Dienstag, 15. August 2017

Großtante Gertrud

Kartoffelsalat – Treppenstufe – verschwinden – öde - glühend

Das sind die Reizwörter,
die in meiner Geschichte und in denen von
zu finden sind.

Die Fotos stammen von Klärchen.
Danke dafür!



„Mensch, Pia, wenn jemand dein Gesicht sieht, könnte er denken, du hättest ein schlechtes Zeugnis bekommen.“
„Hab ich aber nicht“, maulte Pia ihre Mutter an.
„Ja, weiß ich doch. Ich weiß nur nicht, warum du schaust, wie 7 Tage Regenwetter?“
Darauf antwortete Pia nicht. Das konnte sich Mama ja wohl denken. Anstatt in den Urlaub, fuhren sie in dieses öde Kaff. Pia wollte sich nicht einmal den Namen dieses Ortes merken.
Vorhin auf dem Pausenhof war sie ständig gefragt worden: „Und, Pia, wohin fährst du in diesem Jahr in den Urlaub?“
Sie konnte einfach nicht die Wahrheit sagen. Das wäre ihr zu peinlich gewesen. Deshalb hatte sie behauptet, sie wollten ganz spontan entscheiden, wohin die Reise gehen solle. Dabei stand längst fest, dass sie das Haus von Mamas Großtante Gertrud ausräumen mussten. Mama hatte es ganz unerwartet geerbt und nun hatte sich ein Käufer dafür gefunden.
„Weißt du, ich habe so viele schöne Sommermonate bei meiner Großtante verbracht“, versuchte Mama, ihre Tochter aufzumuntern, „und ich bin ganz sicher, dass es auch dir dort gefallen wird.“
Pia warf ihrer Mutter einen viel sagenden Blick zu. Das würde niemals geschehen! Was sollte sie überhaupt machen in dieser Einöde, wo sie keinen Menschen kannte?
Einen Tag später standen sie vor dem kleinen Häuschen. Es war wirklich in die Jahre gekommen, doch es schien, als hätte der Käufer erkannt, dass sich hinter der maroden Fassade ein liebevolles Zuhause befand.
Papa öffnete die Haustür und Pia wich einen Schritt zurück.
„Hier bleibe ich nicht. Hier stinkt’s“, verkündete sie und stapfte Richtung Auto.
„Pia, bitte, komm zurück. Es riecht hier so eigenartig, weil lange nicht gelüftet wurde. Wir öffnen schnell alle Fenster und du wirst sehen, bald hat sich das Problem wie von selbst gelöst“, meinte Mama.
„Nee, ganz sicher nicht“, erwiderte Pia patzig, „es riecht nach alt und das lässt sich durch Lüften bestimmt nicht ändern.“
Mama und Papa wechselten einen Blick und gingen ohne einen weiteren Kommentar ins Haus. Bald darauf standen alle Fenster weit offen. Pia setzte sich derweil auf die Treppenstufen, die zum Haus führten. Es war einfach nicht zu fassen, dass sie jetzt hier herum saß und all ihre Freundinnen sich irgendwo in der Sonne aalten. Warum musste ausgerechnet ihre Mutter dieses blöde Haus erben? Vielleicht spukte es sogar darin! – Ein kalter Schauer lief ihr bei diesem Gedanken über den Rücken.
Bald darauf verspürte Pia Hunger. Doch zum Essen würde sie ins Haus gehen müssen und das wollte sie ja eigentlich nicht, doch gerade in dem Augenblick rief Mama: „Pia, es gibt Kartoffelsalat und Würstchen. Papa und ich, wir essen jetzt. Wenn du auch Hunger hast, müsstest du herein kommen.“
Pia schlich in die Küche und ließ ihren Blick schweifen. Wie das hier aussah! Alles war uralt und richtig schäbig. Sie konnte sich gar nicht vorstellen, dass die alte Tante und auch ihre Mutter es hier schön fanden. Sie fand einfach alles grauenhaft. Doch irgendwie begriff sie, dass aller Widerstand nichts nutzte. Für ein paar Tage saß sie hier fest.
Da es keine Spülmaschine gab, musste Pia nach dem Essen sogar das Geschirr abtrocknen. Es fühlte sich wirklich so an, als sei in diesem Haus die Zeit stehen geblieben.
