Samstag, 1. Juli 2017

Wir müssen mit der Zeit gehen

Vor ein paar Tagen dachte ich in einem Post darüber nach,
wie sich die Zeiten verändert haben.
Auch in der heutigen Geschichte,
der diese Reizwörter zugrunde lagen:

Tour de France – Katzenpisse – ringen – passen – ungläubig

gehen meine Gedanken ein bisschen in diese Richtung.

Schaut doch bitte, ob es bei 
 Christine - Eva - Lore und Regina
auch eine Geschichte zu lesen gibt.


Danke dir, Klärchen, für dieses Foto aus dem Park Pillnitz.


Annika öffnete die Wohnzimmertür, aber nur einen kleinen Spalt breit: „Schatz, ich geh noch ein bisschen vor die Tür, vielleicht in den Park oder bei Giovanni ein Eis essen. Ist das okay?“
„Ja klar, wenn es für dich in Ordnung ist, dass ich nicht mitkomme und noch weiter schaue.“
„Klar“, erwiderte sie und schloss die Tür. Annika wusste, dass Björn sogar die Tour de France für sie hätte sausen lassen, obwohl ihn gerade der Radsport sehr interessierte, doch das erwartete sie gar nicht. Sie war auch ganz gerne mal alleine, um ihren Gedanken nachzuhängen und neue Kräfte zu sammeln.
Dazu ging sie oft in den Park und setzte sich in die Nähe eines alten Baumes, um sich von seiner Kraft ein bisschen für sich abzuzwacken.
Manchmal beobachtete sie dabei ihre Umgebung. So nahm sie ein Paar mit weißem Haar wahr, das auf einer Bank saß und sich ganz offensichtlich auch ohne Worte verstand. Neben ihnen tobten zwei Hunde und erweckten den Eindruck, als würden sie miteinander ringen.
Ein sehr ungleiches Paar ging an Annika vorüber. Der Mann war sehr elegant gekleidet, trug einen edlen Anzug mit Weste und Krawatte. Seine Schuhe glänzten mit der Sonne um die Wette. In jeder Hand hielt er einen Becher Kaffee. Die Kleidung der jungen Frau neben ihm entsprach dem krassen Gegenteil und es hatte den Anschein, als hätten ihre Haare seit langem weder Shampoo noch Kamm gesehen. Die beiden wollten augenscheinlich so gar nicht zueinander passen. Als sie mit Annika auf gleicher Höhe waren, hielt der Mann der jungen Frau einen Becher Kaffee hin. Ihre Reaktion darauf war krass: „Ich trinke diese Katzenpisse nicht!“
„Jaqueline!“, war das Einzige, was der Mann daraufhin antwortete. Resigniert ließ er den Kopf hängen. Ob es sich bei der jungen Frau um seine Tochter handelte? Dies würde Annika wohl niemals erfahren.
Aus der anderen Richtung kam ein Junge auf einem Rad daher. Sein Vater lief die ganze Zeit neben ihm her und hielt das Rad fest. Bei dieser Haltung würde er sicher bald Rückenschmerzen bekommen. Annika gingen Bilder aus ihrer eigenen Kindheit durch den Kopf. Auch ihr Vater hatte das Rad gehalten, als sie die ersten Versuche machte, das Radfahren ohne Stützräder zu erlernen. Sie wusste noch, dass sie sich irgendwann umgedreht und ungläubig geschaut hatte, als sie bemerkte, dass sie alleine fuhr. Prompt war sie samt Rad umgefallen. Die kleine Schürfwunde, die sie sich dabei zugezogen hatte, war inzwischen allerdings verheilt.
Annika blieb nachdenklich. Ja, ihre kleine Wunde war schnell verheilt, doch als Pädagogin wusste sie nur zu gut, dass vielen Kindern schlimme Verletzungen zugefügt werden. Keine, bei denen Blut fließt und auch keine, die einen blauen Fleck hinterlassen, sondern Wunden, die unsichtbar bleiben, doch die Seele des Kindes verletzen. Wie oft werden Kindern verbale Verletzungen zugefügt. Seelische Misshandlungen zeigen viele Gesichter. Für Annika war es unfassbar, wozu Eltern in der Lage sind. Offensichtliche Ablehnung und ständige Kritik zum Beispiel oder Drohungen, die ausgesprochen werden, um Kinder zu ängstigen und einzuschüchtern. Sie hatte selbst einmal erlebt, dass einem Kind völlig der Kontakt zu anderen Kindern untersagt wurde. Einsamkeit und das Gefühl von Verlassenheit werden dieses Kind bis ins Erwachsenenalter hinein begleiten. Sie konnte nur hoffen, dass es in späteren Jahren professionelle Hilfe fand und auch annahm, um dieses Trauma aus der Kindheit zu verarbeiten.
Annika schloss die Augen und hielt ihr Gesicht der Sonne entgegen, doch es dauerte nicht lange, da fiel ein Schatten auf sie und jemand fragte: „Hallo, junge Frau, heute ganz alleine unterwegs?“
Annika sprang auf und herzte ihre Oma. „Und Sie, meine Dame“, scherzte Annika und sah sich suchend um, „auch alleine?“
Oma nickte und meinte: „Du weißt schon, Radsport.“
Annika nahm ihre Tasche von der Parkbank und hakte sich bei ihrer Oma ein: „Wie wäre es, wenn ich dich, wo wir uns zufällig treffen, ganz spontan auf ein Eis bei Giovanni einlade?“
„Wie könnte ich deine Einladung ausschlagen!“
Oma war zwar nicht mehr die Jüngste, dennoch war sie fit und hielt dem Schritttempo ihrer Enkelin stand.
„Weißt du, Omi, ich habe gerade darüber nachgedacht, was manchen Kindern an Leid zugefügt wird und wie viel Glück ich mit meiner Familie habe."
„Da empfinde ich wie du und es ist eine wahre Freude, dich als Enkelkind zu haben!" Omas Worte zauberten ein Strahlen auf Annikas Gesicht.
Bald darauf kundschaftete Oma ihre Enkelin ein bisschen aus: „Darf ich dich einmal etwas sehr Persönliches fragen? Was denkst du, werde ich es noch erleben, Uroma zu werden?“
„So fragt man Leute aus“, lachte Annika und fügte an: „Mit dem tollen Mann an meiner Seite sind in jedem Fall Kinder geplant. Ob sich natürlich eine Seele findet, die zu uns kommen möchte, das müssen wir erst noch abwarten.“
„Das freut mich zu hören“, antwortete Oma und strahlte nun ihrerseits.
Als den beiden eine Schar junger Menschen entgegen kam, meinte sie: „Ist es blöd, wenn ich jetzt sage, wie hat sich nur die Zeit gewandelt? - Schau nur, alle haben sie ein Handy in der Hand. Ich glaube, die jungen Menschen heute können sich gar nicht mehr miteinander unterhalten.“ Oma lachte auf. „Stell dir nur mal vor, diese Jugendlichen würden in diesem Augenblick in meine Kindheit zurück versetzt. DIE würden Augen machen! Wir hatten nicht einmal ein Telefon im Haus. Zeiten waren das! Undenkbar heute. Wie es wohl sein wird, wenn deine Kinder in dem Alter dieser Jugendlichen sind? Wie man dann wohl miteinander kommuniziert?“
Die beiden fanden einen schattigen Platz im Eiscafé und bestellten sich einen großen Eisbecher.
Annika dachte darüber nach, wie aufgeschlossen ihre Oma allem Neuen gegenüber war. Deshalb sagte sie: „Ich glaube, wir müssen einfach mit der Zeit gehen, egal, wie alt wir sind.“
"Das ist wohl so", erwiderte Oma und erzählte ihrer Enkelin von einem Gespräch mit ihrer Nachbarin, die von ihrem Chef diese Worte zu hören bekommen hatte: Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit!


