Montag, 15. Mai 2017

Es ist doch Muttertag!

Ja, ich weiß, 
Muttertag war schon gestern,
aber in unseren Geschichten, 
da wird er erst heute begangen.

Das liegt an unseren Reizwörtern, die diesmal lauteten:
Flieder – Muttertag – spitzbübisch – mitteilsam – knurren

Kurz auf den Namen geklickt,
und schon seid ihr bei meinen 'Mitschreiberinnen':



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Helga machte das Radio lauter. - Ach war das herrlich, dieses alte Lied wieder einmal zu hören. Sie schwelgte in Erinnerungen und stimmte immer dann ein, wenn es um den weißen Flieder ging. Mit einem Staubtuch bewaffnet tanzte sie dabei durch ihre Wohnung.
„Warum knurrst du mich an?“, fragte sie ihren Hund, „Mama tanzt doch nur.“
Als sich der kleine Mischling namens Prinz hinter das Sofa verkroch, weil ihm das Verhalten seiner Halterin doch ein wenig unheimlich war, lockte Helga ihn mit einem Leckerli wieder hervor, nahm ihn hoch, sprach beruhigend auf ihn ein, streichelte ihm währenddessen das Köpfchen und setzte ihn anschließend zurück auf den Boden.
„So, mein Schätzelein, jetzt muss Mama aber weitermachen. Morgen ist nämlich Muttertag. Da besuchen die Kinder ihre Mütter. Da soll es doch ordentlich sein, wenn der Harald kommt. Einen Obstboden backe ich gleich auch noch. Den mag mein Junge besonders gerne und Jan und Elias, meine Enkel, mögen ihn auch. Ach, wie ich mich freue. Ich hab die beiden schon so lange nicht mehr gesehen. Hoffentlich kommen sie auch mit. Inzwischen sind sie ja schon 18 und 20. Was meinst du, Prinz, werden sie ihre Oma besuchen?“
Der Hund sah sein Frauchen mit schiefem Köpfchen schweigend an.
Helga war ein wirklich liebenswerter, doch sehr mitteilsamer Mensch. Wenn kein anderer da war, sprach sie unentwegt mit ihrem Hund. Vielleicht war er auch der perfekte Gesprächspartner für sie, weil er niemals antwortete und schon gar nicht widersprach.
Einige Zeit später war alles picobello sauber und der Kuchen stand zum Abkühlen auf der Küchenablage. Belegen würde sie ihn erst morgen mit Pfirsichen, Bananen und Mandarinen.
„Weißt du, Prinz, mein Harald würde mich bestimmt viel öfter besuchen kommen, wenn es seine Frau nicht gäbe. Manchmal denke ich, Marlies ist irgendwie eifersüchtig auf mich. Bevor mein Junge sie geheiratet hat, war er ein fröhlicher Mensch. Immer hatte er so ein spitzbübisches Lächeln um seinen Mund. Das hat er seither nicht mehr. Ich weiß nicht. Vielleicht ist er gar nicht glücklich in dieser Beziehung. Aber mir würde er das ja sowieso nicht sagen. Er will ja nur nicht, dass ich mir Sorgen mache. Aber die mache ich mir. Du kannst mir glauben, es ist wirklich nicht so einfach, wenn man älter wird. Man fühlt sich oft unverstanden und einsam. Wie gut, dass ich wenigstens dich bei mir habe, mein Prinzchen.“
Schon nahm sie ihren Hund wieder auf den Arm und drückte ihm einen dicken Kuss auf sein Haupt.
Am Sonntagmorgen stand Helga früh auf. Voller Erwartung auf einen fröhlichen Tag belegte sie den Obstboden. Immer wieder sah sie auf die Uhr. Es war schon eigenartig, dass die Zeit nicht vergehen wollte. Irgendwann schlug die Uhr jedoch drei. Jetzt würde es bald klingeln und sie konnte ihren Jungen in ihre Arme schließen. Bestimmt brachte er ihr einen riesigen Blumenstrauß mit. Das war ihr aber gar nicht so wichtig. Auch wenn er kein Geschenk brächte, wäre es gut. Die Hauptsache war doch, dass sie wieder einmal beisammen waren.
Um halb vier ließ Helga ihren Hund wissen, dass sich ihr Sohn niemals verspäten würde und dass der Grund für seine Verspätung nur seine Frau sein könne.
Inzwischen war es bereits kurz nach vier am Nachmittag. Helga saß am Esszimmertisch, den sie liebevoll gedeckt hatte. Mitten darauf standen der Obstkuchen und die Schlagsahne. Es sah ganz so aus, als würde Harald nicht kommen, dabei hatte sie doch so fest mit ihm gerechnet. Zumindest anrufen hätte er können. Er wusste doch, dass sie am Muttertag mit ihm rechnete. Traurigkeit stieg in ihr auf, die jedoch durch Prinz und sein leises Wimmern durchbrochen wurde.
„Du möchtest nach draußen nicht wahr!“
Helga stand auf, brachte die Schale mit der Schlagsahne in den Kühlschrank, nahm ihre Jacke und die Leine vom Haken und ging mit ihrem Hund Richtung Friedhof. Eigentlich war es ja nicht erlaubt, Hunde dorthin mitzunehmen, doch sie konnte zunächst keine weiteren Besucher entdecken. Deshalb ging sie zielstrebig mit ihrem kleinen Mischling zum Grab ihres Mannes. Sie musste ihm einfach davon berichten, dass sie so sehr enttäuscht war vom Verhalten ihres Sohnes.
Kurz bevor Helga das Grab erreicht hatte, sah sie einen älteren Herrn auf der Bank gegenüber sitzen. Als er bemerkte, dass sie sich wegen des Hundes abwenden und wieder gehen wollte, rief er ihr zu. „Kommen Sie nur. Mich stört der Hund nicht.“ Helga setzte sich neben den Mann und bald kamen sie ins Gespräch. Da Helga ihr Herz auf der Zunge trug, kannte der Mann schnell ihre Sorgen.
„Wissen Sie, was ich meiner Frau in diesem Fall gesagt hätte?“, fragte der Fremde und fuhr sogleich fort: „Weißt du, mein Liebes, hätte ich gesagt, du erwartest von unserem Sohn, dass er dich zum Muttertag besucht, weil das in deinen Augen gut und richtig ist. Doch er hat vielleicht eine andere Sichtweise auf die Dinge. Nun bist du unglücklich, weil er deinen Erwartungen nicht entsprochen hat und fühlst dich als Opfer durch seine Verhaltensweise. Aber schau, wenn du keine Erwartungen gehabt hättest, wärst du jetzt glücklicher.“
„Aber er hätte anrufen können“, beharrte Helga.
Der Mann schmunzelte, als er antwortete: „Wissen Sie, ständig erwarten wir, dass andere Menschen sich so verhalten, wie wir es möchten. Ganz sicher hat Ihr Sohn nicht aus böser Absicht heraus gehandelt. Er wird seine Gründe haben. Und wenn ich das mal so sagen darf, Sie hätten ja auch die Gelegenheit gehabt, sich bei ihm zu melden. So hätten Sie im Vorfeld klären können, was er am heutigen Sonntag plant.“
Die letzten Sätze überhörte Helga geflissentlich und murmelte: „Aber ich bin doch seine Mutter und liebe ihn.“
„Natürlich. Alle Mütter lieben ihre Kinder, doch man darf nie die Erwartung haben, dass ein anderer uns ebenso liebt, wie wir ihn.“
Helga schreckte hoch, weil jemand laut „Hallo!“ rief und: „Das habe ich mir doch gedacht, dass ich dich hier finde.“
Winkend kam Harald näher. „Weißt du eigentlich, dass dein Telefon nicht funktioniert?“, fragte er. „Ich wollte dich anrufen, bekam jedoch ständig das Besetztzeichen. Du brauchst dringend ein Handy Mama, damit wir dich jederzeit erreichen können. Ja und dann gab es auch noch einen Unfall mit Vollsperrung, aber das ist ja jetzt auch egal. Komm, lass uns nach Hause gehen. Marlies und die Kinder warten dort auf uns. Du hast doch bestimmt einen Kuchen gebacken!“
„Natürlich habe ich das, mein Junge! Es ist doch Muttertag!“