Bald darauf begannen Mama und Papa mit den ersten Aufräumarbeiten. Das Kind entschied, das Haus einmal genauer in Augenschein zu nehmen. Irgendwann gelangte Pia über eine schmale und knarrende Holztreppe in den Bodenraum. Duster war es hier und stickig. Sie zog einen alten Hocker unter das kleine Dachfenster, um es öffnen zu können. Anschließend sah sie sich in dem staubigen Raum um. Was hier alles herumstand! Unfassbar! Einige Dinge kannte sie überhaupt nicht. Es würde bestimmt Wochen dauern, bis ihre Eltern das alles entsorgt hätten.
Vorsichtig öffnete Pia den Deckel eines alten Koffers. Einige vergilbte Spiele und eine Puppe kamen darin zum Vorschein. Die Puppe trug ein braunes Kleid mit einer hellen Schürze. Als Pia sie aus dem Koffer nahm, öffneten sich ihre Augen. Das Mädchen fragte sich in diesem Moment, wie lange die Puppe wohl schon hier oben gelegen haben mochte.
„Es werden wohl bald 70 Jahre sein“, sagte daraufhin eine Stimme. Pia drehte sich abrupt um und erschrak. Sie erkannte es nicht deutlich, doch sie nahm eine helle Gestalt wahr, bei der es sich um eine alte Frau handeln musste.
„Entschuldige bitte, wenn ich dich erschreckt habe“, meinte die alte Dame. „Du musst Pia sein, die Tochter meiner Großnichte. Ich habe dich als ganz kleines Mädchen einmal gesehen. Außerdem hat mir deine Mutter in jedem Jahr zum Weihnachtsfest geschrieben und ein Foto von dir beigelegt. Daher kenne ich dich. Aber du kannst dich gewiss nicht mehr an mich erinnern. Ich bin Tante Gertrud.“
Pia hatte es gewusst: Hier spukt es! Starr vor Schreck war sie weder in der Lage, zu schreien, noch, sich zu bewegen und diesen Raum zu verlassen.
„Es ist bestimmt komisch für dich, mich hier zu sehen. Weißt du, Pia, ich wollte gerne noch eine Weile in diesem Haus sein, bevor es der Käufer umbaut und es sich verändert. Ich dachte, hier auf dem Dachboden wird mich niemand finden. Das war, wie es scheint, wohl dumm von mir. Kinder sehen halt Dinge, die Erwachsene nicht mehr wahrnehmen können.“
Pia war immer noch nicht in der Lage, zu reagieren. Aber ganz so schaurig fand sie die Situation jetzt nicht mehr. Außerdem wurde die Gestalt immer deutlicher für Pia, je länger sie hinschaute.
„Das ist Marie“, sagte die Tante und zeigte auf die Puppe, die Pia noch immer in ihren Händen trug. „Ich habe sie so sehr geliebt. Du musst wissen, dass wir früher nicht so viele Spielsachen hatten, wie ihr heute. Nach dem Krieg hatten die Menschen wenig Geld. Aber wir Kinder hatten viel Fantasie und fanden immer etwas, was und womit wir spielen konnten. Weißt du, was ‚knickern’ bedeutet?“, fragte die Tante. Das Mädchen schüttelte mit dem Kopf.
„Pia, wo bist du?“, rief Mama in diesem Augenblick und eine Treppenstufe knarrte. 
„Wenn du möchtest, erzähle ich dir später mehr davon“, flüsterte Tante Gertrud noch schnell, bevor sie in einer dunklen Ecke verschwand.
 „Was machst du denn hier oben?“, fragte Mama, als sie den Raum betrat.
„Ich? Ich hab diese Puppe hier gefunden“, antwortete Pia schnell und hielt sie ihrer Mutter entgegen. Mit glühenden Wangen fügte sie hinzu: „Sie hat bestimmt deiner Tante Gertrud gehört.“
„Ja, ganz sicher sogar“, entgegnete Mama. „Weißt du was, die nehmen wir mit nach Hause, als Erinnerung an meine Tante.“
Mama sah sich um und seufzte. Es gab wirklich noch viel zu tun. „Kommst du wieder mit runter?“, wollte sie von Pia wissen.
„Nee, ich bleib noch ein bisschen hier oben und schau mich weiter um. Irgendwie find ich es doch ziemlich cool hier.“
Mama grinste. Schade, dass sie nicht sehen konnte, dass auch über Tante Gertruds Gesicht ein Lächeln huschte.


