Sonntag, 30. Juli 2017

Frage 9: Wie gehst du mit einem schlechten Gewissen um?

Kürzlich sprach ich mit einer Bekannten. Ihr Vater ist vor einiger Zeit verstorben und sie erzählte davon, wie schwierig seither ihr Verhältnis zu ihrer Mutter ist. Die Bekannte hat ihrer Mutter gegenüber ständig ein schlechtes Gewissen – oder sollte ich besser sagen: Es wird ihr von ihrer Mutter suggeriert?!
Foto: BirgitH./pixelio.de

Ein schlechtes Gewissen – oder Gewissensbisse, wie man umgangssprachlich auch sagt – gehen einher mit dem Gefühl, jemandem Unrecht getan zu haben.
Dieses Gefühl setzt eines voraus: Ein Unrechtsbewusstsein!
Und genau das sieht bei jedem Menschen anders aus.
Bei einigen führt schon eine Kleinigkeit zu Gewissensbissen, bei Kriminellen hingegen liegt die ‚Schmerzgrenze’ diesbezüglich um einiges höher.
Oft geht dem schlechten Gewissen gar keine große Sache voraus. – Nehmen wir an, dass wir von einem Freund um Hilfe gebeten wurden, wir ihm diese aber nicht gegeben haben. – Schwupps, schon ist es da, das schlechte Gewissen, weil wir im Nachhinein denken, dass unser Verhalten falsch war und schon beginnen wir, uns selbst für unser Verhalten zu verurteilen. – Oft zeigen sich diese Gewissensbisse sogar körperlich. Wir verspüren ein ungutes Gefühl, vielleicht Magendruck – bis hin zu Einschlafstörungen.
Schuldgefühle können sehr vielfältig sein. Manchmal werden sie gar nicht erkannt und man wundert sich über körperliche Symptome, die man nicht zuordnen kann.

Wie gehst du mit diesen Gefühlen um – 
oder handelt es sich dabei gar nicht um Gefühle, 
sondern es ist einzig und allein unseren Gedanken zuzuschreiben, 
dass wir Gewissensbisse haben?
Wurde uns ein schlechtes Gewissen vielleicht sogar anerzogen?
Wie gehst du mit einem schlechten Gewissen um
und was macht es mit dir?


Grazyna: Ich dachte, ich sehe nicht richtig, als ich deine Frage, liebe Martina, sah. Das schlechte Gewissen in meiner Teenagerzeit und später, als junge Frau, war mein ständiger Begleiter. 
Soweit ich mich erinnern kann, war es irgendwie immer präsent.
Es fühlte sich so ungut an und das Schlimmste daran war, ich hatte keine Ahnung gehabt, warum das so ist.
Warum ich so fühle und ich könnte mich davon nicht befreien, weil ich mir unklar war.
Ich war so unbedarft und ängstlich, dass ich nicht mal auf die Idee gekommen wäre, zu hinterfragen.
Natürlich wusste ich nicht, dass es dafür einen Namen gibt’s – emotionale Erpressung und auf der anderen Seite, bei mir – emotionale Abhängigkeit.
Ich könnte in dieser Zeit meinen Weg nicht erkunden und nicht gehen, was es in vielerlei Hinsicht bedeuten wurde, mich von meiner Mutter abzunabeln, ich habe gedacht… das kann ich ihr nicht antun, damit wurde ich sie verletzten und alleine lassen.
Tastsächlich war es so, sie hatte es mir suggeriert.
Dabei wäre sie gar nicht alleine gewesen und von Verletzten können wir dabei nicht sprechen, nicht wahr? Ich glaube, diese emotionale Ketten, hatte sie mir schon mit Muttermilch gegeben, puhhh.
Ich wollte damals, nach der Schule weiter Kunst lernen und dazu hätte ich in eine andere Stadt auf Internat gehen müssen, was ich nicht gemacht habe, weil dies heißen würde, ich habe sie alleine gelassen… meine Güte, wie krank war das!
Erst mit 25 war ich ganz radikal und habe das Land verlassen und dachte, jetzt bin ich frei.
Nun, es hat noch weitere Jahre gedauert, bis ich begriffen habe, man kann auf das andere Ende der Welt fliehen… und das, wovon du fliehst, trägst du auf dem Rücken mit...
Die emotionalen Ketten sind unsichtbar und auflösen kann ich die nur in mir. Das habe ich auch später, erst nach meinen Unfall vor zwanzig Jahren, begriffen. Es war ein langer Prozess und ganz weg, glaube ich, sind die Ketten immer noch nicht, aber weitgehend.
Es war schmerzhaft und zugleich befreiend, zu verstehen, dass dieses „ nicht verletzten wollen und schweigen“, auf der anderen Seite nur zur Selbstverletzung führt.
Heute weiß ich auch, eine meiner Hauptaufgaben in diesem Leben, ist NEIN zu sagen und Grenze ziehen, damit ich das Gegenüber nicht aufsauge. Heute weiß ich auch, besonders beim empathischen Menschen ist wichtig, sich abzugrenzen, denn die sind, wie ein Schwamm und saugen alles auf.