Kommentare:

  1. Liebe Martina,
    das ist wieder eine schöne Geschichte, eine, die Raum für eigene Gedanken und Erinnerungen schafft. Das gefällt mir ganz besonders gut, aber auch, wie geschickt du die Reizwörter, die mir zuerst gar nicht gefielen, verpackt hast. Der letzte Satz ist genial, genauso ist das!
    Herzliche Grüße und ein schönes Wochenende dir
    Regina

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  2. Liebe Martina, auch ich finde Deine Geschichte wieder lebensnah und kann meinen Gedanken nachhängen. Wer zu spät kommt den bestraft das Leben, das fällt mir auch zu Deinem letzten Satz ein. So ist es!
    Du hast zu den Reizwörtern den richtigen Verbindungsfaden gefunden.
    Liebe Grüße zum Wochenende, vielleicht ohne Regen, Klärchen

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  3. Den Spruch finde ich gut, "Wer nicht mit der Zeit geht...". Da kann ich nur zustimmen. Ich kann es nicht leiden, wenn Leute sagen:"Das haben wir immer so gemacht",sobald man etwas verändern möchte. Der Fortschritt und die Zeit gehen voran und auch die Ansichten der Menschen ändern sich. Was früher gut und zweckmäßig war, muss es heute nicht mehr sein.
    LG Elke

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  4. Ein wahrer Spruch, den ich auch immer wieder beherzige und auch öfter zu meinem Manne sage;-)
    Eine tolle Geschichte, hast du wieder aus den Worten gezaubert!