Kommentare:

  1. Irgendwie habe ich die ganze Zeit erwartet, dass das Mädchen etwas Ungewöhnliches entdeckt, aber mit der Großtante Gertrud hatte ich nicht gerechnet. (Mein Mann hatte auch eine Tante Gertrud.)
    LG Elke

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  2. Wieder eine wunderbare Geschichte liebe Martina und ich wüsste wirklich gerne was Tante Gertrud und Pia sich noch alles zu erzählen haben. :)
    ♥lich Claudia

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  3. Liebe Martina,
    was für eine spannende Geschichte. Ich war praktisch mittendrin und hatte eine Gänsehaut, als die Tante auftauchte! Toll geschrieben!
    Herzliche Grüße
    Regina

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  4. Ahhhh wie schön, bittebitte weiter erzählen, ja????

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  5. Liebe Martina,
    danke für die wieder so schöne Geschichte! Auch ich würde mich über eine fortsetzung sehr freuen :O)
    Ich wünsche Dir noch einen zauberhaften Tag!
    ♥ Allerliebste Grüße,Claudia ♥

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  6. Liebe Martina,
    dieses genervte, an allem etwas auszusetzen habende Mädchen hätte auch meine Tochter sein können *lach*. Sehr schön, wie du dann ihr Interesse weckst. Und auch, dass du die Geschichte dann einfach ausklingen lässt.

    ♥ ♡ ♥ ♡ ♥ ♡ ♥
    Herzlich grüßt
    Uschi

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  7. Liebe Martina,
    ich kann durchaus nachvollziehen, dass Pia von der Aussicht, ihre Ferien in einer verstaubten alten Bude verbringen zu müssen, nicht sonderlich erbaut war! Dass dann allerdings Tante Gertrud aufgetaucht ist, hat auch mich nicht schlecht überrascht ...
    Mich würde schon auch interessieren, was die alte Dame und das Mädchen sich noch zu erzählen hatten - schließlich bin ich ein neugieriges altes Weib ... **grins**
    Liebe Grüße
    Christine

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  8. Liebe Martina,
    da mein Laptop zur Zeit zur Durchsicht ist und ich den Laptop meines Mannes nutze, sind meine Finger wohl wieder einmal auf die falschen Tasten gerutscht und schwuppdiwupp war der Kommentar weg. Ich probiere es also noch einmal:
    Ich kann mir gut vorstellen, dass Pia enttäuscht war, die Ferien nicht wie ihre Schulfreundinnen in der Sonne in einem fremden und aufregenden Land verbringen zu können, sondern in einem langweiligen Kaff und einem alten verstaubten Haus. Das können doch nur langweilige Ferien werden. Sie ahnt noch nicht, wie aufregend und interessant das Ausmisten manchmal sein kann.
    Der Moment, in dem sie die alte Puppe findet, die Stimme hört und die alte Dame wie durch einen Schleier zu sehen glaubt, war auch der Moment, in dem mir eine leichte Gänsehaut über den Körper schlich. Gleichzeitig war es der Augenblick, der das alte Haus zum Leben erweckte und auch Pias Interesse entflammte. Gerne würde ich auf dem Dachboden ein kleines Mäuschen sein und beobachten, welche tollen alten Schätze hier noch verborgen liegen.
    LG
    Astrid

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  9. Meine Enkelin heißt auch Pia ... das könnt sie glatt sein!!!
    So schön erzählt - eine Wohlfühl-Geschichte!
    LG Doris

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  10. Liebe Martina, ob Pia ihre Meinung bezüglich Erlebnisse im Urlaub geändert hat? Einen lieben Geist gegenüber Strandurlaub. Also ich würde Tante Gertrud vorziehen, Das wird bestimmt noch spannend? Merkst du was? Ich wünsche mir eine Fortsetzung. Liebe Grüße Eva

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  11. Liebe Martina,
    oh, ich habe als Kind davon geträumt, einen alten Dachboden zum Stöbern und Spielen zu finden, aber leider gab es in unserer Familie keine Tante Gertrud - und im Haus meiner Tante Emma war der Dachboden tabu (wegen der Hornissen dort). Jedenfalls beneide ich Pia fast ein bisserl - auch um das tolle Erlebnis, mit dem Geist der Tante plaudern zu können. Das ist doch eindeutig spannender, als sich am Strand zu aalen - auch wenn man es vermutlich niemandem erzählen kann... ;-)
    Danke für die schöne Geschichte und danke auch für deine lieben Zeilen bei mir! Die Natter hatte - glaube ich - mehr Respekt vor uns als wir vor ihr. Die wollte nur weg - und das durfte sie nach den Fotos dann auch gleich, darauf habe ich geachtet.
    Herzlichst, die Traude

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  12. Liebe Martina, Deine Geschichte ist wieder mal sehr lebensnah.Jedenfalls bin ich nicht die alte Tante, es stinkt auch nicht bei mir, aber es wird bei mir ausgemistet. Die Erben bekommen das zu sehen , was vielleicht noch interessant ist, alles andere, Ade!!!
    Liebe grüße zu Dir, Klärchen

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  13. was für eine schöne Geschichte..
    ja.. die Kinder von heute können es sich nicht mehr vorstellen wie es früher war
    und dass es richtig spannend sein kann die alten Dinge wieder zu entdecken
    auch ich hätte gerne so einen Dachboden von meinen Großeltern gehabt
    doch leider hat meine Oma ihr Häuschen in der damaligen DDR verlassen müssen und meine andere Oma lebte im heutigen Polen
    liebe Grüße
    Rosi

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