Martina: Zunächst einmal danke ich dir für deine Offenheit und Bereitschaft, so persönliche Dinge zu erzählen. - Wenn man sich allerdings von diesen Ketten befreien möchte, ist das vielleicht ganz wichtig. Erkennen - darüber reden - auflösen! - Ja, ich glaube auch, dass da noch Ketten sind. Vielleicht magst du dich mal fragen, ob du sie noch 'brauchst' - entweder als 'vermeintliche' Sicherheit oder doch noch als letzte kleine Verbindung in dein Ursprungsland? - Du darfst diese Ketten durchtrennen - es liegt an dir. - Und eines ist gewiss: Du hast diese Aufgabe für dein Leben gewählt und gebraucht, um zu wachsen! --- Nachtrag (eine halbe Stunde später): Gerade kam mir noch ein Gedanke, nämlich der, dass, wenn du es schaffst, deiner Mutter sogar dankbar dafür zu sein, dass du diese Erfahrungen machen durftest, ein ganz anderes Verhältnis zwischen euch entstehen wird.
Grazyna: Dankbar zu sein? Ich habe längst die Frage gestellt, warum ich mir diese Familie ausgesucht habe, aber keine Antwort fand, weil so viel Unruhe noch in mir herrschte. Heute weiß ich, hätte ich in jungen Jahren „JA“ zu mir und zu meinen Weg gesagt, hätte ich Erfahrungen, die ich machen wollte, auf anderen Wege gemacht. 
Ich bin der Auffassung, wie du auch, dass wir selbst die Themen, die wir hier auf der Erde lernen wollen, auswählen und ich kenne meinem Radix gut genug, um zu wissen, wozu ich das alles gebraucht habe.
Um in die Abgründe der menschlichen Seele zu erblicken und dort, wo andere den Kopf wegdrehen zu bleiben und dem auf den Grund zu gehen, die Macht des Unbewussten kennenzulernen und zu erfahren, die Macht und Ohnmacht die Kräfte seien, die sich wie ein Theaterstück durch unser Leben ziehen und wie oft wissen wir nicht, dass wir die Hauptrolle spielen. Dass die Wandlung und Auflösung lebensnotwendig ist und dass ein Ende die Lebenskräfte frei lässt und somit ein Anfang ist.
Wozu die Ketten noch? Ja, liebe Martina, das weiß ich und es hat mit Selbstverantwortung und Eigenermächtigung zu tun und die lassen sich nicht mit dem Kopf auflösen. Nein, die lösen sich vom alleine auf, wenn ich glasklar bin.

