieder ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Aber Bernd ist ja auch wirklich von einem Fettnäpfchen ins andere getapst. Er sollte unbedingt seine Diplomatie noch etwas verbessern.
    Herzliche Samstagabendgrüße
    Astrid

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  5. Liebe Martina,
    ich lese soooooo gerne bei Dir!!! Deine Schnepfe, welch eine lebensnahe Geschichte...Stimmungen, Fehlinterpretationen, ungute Wortwahl u. u. u. Wie oft kommt das im wirklichen Leben vor...und wie schwer machen wir es uns damit...Schade für diese "belasteten" Stunden...
    Gelassenheit ist eines der Zauberworte...innere Ruhe und Ausgeglichenheit weitere...Wir müssten es "nur" hinbekommen...
    und öfter den Spiegel vorgehalten bekommen...
    Dir alles Liebe
    Heidi

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  6. Oha Martina, eine super Geschichte. Wahrscheinlich hat Gisela auch Angst davor, dass ihr Mann in Rente geht, was? ;-) Ich musste an Loriots "Papa ante portas" denken. Bin gespannt wie es mit den beiden weitergeht. Erzählst du uns in einem Jahr, wie es Bernd mit seinem Rentnerdasein ergeht? ;-) LG und einen schönen Sonntag wünscht Dir Tanja

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  7. Liebe Martina,
    ich denke, solche Probleme kommen in vielen Ehen des öfteren vor. Es ist bestimmt nicht einfach, wenn beide Partner nicht mehr zur täglichen Arbeit gehen und den Alltag mehr oder weniger von morgens bis abends gemeinsam verbringen.Deshalb finde ich es wichtig, dass auch Rentner ihr ganz persönliches Hobby pflegen.
    Ich wünsche dir einen gemütlichen Abend,
    Christine

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  8. Hahaa, wie aus dem Leben, aber wenn er mal in Rente geht, kann er immer noch spazieren gehen, wenn die Olle schlecht gelaunt ist.
    Wünsche dir einen schönen Tag.LGLore

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  9. Liebe Martina,

    eins muss man dem Bernd lassen, er ist schon richtig gut im Kurve-Kriegen ;-)) Aber leicht hat er’s nicht mit seiner Trude (die zum Glück keine TrAude ist ;-)))) Meiner Meinung nach sollte auch jeder Rentner / jede Rentnerin den einen oder anderen „Fluchtpunkt“ haben. Mein Vater ging dann in den Keller basteln, mein Bruder geht mit dem Hund spazieren, Opa Georg war (vor seinem Schlaganfall) gern golfen, ich selber werde dann wohl walken gehen und mein Mann laufen… Außerdem haben wir beide ein eigenes Zimmer als Refugium, das ist auch viel wert ;-))

    Alles Liebe, Traude

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  10. Liebe Martina,
    ich habe beim Lesen Deiner Geschichte Tränen gelacht! Weil mir das so seltsam bekannt vorgekommen ist ... Das soll aber nicht heißen, dass mein Mann und ich uns dauernd in der Wolle haben! Aber WENN es mal Knatsch gibt, hat nicht nur jeder ein Zimmer als "Schmollwinkel", sondern auch die Möglichkeit, sich "abzuseilen". Und das ist viel wert! Dauernd aufeinander hocken geht überhaupt nicht. Jaja - das Rentnerdasein will gut vorbereitet sein - von beiden Seiten!
    Vielen Dank für diese herrlich lebensnahe Geschichte, und liebe Grüße!
    Christine

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