© Martina Pfannenschmidt, 2017

Herzlich Willkommen,
Jaimee und Andjela von


Kommentare:

  1. Liebe Martina,
    Du hast eine Geschichte geschrieben, die wirklich zu Herzen geht. Ich musste doch tatsächlich eine Träne wegwischen. Eine gelungene Muttertagsgeschichte!
    Wir haben den Muttertag mit beiden Müttern in Hessen verbracht. Während der Samstag schön sonnig und warm war, kamen am Sonntag allerdings wolkenbruchartige Regenfälle vom Himmel.
    Sei herzlich gegrüßt
    Astrid

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  2. Liebe Martina, deine Geschichte ist wieder einmal berührend und erinnert mich gleichzeitig daran, wie oft ich schon Erwartungen gehegt habe und dann enttäuscht war. Auch wenn man vom Verstand her weiß, dass manche Dinge anders gesehen werden, das Herz hat doch auch seine eigenen Empfindungen, die es mit dem Kopf nicht teilen mag. Sonnige Grüße, Ulla

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  3. Das ist eine sehr schöne Geschichte und erinnert mich an meine verstorbene Schwiegermutter, die ein ziemliches Drama daraus gemacht hat, weil ihr Sohn am Muttertag mit mir zu meiner Mutter gefahren ist. Wir sind dann gleich am Montag zu seinen Eltern, die uns fast die Tür vor die Nase zugeschlagen hätten. Ich frage meine Tochter immer, was sie und ihr Freund vorhaben. Diesmal hatten sie Zeit und sind schon am Samstag gekommen. Meine Mutter habe ich angerufen. Ich hatte ihr ein kleines Geschenk bestellt und zusenden lassen. Wir besuchen sie in 4 Wochen. Dann hat sie Geburtstag.
    LG Elke