Martina: Ich bin beeindruckt davon, wie klar du bist!
Angelface: Das ist ein gutes Thema, eines über das ich lange und intensiv nachdenke um darauf zu antworten, wenn mir denn dazu eine Antwort die ich erst zurückergründen muss - einfällt. Danke für die Anregung, den Anstubser...er wird mich noch länger beschäftigen...
Martina: So ergeht es mir mit dem Kommentar von Grazyna. Ich frage mich, ob es bei mir diese Ketten auch (noch) gibt. Du siehst: Ich werde mich auch mit dem Thema noch weiter auseinandersetzen!
Helga F.: Ist ja nun schon fast Gewohnheit, hier bei Dir liebe Martina auf Deine neuen Fragen zu antworten und sich Gedanken zu machen, danke dafür.:)
Seltsam, der Kommentar von Grazyna könnte wieder zum größten Teil auch von mir sein.
Sehr unterschwellig wurde mir von meiner Mutter ein schlechtes Gewissen gemacht.Manchmal auch durch direkte Sätze der Anklage.Allerdings konnte ich mich körperlich früh von ihr lösen und auch meine Schuldgefühle ihr gegenüber heilen. Aber bis ich keine Liebe mehr von ihr erwartet und erhofft habe, gingen fast 40 Jahre ins Land, danach war ich erst richtig frei!
Sie starb vor 3 Jahren, ich konnte sie mit einem Segen und in Frieden gehen lassen.
Zu Deinen Fragen liebe Martina,
ich bin mir nicht ganz sicher,ob wir mit einem Gerechtigkeitssinn schon geboren werden.
Aber der Verstand und Wahrnehmungen als Kind sind noch nicht voll ausgebildet,wir lernen schneller auf der Gefühlsebene, welche unserer Verhaltensweisen Belohnung bringen.Das schlechte Gewissen entsteht durch lernen, denke ich. Liebesentzug, wenn wir nicht wie gewünscht reagieren, ist ein wirkungsvolles Druckmittel,auch noch bei Erwachsenen.
Mir selbst macht ein schlechtes Gewissen Bauchweh und ich kann es schwer ertragen.Von anderen Menschen lasse ich mir kaum noch ein schlechtes Gewissen einreden, aber mit mir selbst habe ich manchmal Schwierigkeiten, wenn ich etwas falsch gemacht habe, oder Leid verursacht habe.Da muss ich noch lernen freundlicher mit mir zu werden.