    Liebe Grüße Klaudia

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  5. Martina, du Liebe – meine Güte, ich habe nicht schlecht gestaunt, was du aus diesen Worten gemacht hast! Du würdest sicherlich einen Kartoffelsack zum Seidenumhang wandeln lassen?!
    Ich kannte eine alte herzensgute Dame von 95 Jahre alt (!), die so neugierig auf mein Laptop war und unbedingt übers Internet erfahren wollte, sie hatte sich für jedes und alles interessiert. Lebendig und wissensbegierig. Sie hat sich schon gefreut, zu erfahren, wie es sein wird, wenn der liebe Gott sie zu sich holt. Jetzt weiß sie es.
    Eine packende überraschende Geschichte hast du kreiert, liebe Martina. Hab schöne Zeit im Kreise deiner Lieben, die Grażyna

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  6. Liebe Martina,
    Deine Geschichte ist nicht nur toll geschrieben, sondern auch sehr lehrreich! - Ja, man sollte niemals aufhören, neugierig zu sein, was das Leben noch so auf Lager hat!
    Ich bin sehr froh, dass ich mich dem Neuen nicht verschlossen habe, so wie es viele tun, sondern versuche, mit Laptop, Internet, Smartphone und all dem Technikkram zurechtzukommen. Ich kenne nämlich viele ältere Leute, die sich nach Kräften dagegen wehren - aber die sind "abgemeldet". Niemand ruft sie an, wenn irgend eine Veranstaltung ansteht - schließlich hat ja jeder Internet, SMS, E-Mail & Co. ... Eigentlich traurig!
    Liebe Grüße, und einen schönen Sonntag!
    Christine

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  7. Liebe Martina, toll, dass Du Einiges, was Du uns vor ein paar Tagen gefragt hast, hier in Deine Geschichte einfließen lassen hast. Vor allem reflektierst Du hervorragend die Jugend und das Alter, Toll, Deine Geschichte. Liebe Grüße Eva

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  8. liebe Martina - ich finde auch gut wie du die heutige Zeit reflexierst - die Jugend und das Alter. Hingegen kann ich nicht zustimmen dass JEDER Mensch auf dieser Erde - auch in deutschland nicht, um mit der zeit zu gehen - wie du es beschreibst - mit dem Handy, Smartphone und der immer mehr steigenden technik vertraut sein muss um sagen zu können: ich gehe mit der heutigen zeit und blicke nicht zurück als es noch anders war. Ich empinde die Möglichkeiten der allumfassenden heutigen Technik eher als Fluch, als Sucht + Mittel um aus dem tatsächlichen Leben auszusteigen und sich in eine Wirklichkeit zu flüchten die nicht nur Segen für uns bereit hält.
    Die gesunde Waage zwischen beidem wäre mir persönlich sehr viel lieber.(Mitmachen soweit man es kann - zuschauen wie weit man geht - und abwägen wem man vertraut.)
    eine schöne geschichte in der die passenden reizwörter in deiner geschichte toll verpackt und eingebaut sind.
    herzlich Angelface die hofft du nimmst nicht übel dass ich eine etwas andere meinung zum Thema technik + Fortschritt habe.

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  9. Oh, Martina! Diese Geschichte ist dir aber super gelungen! Gut umgesetzt und es liest sich flüssig und spürt viel Herzblut darin.
    Nur das Zitat "Wer nicht mit der Zeit geht, wird mit der Zeit gehen"...
    Viel wahres ist daran, dennoch möchte ich gewisse Einschränkungen machen. Ich denke, man sollte schon kritisch sein, denn jede Zeit wird Gutes und Vorteilhaftes bringen, aber eben nicht nur diese. Zum Beispiel muss ich nicht immer und überall unbedingt erreichbar sein (Anspielung auf Smart- oder I-Phone). Ich empfinde es schon sehr überzogen, wie sich manche Abhängig machen lassen. Für mich ist immer auch ein Filtern notwendig.
    Die Fäkalsprachen heute begeistern wohl Niemandem und ich muss sie auch nicht mitmachen. Ich will damit ausdrücken, man sollte schon ein gewisses Niveau beihalten und sich somit nicht "mit der Zeit gehen".
    Deine Geschichte ist sehr positiv. Sie hat zwar die negative Seite gestreift, aber nicht beherrscht, sondern das Positive und herzliche Miteinander.
    Nun will ich aber die anderen Kommentare noch lesen.
    Dich grüße ich herzlich
    Ingrid

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  10. Liebe Martina,
    leider komme ich erst heute dazu die Reizwortgeschichten zu lesen. Da habt Ihr Euch aber Reizwörter ausgesucht! Du hast sie sehr geschickt in Deine Geschichte integriert, die lebensnah und interessant ist. Interessant, weil man den Gedanken Deiner Protagonistin folgen kann. Eigentlich könnte jeder von uns die Protagonistin sein, denn solche Gedanken huschen uns allen immer wieder durch den Kopf. Ich glaube, gerade diese Nachvollziehbarkeit macht den Reiz dieser Geschichte aus. Toll finde ich den Abschlusssatz, der das Ganze abrundet.
    LG
    Astrid

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  11. Liebe Martina,
    da in ein paar Tagen schon wieder eine Reizwortgeschichte fällig ist, muss ich heute doch mal die letzen lesen und dabei habe ich festgestellt, dass ich deine Geschichte falsch verlinkt habe und immer wieder auf Reginas Seite kam.
    Hahaa, das kann doch nicht nur an der Hitze liegen, dass ich sooo damlich bin.
    LGLore

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