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  4. Hallo Martina,
    ach ja diese Erwartungen die man an Andere immer wieder hat. Die gab es hier letzte Woche auch. Zwar nicht wegen Muttertag, sondern eher wegen den Zukunftsplänen der Tochter, aber auch da sind Erwartungshaltungen nicht toll und total störend. Was wäre es doch einfach wenn wir nur kurz in ein paar Monate weiter blicken könnten um zu sehen wo wir dann stehen...!
    LG zu Dir
    Manu

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  5. Liebe Martina,
    eine wunderschöne, einfühlsame Geschichte mit einem
    guten Ausgang. Danke dafür.
    Einen sonnigen Wochenanfang wünscht dir
    Irmi

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  6. Liebe Martina, ist noch einmal gut gegangen dieser Muttertag. Schöne Geschichte . Liebe Grüße Eva

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  7. Liebe Martina,
    danke für diese wunderschöne Muttertagsgeschichte, die ja zum Glück einen guten ausgang gefunden hat :O)
    Hab einen wunderschönen Tag!
    ♥ Allerliebste Grüße,Claudia ♥

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  8. liebe Martina, eine nachdenklich machende Geschichte, denn
    wenn es die vielen Erwartungen nicht gäbe die wir manchmal unbewusst in uns tragen - gäbe es keine Enttäuschungen.
    Wir projezieren unsere Gefühle und vermachen sie dem Gegenüber indem wir erwarten dass sie sich so verhalten wie wir es uns wünschen.
    Das das nicht klappt ist fast schon vorprogrammiert.
    Vielleicht sollten wir sie einfach zurückschrauben und abwarten was auf uns zukommt.
    Gerade am Muttertag schrauben sie sich oft ins unermessliche und dann...?
    eine schöne Geschichte die zum denken anregt..
    herzlichen Dank für dein Lachen bei mir..
    angelface

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  9. Liebe Martina,
    Deine Geschichte ist mir sehr zu Herzen gegangen. Sie erinnert mich an meine eigene Mutter mit ihren Erwartungen, von denen sich viele leider nicht erfüllt haben. :-(
    Vom Muttertag wollte sie immer nichts wissen - eigentlich. Aber WEHE, wir hätten uns an diesem Tag NICHT bei ihr gemeldet ...
    Für mich ist der Muttertag irgendwie nicht existent. Warum auch - ich habe ja keine Kinder ...
    Liebe Grüße
    Christine

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  10. Liebe Martina, ich habe einen Sohn, es erinnert mich!
    Eigemt lich sollte man keine Erwartungen haben, oder sie auf ein Minimum zurückschrauben.Wünsche...ja es gibt manchmal Überraschungen die man nicht erwartet hat.
    Liebe Grüße und danke für die wieder so berührende Geschichte aus dem Leben.Du kannst das gut, es verwundert mich immer wieder.
    Klärchen

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  11. Na, das hat ja zum Glück alles noch mal eine gute Wendung und Erklärung gefunden, liebe Martina! Aber ich muss dem Herrn auf der Friedhofsbank recht geben, oft geht es bei Enttäuschung um Erwartungshaltungen. Das ist wohl einer der Gründe, weshalb ich solche „aufgesetzten“ Festtage wie Muttertag oder Valentinstag nicht mag. Zu meiner Mutter habe ich ein gutes Verhältnis und besuche sie zweimal pro Woche im Pflegeheim. Zu meiner Tochter habe ich ein gutes Verhältnis, wir treffen einander, wenn es sich von unser beider Terminkalendern ausgeht und wir kommunizieren mehrmals pro Woche per Whats App. Da braucht es keine Muttertage, finde ich. Und wenn dieser Tag der einzige ist, an dem Kinder ihre Mütter besuchen, dann ist sowieso etwas faul…

    Ich hoffe jedenfalls, du hast einen angenehmen Muttertag oder – wie ich – ein entspanntes, friedliches Wochenende ganz nach deinem Geschmack gehabt!

    Herzliche Rostrosengrüße, Traude

    http://rostrose.blogspot.co.at/2017/05/anl-17-wasche-farben-und-stiefel-bemalen.html

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  12. Ach ja, diese ewigen Erwartungshaltungen! Wieviel besser wären wir ohne sie dran! Und doch, niemand kann sich ganz davon befreien.
    Liebe Martina, Du hast wieder eine so lebensnahe, gefühlvolle und kluge Geschichte geschrieben. Danke, dass Du sie mit uns teilst.
    Herzliche Grüße von Marle,
    die wegen der nur 3 Kleidungstücke von Ihrem Mann selbst schmunzeln musste...

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  13. Was für eine schöne berührende Muttertagsgechichte und so voller
    Martina - Weisheiten (Zwinkern)
    Wunderbar zu lesen und zu Herzen gehende. Herzlichst Lore

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  14. Wie du das Leben immer so schön in Worte packen kannst, bewundernswert liebe Martina. Danke für diese schöne Geschichte und auch das anstupsen zum Nachdenken.
    ♥lich Claudia

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  15. eine schöne und nachdewnklich machende Geschichte
    ja..
    oft erwarten wir eigentlich zu viel
    denn nicht die anderen sind dafür da uns glücklich zu machen
    das müssen wir selber besorgen ;)
    liebe Grüße
    Rosi

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