Martina: Das freut mich zu hören, dass es schon fast Gewohnheit wird, hier bei mir herein zu schauen :-)! Auch dir möchte ich danken für deine Aufrichtigkeit. Als Kind lernen wir schneller auf der Gefühlsebene, welche unserer Verhaltungsweisen Belohnung bringen, schreibst du. Das finde ich, ist ein sehr wichtiger Satz. Und ebenso wichtig: Freundlich zu uns selbst zu sein. :-)
Christine: Das ist eine sehr schwierige Frage, mit der ich schon lange kämpfe ...
Habe ich WIRKLICH ein schlechtes Gewissen zu haben, weil ich nicht so bin oder war, wie meine Mutter mich gerne gehabt hätte? Weil ich keine Kinder habe (und sie damit die Enkelkinder, die sie sich so sehr gewünscht hat?) Weil ich ein eigenes Leben geführt habe und nicht das, das sie sich für mich vorgestellt hat? Weil ich sie zu selten besucht habe, als sie noch lebte? (Was ich teilweise gar nicht konnte, weil die Entfernung so groß war ...)
Habe ich tatsächlich zu wenig Rücksicht genommen?
Ich weiß es nicht. Und ich werde es auch nie mehr erfahren. Aber ich weiß, dass mein schlechtes Gewissen sich immer wieder mal zu Wort melden wird. es gibt keinen Knopf, um es abzustellen ... Jedenfalls habe ich ihn bei mir noch nicht gefunden! **seufz**
Liebe Grüße, und danke für diesen Post - obwohl ich Deine Frage leider nicht beantworten kann!
Martina: Als ich deinen Kommentar las, kam mir ein Spruch in den Sinn: 'Ich bin nicht auf der Welt, um so zu sein, wie ihr mich haben wollt'. - Was mich aufhorchen lässt ist die Tatsache, dass auch du von deiner Mutter schreibst in Bezug auf das schlechte Gewissen und ich mich gerade fragen, ob ich unserer Tochter auch ein schlechtes Gewissen gemacht habe oder noch mache. Das liegt mir nämlich fern. - Den Knopf zum Ausstellen: Ja, den suchen wir wohl irgendwie alle. - Danke, dass du uns deine diesbezügliche 'Geschichte' erzählt hast.
Klärchen: Auch ich muss überlegen und finde das Thema sehr interessant.
Ein schlechtes Gewissen wurde mir im Leben oft von anderen eingeredet. Meine Mutter hat es bis an ihr Lebensende versucht.
Daran trage ich, weil sie es tat, aber schuldig fühle ich mich nicht. Sie ist verstorben und ich habe meinen Frieden so mit ihr geschlossen. Vergessen kann ich nicht.
Ich bringe ein schlechtes Gewissen mit Schuldgefühlen zusammen . Irgendwann habe ich mich gefragt und mir gesagt, ich bin nicht schuldig für Fehler die andere gemacht haben und auf mich projizieren. Ich habe mich davon distanziert obwohl es mir nicht immer in manchen Situationen gelungen oder leicht gefallen ist.
Mit einem schlechten Gewissen kann ich schlecht umgehen und es bereitet mir schlaflose Nächte. Aber ich hinterfrage auch, ob es wirklich mein Problem ist und ich es haben muss.
Gewissensbisse habe ich bekommen, als ein Mensch gestorben ist und ich ihn nicht mehr besucht habe oder angerufen habe.
Durch Entfernungen ging es aber auch nicht und ich fand Ausreden für mich um damit umzugehen. Mit der Zeit ist das aber vergangen und was ich nicht ändern kann ist dann auch abgeschlossen für mich da baue ich ein Schutzschild um mich.
Bei einem schlechten Gewissen kann ich wenn es berechtigt ist, mich entschuldigen und soweit es geht gut machen, darüber reden, wenn der jenige ansprechbar ist.
Ein schlechtes Gewissen bekomme ich wenn ich jemanden Unrecht tue oder etwas sage und ihn damit verletzte. Da zählt für mich das offene Wort.
Insgesamt glaube ich, werden wir nicht mit einem schlechten Gewissen geboren, sondern es wird uns anerzogen ist in der Kindheit. Schuld auf sich laden, Angstlügen, vieles hängt mit dem Gewissen zusammen. "Ein gutes Gewissen ist ein ruhiges Ruhekissen", eine Lebensweisheit.
Martina: Danke, Klärchen! Komisch. Eben beim Lesen von Christines Kommentar kam mir ein Spruch in den Sinn. Jetzt ist es wieder so. Bei dir denke ich an diesen hier: 'Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden'. 
Ich komme darauf, weil du geschrieben hast, dass du Gewissensbisse hattest, weil du jemanden nicht (mehr) besucht hast. - Das gehört zu den Dingen, die nicht mehr zu ändern sind und die wir hinnehmen sollten. - Auf der anderen Seite sind es die Dinge, die du noch ändern kannst (Stichwort: Das Gespräch suchen) - und das tust du. - Also handelst du ganz nach diesem Spruch und damit weise!
Jutta: Ich bin zur Zeit nicht so recht auf dem Damm (seelisch ), daher kann ich diesmal nicht länger antworten.
Aber durchgelesen habe ich alles.
Und ich habe in jedem Kommentar einen Teil für mich herauspicken können.
Es ist ein schweres Thema und ich bin, wie erwähnt etwas kraftlos um ins Detail zugehen. vielleicht will ich es ja unbewusst auch derzeit gar nicht, wer weiß.
Jedenfalls bin auch ich nun jede Woche auf deine Themen gespannt.
Gehört für mich nun zum Sonntag einfach dazu.

Martina: Oh, das klingt nicht gut, liebe Jutta! Ich hoffe, dass es der Sonnenschein vermag, dir Licht in Herz und Seele zu schicken. - Ich freue mich natürlich, wenn du schreibst, dass meine Fragen inzwischen schon zu deinem Sonntag gehören - und das bereits nach so kurzer Zeit! Danke!
Ingrid: Ohne Frage ist die deinige eine sehr gute. Ich selber fühle mich zwar nicht betroffen, was mein Elternhaus angeht. Ein schlechtes Gewissen findet auch auf anderen Ebenen statt. Ist hier auch schon angesprochen worden.
Es ist wichtig, nichts im Raum stehen zu lassen, wenn etwas quält, weil man sich bewusst oder unbewusst fehl verhalten hat. Dann muss man es klären. Nun gibt es zuweilen Situationen, die man nicht sofort klären kann. Je länger man damit wartet umso schwieriger wird das Aufeinander-Zugehen-Können.
Es ist aber immer wieder schön, wenn man den Mut findet Klarheit zu schaffen. Manchmal reicht es auch schon nachzufragen: Wie hast du das gemeint?
Dieser Beitrag von dir mit den dazugehörigen Kommentaren hat mir bewusst gemacht, welches Glück ich hatte mit meinen Eltern. Ich bin zwar sehr streng erzogen worden und wurde oft zurückgehalten, was aber letztendlich dazu geführt hat, meine Ziele umgehend anzugehen sobald ich volljährig wurde.
Das wurde (sicherlich auch mit Schmerzen meiner Eltern) akzeptiert. Mir hat dieser Weg nur gut getan. Allerdings bin ich seitdem immer nur zu Besuch wieder ins Elternhaus gekommen, war aber immer für sie im Notfall da. So habe ich sie auch im Alter gepflegt und es war schön zurück geben zu können. Umgekehrt war in Notfällen auch meine Mutter für mich da.
Das sind eigentlich für mich positive Erinnerungen. Was mich sehr freut ist, dass hier Themen gestellt werden, die tiefer gehen. Dafür danke ich dir.
Martina: Und ich danke dir, dass du uns mit deinem Kommentar einen Einblick in dein Leben und Denken gibst. Ich denke, dass wir alle in unseren Familien immer am richtigen Platz waren und sind. - Ein weiteres Thema, das hier ganz sicher einmal auftauchen wird. :-)
Alexander: Leider nur kurz im Vergleich zu den vielen langen Kommentaren: 
Ich wollte mal was über das Ge-Wissen schreiben, tat es aber aus gewissen Gründen noch nicht. Auch Gewissen muss reifen, kommen wir doch ohne dieses Gefühl auf die Welt, und doch ist es Teil des Göttlichen Funkens, der uns mitgegeben wurde. Eine schwierige Basis für eine Disertation "out of the blue", zumindest für mich. Aber gut auf der anderen Seiten, wenn mich schon im Vorfeld - und nicht im Nachgang - Gewissenbisse kneifen. 
Martina: Danke, dass du das Wort 'Ge-Wissen' getrennt hast. Ah, dachte ich: Gewissen und Wissen hängt zusammen. Wie konnte ich das bisher nur übersehen.

Kommentare:


  1. Ich dachte, ich sehe nicht richtig, als ich deine Frage, liebe Martina, sah. Das schlechte Gewissen in meiner Teenagerzeit und später, als junge Frau, war mein ständiger Begleiter.
    Soweit ich mich erinnern kann, war es irgendwie immer präsent.
    Es fühlte sich so ungut an und das Schlimmste daran war, ich hatte keine Ahnung gehabt, warum das so ist.
    Warum ich so fühle und ich könnte mich davon nicht befreien, weil ich mir unklar war.
    Ich war so unbedarft und ängstlich, dass ich nicht mal auf die Idee gekommen wäre, zu hinterfragen.
    Natürlich wusste ich nicht, dass es dafür einen Namen gibt’s – emotionale Erpressung und auf der anderen Seite, bei mir – emotionale Abhängigkeit.
    Ich könnte in dieser Zeit meinen Weg nicht erkunden und nicht gehen, was es in vielerlei Hinsicht bedeuten wurde, mich von meiner Mutter abzunabeln, ich habe gedacht… das kann ich ihr nicht antun, damit wurde ich sie verletzten und alleine lassen.
    Tastsächlich war es so, sie hatte es mir suggeriert.
    Dabei wäre sie gar nicht alleine gewesen und von Verletzten können wir dabei nicht sprechen, nicht wahr? Ich glaube, diese emotionale Ketten, hatte sie mir schon mit Muttermilch gegeben, puhhh.
    Ich wollte damals, nach der Schule weiter Kunst lernen und dazu hätte ich in eine andere Stadt auf Internat gehen müssen, was ich nicht gemacht habe, weil dies heißen würde, ich habe sie alleine gelassen… meine Güte, wie krank war das!
    Erst mit 25 war ich ganz radikal und habe das Land verlassen und dachte, jetzt bin ich frei.
    Nun, es hat noch weitere Jahre gedauert, bis ich begriffen habe, man kann auf das andere Ende der Welt fliehen… und das, wovon du fliehst, trägst du auf dem Rücken mit...
    Die emotionalen Ketten sind unsichtbar und auflösen kann ich die nur in mir. Das habe ich auch später, erst nach meinen Unfall vor zwanzig Jahren, begriffen. Es war ein langer Prozess und ganz weg, glaube ich, sind die Ketten immer noch nicht, aber weitgehend.
    Es war schmerzhaft und zugleich befreiend, zu verstehen, dass dieses „ nicht verletzten wollen und schweigen“, auf der anderen Seite nur zur Selbstverletzung führt.
    Heute weiß ich auch, eine meiner Hauptaufgaben in diesem Leben, ist NEIN zu sagen und Grenze ziehen, damit ich das Gegenüber nicht aufsauge. Heute weiß ich auch, besonders beim empathischen Menschen ist wichtig, sich abzugrenzen, denn die sind, wie ein Schwamm und saugen alles auf.
    Liebe Martina, hab wundervollen Sonntag, deine Grażyna

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Dankbar zu sein? Ich habe längst die Frage gestellt, warum ich mir diese Familie ausgesucht habe, aber keine Antwort fand, weil so viel Unruhe noch in mir herrschte. Heute weiß ich, hätte ich in jungen Jahren „JA“ zu mir und zu meinen Weg gesagt, hätte ich Erfahrungen, die ich machen wollte, auf anderen Wege gemacht.
      Ich bin der Auffassung, wie du auch, dass wir selbst die Themen, die wir hier auf der Erde lernen wollen, auswählen und ich kenne meinem Radix gut genug, um zu wissen, wozu ich das alles gebraucht habe.
      Um in die Abgründe der menschlichen Seele zu erblicken und dort, wo andere den Kopf wegdrehen zu bleiben und dem auf den Grund zu gehen, die Macht des Unbewussten kennenzulernen und zu erfahren, die Macht und Ohnmacht die Kräfte seien, die sich wie ein Theaterstück durch unser Leben ziehen und wie oft wissen wir nicht, dass wir die Hauptrolle spielen. Dass die Wandlung und Auflösung lebensnotwendig ist und dass ein Ende die Lebenskräfte frei lässt und somit ein Anfang ist.
      Wozu die Ketten noch? Ja, liebe Martina, das weiß ich und es hat mit Selbstverantwortung und Eigenermächtigung zu tun und die lassen sich nicht mit dem Kopf auflösen. Nein, die lösen sich vom alleine auf, wenn ich glasklar bin.

      Löschen
  2. das ist ein gutes Thema, eines
    über das ich lange und intensiv nachdenke um darauf zu antworten, wenn
    mir denn dazu eine Antwort die ich erst zurückergründen muss - einfällt.
    danke für die Anregung, den Anstubser...er wird mich noch länger beschäftigen...
    herzlichst grüße in deinen Tag..
    angel

    AntwortenLöschen
  3. Ist ja nun schon fast Gewohnheit, hier bei Dir liebe Martina auf Deine neuen Fragen zu antworten und sich Gedanken zu machen, danke dafür.:)
    Seltsam, der Kommentar von Grazyna könnte wieder zum größten Teil auch von mir sein.
    Sehr unterschwellig wurde mir von meiner Mutter ein schlechtes Gewissen gemacht.Manchmal auch durch direkte Sätze der Anklage.Allerdings konnte ich mich körperlich früh von ihr lösen und auch meine Schuldgefühle ihr gegenüber heilen. Aber bis ich keine Liebe mehr von ihr erwartet und erhofft habe, gingen fast 40 Jahre ins Land, danach war ich erst richtig frei!
    Sie starb vor 3 Jahren, ich konnte sie mit einem Segen und in Frieden gehen lassen.
    Zu Deinen Fragen liebe Martina,
    ich bin mir nicht ganz sicher,ob wir mit einem Gerechtigkeitssinn schon geboren werden.
    Aber der Verstand und Wahrnehmungen als Kind sind noch nicht voll ausgebildet,wir lernen schneller auf der Gefühlsebene, welche unserer Verhaltensweisen Belohnung bringen.Das schlechte Gewissen entsteht durch lernen, denke ich. Liebesentzug, wenn wir nicht wie gewünscht reagieren, ist ein wirkungsvolles Druckmittel,auch noch bei Erwachsenen.
    Mir selbst macht ein schlechtes Gewissen Bauchweh und ich kann es schwer ertragen.Von anderen Menschen lasse ich mir kaum noch ein schlechtes Gewissen einreden, aber mit mir selbst habe ich manchmal Schwierigkeiten, wenn ich etwas falsch gemacht habe, oder Leid verursacht habe.Da muss ich noch lernen freundlicher mit mir zu werden.
    Einen schönen Sonntag wünsche ich.
    Helga

    AntwortenLöschen
  4. Liebe Martina,
    das ist eine sehr schwierige Frage, mit der ich schon lange kämpfe ...
    Habe ich WIRKLICH ein schlechtes Gewissen zu haben, weil ich nicht so bin oder war, wie meine Mutter mich gerne gehabt hätte? Weil ich keine Kinder habe (und sie damit die Enkelkinder, die sie sich so sehr gewünscht hat?) Weil ich ein eigenes Leben geführt habe und nicht das, das sie sich für mich vorgestellt hat? Weil ich sie zu selten besucht habe, als sie noch lebte? (Was ich teilweise gar nicht konnte, weil die Entfernung so groß war ...)
    Habe ich tatsächlich zu wenig Rücksicht genommen?
    Ich weiß es nicht. Und ich werde es auch nie mehr erfahren. Aber ich
    weiß, dass mein schlechtes Gewissen sich immer wieder mal zu Wort melden wird. es gibt keinen Knopf, um es abzustellen ... Jedenfalls habe ich ihn bei mir noch nicht gefunden! **seufz**
    Liebe Grüße, und danke für diesen Post - obwohl ich Deine Frage leider nicht beantworten kann!
    Christine

    AntwortenLöschen
  5. Lovely post dear, I like it a lot :)
    I'm following you, would you like to follow me back, I would be glad? ♥
    www.limitededitionlady.blogspot.com

    AntwortenLöschen
  6. Liebe Martina, auch ich muss überlegen und finde das Thema sehr interessant.
    Ein schlechtes Gewissen wurde mir im Leben oft von anderen eingeredet . Meine Mutter hat es bis an ihr Lebensende versucht.
    Daran trage ich, weil sie es tat, aber schuldig fühle ich mich nicht. Sie ist verstorben und ich habe meinen Frieden so mit ihr geschlossen. Vergessen kann ich nicht.
    Ich bringe ein schlechtes Gewissen mit Schuldgefühlen zusammen . Irgendwann habe ich mich gefragt und mir gesagt, ich bin nicht schuldig für Fehler die andere gemacht haben und auf mich projizieren. Ich habe mich davon distanziert ob wohl es mir nicht immer in manchen Situationen gelungen oder leicht gefallen ist.
    Mit einem schlechten Gewissen kann ich schlecht umgehen und es bereitet mir schlaflose Nächte. Aber ich hinterfrage auch, ob es wirklich mein Problem ist und ich es haben muss.
    Gewissensbisse habe ich bekommen, als ein Mensch gestorben ist und ich ihn nicht mehr besucht habe oder angerufen habe.
    Durch Entfernungen ging es aber auch nicht und ich fand Ausreden für mich um damit umzugehen. Mit der Zeit ist das aber vergangen und was ich nicht ändern kann ist dann auch abgeschlossen für mich da baue ich ein Schutzschild um mich.
    Bei einem schlechten Gewissen kann ich wenn es berechtigt ist, mich entschuldigen und soweit es geht gut machen, darüber reden, wenn der jenige ansprechbar ist.
    Ein schlechtes Gewissen bekomme ich wenn ich jemanden Unrecht tue oder etwas sage und ihn damit verletzte. Da zählt für mich das offene Wort.
    Insgesamt glaube ich, werden wir nicht mit einem schlechten Gewissen geboren, sondern es wird uns anerzogen ist in der Kindheit. Schuld auf sich laden, Angstlügen, vieles hängt mit dem Gewissen zusammen. "Ein gutes Gewissen ist ein ruhiges Ruhekissen", eine Lebensweisheit.

    Liebe Grüße, Klärchen

    AntwortenLöschen
  7. Liebe Martina,
    ich bin zur Zeit nicht so recht auf dem Damm (seelisch ), daher kann ich diesmal nicht länger antworten.
    Aber durchgelesen habe ich alles.
    Und ich habe in jedem Kommentar einen Teil für mich herauspicken können.
    Es ist ein schweres Thema und ich bin, wie erwähnt etwas kraftlos um ins Detail zugehen. vielleicht will ich es ja unbewusst auch derzeit gar nicht, wer weiß.
    Jedenfalls bin auch ich nun jede Woche auf deine Themen gespannt.
    Gehört für mich nun zum Sonntag einfach dazu.
    ♥liche Grüße

    AntwortenLöschen
  8. Hallo Martina,
    ohne Frage ist die deinige eine sehr gute. Ich selber fühle mich zwar nicht betroffen, was mein Elternhaus angeht. Ein schlechtes Gewissen findet auch auf anderen Ebenen statt. Ist hier auch schon angesprochen worden.
    Es ist wichtig, nichts im Raum stehen zu lassen, wenn etwas quält, weil man sich bewusst oder unbewusst fehl verhalten hat. Dann muss man es klären. Nun gibt es zuweilen Situationen, die man nicht sofort klären kann. Je länger man damit wartet umso schwieriger wird das Aufeinander-Zugehen-Können.
    Es ist aber immer wieder schön, wenn man den Mut findet Klarheit zu schaffen. Manchmal reicht es auch schon nachzufragen: Wie hast du das gemeint?

    Dieser Beitrag von dir mit den dazugehörigen Kommentaren hat mir bewusst gemacht, welches Glück ich hatte mit meinen Eltern. Ich bin zwar sehr streng erzogen worden und wurde oft zurückgehalten, was aber letztendlich dazu geführt hat, meine Ziele umgehend anzugehen sobald ich volljährig wurde.
    Das wurde (sicherlich auch mit Schmerzen meiner Eltern) akzeptiert. Mir hat dieser Weg nur gut getan. Allerdings bin ich seitdem immer nur zu Besuch wieder ins Elternhaus gekommen, war aber immer für sie im Notfall da. So habe ich sie auch im Alter gepflegt und es war schön zurück geben zu können. Umgekehrt war in Notfällen auch meine Mutter für mich da.
    Das sind eigentlich für mich positive Erinnerungen. Was mich sehr freut ist, dass hier Themen gestellt werden, die tiefer gehen. Dafür danke ich dir.
    Herzliche Grüße von
    Ingrid

    AntwortenLöschen
  9. Leider nur kuzr im Vergleich zu den vielen langen Kommentaren:
    Ich wollte mal was über das Ge-Wissen schreiben, tat es aber aus gewissen Gründen noch nicht. Auch Gewissen muss reifen, kommen wir doch ohne dieses Gefühl auf die Welt, und doch ist es Teil des Göttlichen Funkens, der uns mitgegeben wurde. Eine schwierige Basis für eine Disertation "out of the blue", zumindest für mich. Aber gut auf der anderen Seiten, wenn mich schon im Vorfeld - und nicht im Nachgang - Gewissenbisse kneifen.

    AntwortenLöschen